Kategorie: Sonstiges

Kölsch-Eis

Klar, in pandemischen Zeiten wachsen die Sehnsüchte. Nach der Rückkunft der Geselligkeit, nach Gesprächen an der Theke, nach trunkenen Umarmungen. Das frisch gezapfte Kölsch im Brauhaus dürfte derzeit im Mittelpunkt vieler Tag- und Nachtträume stehen. Kein Traum hingegen, tags nicht und nicht nachts, ist das Speiseeis mit Kölschgeschmack. Eine Eisdiele in Köln-Zollstock, „Eisliebe“ geheißen mit „Eigener Herstellung, gemütlichem Ambiente und süßen Leckereien“, hat nun die Eissorte „Kölsch“ kreiert – kein Witz. Das Eis soll tatsächlich nach Kölsch schmecken, wie immer das bei Speiseeis auch funktionieren mag. Weiß sieht es aus, das Kölsch-Eis, wie die frische Schaumkrone im Kölschglas. Zwei Flaschen Reissdorf Kölsch auf vier Kilo Eis, soviel verrät der Eislieben-Inhaber vom Betriebsgeheimnis immerhin. Das ganz kühle Blonde, sozusagen eisgekühlte Blonde. Sei’s drum. Ich warte lieber geduldig auf die Öffnung der Kneipen. Ein Kölsch so ganz ohne Innovation, ohne Schnick-Schnack, ganz altmodisch, in der Kölschstange, nicht im Becher oder im Hörnchen. Das genehmige ich mir dann. Im Beisein von Freunden. Leecker.

Kommunikation in sozialen Netzwerken. Ein Lehrstück oder Wie verpeilt darf man sich eigentlich in Foren herumtreiben?

Ich habe einen Beitrag im Forum Wermelskirchen über die Attentate von Hanau geschrieben und ihn auf meiner Facebookseite verlinkt. Am kommenden Freitag jährt sich die Mordtat gegen neun Hanauer Bürger mit Migrationshintergrund zum ersten Mal. Der Täter hat das Attentat aus rassistischen Motiven verübt und dabei neben den Todesopfern auch weitere Menschen teils erheblich verletzt. Seine rassistischen Motive und seine rechtsextremistische Gesinnung hat er in einer Art Manifest im Internet dargelegt.

Auf der Facebookseite hat dann ein Facebooknutzer, mit dem ich keine Verbindung unterhalte, einen Hinweis auf islamistische Gewalttaten als Kommentar gepostet. Diesen Kommentar habe ich entfernt. Noch zweimal hat sich dieser Vorgang wiederholt: Herr G. Ließ es sich nicht nehmen, seinen Hinweis erneut zu posten. 

Dann habe ich den Kommentator angeschrieben:

Lieber Herr G., 

rechtsextremistische Gewalttaten kann man nicht mit dem Verweis auf andere Gewalt relativieren. Unterlassen Sie bitte deshalb die Kommentierung. Ich möchte Sie eigentlich nicht blockieren. Unterlassen Sie bitte einfach, was ich auf meiner Seite nicht zulasse.

Wir können gerne miteinander sprechen und unsere Differenzen kenntlich machen. 

Vielen Dank

Wolfgang Horn

Dann kam folgende Antwort (Original samt eigenwilliger Orthographie und Interpunktion sowie mißratener Syntax):

Guten Morgen Herr Horn, ich habe kein Interesse mit ihnen zu kommunizieren! Sie könnten allerdings zur Abwechslung mal an die Zahlreichen terroristischen Anschläge von Islamisten erinnern! Diese erachten sie ja offensichtlich als weniger erwähnenswert, oder relativieren diese! Bevor sie jetzt ihre gewohnte AFD Keule schwingen….. NEIN, ich tendiere weder zu dieser, noch zu einer anderen Partei!!!! Ich halte die Waage nur gerne waagerecht! Bitte verschonen sie mich zukünftig privat anzuschreiben…..!!!!

Und schließlich hat Herr G. mich auf Facebook blockiert. Ich bedaure das nicht. Ich weiß von Herrn G. nichts, ich kenne ihn nicht und hatte bislang in meinem Leben noch nichts mit ihm zu tun.

