Schlagwort: Fußball

Absurde Fußballlogik

Thomas Tuchel ist, trotz gültigen Vertrages, ab sofort nicht mehr Trainer von Borussia DortmundTuchel, vor zwei Jahren Wunschtrainer der BVB-Verantwortlichen, verlässt Dortmund als Pokalsieger. Ihm gelang die direkte Qualifikation für die Champions League und sein Punkteschnitt (2,12 inklusive DFB-Pokal/Europapokal) ist der beste der Vereinsgeschichte von Borussia Dortmund. Die Mannschaft hat in den zwei Jahren unter Trainer Tuchel kein Liga-Heimspiel verloren. Sportliche Gründe für eine Trennung sowie die Zahlung einer Abfindung von mehr als zweieinhalb Millionen Euro existieren also nicht.

Weiterhin in Weiß

“Die deutsche Mannschaft weiterhin in weiß.” Kommentar des RTL-Moderators, Marco Hagemann, gestern Abend zum Anpfiff der zweiten Halbzeit des Europameisterschaftsqualifikationsspiels zwischen Schottland und Deutschland.

Pink-Stich

Ich bin ja wirklich selten einig mit Uli Hoeneß. In diesem Fall jedoch spricht er mir aus dem Herzen: “Adi Dassler würde sich im Grab umdrehen, wenn er sehen würde, mit welchen Schuhen heutzutage gespielt wird.” So zitiert die Onlineausgabe der Rheinischen Post den Präsidenten des FC Bayern München. “Angesagt,” so liest man dort,  “ist bei der EM in Sachen Schuhmode das, was hervorsticht. Color-Blocking heißt der Trend. Grelle Töne wie Neon-Rot mit einem Pink-Stich oder Giftgrün – jeweils nur an der Hacke – sind dabei der Renner. (…) So hat sich Bastian Schweinsteiger den Vornamen seiner Freundin Sarah Brandner auf seine besten Stücke stanzen lassen. Mannschaftskollege Toni Kroos war da innovativer: ‘Julius’ und ‘Lennox’ ist auf seinen Schuhen zu lesen – es sind die Hunde des Bayern-Spielers.”  Wenn sie sonst keine Sorgen haben …

Duracellkanzlerin

Wer das weitgehend verlorene Körpergefühl bei Kindern und Kleinkindern beklagt, ihre nicht mehr zureichend ausgebildeten oder entwickelten körperlichen und motorischen Fähigkeiten, der hat unsere Kanzlerin noch nicht beim Jubel über ein Tor der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft im Fernsehen beobachtet. Die Arme hochrecken, ganz hochrecken, das können Kinder und Kleinkinder allemal. Die Kanzlerin hingegen sieht aus, als stemme sie eine imaginäre Hantel aus Pappe mühsam in Stirnhöhe, wenn sie jubelt. Und wenn sie in die Hände klatscht, sieht man förmlich eine Widergängerin der Duracelläffchen. Nein, eine Sportveranstaltung ist keine natürliche Umgebung für unsere Kanzlerin. Es sei denn, es handelte sich um eine Rehabilitationskur.

Leere

Fußball leert den Kopf. Radikal und komplett. (…) Das Denken wird schlicht, und man gerät in eine wundervolle Balance von Gelöstheit und  völliger Anspannung.” (Christoph Biermann, Wenn du am Spieltag beerdigt wirst, kann ich leider nicht kommen. Die Welt des Fußballs, Köln, 2004, S. 15)

