Kategorie: Sonstiges

Knuffelkontakt

Wie schön Sprache doch sein kann. Selbst in der weltweiten Krise. Da werden in Belgien die persönlichen Kontakte, wie anderswo auch, rigide eingeschränkt, um das pandemische Geschehen zu bekämpfen, und es sind fortan jedermann nur noch ganz wenige enge Kontakte gestattet. Knuffelkontakte heißen die in Flämisch. Das sind ganz enge Kontakte zwischen Menschen samt Umarmung, Streicheln und Kuscheln. Wobei eigentliche keine Notwendigkeit zur Übersetzung besteht. Das Wörtchen „Knuffelkontakt“ ist selbsterklärend. In den nächsten Wochen muß der persönliche Kontakt auf nur einen „Knuffelkontakt“ reduziert werden. Singles indes werden zwei Knuffelkontakte zugestanden. Das finde ich ungerecht. Nirgendwo in den Heiligen Schriften steht geschrieben, daß verehelichte Menschen keine weiteren Knuffelkontakte pflegen dürfen. Auch andere Überlieferungen enthalten nicht ein Wort, nicht einen Satz zu Knuffelkontakten. Und vielleicht sind in der Pandemie Knuffelkontakte, selbst wenige, fürs Wohlbefinden, für die Erhaltung der Gesundheit, für mentalen Ausgleich, für Entspannung in Zeiten allgemeiner Anspannung besonders wichtig. Ich plädiere mithin für zwei Knuffelkontakte für jedermann und jede Frau. Mindestens. Immer.

Madame Vigée-Lebrun und ihre Tochter, Jeanne-Lucie-Louise, Siebzehnhundertneunundachtzig gemalt von der französischen Malerin Élisabeth Vigée-Lebrun

Tag des Eistees

Einen Zusammenhang muß es nicht unbedingt geben: Heute wird, in den USA zumal, der Tag des Eistees begangen. Und: Heute vor fünfundachtzig Jahren wurde ebendort in Akron (Ohio) die Selbsthilfegruppe „Anonyme Alkoholiker“ gegründet. Finger weg vom Sprit. Seither hat diese sich zur internationalen Bewegung gemausert, die Abstinenz vom Alkohol und Abstinenzler unterstützt. Das wiederum, internationale Bedeutung, kann man jenem, dem Tag des Eistees, nicht unbedingt attestieren. Eistee. Auch ganz ohne Alkohol. Hierzulande eher zuckrig, süß, verpanscht. Mit künstlichem Obstaroma, rund um eine Pfirsichimagination herum. Nein? Schon im frühen neunzehnten Jahrhundert soll es zahlreiche Rezepte für gekühlte Teegetränke in der britischen und US-amerikanischen Küche gegeben haben. Erfunden vom Briten Richard Blechynden, Neunzehnhundertundvier, auf der Weltausstellung im amerikanischen St. Louis. Als Direktor des East Indian Pavilion für den Vertrieb indischer Teesorten zuständig, sollte er die amerikanischen Besucher vom schwarzen Tee überzeugen. Wegen einer immensen Hitzewelle ließ er den Tee durch gekühlte Bleirohre herunterkühlen und servierte ihn als „Iced Tea“. Just another sweet Softdrink. Ohne die Wucht indes einer anonymen, aber internationalen Vereinigung gegen Sucht und Rausch.