Da will einer nicht kommunizieren, offenbar nicht wissend, daß sein Kommentar schon eine Form der Kommunikation ist. Da kommuniziert also jemand ungefragt, zudem mit einem vollkommen sachfremden Beitrag, und pöbelt hernach, auf sein Tun hingewiesen, in einer Manier, die an der Theke womöglich schon eine kleine handfeste Auseinandersetzung zur Folge hätte. Er zieht abenteuerliche Schlussfolgerungen aus meinem Beitrag, die mit dem Geschriebenen rein gar nichts zu tun haben. Klassische Fake News also. Nirgendwo steht etwas davon, wie ich terroristische Anschläge von Islamisten bewerte. Und der Kommunikationsking verwahrt sich dann dagegen, angeschrieben zu werden, obwohl er es doch war, der die Kommunikation gestiftet hatte. Zu guter Letzt blockiert der ungefragt Kommentierende seinen von ihm ausgesuchten Kommunikationspartner. Ein Lehrstück. Wie Kommunikation im sozialen Netzwerk verkommen kann.

Porz

Karnevalssonntag. Früher, als der Sohn noch klein und die Verbundenheit mit der ehemaligen Heimatstadt noch groß war, der Tag, an dem wir den Karnevalszug in Porz besuchten. Die ehemals selbständige Stadt, die durch die Eingemeindung nach Köln in den siebziger Jahren soviel von ihrem ursprünglichen Charakter verloren hat. Ein Stadtviertel von Köln schon seit geraumer Zeit, eher vernachlässigt, denn gefördert. Am Bottermaat, dem karnevalistischen Zentrum von Porz, traf ich dann meine Mutter, die wie eine Furie Kamelle sammelte für ihre Enkelkinder und die ich dann nicht zu kennen vorgab, weil sie sämtliche Spielregeln mißachtete. Freunde aus Kindertagen konnte man dort begrüßen und Porzer Prominenz. Es war schön. Heute ist es still am Bottermaat in Porz. Ich war schon Jahre nicht mehr dort. Es hat mich nicht gedauert. Heute denke ich an Karneval in Porz. Ein bißchen wehmütig. Wegen Corona vermutlich. Oder vielleicht wegen des Alters. Wer weiß.

Siebzig

Ich kann und will mich nicht beklagen. Im Gegenteil. Auch technisch vermittelt erfahre ich viel Zuspruch zu meinem siebzigsten Geburtstag, Telefon, WhatsApp, Facebook, Jitsi Meet, Mail, Zoom, Signal – wie auch immer. In Zeiten, in denen Umarmungen und Küsse mit Freunden und Freundinnen der Pandemie wegen nicht mehr stattfinden, darf ich viele virtuelle Umarmungen genießen und Versprechen, daß die Küsse nachgeholt werden, wenn dereinst das Virus besiegt ist oder die meisten Menschen geimpft sein werden. Ich freue mich drauf. Dann ist auch wieder Party angesagt, laute Musik, Tanz, Enge, Nähe, Essen und vor allem Trinken. Der Zapfhahn wird schon noch eine Rolle spielen in unser aller Leben, das derzeit von gehöriger Reizunterflutung gekennzeichnet ist. Es bleibt nicht, wie es ist. Und das ist tröstlich. Ich danke allen, die mir zum Geburtstag gratuliert und an mich gedacht haben. Vermutlich werde ich kaum einzeln auf die Flut von guten Wünschen antworten können, das sind einfach zu viele. Danke, Ihr Lieben. Danke, Ralph, fürs Bild vom roten Rebensaft.