Rundum ein Skandalspiel

Ja, es war ein Skandalspiel, gestern Abend, die Relegation zwischen Düsseldorf und Berlin. Ja, Fußballfans sind doof, jedenfalls zum Teil. Der Teil nämlich, der im Stadion Bengalos anbrennt, gegnerische Fans verprügelt, den Rasen ausgräbt oder mit kleinen Kindern oder ohne solche vor oder nach Spielende auf den Rasen stürmt. Ja, die vermeintlichen Fußballfans können einem den Spaß am Kicken rauben. Ja, solche Szenen haben mit Fußball, mit Fußballkultur, mit Spaß an der Freude nicht das Geringste zu tun. Alles unbestritten. Und auch der pflaumenweiche Rechtfertigungsversuch aus der Düsseldorfer Ecke, das alles sei schließlich aus Freude über den Aufstieg der Fortuna geschehen, zieht nicht. Blamabel, indiskutabel, skandalös sind und bleiben die Nebenerscheinungen dieses und nicht nur dieses Kicks. Warum nur haben die Verantwortlichen des öffentlichen Rundfunks mitgeboten bei der Steigerung der Einnahmen für die Deutsche Fußballliga, die den Profifußball in Deutschland organisiert und verantwortet? Ist der Fußball mit seinen unerfreulichen Randerscheinungen wirklich ein so wunderbares und einzigartiges “Produkt”, wie die Schranzen des DFB, der DFL oder manche Vereinsfunktionäre gebetsmühlenartig und ganz in neoliberaler Tradition wiederholen, in der schließlich alles zur Ware wird, zum bloßen Produkt, das seinen Preis hat, aber keinen Wert mehr? Nein, nein, nein. Krawall, Gewalt, Irrsinn und grenzenlose Blödheit gepaart mit unfaßbar hohen Spielerghältern bei oft armseligen bis mediokren Darbietungen der Ballkünstler aus aller Herren Länder dürfen nicht Woche für Woche Kosten verschlingen, für die man einen Tatort oder viele, viele Reportagen und Dokumentationen erstellen könnte. Das alles habe ich hier schon mehrfach betont. Aber was mir eben im Radio geboten wurde, schlägt dem Faß dann wirklich den Boden aus: Da behauptet der Anwalt der Berliner Hertha, ja genau, des Vereins, der gestern Abend sportlich in die zweite Liga verwiesen wurde, für die Berliner Spieler aus Brasilien, Tschechien, Berlin, München und anderswo habe Lebensgefahr bestanden. Nur auf Bitten der Polizei sei das Team nach der Erstürmung des Platzes durch hirnlose Düsseldorfer Fans und der anschließenden Räumung wieder im Stadion erschienen und habe dann die fehlenden Sekunden noch abgespielt. Das sei auch der Grund, so mein Radio, daß die Hertha Protest gegen die Wertung des gestrigen Relegationsspiels eingelegt habe. Was auf dem geschundenen und nicht immer grünen Düsseldorfer Rasen nicht gelungen ist, der Verbleib in der höchsten Spielklasse, soll nunmehr also am ebenso geschundenen grünen Tisch entschieden werden. Wenn DFB und DFL bei diesem ach so durchsichtigen Manöver mitspielen sollten, nur damit auch künftig in der deutschen Hauptstadt Erstligafußball zu sehen sein wird, dann soll mir der Profifußball insgesamt gestohlen bleiben, nicht nur der 1. FC Köln. Wer bezahlt eigentlich die Stadien, den öffentlichen Nahverkehr, den allsamstaglichen Polizeieinsatz, die Sanitäter, Feuerwehr oder Krankenhäuser, die vor, während und nach Bundesligaspielen Hilfe leisten, und die gesamte übrige Infrastruktur fürs Gekicke?

Kabinenluder

Wir haben sie nicht alle. Da wird zum Staatsaffairchen hochgeschrieben, daß die Bundeskanzlerin die Kabine der deutschen Fußballnationalmannschaft aufgesucht und sich im Kreis halbnackter junger Millionäre mit Ballzauberern unterhalten hat, ohne daß der Verbandspräsident Zwanziger zugegen war. Ob Frau Merkel Herrn Özil in der Kabine mitgeteilt hat, daß Multikulti gescheitert ist? Ein Kabinendrama. Wir haben ja ansonsten kaum Probleme im Land.

Réthys Violine

“Özil. Er spielt den Ball wie eine Violine.” (ZDF-Sprachschöpfer Béla Réthy bei der gestrigen Übertragung des Fußballspiels Deutschland gegen Türkei.)

Einwurf von links

Marcell Jansen hat eingeworfen, von links natürlich. Auf seiner Homepage unter der Rubrik “Einwurf”. Und getroffen. Die Zunft der TV-Kommentatoren. “Es ist mir oft ein Rätsel, wie Kommentatoren ein Spiel sehen und wie sie den Zuschauern eine Meinung mitteilen, die absolut nicht dem entspricht, was auf dem Platz geschieht.” Er meint vor allem Gerd Gottlob, der am vergangenen Freitag das Länderspiel gegen Belgien in der ARD kommentiert hatte. “Es ist doch bedauerlich, das der gute Herr im Zeitalter der modernen Technik und Kommunikation noch nicht einmal wusste, das ich aufgrund einer Verletzung ausgewechselt wurde. Stattdessen bastelte er sich eine Erklärung zusammen – wohlgemerkt vor einigen Millionen Zuschauern – die absolut nicht zutreffend war und mich sehr negativ dargestellt hat. Ich war immer der Meinung, ein Kommentator beschreibt das Geschehen auf dem Spielfeld und, wenn er gut ist, bringt er noch Emotionen und Stimmung rüber, sofern dies das Spiel erlaubt. (…) Die Tendenz hier in Deutschland ist jedoch eine andere. Es erweckt bei mir manchmal den Eindruck, als wenn die Kommentatoren sich als Popstars fühlen und sie der Meinung sind, sie haben den Fußball erfunden.” Jeder Trainer müsse eine Lizenz erwerben und damit seine Kompetenz unter Beweis stellen. Und, so fragt Kicker Jansen weiter, wie verhalte sich das bei den Kommentatoren? “Wichtige Informationen wie z.B. wie lässt der Trainer spielen, welche Aufgaben hat der einzelne Spieler, wie ist die taktische Ausrichtung usw. haben sie jedoch nicht.” Er, Jansen, habe sich schon gefragt, warum nicht überall im Fernsehen Spiele auch ganz ohne Kommentar angesehen werden könnten. Das war beileibe kein Einwurf. Das war ein voller Spannstoß mit der linken Klebe Richtung Reportertribüne.