Lakonie

Fünfzig Jahre sind es heute, daß ich, mit anderen aus der Schule und der Clique, nachmittags auf der Liegewiese des Schwimmbads in Porz am Rhein war, wie fast jeden Tag im Sommer, auf unordentlich nebeneinander ausgebreiteten Decken und Handtüchern liegend, bäuchlings, weil die Sonne mir tags zuvor die Haut auf dem nicht eingecremten Rücken verbrannt und diese sich zu schälen begonnen hatte. Aus dem Gewirr von Musik, Gesprächsfetzen, Rufen und Lachen mühte ich mich, herauszuhören, wer denn schon alles eingetroffen war. Ich spürte eine Hand auf Schulter und Rücken, die kleine lose Hautfetzen packte und abriß, vorsichtig, sanft. Nach Minuten – oder war es doch länger? – lugte ich mit einem Auge, in die Sonne blinzelnd, schräg nach hinten über die Schulter, um festzustellen, zu wem die sanfte Hand gehören könnte. Barbara. Barbara gehörte die Hand. Der Freundin meines besten Freundes seinerzeit, Reinhold. Wir waren Anführer einer Schülergruppe, die sich, vergeblich, dem Ziel verschrieben hatte, die Mitschüler und das Proletariat zur Revolution zu bewegen. Weder waren die damals üblichen langen Haare, noch der auch in der Sommerhitze getragene Ledermantel oder das selbst im Schwimmbad auf der Liegewiese öffentlich zur Schau gestellte Studium der Schriften Lenins geeignet, Schüler und Proletariat zum Eintritt in die selbstredend von uns zu leitende revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft zu bewegen. Wir hatten dennoch unseren Spaß. Im Sommer. Auf der Liegewiese. Zurück zu Haut und Hand. „Kommt der Reinhold noch? Oder sollen wir gehen?“ Keck gefragt, mit einem Auge die Freundin des Freundes anblinzelnd. Pause. „Lass uns gehen.“ Ein lakonischer Dialog. Wir sind gegangen, damals, haben das Schwimmbad verlassen. Von Stund an waren wir ein Paar. Und sind es geblieben. Heute auf den Tag genau fünfzig Jahre lang.

Zweitausendundachtzehn

Wie liest man allenthalben? Das Jahr neigt sich seinem Ende zu. In der Tat. In nur wenigen Tagen, in fünfen, um genau zu sein, schreiben wir das Jahr Zweitausendundneunzehn. Dann wird das alte Jahr ausgedient haben. Der eine oder andere Rückblick noch, hier und dort eine Würdigung, ein paar Listen von Menschen, die das Jahr nicht überlebt haben, das war’s dann. Dann gilt Neunzehn statt Achtzehn. Für mich auch. Natürlich. Neues Jahr, neues Glück. Meine persönliche Bilanz am Ende des zur Neige gehenden Jahres fällt eher beschattet aus, düster, negativ, zwiespältig. Nein, nicht Trump, Orban oder Merkel, nicht das Siechtum der SPD, nicht der Erste FC Köln in Liga Zwei, nicht die ganz kleine Koalition, nicht Herr Merz oder Frau Nahles, nicht der Brexit oder gelbe Westen oder Macron, nicht die vergeigte Fußballweltmeisterschaft, all das nicht. Nicht die Politik, groß oder klein, nicht der Sport, nicht Wermelskirchen, nicht das Fernsehen. Ich habe mich allzu oft auf Friedhöfen rumtreiben müssen im ablaufenden Jahr, leiblich und gedanklich. Mein kleiner Bruder ist gestorben, Bernd, knapp dreizehn Monate jünger als ich. Bernd, in der Familie und von Freunden Berni gerufen, wurde nur sechsundsechzig Jahre alt. Wir haben unsere Kindheit zusammen verbracht, wie zwei Brüder ihre Kindheit in diesen Zeiten verleben konnten. Oft einig, oft streitend, fast immer konkurrent. Das alles nicht selten körperlich ausgetragen. Als junge Erwachsene begannen wir, uns auseinanderzuleben. Die Interessen waren und wurden unterschiedlich, sehr unterschiedlich. Ihm war die Weltrevolution zu blöd, mir seine nachpubertären Saufkumpane nicht geheuer. Ich fand die Bundesliga nicht mehr prickelnd, er mißtraute meinen Freunden, die selbst im Schwimmbad einen Band von Marx oder Lenin lasen und unentwegt Unterstreichungen vornahmen, weil das doch was hermachte. Er fand meine Musik bekloppt, ich konnte seinem Geschmack nicht das Geringste abgewinnen. Kurzum, wir haben uns auseinandergelebt. Mehr noch: Später waren wir uns nicht mehr grün. Ich war ihm böse. Er mir. Das hat mit seinem Umgang mit seiner Frau und seinen Kindern zu tun. Viel später dann hat er zum zweiten Mal geheiratet und ist ins Ruhrgebiet gezogen. Lange Jahre, Jahrzehnte haben wir uns so gut wie nicht gesehen oder gesprochen. Ganz selten miteinander telefoniert. Kein Chat, kein Facebook, Funkstille. Und nun ist er vor wenigen Monaten gestorben, dort im Ruhrgebiet. Zur Beerdigung war ich nicht eingeladen. Nein, das Kapitel „Kleiner Bruder“ ist noch nicht abgeschlossen. Ich brauche die Beerdigung nicht, kein Grab, keinen Kranz und keine Karte, um mich mit dem kleinen Bruder in mir zu befassen. Trotz des Zwistes, der gravierend war, ist es mir offenbar noch nicht gelungen, meinen kleinen Bruder abzustreifen. Ich trauere um ihn. Ich denke an ihn. Er erinnert mich an die gemeinsame Kindheit, an die Eltern, an längst vergangene Zeiten von Jugend und Wildheit. Ich bin nun der Letzte aus dieser kleinen Familie. Weil Berni viel zu früh gestorben ist. Er hätte gewiß noch schöne Jahre verdient gehabt. Ich vermisse ihn. Anfang November ist dann meine Schwiegermutter im gesegneten Alter von achtundachtzig Jahren gestorben. Sie kränkelte ganz am Ende ihres Lebens ein wenig, blickte allerdings zufrieden zurück in die Zeit mit Ihrem Mann, auf ihr Berufsleben, ihre Familie, die Jugend und Kindheit. Sie habe ein schönes Leben gehabt, hat sie mir in ihren letzten Tagen deutlich gesagt. Von Sterben war eigentlich noch nicht die Rede. Bis vor einem Jahr hat sie uns noch regelmäßig in Wermelskirchen besucht, mit dem eigenen Auto aus Köln kommend. Ich hätte gerne noch ein wenig Zeit mit ihr zugebracht, ihr den Altenberger Dom gezeigt, den sie unbedingt noch einmal besuchen wollte. Wir hatten uns vorgenommen, noch ein Eis miteinander zu essen. Eine Zigarette wollte sie noch rauchen, draußen auf der Terrasse. Pläne. Und dann ist, kurz nach meiner Schwiegermutter, mein Onkel Max gestorben. Vierundachtzig Jahre alt. Einst ein Kerl wie ein Baum. Glasbläser. Ein Pimmock, wie die Kölner zu sagen pflegen, ein Fremder, zugereist aus dem Osten. Von meiner immer freundlichen Tante, die sich mit sechzehn in diesen jungen Kerl verliebt hatte, nach und nach in einen waschechten Rheinländer verwandelt. Einen, der mit zum Karnevalszug ging, erst in Westhoven, einem Stadtteil im Norden von Porz, dann am Bottermaat, der Porzer Karnevalshochburg. Heute alles zum Stadtgebiet Kölns gehörend. Ein Kölner von Gemüt, der seine Herkunft aus Danzig nie verleugnete, immer freundlich, immer zugewandt. Niemals laut. Niemals böse. Niemals falsch. Ein Muster, diese Ehe von Tante und Onkel, ein Paradebeispiel für das kleine Glück. Ich habe eine Grabrede für ihn gehalten, weil meine Tante mich darum gebeten hatte. Eine Erfahrung, die ich so bald nicht wieder machen möchte. Drei Todesfälle, wie es sachlich-bürokratisch heißt, zwei Beerdigungen, drei mal Kummer, drei mal Trauer, drei mal Ausnahme. Zudem war ich in der ersten Jahreshälfte zwei mal kurz hintereinander im hiesigen Krankenhaus, im Frühjahr und im Frühsommer, beide Male mit dem Notarzt dorthin verfrachtet. Kein gutes Jahr geht zu Ende. Ich setze auf das Jahr Zweitausendundneunzehn.

