Alle Artikel vonWolfgang Horn

Von Archäologen, Japanologen oder Proktologen 

Sahra Wagenknecht steht ja mächtig in der Kritik wegen ihrer Äußerungen zu den Impfungen. Ohnehin wirbt die Politikerin gerne für sich, indem sie sich auf der anderen Seite des linken Spektrums tummelt. Jedenfalls sorgte Wagenknecht in dieser Woche auch noch für viel Spott. Sie verwies auf einen Beitrag eines Astrophysikers, der sage, die Pandemie lasse sich nicht durchs Impfen beenden. Endlich auch ein Astrophysiker, der sich zu Wort meldet. Was sagen eigentlich Archäologen, Japanologen oder Proktologen zum Impfen?

Hagen Strauß, Sneaker und Hackengas, in: Remscheider General-Anzeiger von heute

Fremdscham wird ab jetzt in Kubickimetern gemessen

(…) Für die Gags ist diese Woche nämlich mal jemand anders als ich zuständig: Wolfgang Kubicki. Oder Gagbicki, wie er in der Humorbranche heißt. Gagbicki ist zurzeit noch Bundestagsvizepräsident und stolzer Wahl-Schleswig-Holsteiner. Geboren ist er allerdings in Niedersachen. Passenderweise in Braunschweig, was man ja theoretisch auch als Imperativ lesen könnte. Kubicki jedenfalls gibt seit einigen Wochen die Amy Winehouse der Freien Demokraten: ständig im Selbstzerstörungsmodus. Den präsentiert er dann mit Vorliebe in seinem medialen Wohnzimmer, dem, naja, TV-Sender BILD TV. Dort kippt er regelmäßig mit zurechtchoreographierten Beleidigungs-Salven Öl ins Empörungsfeuer der Corona-Leugner nach. Im freidrehenden Insultations-Modus trifft es dann beispielsweise Karl Lauterbach, der in Kubickis Stammkneipe nach Eigenaussage gerne “Spacken” genannt wird. Für die Frage, seit wann es einen Paulanergarten in Kiel gibt, bleibt keine Zeit. Märchenonkel Wolfgang, wie er bei den Jungen Liberalen gerne genannt wird, ist in Geberlaune. Ganz nach der Leitlinie der Pulitzerpreis-Combo aus dem Stammelstadl des wohl erfolglosesten Nachrichtensenders der Historie teilt er direkt weiter aus. Selbstverständlich nicht nur gegen den bei den Anti-Propaganda-Assistenten schwer verhassten Lauterbach, sondern zielsicher gegen so ziemlich jeden, der sich im Paternosterbingo der einstmals wirkmächtigsten Boulevardzeitung Deutschlands gerade im freien Fall nach unten befindet. Markus Söder etwa. (…) Hochprozentig … äh, sorry: Autokorrektur. Jetzt aber: Hochmotiviert kann Kubicki diese Woche sogar zweifach abliefern. Doppelsieg der Debattenkultur. Zunächst teilt FDP-Grandseigneur Kubicki gegen eben jenen Markus Söder aus. Sprachlich zwar nicht unbedingt literaturpreisverdächtig, aber dafür Breaking-News-tauglich nennt er Söder “charakterlos und erbärmlich”. Vielleicht wollte er aber auch nur den Titel seiner bald erscheinenden Memoiren enthüllen. Fremdscham wird ab jetzt jedenfalls in Kubickimetern gemessen. Wolfgang Kubicki hat massives Söderbrennen. Einmal in Fahrt, ist Old Stehkragen nicht mehr zu halten. Nach Söder trifft es Frank Ulrich Montgomery, den Vorstandsvorsitzenden des Weltärzteverbandes. Nachdem “Spacken”, “charakterlos” und “erbärmlich” bereits ausgespielt waren, bleibt eigentlich nur noch der Griff zum Massenmörder-Vergleich. In einem liberalen Geniestreich bezeichnet der Pablo Picasso der Geschmacklosigkeiten Montgomery als “den Saddam Hussein der Ärzteschaft”. Hoppla, mag da der eine oder andere denken: Ist das etwa diese sagenumwobene Fackel der Freiheit, von der zuletzt so häufig aus den Elfenbeintürmen der liberalbesoffenen Rechtsrand-Surfer schwadroniert wird? Diese Freiheit, die es um jeden Preis gegen die Merkel-Diktatur und “Woko-Haram” zu verteidigen gilt? Das absolute Recht, andere Menschen mit Massenmördern vergleichen zu dürfen, ohne dafür im linksversifften Cancel-Culture-Wahn direkt