Kategorie: Sport

August

Dieser August ist ein einziges Unglück, er fällt die großen Männer, die Idole einer langvergangenen Jugend. Erst Gerd Müller und jetzt auch noch Charlie Watts. Oh no o no, oh no no, oh no no.

Willi Winkler, Oh no no no. Ohne ihn gibt es die “Rolling Stones” nicht mehr, denn er war ihr Herzstück: zum Tod des begnadeten Schlagzeugers Charlie Watts, in: Süddeutsche Zeitung vom sechsundzwanzigsten August

Position beziehen: Fußball und die demokratische Zivilgesellschaft

Robert Lüdecke hat für die Amadeu Antonio Stiftung einen Offenen Brief veröffentlicht, den zu unterschreiben ich alle Leser herzlich bitte:

Offener Brief zur Ablehnung des Trikots von Tennis Borussia Berlin mit dem Logo des “CURA – Opferfonds rechte Gewalt” durch den Nordostdeutschen Fußballverband (NOFV)

Wie viel gesellschaftliche Verantwortung darf der Sport übernehmen? Diskussionen darüber gab es zuletzt immer wieder. Während der Fußball-EM waren Regenbogenfarben an der Münchner Fußball-Arena der Anlass. Während der Olympischen Sommerspiele war es eine Solidaritätsgeste für unterdrückte Gruppen durch die Kugelstoßerin Raven Saunders. In der NFL war es zuvor schon der Kniefall des Quarterbacks Colin Kaepernick im Rahmen der “Black Lives Matter”-Proteste. Während alle diese Fälle glücklicherweise eine breite gesellschaftliche Unterstützung erfahren haben, waren es stets Trägerverbände und Komitees, die diese Aktionen mit Ausschluss, Geldstrafen oder Verboten sanktioniert haben.

Ein Vorfall aus der Regionalliga Nordost des Männerfußballs fügt sich jetzt in diese Reihe ein: Zu Beginn der aktuellen Saison hat sich Tennis Borussia Berlin dafür entschieden, die vakante Werbefläche auf der Trikotbrust vorerst dem Opferfonds CURA zur Verfügung zu stellen. Der Fonds unterstützt Betroffene rechter Gewalt finanziell. Die Amadeu Antonio Stiftung zählt zweihundertdreizehn Todesopfer rechter Gewalt seit 1990. Die Zahl der rechten Gewalttaten liegt deutlich höher – rechte Gewalt ist in Deutschland leider immer noch Alltag. Auch im Kontext des Fußballs werden immer wieder Menschen aus rassistischen oder antisemitischen Gründen angegriffen. Wenn Menschen aufgrund von Hass und Ideologien, die den Grundwerten unserer demokratischen Gesellschaft zuwiderlaufen, angegriffen, verletzt oder gar getötet werden, ist es selbstverständlich, dass die demokratische Zivilgesellschaft an ihrer Seite steht. So dachten wir zumindest, als wir unsere Trikots mit dem Logo des Opferfonds CURA beantragt haben.

Der NOFV hat mit seiner Ablehnung des Aufdrucks auf den Trikots diese Selbstverständlichkeit mit Verweis auf die Spielordnung infrage gestellt. Diese besagt in § 25 Ziffer 8, dass “Werbung für politische Gruppierungen und mit politischen Aussagen” nicht genehmigt wird. Weiter heißt es in der Begründung, eine “bestimmte Gruppe von Personen” könne sich “durch die Werbung provoziert fühlen”. In den sozialen Medien äußerten daraufhin zahlreiche Menschen und Organisationen ihr Unverständnis über diese Entscheidung und ihre Begründung.

Wir, die Verfasser:innen und Unterzeichner:innen dieses Briefes, können und wollen die Entscheidung des NOFV nicht so stehen lassen. Engagement für demokratische Grundwerte muss auch auf dem Platz möglich sein. Glücklicherweise ist diese Haltung mittlerweile in vielen, wenn auch noch nicht in allen Sportverbänden angekommen. In der Bundesliga sind Statements gegen Rechtsextremismus und Diskriminierung ebenso möglich wie in der Berliner Kreisliga. Wir appellieren an Verbände aller Sportarten, sich daran ein Beispiel zu nehmen. Nach einer rassistischen Beleidigung gegen den Spieler Jordan Torunarigha von Hertha BSC im Februar Zweotausendundzwanzig zeigten sich Mitspieler und Fans solidarisch und positionierten sich deutlich gegen Rassismus. Dafür gab es breite Zustimmung. Doch auch ohne konkreten Anlass muss in allen Ligen und Spielklassen eine Solidarisierung mit Betroffenen von Rassismus und rechter Gewalt möglich sein.

Dem NOFV unterbreiten wir im vorliegenden Fall einen konkreten Vorschlag: Wenn der Spielausschuss bei seiner Auffassung bleibt, dass § 25 Ziffer 8 Werbung für den CURA Opferfonds und vergleichbare Initiativen verbietet, bleibt dem Verband noch immer die Möglichkeit, die Regelung zu präzisieren.

