Kategorie: Geschichte

Der achte Mai

Wenn ein Tag des Jahres es verdient hat, gesetzlicher Feiertag zu sein, ist das der achte Mai. Der Tag, an dem der Zweite Weltkrieg beendet wurde und als Tag der Befreiung vom Faschismus gilt. In der ganzen Welt wird dieser Tag begangen. Jahr für Jahr mahnt dieser Tag, achtsam zu sein, nie wieder Faschismus zuzulassen, nie wieder Krieg zu führen, nie wieder Menschen zu verfolgen, zu foltern zu ermorden, die anderen Glaubens sind, anderer Ethnie, anderer politischer oder gesellschaftlicher Auffassung. Für Millionen Menschen auf der ganzen Welt ist dieser Tag ein Tag der Hoffnung und der Zuversicht. Und doch hat der Deutsche Bundestag den achten Mai als gesetzlichen Gedenktag gestern abgelehnt. Ohne Aussprache. Mit den Stimmen der Ampel, der Union und der AfD. Vermutlich nur aus einem einzigen Grund: Der Antrag stammte aus den Reihen der Fraktion Die Linke. In Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Thüringen und Schleswig-Holstein ist der achte Mai bereits offizieller Gedenktag. Das darf nun bundesweit nicht sein, weil die falsche Partei den richtigen Antrag stellte.

Dielektra-Ruinen-Drohnenflug

Der Drohnenflug über und durch ein verfallenes Fabrikgebäude in Porz ist gleichsam eine Begegnung mit der eigenen Geschichte – im Flug. Hier, in der Dielektra in Porz, einst eine der größten Fabriken im heutigen Kölner Stadtteil, wurden Isolatoren aus Glimmer, Monazit und Feldspat hergestellt, später Halbleiter und Platinen. Meine Mutter hat als junge Frau dort gearbeitet, in den fünfziger Jahren, im Akkord. Ich habe hernach schräg gegenüber in der Kneipe am Bahnhof die gymnasialen Hausaufgaben von Klassenkameraden abgeschrieben, zu denen ich am Vortag nicht gekommen bin, weil wahlweise Fußball, der Schwimmverein oder die Weltrevolution vorgingen. Später hat ein Freund aus Wermelskirchen diese Firma gekauft, Ralf Nickel. Über ihn, den Wermelskirchener Unternehmer, und seine Firma in Porz habe ich dann einen meiner ersten Filme für den WDR gemacht. Tempi passati. Ralf Nickel ist früh verstorben, mit siebenundfünfzig Jahren, die Dielektra eine Ruine, schon lange, meine Mutter Lisette wird auch im Himmel keinen Glimmer mehr bearbeiten und ich mache weder Hausaufgaben noch Filme mehr.

Babyn Jar

Vor 80 Jahren erschossen deutsche Nationalsozialisten, Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD und ihre Helfer, in einem tief eingeschnittenen Tal auf dem Gebiet der ukrainischen Hauptstadt Kiew binnen achtundvierzig Stunden mehr als dreiunddreißigtausend jüdische Männer, Fauen und Kinder. Heute schlug eine russische Rakete auf dem Gelände der Holocaust-Gedenkstätte Babyn Jar ein. Babyn Jar war das größte einzelne Massaker an Juden im Zweiten Weltkrieg, für welches das Heer der Wehrmacht verantwortlich war.

Angst nach dreiundachtzig Jahren 

Vor dreiundachtzig Jahren überfiel Nazideutschland Polen und löste damit den furchtbaren Zweiten Weltkrieg aus. Dreiundachtzig Jahre später überfällt Rußland, die größte Landmacht Europas, das territorial zweitgrößte Land Europas, die Ukraine. Mit der infamen Begründung unterlegt, es handele sich bei der Spitze des souveränen Staates Ukraine um Faschisten und Drogenabhängige. In meiner Lebenszeit gab es nur die Gewißheit, das es in Europa nicht mehr wieder zu einem derart furchtbaren Geschehen kommen werde, daß die Völker Europas niemals wieder Krieg gegeneinander führen und die Menschen niemals wieder auf die Schlachtbank des Nationalismus geführt würden. Der Zweite Weltkrieg war der vollkommene Verlust von Humanität und jeglicher menschlicher Kultur. Es war die bloße Barbarei. Wie angesichts dieser Erkenntnis nach dreiundachtzig Jahren erneut ein Land inmitten Europas überfallen werden kann, das zu den größten Opfern schon des Weltkrieges zählte, bleibt vollkommen schleierhaft. Vor allem in Nachkriegsdeutschland haben die Erfahrungen aus Faschismus und Krieg sowie die Erkenntnis der deutschen Schuld und Verantwortung für den Weltenbrand zu einer eher zurückhaltenden Position in der politischen Bewertung dessen geführt, was in der Sowjetunion und Rußland geschieht und als politische Strategie erdacht wird. Das Land, dessen Volk die größten Opfer im Zweiten Weltkrieg zu beklagen hatte, wird nunmehr mit einem barbarischen Angriffskrieg gegen ein “Brudervolk“ zum Aggressor. Die verstehbare „Friedenssehnsucht“ vor allem in Deutschland und der daraus folgende eher defensive Umgang mit russischer Politik haben, vom russischen Präsidenten alleine zu verantworten, ein jähes Ende gefunden. Die Entwicklung in Europa macht Angst, macht mir Angst.