Barbie

Barbie heißt gar nicht Barbie. Die platinblonde Puppe hört eigentlich auf den Namen Barbara Millicent Roberts. So, da habt ihr’s. Fehlt noch Ken.

Nachtrag:

Ken heißt Ken, Ken Carson. Immerhin.

Tag des Apfelkuchens

Heute ist der Tag des Apfelkuchens. Niemand weiß, warum. Niemand kennt den Ausrufer. Niemand den Anlaß. Lediglich, daß dieser Feiertag aus den USA zu uns herübergeschwappt ist, ist bekannt.

Damit aber nicht genug. Heute wird zudem der Tag der Tulpen begangen, der World Cocktail Day sowie der Tag des Fruchtcocktails. Der Tag des Apfelstrudels hingegen, der Apple Strudel Day, wird am siebzehnten Juni begangen, der des Kirschkuchens am zwanzigsten Februar, der des Käsekuchens am dreißigsten Juli.

Zurück zum Apfelkuchen. Der gilt als Inbegriff der US-amerikanischen Kultur. Schlimm genug. „As american as apple pie“. Der Riemchen-Apfelkuchen. Seit dem neunzehnten Jahrhundert entwickelte sich der Apple Pie zum Symbol des amerikanischen Wohlstands und Nationalstolzes, in der Zeit des Zweiten Weltkriegs im Slogan gipfelnd: „For Mom and apple pie!“ als Standardbegründung amerikanischer Soldaten für Ihre Teilnahme am Krieg.