Das NOFV-Präsidium könnte eine rechtliche Grundlage innerhalb der Spielordnung schaffen, die zivilgesellschaftliches Engagement gegen Diskriminierung und für eine offene Gesellschaft zulässt. Die Unterstützung gemeinnütziger Organisationen könnte explizit erlaubt werden. Eine entsprechende Änderung der Ordnung könnte das Präsidium – wie in anderen Fällen auch – im Umlaufverfahren unverzüglich beschließen. Dafür ist es höchste Zeit: Solange wir als Gesellschaft davor zurückschrecken, uns klar zu Terror, Ausgrenzung und Hass zu positionieren, können wir nicht jene schützen, die von ihnen bedroht werden!

Initiator:innen

  • Tennis Borussia Berlin e. V.
  • Amadeu Antonio Stiftung

Erstunterzeichner:innen (in alphabetischer Reihenfolge)

  • Enrico Bloch (SPD, Kandidat Marzahn-Hellersdorf für den deutschen Bundestag)
  • Katarina Barley (SPD, MdEP, Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments)
  • Bündnis Aktiver Fußballfans e.V.
  • Martin Endemann
  • FC Internationale 1980 e.V.
  • Henning Flaskamp (Geschäftsführer werk21Kommunikation)
  • FSV Hansa 07 Berlin e.V.
  • Initiative “Nazis raus aus den Stadien”
  • Fußballfans gegen Homophobie e.V.
  • Anetta Kahane (Vorstandsvorsitzende der Amadeu Antonio Stiftung)
  • Sigmount A. Königsberg (Beauftragter gegen Antisemitismus, Jüdische Gemeinde zu Berlin)
  • Dr. Remko Leemhuis (Director, AJC Berlin Lawrence & Lee Ramer Institute for German-Jewish Relations)
  • Gordon Lemm (SPD, Schul- und Jugendstadtrat und Kandidat für das Amt des Berzirksbürgermeisters)
  • Makkabi Deutschland e.V.
  • Gero Neugebauer (Politikwissenschaftler)
  • Monty Ott (Publizist)
  • Dagmar Poetzsch (Gewerkschafterin)
  • Queer Football Fanclubs
  • SV Babelsberg 03 e.V.
  • Tennis Borussia Abteilung Aktive Fans
  • Timo Reinfrank (Geschäftsführer Amadeu Antonio Stiftung)
  • Eberhard Schulz (Sprecher von !Nie wieder – Initiative Erinnerungstag im Deutschen Fußball)
  • Iris Spranger (SPD, MdA, Spitzenkandidatin für die Abgeordnetenhauswahl Marzahn-Hellersdorf)
  • Martin Schilling (Vorsitzender der Willi-Eichler-Akademie e.V.)
  • terre des hommes Deutschland e.V.
  • Jutta Weduwen (Geschäftsführerin Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.)
  • Zusammen1 – Für das, was uns verbindet

Wenn Sie diesen Brief öffentlich unterzeichnen möchten, schicken Sie uns bitte eine E-Mail an benedikt.bethscheider[at]tebe.de

„Hol die Kameltreiber“

Niklas Arndt, bundesdeutschen Radfahrer, wurde beim Olympischen Zeitfahren heute, hinter einem Fahrer aus Algerien und einem aus Eritrea liegend, vom Radsporttrainer Patrick Moster mit diesem rassistischen Satz „angefeuert“. Es wird Zeit, einen solchen Trainer zu feuern. Sigmar Gabriel hatte seinerzeit Recht: Pack.

Einäugiger Bandit

IOC das ist das Internationale Olympische Komitee. Zuständig für die Organisation und Vermarktung der alle vier Jahre stattfindenden olympischen Spiele. Ein Sportfest, das Sportler aus aller Welt zusammenführt, das für den Frieden steht, für Völkerverständigung. So seit jeher die samtene Rhetorik der Offiziellen. Hinter dieser indes regiert seit langem der brutale Profit. Covid-19 hin, Covid-19 her: The Games musst go on. (Avery Brundage, einst IOC-Präsident in München Neunzehnhundertvierundsiebzig). Jetzt in Tokio. Wegen der stramm steigenden Infektionszahlen erstmalig ganz ohne Zuschauer. The Games musst go on. Ohne Games keine Sponsorengelder, keine weltweiten TV-Lizenzeinnahmen. Ohne Games keine Kohle. Darum geht es, um Kohle, Geld, Zaster, Cash, Penunsen. Von wegen Sport, von wegen Völkerfreundschaft, von wegen friedliche Spiele. Die Olympischen Spiele sind zum einarmigen Banditen der Herren in Grau im IOC denaturiert. Pandemie? Krankheitsrisiken? Covid-Neunzehn-Tote? Auf diesem Auge sind die grauen Herren blind. Der Blick aus dem anderen Auge reicht soeben für die Bilanzen und Bankauszüge. Der IOC-Chef, der einstige Weltklassefechter Thomas Bach, ist, nicht nur aktuell in Japan, zum Unsympathen der Sportwelt geworden. Die Zuschauer in Tokio und Umgebung sehen die Spiele ebenso wie die Menschen auf den Fidschi-Inseln, in Austin, Wermelskirchen oder Andorra, nämlich nur auf dem Bildschirm, nicht im Stadion, nicht in den Sporthallen und Schwimmarenen. Die Sportler und die sie begleitenden Trainer und Delegationen sind einem hohen Gesundheitsrisiko ausgesetzt. Weit mehr als einhundert Sportler haben sich im Notstandsgebiet Tokio bereits infiziert. Es werden ganz gewiß noch weitere folgen. Und wozu das alles? Damit sich die korrupte Szene in dieser Weltsportorganisation wieder die Taschen füllen kann? Ist es das wert? Wenn Sport nur noch aufs Ökonomische reduziert wird, vollends zur Ware wird, verliert er seine Faszinosität. Diesen Sport, diese Olympischen Spiele à la Bach brauchen wir nicht.