um seine Position als Bundestagsvizepräsident fürchten zu müssen? Egal, ich bin ja hier nicht die Chefreporterin Doppelmoral. Und Kubicki hat, ganz in AfD-Manier (menschenfeindliche Parolen heraushauen und hinterher alles ganz anders gemeint haben wollen), alles (Sie werden lachen) ganz anders gemeint. Er habe (Sie werden noch mal lachen, und dieses Mal aber so richtig) “nicht an den Massenmörder gedacht, sondern nur an dessen Schnurrbart”. Natürlich. Wer kennt sie nicht, den “Moustache Man of the Year 2005” Saddam Hussein und den ihm wie aus dem Gesicht geschnittenen Frank Ulrich Montgomery. Ein schönes Zeitdokument für Kubickis grenzenloses Talent als dubioser Westentaschenanwalt. Auf so eine Begründung muss man erstmal kommen. Das ist ein bisschen so, als würde ich Kubicki den Bill Cosby der Anwaltschaft nennen und anschließend behaupten, ich hätte natürlich nur gemeint, dass beide häufig sehr hübsche Maßanzüge tragen. Wolfgang Kubicki, der Diego Maradona der Altherrenwitzchen, kann sich damit natürlich ordentlich Fleißkärtchen abholen bei Mathias Döpfner, dem Mann, der sich schneller radikalisiert als sein Schatten. (…) Vor diesem Hintergrund wirkt es nicht mehr sehr überraschend, dass sich einige Parteikollegen bereits besorgt fragen, ob Wolle Kuby (wie man Kubicki unter Wolfgang Petry Fans nennt) womöglich eine Wette laufen hat: Schafft er es, die FDP zu beerdigen, noch bevor Christian Lindner endlich offiziell irgendein Bundesministerium leitet? Vielleicht ja gegen die Turbo-Intellektuellen vom Virologen-Stammtisch in seiner Stammkneipe. Den “Los Spackos”. Da wirkt es fast wie eine Lappalie, dass Kubicki kürzlich auch schon eingeräumt hatte, in der Corona-Zeit bewusst gegen Vorschriften zur Bekämpfung der Pandemie verstoßen zu haben. Etwa gegen die Regel, sich nicht mit mehr als einer Person aus einem anderen Haushalt treffen zu dürfen. Aber auch da hatte er den als “Kubicki-Schnurrbart” berühmt gewordenen Ausreden-Trumpf dabei: “Kein Mensch hat sich daran gehalten.” Eben. Der Bundestagsvizepräsident erst Recht nicht. Vorbildfunktion? Vollkommen überbewertet. Zum Glück hat die FDP einen heftigen Vogel. So weit, so gut. Voller Spannung dürfen wir also auf die kommende Woche blicken. Auf wen wird Wolfgang Kubicki im russischen Beleidigungs-Roulette als Nächstes zielen? Kandidaten gibt es ja so einige. Lothar Wieler vielleicht. Der wird nicht müde, die von Kubicki konsequent als zu drastisch ins Lächerliche gezogenen Überlegungen für neuen Corona-Maßnahmen als zu lasch zu bezeichnen. Oder vielleicht den FC Bayern München. Immerhin erwägt der Rekordmeister, ihm die Wochen, die Nationalimpfverweigerer Joshua Kimmich vermeidbar in Quarantäne verbringt, vom Gehalt abzuziehen. Das stößt Freiheitsikone Kubicki mit Sicherheit ganz übel auf. Zu Recht. Wo kommen wir auch hin, wenn jetzt jeder Impfskeptiker, der aufgrund seiner persönlichen Entscheidung zur Solidaritätslosigkeit plötzlich seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, mit Gehaltsentzug bestraft wird? Wir sind doch hier nicht in Nordkorea! Oder – ganz steile These – ist die unterklassige Provokations-Offensive aus dem Hause Kubicki womöglich nur eine generalstabsmäßig durchgeplante Ablenkungs-Strategie? Die FDP hatte sich zuletzt insgesamt in einer instabilen Verfassung präsentiert. Alles, was neue Lichtblicke wie Johannes Vogel oder Konstantin Kuhle mühsam aufgebaut hatten, wurde von Corona-Experten wie Volker Wissing oder Marco Buschmann wieder eingerissen, die sich offensichtlich zeitgleich um die goldene Ananas der Querdenker-Steigbügelhalter bewerben. So oder so – ich werde das Thema für Sie im Auge behalten. Bis nächste Woche!

