Monat: September 2012

Nicht lecken

Am elften Oktober ist es soweit: Dann kann man Helmut Kohls Rückseite lecken. Also nicht direkt seine, sondern die Rückseite einer Sonderbriefmarke, mit der die Leistungen des unrühmlich abgegangenen Ex-Kanzlers gewürdigt werden sollen. Auf der Vorderseite wird neben dem Konterfei des massigen Mannes zu lesen sein: “Helmut Kohl – Kanzler der Einheit – Ehrenbürger Europas“. Tja. Ich werde sie nicht lecken, sondern bei den Online-Briefmarken der Post bleiben. ” Habt ihr die grauenhaften Achtziger alle schon vergessen?” So leitet Gerhard Henschel einen Artikel im Freitag ein, der unter dem Titel “Eine peinliche Qual” an die Amtszeit und das Wirken von Helmut Kohl erinnert. Dort heißt es unter anderem: “Er hatte wahrhaftig von nichts anderem als von der eigenen Machtentfaltung eine Ahnung. Die ‘geistig-moralische Wende’, die er versprach, kulminierte in der energisch durchgesetzten Legalisierung des Privatfernsehens, das uns heute mit gekeuchter Telefonsexreklame und den unsäglich ordinären Rüpeleien eines Dieter Bohlen unterhält. Gesittung, Anstand, Habitus, Moral – all das, worauf das verschollene Bildungsbürgertum einst Wert gelegen haben mochte, wurde von Kohl und den Seinen verramscht, im Tausch gegen Parteispenden, die auf diversen und mitunter, wie man heute weiß, auch krümmsten Wegen zum Schatzmeister der CDU gelangten. Wenn ein Politiker wie Kohl von links gekommen wäre, hätte die konservative Elite allen Grund dazu gehabt, die plumpen Umgangsformen, das tumbe Auftreten, das hilflose Bramarbasieren und die Stillosigkeit zu rügen, die mit Kohl zum Normalfall wurden. Doch das Unbehagen an dem schier endlos erscheinenden Siegeszug des tölpelhaften, bestenfalls viertelgebildeten und nichtsdestoweniger höchst selbstzufriedenen Kleinbürgertums in Gestalt des Kanzlers Kohl wurde nur links von der Mitte laut. ‘Wenn du den Mann im TV siehst oder auch nur im Radio hörst, wird er sofort vollkommen unerträglich’, schrieb der Essayist Michael Rutschky 1987, und man fragte sich, als linksaußenstehender Zeitungsleser, tagtäglich und alljährlich aufs neue, was sich wohl die ausländischen Staatsmänner dachten, die sich von Berufs wegen mit Kohl unterreden mussten, obwohl doch für ihn schon das Deutsche eine Fremdsprache war und alle Sachberater ihre liebe Mühe damit gehabt haben dürften, dem schwerfälligen Kanzler die passenden Stichworte einzuflüstern.” Nein, ich habe die grauenvollen Achtziger nicht vergessen. Und deshalb werde ich nicht lecken. Ich werde sie ignorieren, diese Sondermarke, mit der das Unrühmliche der Kanzlerschaft Helmut Kohls nicht verdeckt werden kann.

Wenn Marketing auf Sprache trifft

Strategisch gut plaziert, vor dem Eiscafe Cordella, parkt ein Kleinwagen der BEW, der Bergischen Energiewirtschaft, an einer Ökostromtankstelle. An sonnigen Tagen wie heute sehen viele Flaneure und Besucher der Außengastronomie das E-Mobil. “Umweltfreundlich fahren mit Ökostrom”, lautet die einladende Losung auf der Fahrertüre. Oder: “Einfach Smart. App laden. Strom tanken.” Nett gemacht das Ganze.