Update: Kleiderordnung für den Arsch

Ist es wirklich wahr? Die norwegischen Beachvolleyballerinnen müssen ein Bußgeld zahlen, weil sie in kurzen Radlerhosen angetreten sind und nicht im knappen Bikinihöschen? Die Welt ist aus den Fugen. Die Pandemie kann weltweit noch nicht besiegt werden, in vielen Regionen verhungern Kinder, in Flutkatastrophen ertrinken Menschen und werden ihre Habseligkeiten weggeschwemmt und zerstört, in Deutschland, Belgien, Österreich, China, weltweit, im Mittelmeer ertrinken Flüchtlinge, in Weißrußland und anderswo verrotten Menschen in Kerkern und Gefängnissen – und der Beachvolleyballverband will das knappe Bikinihöschen retten, das so manchen Sportlerinnenpo nicht wirklich zu bedecken vermag. Ist die Attraktivität der Sportart wirklich nur mit halbnacktem Sportlerinnenarsch zu retten? Was für ein armseliges Bild entwerfen sexistische Funktionäre vom eigenen Sport? Silke Wichert schreibt im Magazin der Süddeutschen, die Bikinihöschen seien den Norwegerinnen „zu freizügig und schlicht zu unbequem, vor allem, wenn man gerade seine Periode hat“ und legt mit dem Satz nach: Jede Frau, die schon mal versucht hat, drei Meter in Badehose zu laufen, ohne sich ständig am Po rumzunesteln, weiß ungefähr, wovon die Rede ist. Jeder Shitstorm ob der Kleiderordnung ist gerechtfertigt. Hier geht es um den Arsch, nicht um die Klamotten. Anfang des Jahres allerdings wollten zwei deutsche Beachvolleyballerinnen in Katar an einem Turnier teilnehmen. Allein: Dort durften sie nicht in den knappen Bikinihöschen ihren Sport ausüben. Das sei zu anstößig. Das arabische Emirat ist heutzutage immer noch bikinifrei. Und schließlich: deutsche Turnerinnen traten im April erstmals in langen Turnanzügen an. Nix Popo, nix Bein. Kurzum: Sportlerinnen und Sportler sollten sich kleiden können, wie sie wollen, wie es praktisch ist für den Sport, ohne Vorschriften von Verbandsfunktionären, Zensoren, Spannern, Kulturbeauftragten, Geistlichen, Sittenwächtern oder Politikern.

Update: Natürlich hat Dieter Winskowski Recht. Es handelt sich um die norwegischen Beachhandballerinnen, die Strafe zahlen mußten, weil sie ihren Po nicht mehr in Gänze zur Schau stellen wollten. Die Argumente bleiben. Selbst wenn es Beachschachspielerinnen wären, die ihren Sport in selbstgewählter Sportbekleidung ausüben wollten.

Zwanzigtausendeinundsiebzig

Jetzt sind es zwanzigtausendeinundsiebzig Tage. Oder vierundfünfzig Jahre, elf Monate und zwölf Tage, daß England einen Titel bei einem großen Fußballturnier gewonnen hat. Und wieder waren es die Elfmeter. Italien hat die Fußballeuropameisterschaft Zweitausendeinundzwanzig gewonnen. Football is coming home. Nach Rome.

Superspreader-Sonntag in London

Was soll man sagen? Diese Fußballeuropameisterschaft, von intelligenzbefreiten UEFA-Funktionären ausgedacht und skrupellos umgesetzt, ist in pandemischen Zeiten an sich schon ein Superspreaderereignis. Intelligenzbefreite und alkoholgesättigte Engländer machen das Endspiel in Wembley zum absoluten Spreaderhöhepunkt, zum Superspreadersonntag. Delta hat schon gewonnen, gleich, wer den Pokal am Ende des Finales in die Höhe recken wird. Die Infizierten, die Kranken, die Intensivpatienten und vielleicht die Bestattungsunternehmen im Land werden es UEFA, englischer Football Association und Boris Johnson und seinen Kumpanen in Partei und Regierung danken. Von wegen Krone der Schöpfung.