Marie von den Benken, Massenmörder-Witze und Corona-Geschwurbel: Kubicki im Selbstzerstörungs-Modus, in: web.de

Freiheit und Verantwortung

Nun ist es aber so, dass zum Liberalismus neben der Freiheit auch die Verantwortung gehört. Zudem wird die Freiheit des Individuums begrenzt durch die Freiheit all der anderen Individuen. In einer Pandemie, in der die Ansteckung nur einen Hustenanfall des Sitznachbarn im Bus entfernt ist, sind diese anderen nun einmal verdammt nah an jeden Einzelnen herangerückt. Der Radius, innerhalb dessen man tun und lassen kann, was man will, ist enger geworden. Das sollte auch die FDP anerkennen. (…) Freiheit ohne Verantwortung ist nichts weiter als das Recht des Stärkeren. Besonders gravierende Folgen hat ein derart einfältiger Freiheitsbegriff, wenn die individuelle Entscheidungsfreiheit auch dann noch hochgehalten wird, wenn ebendiese Freiheit das Leben anderer gefährdet. (…)  Die Pandemie ist eine Zumutung, die verlängert wird durch jene, die entweder als Trittbrettfahrer auf die Impfbereitschaft der anderen setzen oder Corona irrigerweise für eine Lüge halten. Die Kosten dieses individuellen Verhaltens aber werden kollektiviert; die Gesellschaft muss sie tragen, auch in Form von Freiheitseinschränkungen für alle. Damit allerdings dürfte gerade die FDP am wenigsten einverstanden sein.

Henrike Roßbach, Das kann die FDP nicht ernsthaft wollen, in: Süddeutsche Zeitung 

Drei

Dreimal ist Bremer Recht, so ein regionales, norddeutsch-bremisches Wort. Hierzulande bekannter ist: Aller guten Dinge sind drei. Drei, das weist seit heute auch meine Corona-Warn-App aus. Ich bin drei mal geimpft, also: zweimal geimpft und einmal sogar geboostert. Mehr kann ich einstweilen nicht unternehmen, um mich und andere vor Corona zu schützen. Ich halte, so weit es geht, die erforderlichen Abstände zu anderen Menschen ein, ich meide größere Ansammlungen und Treffen und beachte die Hygieneregeln. Und: Genau das erwarte ich auch von meinen Mitmenschen. Impfen lassen, Abstand halten, Hygieneregeln einhalten. Nur so können wir gemeinsam Corona eindämmen. Nach und nach. Ohne das Impfen geht gar nichts. Ungeimpft bleiben wir Opfer des Virus und Mittäter. Ungeimpft sind wir mitverantwortlich für mangelnden Schutz für vulnerable, also verletzliche Menschengruppen, Alte, Kranke, Kinder, Behinderte. Freiwillig ungeimpft ist nicht sozial, sondern egomanisch. Also, meine Bitte: Laßt Euch alle impfen, bitte. Sorgen wir gemeinsam dafür, daß Corona seinen Schrecken verliert.

Der abgemagerte Schatten von Selbstverwirklichung

Ohne öffentliche Ordnung in Recht und Staat wäre kein Individuum mehr als ein paar Tage überlebensfähig. Wenn Chaos auf den Straßen herrscht, müssen sich die Einzelnen in den Schutz Stärkerer, in der Regel von Clans und Familienverbänden, flüchten. Nur in befriedeten, gewaltarmen, täglich kleinteilig kooperierenden Gesellschaften kann Individualismus zu einer Massenerscheinung werden. Die wichtigste jüngere Voraussetzung schließlich sind die kollektiven Sicherungssysteme, also der Sozialstaat. Ohne Kranken- und Rentenkassen, ohne Arbeitslosengeld wären die Einzelnen ihren Familien so gnadenlos ausgeliefert wie im neunzehnten Jahrhundert noch jene unverheirateten Frauen und “alten Jungfern”, die als “Tanten” am Rande alter Weihnachts- und Hochzeitsfotografien figurieren. Auch sie konnten sich erst durch Berufsfreiheit und Sozialstaat befreien.

Warum an diese Trivialitäten erinnern? Weil die Pandemie unbarmherzig das geistige Debakel des gegenwärtigen Liberalismus offenlegt: “Freiheit” ist hier auf die Schrumpfform des “Ich will” oder “Ich will nicht” reduziert, es ist der abgemagerte Schatten von “Selbstverwirklichung”. Vor ein paar Tagen twitterte ein junger Liberaler, er habe eigentlich vorgehabt, sich ein drittes Mal impfen zu lassen, doch seit so viel Druck aufgebaut werde, müsse er sich das noch einmal überlegen.