Bis der geneigte Interessent auf den Satz am unteren Rand der Fahrertüre stößt: “Die getankte Menge wird automatisch an uns weitergeleitet. Sie erhalten Quartalsweise eine Rechnung per Post.” Was denn nun? Der frisch gezapfte Strom wird weitergeleitet? An wen? An uns. Also an die BEW. Warum das denn, um Himmels willen? Mit dem Strom soll doch die kleine Karre fahren, oder? Und warum soll der Fahrer eines E-Mobils quartalsweise eine Rechnung bekommen für Strom, der automatisch weitergeleitet wird? Fragen über Fragen. Offenbar haben hier Ingenieure das Marketing betrieben, die vielleicht energiewirtschaftlich überzeugend handeln können, die indes den einen oder anderen Sprachkurs noch ganz gut brauchen könnten.

Butterbrottag

Heute ist der Tag des Deutschen Butterbrotes. Da kommt man von alleine wirklich nicht drauf. Seit 1999 ist alljährlich der letzte Freitag im September der Butterbrottag. So wollte und will es die Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft. Ein Butterbrot ist ursprünglich, wie man sich leicht denken kann, eine mit Butter bestrichene Scheibe Brot. Heute bezeichnet man so eine meist mit Käse oder Wurst belegte Scheibe Brot. Bei Goethe hieß es noch das “Butterbrod”, bei Luther die “Putterpomme” (Butterbemme). Aber weder dem großen Dichter noch dem nicht minder großen Reformator wäre es in den Sinn gekommen, einen ganzen Tag zu Ehren der kärglichen Knifte auszurufen, wie sie im Ruhrgebiet geheißen wird, der Bemme, wie man sie im Sächsischen ruft, der Schnitte oder Stulle, wie man sie im Norddeutschen oder Berlinerischen kennt, oder des Bütterkens, wie das gemeine Butterbrot am Niederrhein genannt wird. Da brauchte es schon größere gedankliche Kaliber als den Dichter oder das Mönchlein, nämlich eine veritable Marketinggesellschaft.

Tag der Mechatronik

Das hat uns bestimmt noch gefehlt: Heute ist der Tag der Mechatronik. Also der Tag des Zusammenwirkens der Fachdisziplinen Maschinenbau, Elektrotechnik und Informationstechnik.

Courage

Und wenn es einem prätentiös vorkommt, Universalbegriffe wie Freiheit für persönliche Schmerzgrenzen in Anspruch zu nehmen, wenn einem die individuellen Reizschwellen aber ein wenig zu klein erscheinen, um bei Überschreitung auf die Barrikaden zu gehen, dann bleiben nur Begriffe, die eher für die Zwischenräume des Alltags gemacht sind, die weden unmittelbar politisch sind noch bloße Privatangelegenheit; Begriffe wie Anstand, zivilisiertes Verhalten, Achtung vor dem anderen oder, wenn das nicht auch schon wieder eine Nummer zu groß ist, Humanität. Diese Begriffe sind paradox. Sie schliessen ein, dass man, um ihrem Inhalt Anerkennung zu verschaffen, auf Gewalt verzichtet, weil man damit abschaffte, was man durchsetzen möchte. Aber sie verlangen zugleich, dass man sie mit Worten, die auch Taten sein können, verteidigt, dass man zeigt, was so altmodisch Courage heißt, und nicht schweigt. Sobald diese Begriffe in der Rhetorik von Regierungen oder Glaubensgemeinschaften auftauchen, muss man mißtrauisch sein. Dann sind sie nur ein ungedeckter Alleinvertretungsanspruch.” Peter Körte in:Widerstand, Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 22. September 2012, S. 40)