Undercut

Ehrlich gesagt, wußte ich ewig nicht, was Undercut bedeuten könnte. Unterschnitt? Konnte ich nichts mit anfangen. Obwohl ich doch als Kind, wie die meisten Nachbarskinder auch, undercutgeschädigt war. Wir bekamen seinerzeit beim Friseur die Haare obenrum gestutzt und hinten sowie an den Seiten wurde der Kopf nachgerade rasiert. Klitzekurz. Das war kalt und unangenehm. Und sah scheiße aus. Als Jugendlicher habe ich mich vom Undercut befreit. Und vom Friseur auch. Nie mehr wieder habe ich mich in die Hände dieser Profession begeben. Nie wieder wurden die Kopfseiten fast kahl geschoren. Im Gegenteil. Das Haar durfte wachsen, so lange es wachsen konnte. Nun bin ich in einem Alter, da das Haupthaar zusehends lichter wird und es also ohnehin keinen mehr Sinn macht, einen Hairdresser aufzusuchen. Vor allem aber deswegen, weil der Undercut fröhlich Urständ feiert. Zunächst haben sich reiche Fußballer diesen Haarschnitt geleistet, der bei mir seit den Erfahrungen in Kinderzeiten verpönt und seit den Zeiten jugendlicher Rebellion und erwachenden politischen Interesses als SS-Haarschnitt galt. SS-Leute und Wehrmachtssoldaten hatten diese klitzekurz rasierten Seiten bei längerem Haar oben auf dem Schopf. Mit dieser Bewertung, dachte ich, sei ich alleine und war demnach mit entsprechen öffentlichen Äußerungen vorsichtig. Nun aber hat in Köln die Friseur-Legende Heinz Merges Gleiches von sich gegeben. Im Kölner Boulevardblatt Express nennt Merges den Starfußballerschnitt „Hitler Youth Cut”. So werde der Undercut im englischsprachigen Raum genannt. Chapeau. „Ich habe den Krieg in Brauweiler überlebt. Da haben die Deutschen 1945 einen desertierten Soldaten an einem Laternenmast aufgehängt Wir wurden gezwungen, das anzusehen”, erzählt der einstige Friseurweltmeister laut Express. „Ich kann und werde das niemals vergessen: Die Leute, die den armen Mann da hingerichtet haben, hatten alle diese Frisuren, wie sie heute so viele Fußball-Profis tragen.” Natürlich: Nazi ist man im Kopf, nicht auf dem Kopf. Da ist Merges zuzustimmen. Aber löblich, daß sich Merges bis heute weigert, Männern die Undercutfrisur zu verpassen. Was sich Ronaldo, Reus & Co. heute trimmen lassen, war seinerzeit schon bei Horst Wessel zu bestaunen.

Knuffelkontakt

Wie schön Sprache doch sein kann. Selbst in der weltweiten Krise. Da werden in Belgien die persönlichen Kontakte, wie anderswo auch, rigide eingeschränkt, um das pandemische Geschehen zu bekämpfen, und es sind fortan jedermann nur noch ganz wenige enge Kontakte gestattet. Knuffelkontakte heißen die in Flämisch. Das sind ganz enge Kontakte zwischen Menschen samt Umarmung, Streicheln und Kuscheln. Wobei eigentliche keine Notwendigkeit zur Übersetzung besteht. Das Wörtchen „Knuffelkontakt“ ist selbsterklärend. In den nächsten Wochen muß der persönliche Kontakt auf nur einen „Knuffelkontakt“ reduziert werden. Singles indes werden zwei Knuffelkontakte zugestanden. Das finde ich ungerecht. Nirgendwo in den Heiligen Schriften steht geschrieben, daß verehelichte Menschen keine weiteren Knuffelkontakte pflegen dürfen. Auch andere Überlieferungen enthalten nicht ein Wort, nicht einen Satz zu Knuffelkontakten. Und vielleicht sind in der Pandemie Knuffelkontakte, selbst wenige, fürs Wohlbefinden, für die Erhaltung der Gesundheit, für mentalen Ausgleich, für Entspannung in Zeiten allgemeiner Anspannung besonders wichtig. Ich plädiere mithin für zwei Knuffelkontakte für jedermann und jede Frau. Mindestens. Immer.

Madame Vigée-Lebrun und ihre Tochter, Jeanne-Lucie-Louise, Siebzehnhundertneunundachtzig gemalt von der französischen Malerin Élisabeth Vigée-Lebrun

Tag des Eistees

Einen Zusammenhang muß es nicht unbedingt geben: Heute wird, in den USA zumal, der Tag des Eistees begangen. Und: Heute vor fünfundachtzig Jahren wurde ebendort in Akron (Ohio) die Selbsthilfegruppe „Anonyme Alkoholiker“ gegründet. Finger weg vom Sprit. Seither hat diese sich zur internationalen Bewegung gemausert, die Abstinenz vom Alkohol und Abstinenzler unterstützt. Das wiederum, internationale Bedeutung, kann man jenem, dem Tag des Eistees, nicht unbedingt attestieren. Eistee. Auch ganz ohne Alkohol. Hierzulande eher zuckrig, süß, verpanscht. Mit künstlichem Obstaroma, rund um eine Pfirsichimagination herum. Nein? Schon im frühen neunzehnten Jahrhundert soll es zahlreiche Rezepte für gekühlte Teegetränke in der britischen und US-amerikanischen Küche gegeben haben. Erfunden vom Briten Richard Blechynden, Neunzehnhundertundvier, auf der Weltausstellung im amerikanischen St. Louis. Als Direktor des East Indian Pavilion für den Vertrieb indischer Teesorten zuständig, sollte er die amerikanischen Besucher vom schwarzen Tee überzeugen. Wegen einer immensen Hitzewelle ließ er den Tee durch gekühlte Bleirohre herunterkühlen und servierte ihn als „Iced Tea“. Just another sweet Softdrink. Ohne die Wucht indes einer anonymen, aber internationalen Vereinigung gegen Sucht und Rausch.