Kindischer Trotz als “Freiheit” – so tief sind Teile selbst des politischen Liberalismus in Deutschland gesunken. In Ostdeutschland wird solcher Trotz von den absichtsvoll verlängerten Erfahrungen mit einer vom autoritären Kollektiv auferlegten Solidarität in der DDR befeuert. Es ist ein Freiheitsbegriff, der nur in Abwehr besteht und nichts Positives mehr will. Der Ausgleich zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft, der in Kooperation besteht, ist ihm fremd.

Der Weg der Pandemiebekämpfung muss zwischen dem falschen Einmütigkeitsversprechen, das gesellschaftliche Konflikte verleugnet, und einem ebenso falschen Radikalindividualismus gefunden werden. Das ist die anspruchsvolle Aufgabe des politischen Liberalismus.

Es ist vor allem Aufgabe und Funktion der FDP, diesen Weg zu finden. Sonst kann die Pandemie mit steigenden Sterbeziffern zu ihrem Endspiel werden.

Gustav Seibt, Pandemie und Politikversagen. Das Endspiel des Liberalismus, in: Süddeutsche Zeitung

“Vom Querdenkerstuss ins Bockshorn gejagt”

Die politische Klasse in Deutschland hat sich vom Querdenkerstuss ins Bockshorn jagen lassen. Mit diesem wuchtigen Satz beginnt Frank Hoffmann seinen Beitrag im Hauptstadtbrief von diesem Sonntag, überschrieben mit: Die Angst vor den Lärmenden. Christian Drosten, Deutschlands führender Coronavirus-Forscher habe in seinem aktuellen Podcast in einem Nebensatz unmerklich sehr viel über die Politik in Deutschland in dieser Phase der Pandemie gesagt: „Es gibt nach meiner Wahrnehmung seit längerem schon keine Politikberatung mehr.“ Sollte diese These stimmen, so Hoffmann weiter, zögen die Politikerinnen und Politiker im Land der Dichter und Denker seit Monaten keinen Nutzen aus dem Besten, was die Republik an Wissenschaft in dieser Pandemie zu bieten hat. Wer den Weg in diesem Covid-Winter in Deutschland verfolge und die politischen Entscheidungen mit jenen in Frankreich, Spanien oder Portugal vergleicht – der könne auch nur zum Schluss kommen, dass in der Politik keiner mehr der Wissenschaft zuhört. Den letzten Beweis liefere der Satz des bayerischen Gesundheitsministers, der unlängst davon fabulierte, die aktuelle Entwicklung wäre „nicht vorhersehbar“ gewesen. Dabei findet nunmehr lediglich statt, was die übergroße Mehrheit der fachkundigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für Deutschland seit Monaten bereits voraussagt. Die politische Kommunikation liegt im argen. Impfen ist zwar eine sensible Angelegenheit. Doch weder der noch amtierende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) noch irgendeiner der regierenden Länderchefs habe, so Hoffmann, in den vergangenen Monaten deutlich gemacht, worin der Unterschied zwischen der Impfspritze und der Infektion durch Sars-CoV-2 liegt. Dabei sei dies einfach: “Mit dem Impfstoff gelangt kontrolliert mRNA in den Körper, bleibt dort etwa sechs Wochen und animiert das körpereigene Immunsystem, im Falle eines Falles auf das Coronavirus anzuspringen. Bei einer Infektion dagegen gelangt ein Vielfaches an fremder mRNA in den Körper und ‘vieles andere’, von dem die Wissenschaft bis heute nicht weiß, was es genau ist und was es langfristig Schädliches anrichten kann, sagt der Berliner Komplexitätsforscher Brockmann. Eigentlich recht einfach.” In Deutschland aber präge die laute Minderheit der Coronaleugner, der totalen Impfgegner, seit Monaten den politischen Diskurs und die Politik habe der kleinen Gruppe politische Hebelwirkung eingeräumt gegenüber der übergroßen Mehrheit dieses Landes. Deutschland werde nun auch im kommenden Sommer sehr wahrscheinlich Covid-19 nicht hinter sich haben, anders als Frankreich, Spanien, Portugal oder Italien. Dort schließe das Virus jetzt die „Impflücken“, so Christian Drosten, indem es den ungeimpften Teil der Bevölkerung immunisiere. Deutschland gehöre nicht zu dieser Ländergruppe, die im nächsten Jahr mit Corona fertig sei.