Tröstlich

Kein Schmäh

Da hat der Protest von Muslimen gegen das antiislamische Videomachwerk eines koptischen Christen in den USA ein vergessen geglaubtes deutsche Wort wiederbelebt. Das Video wird in der Presse und im Funk als Schmähvideo bezeichnet. Verschmähen werden die meisten noch verstehen, selbst, wenn sie es nicht mehr im aktiven Wortschatz haben werden. Verachten meint es, verstoßen. Aber schmähen und das entsprechende Kompositum, Schmähvideo, werden nur wenige noch verwenden. Verächtlich machen ist gemeint, erniedrigen, in entehrender Weise darstellen. Zu Recht. Ich habe mir das Werk in Teilen angesehen. Stümperhaft gemacht, mit blöd-primitiven, armseligen Aussagen. Video-Klippschule. Weit jenseits des Niveaus selbst von Lore- oder Adelsromanen. Im Grunde nicht beachtenswert. Man kann dieses Dumm-Bilder-Band nur verschmähen. Zudem schmäht es den oder die Urheber eher als die Muslime. Denn es sagt mehr aus über das intellektuelle Niveau von Klerikal-Fundamentalisten, an denen jegliche Aufklärung vorbei gerauscht ist, in diesem Fall koptischer Christen in den USA, und so gut wie nichts über Muslime oder muslimischen Glauben. Und Schmäh ist das Ganze auch nicht. Schmäh nämlich bezeichnet in den süddeutschen Dialekten Humor, Witz, aber auch Schwindelei oder Unwahrheit. Sprichwörtlich ist der Wiener Schmäh als spezielle österreichische Form des Wortwitzes. Und das Schmähvideo ist gänzlich humorfrei, in seiner ganzen Stümperhaftigkeit nur angestrengt und verbissen.

Ästhetik versus Meinungsfreiheit

“(…) verkriecht sich das intellektuelle Europa hinter einer ästhetischen Debatte, indem die künstlerische Ausführung des Anti-Islam-Films besprochen wird. Als ob es da etwas zu besprechen gäbe. Der Film ist indiskutabel. Ästhetisch wie inhaltlich. Und die Sache wäre ja wohl nicht besser, wenn sich dahinter ein künstlerisches Meisterwerk versteckte, oder? Entscheidend ist nicht, ob der Streifen gut oder schlecht gemacht ist. Entscheidend ist, dass Europa zu Beginn des dritten Jahrtausends kaum eine Gelegenheit verstreichen lässt, das Grundrecht auf Meinungsfreiheit einer höchst fragwürdigen politischen Korrektheit zu opfern. Oder wie schon Mark Twain sagte: „Wir schätzen die Menschen, die frisch und offen ihre Meinung sagen – vorausgesetzt, sie meinen dasselbe wie wir.“ Dabei war Mark Twain noch nicht mal Europäer. Sondern Amerikaner.” (Franz Schellhorn, in: Verteidigen wir doch das Recht, andere beleidigen zu dürfen! diepresse.com)

Innocence of Muslims

“Sicher, der Film Innocence of Muslims ist ein übles Machwerk. Und natürlich geht es Pro Deutschland nicht um die Kunst oder Meinungsfreiheit sondern um PR durch Provokation: Die Splitterpartei wünscht sich nichts mehr als Ausschreitungen von radikalen Muslimen. (…) Aber ist das ein Grund, den Film zu verbieten? Nein. Der Film mag dumm, primitiv und provozierend sein, aber es ist nicht verboten dumm, primitiv und provozierend zu sein. (…) Und es wäre auch naiv zu glauben, dass die Unruhen etwas mit dem Niveau des Filmes zu tun haben, dass ein  gut recherchierter und qualitativ hochwertig gedrehter Mohammed-kritischer Film von den aufgestachelten Fundamentalisten  weniger verurteilt werden würde. (…) Würde der Mob nicht auf die Straße gehen und randalieren, sondern mit den Schultern zucken und den Regisseur eine Niete und die Darsteller als die armen Würstchen bezeichnen, die sie sind, wären die Macher des Films bis ins Mark getroffen. So haben sie das Gefühl, ihr Ziel erreicht zu haben. Und es wäre auch naiv zu glauben, dass die Unruhen etwas mit dem Niveau des Filmes zu tun haben, dass ein  gut recherchierter und qualitativ hochwertig gedrehter Mohammed-kritischer Film von den aufgestachelten Fundamentalisten  weniger verurteilt werden würde. (…) Ohnehin ist es nicht nachvollziehbar, religiöse Gefühle besonders zu schützen.  Sind sie  wertvoller als politische Überzeugungen? Als rational begründete Verhaltensmaßstäbe? Als die Liebe zur Kunst? Zu einer Band, einem Maler oder Schriftsteller? Und deswegen sollte man den Film auch nicht verbieten. Betroffenheit kann kein Maßstab sein.(Stefan Laurin, in: Es gibt keinen Grund, religiöse Gefühle besonders zu schützen, ruhrbarone)