Hierzulande kennt die Apfelkuchenbackkultur Varianten. Mal Hefe-, mal Rühr-, mal Mürbeteig. Immerhin.

Nutellatag

Ein Tag, den die Welt nicht braucht. Nein, nicht der fünfte Februar. Den braucht die ganze Welt. Und ohne diesen Fünften wäre der Februar ja noch kürzer. Nein, was die Welt nicht braucht, außer vielleicht dem Ferrero-Konzern, ist der heutige „Welt-Nutella-Tag“. Vor elf Jahren, Zweitausendundsieben, wurde der Welttag von Sara Rosso, einem echten Nutella-Fan, ausgerufen. Die Amerikanerin aß in Italien erstmalig die dunkle und festbreiige Schokoladen-Nougat-Industriezutaten-Masse und kam hernach von dem süß-mächtigen Brotaufstrich nicht mehr los. Sie sammelte in der Folge über siebenhundert Rezepte, die alle Nutella als Zutat aufweisen. Nach anfänglichen Irritationen unterstützt mittlerweile auch der Nutellakonzern Ferrero diesen Tag. Ach ja: In Frankreich hat ein Gericht Eltern verboten, ihr Kind Nutella zu nennen. Gottlob.

Inbrunst

Gestern Abend. Der fünfundsechzigste Geburtstag eines ganz alten Freundes. Eine Geschlossene Gesellschaft in Ehren Ergrauter in einer Kölschen Eckkneipe mit Geschichte. Aber auch ein Fest wie damals, als wir noch mit blonden, brünetten oder schwarzen, jedenfalls langen Haaren unterwegs waren. Ein schönes Fest. Zu vorgerückter Stunde wurde gesungen. Lauthals. Wie damals. Wie oft bei solchen Gelegenheiten. Viele der Gäste hatten immerhin gemeinsam oder zur gleichen Zeit studiert und viele verbindet langjährige politische Arbeit. Das Liedgut? Schlager, Kölsch und Revolutionsromantik. Griechischer Wein gleichwertig neben der Partisanenhymne Bella Ciao, Yesterday neben Arsch huh – Zäng ussenander. Dazu noch Bläck Fööss-Evergreens, Katrin oder In unserem Veedel. Gesungen? Geschmettert. Mit Inbrunst. Es sollte vielleicht mehr solcher Feste geben.

Zweitausendachtzehn

Ein Freund und ehemaliger Kollege hat heute in Facebook geschrieben, daß ein namentlich nicht genannter Freund von ihm vegan lebe und bei jedem Wetter mit dem Fahrrad fahre. Aber an Silvester schicke er mit kindlicher Freude gerne ein paar Raketen gen Himmel. Arne, mein Freund, fragt nun, ob der klimatische Fußabdruck nun größer als der derjenigen sei, die hier mit großer Geste ihre “Böllerabstinenz” öffentlich machten und alle “Knalltüten” zu rücksichtslosen Idioten erklärten? „So wichtig und richtig ein nachhaltiger Lebensstil ist, so überflüssig ist jedweder volkspädagogische Impetus mit dem dieser herausposaunt wird. ‚Jeck loss jeck elans‘ sagen wir hier in Köln, was so viel bedeutet, dass jeder nach seiner Facon leben kann, so lange es ein gewisses Maß an Rücksichtnahme auf der einen und ein gewisses Maß an gelassener Geschmeidigkeit auf der anderen Seite gibt. Für 2018 wünsche ich mir mehr Toleranz und weniger evangelikale Besserwisserei. Vielleicht ist es ja auch mal ein guter Vorsatz, die eigenen Laster bewusst zu genießen, der Unvernunft ihren Raum zu geben und die Laster des Gegenübers milde wegzulächeln. In diesem Sinne wünsche ich allen hier ein frohes und ein sinnliches neues Jahr!“ Dem schließe ich mich ohne jeden Vorbehalt an. Toleranz, Rücksichtnahme und Geschmeidigkeit, Unvernunft, Laster und Lächeln können das neue Jahr nur besser machen. Ich wünsche allen Freunden und Bekannten ein frohes Jahr Zweitausendundachtzehn. Danke, Arne, für die Vorlage.