Lakonie

Fünfzig Jahre sind es heute, daß ich, mit anderen aus der Schule und der Clique, nachmittags auf der Liegewiese des Schwimmbads in Porz am Rhein war, wie fast jeden Tag im Sommer, auf unordentlich nebeneinander ausgebreiteten Decken und Handtüchern liegend, bäuchlings, weil die Sonne mir tags zuvor die Haut auf dem nicht eingecremten Rücken verbrannt und diese sich zu schälen begonnen hatte. Aus dem Gewirr von Musik, Gesprächsfetzen, Rufen und Lachen mühte ich mich, herauszuhören, wer denn schon alles eingetroffen war. Ich spürte eine Hand auf Schulter und Rücken, die kleine lose Hautfetzen packte und abriß, vorsichtig, sanft. Nach Minuten – oder war es doch länger? – lugte ich mit einem Auge, in die Sonne blinzelnd, schräg nach hinten über die Schulter, um festzustellen, zu wem die sanfte Hand gehören könnte. Barbara. Barbara gehörte die Hand. Der Freundin meines besten Freundes seinerzeit, Reinhold. Wir waren Anführer einer Schülergruppe, die sich, vergeblich, dem Ziel verschrieben hatte, die Mitschüler und das Proletariat zur Revolution zu bewegen. Weder waren die damals üblichen langen Haare, noch der auch in der Sommerhitze getragene Ledermantel oder das selbst im Schwimmbad auf der Liegewiese öffentlich zur Schau gestellte Studium der Schriften Lenins geeignet, Schüler und Proletariat zum Eintritt in die selbstredend von uns zu leitende revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft zu bewegen. Wir hatten dennoch unseren Spaß. Im Sommer. Auf der Liegewiese. Zurück zu Haut und Hand. „Kommt der Reinhold noch? Oder sollen wir gehen?“ Keck gefragt, mit einem Auge die Freundin des Freundes anblinzelnd. Pause. „Lass uns gehen.“ Ein lakonischer Dialog. Wir sind gegangen, damals, haben das Schwimmbad verlassen. Von Stund an waren wir ein Paar. Und sind es geblieben. Heute auf den Tag genau fünfzig Jahre lang.

Zweitausendundachtzehn

Wie liest man allenthalben? Das Jahr neigt sich seinem Ende zu. In der Tat. In nur wenigen Tagen, in fünfen, um genau zu sein, schreiben wir das Jahr Zweitausendundneunzehn. Dann wird das alte Jahr ausgedient haben. Der eine oder andere Rückblick noch, hier und dort eine Würdigung, ein paar Listen von Menschen, die das Jahr nicht überlebt haben, das war’s dann. Dann gilt Neunzehn statt Achtzehn. Für mich auch. Natürlich. Neues Jahr, neues Glück. Meine persönliche Bilanz am Ende des zur Neige gehenden Jahres fällt eher beschattet aus, düster, negativ, zwiespältig. Nein, nicht Trump, Orban oder Merkel, nicht das Siechtum der SPD, nicht der Erste FC Köln in Liga Zwei, nicht die ganz kleine Koalition, nicht Herr Merz oder Frau Nahles, nicht der Brexit oder gelbe Westen oder Macron, nicht die vergeigte Fußballweltmeisterschaft, all das nicht. Nicht die Politik, groß oder klein, nicht der Sport, nicht Wermelskirchen, nicht das Fernsehen. Ich habe mich allzu oft auf Friedhöfen rumtreiben müssen im ablaufenden Jahr, leiblich und gedanklich. Mein kleiner Bruder ist gestorben, Bernd, knapp dreizehn Monate jünger als ich. Bernd, in der Familie und von Freunden Berni gerufen, wurde nur sechsundsechzig Jahre alt. Wir haben unsere Kindheit zusammen verbracht, wie zwei Brüder ihre Kindheit in diesen Zeiten verleben konnten. Oft einig, oft streitend, fast immer konkurrent. Das alles nicht selten körperlich ausgetragen. Als junge Erwachsene begannen wir, uns auseinanderzuleben. Die Interessen waren und wurden unterschiedlich, sehr unterschiedlich. Ihm war die Weltrevolution zu blöd, mir seine nachpubertären Saufkumpane nicht geheuer. Ich fand die Bundesliga nicht mehr prickelnd, er mißtraute meinen Freunden, die selbst im Schwimmbad einen Band von Marx oder Lenin lasen und unentwegt Unterstreichungen vornahmen, weil das doch was hermachte. Er fand meine Musik bekloppt, ich konnte seinem Geschmack nicht das Geringste abgewinnen. Kurzum, wir haben uns auseinandergelebt. Mehr noch: Später waren wir uns nicht mehr grün. Ich war ihm böse. Er mir. Das hat mit seinem Umgang mit seiner Frau und seinen Kindern zu tun. Viel später dann hat er zum zweiten Mal geheiratet und ist ins Ruhrgebiet gezogen. Lange Jahre, Jahrzehnte haben wir uns so gut wie nicht gesehen oder gesprochen. Ganz selten miteinander telefoniert. Kein Chat, kein Facebook, Funkstille. Und nun ist er vor wenigen Monaten gestorben, dort im Ruhrgebiet. Zur Beerdigung war ich nicht eingeladen. Nein, das Kapitel „Kleiner Bruder“ ist noch nicht abgeschlossen. Ich brauche die Beerdigung nicht, kein Grab, keinen Kranz und keine Karte, um mich mit dem kleinen Bruder in mir zu befassen. Trotz des Zwistes, der gravierend war, ist es mir offenbar noch nicht gelungen, meinen kleinen Bruder abzustreifen. Ich trauere um ihn. Ich denke an ihn. Er erinnert mich an die gemeinsame Kindheit, an die Eltern, an längst vergangene Zeiten von Jugend und Wildheit. Ich bin nun der Letzte aus dieser kleinen Familie. Weil Berni viel zu früh gestorben ist. Er hätte gewiß noch schöne Jahre verdient gehabt. Ich vermisse ihn. Anfang November ist dann meine Schwiegermutter im gesegneten Alter von achtundachtzig Jahren gestorben. Sie kränkelte ganz am Ende ihres Lebens ein wenig, blickte allerdings zufrieden zurück in die Zeit mit Ihrem Mann, auf ihr Berufsleben, ihre Familie, die Jugend und Kindheit. Sie habe ein schönes Leben gehabt, hat sie mir in ihren letzten Tagen deutlich gesagt. Von Sterben war eigentlich noch nicht die Rede. Bis vor einem Jahr hat sie uns noch regelmäßig in Wermelskirchen besucht, mit dem eigenen Auto aus Köln kommend. Ich hätte gerne noch ein wenig Zeit mit ihr zugebracht, ihr den Altenberger Dom gezeigt, den sie unbedingt noch einmal besuchen wollte. Wir hatten uns vorgenommen, noch ein Eis miteinander zu essen. Eine Zigarette wollte sie noch rauchen, draußen auf der Terrasse. Pläne. Und dann ist, kurz nach meiner Schwiegermutter, mein Onkel Max gestorben. Vierundachtzig Jahre alt. Einst ein Kerl wie ein Baum. Glasbläser. Ein Pimmock, wie die Kölner zu sagen pflegen, ein Fremder, zugereist aus dem Osten. Von meiner immer freundlichen Tante, die sich mit sechzehn in diesen jungen Kerl verliebt hatte, nach und nach in einen waschechten Rheinländer verwandelt. Einen, der mit zum Karnevalszug ging, erst in Westhoven, einem Stadtteil im Norden von Porz, dann am Bottermaat, der Porzer Karnevalshochburg. Heute alles zum Stadtgebiet Kölns gehörend. Ein Kölner von Gemüt, der seine Herkunft aus Danzig nie verleugnete, immer freundlich, immer zugewandt. Niemals laut. Niemals böse. Niemals falsch. Ein Muster, diese Ehe von Tante und Onkel, ein Paradebeispiel für das kleine Glück. Ich habe eine Grabrede für ihn gehalten, weil meine Tante mich darum gebeten hatte. Eine Erfahrung, die ich so bald nicht wieder machen möchte. Drei Todesfälle, wie es sachlich-bürokratisch heißt, zwei Beerdigungen, drei mal Kummer, drei mal Trauer, drei mal Ausnahme. Zudem war ich in der ersten Jahreshälfte zwei mal kurz hintereinander im hiesigen Krankenhaus, im Frühjahr und im Frühsommer, beide Male mit dem Notarzt dorthin verfrachtet. Kein gutes Jahr geht zu Ende. Ich setze auf das Jahr Zweitausendundneunzehn.