Johann Georg Elser 

Da war ich am Samstag doch ein wenig zu flott, als ich ahnungslos den achten November zum Tag mit privater, aber kaum historischer Bedeutung erklärte. Am achten November Neunzehnhundertneununddreißig nämlich verübte der Kunstschreiner und Widerstandskämpfer Johann Georg Elser im Münchner Bürgerbräukeller ein Sprengstoffattentat auf Adolf Hitler und nahezu die gesamte nationalsozialistische Führungsspitze aus, das nur knapp scheiterte. Elser war früh ein Gegner des Nationalsozialismus, verweigerte nach Neunzehnhundertdreiunddreißig den Hitlergruß und nach Augenzeugenberichten verließ er den Raum, wenn Hitler-Reden im Rundfunk übertragen wurden. In seiner Vernehmung bei der Gestapo sagte er: „Die von mir angestellten Betrachtungen zeitigten das Ergebnis, dass die Verhältnisse in Deutschland nur durch eine Beseitigung der augenblicklichen Führung geändert werden könnten. Unter der Führung verstand ich die ‚Obersten‘, ich meine damit Hitler, Göring und Goebbels. Durch meine Überlegungen kam ich zu der Überzeugung, dass durch die Beseitigung dieser drei Männer andere Männer an die Regierung kommen, die an das Ausland keine untragbaren Forderungen stellen, die kein fremdes Land einbeziehen wollen und die für eine Verbesserung der sozialen Verhältnisse der Arbeiterschaft Sorge tragen werden. Elser wollte die führenden politischen Personen des NS-Staates mit einer Zeitbombe ausschalten und so den etwa zwei Monate zuvor von Deutschland ausgelösten Krieg gegen Polen, der sich zum Zweiten Weltkrieg ausgeweitet hatte, im Alleingang stoppen. Am achten November Neunzehnhundertneununddreißig waren im Münchener Bürgerbräukeller etwa eintausendfünfhundert bis zweitausend Zuhörer, nach anderen Angaben sogar dreitausend Zuhörer, darunter ein großer Teil der NS-Führungsspitze, zum Gedenken an den Hitlerputsch Neunzehnhundertdreiundzwanzig versammelt. Weil Hitlers geplanter Rückflug nach Berlin wegen Nebels ausfiel und er stattdessen auf einen Sonderzug ausweichen musste, beendete er seinen Aufenthalt im Bürgerbräukeller früher als von Elser erwartet. Er verließ mit seinem Führungsstab das Gebäude bereits dreizehn Minuten vor der Explosion der Zeitbombe. Die Bombe explodierte exakt zu der von Elser vorgesehenen Zeit. Die Explosion des Sprengsatzes verwüstete den Saal, in dem sich zu diesem Zeitpunkt nur noch hundertzwanzig bis hundertfünfzig Menschen aufhielten. Sie tötete acht und verletzte siebenundfünfzig Personen, davon fünfzehn schwer. Das Explosionsgeräusch war für Radiohörer, die die Berichterstattung über die Veranstaltung verfolgten, deutlich zu hören.

Mikis Theodorakis

Gestern ist Mikis Theodorakis gestorben. Der große Komponist und Musiker aus Griechenland, der der Welt eine einzigartige Musik geschenkt und sie verbunden hat mit der Auflehnung gegen Ungerechtigkeit und Unterdrückung. Mikis Theodorakis war auch Politiker und Schriftsteller, sowie, vor allem: ein Volksheld. Widerstandskämpfer gegen die Naziherrschaft in Griechenland und im Bürgerkrieg auf der Seite der Linken. Sechzehn Jahre war ich alt, als ich in den Sommertagen des Jahres Neunzehnhundertsiebenundsechzig mit meinem Freund Dieter nach Italien getrampt bin, mit einer nur kleinen Tasche mit Klamotten ausgerüstet und einem Schlafsack versehen und ganz wenig Geld im Portemonnaie. Sonst nichts. In Livorno gab es abends im Fußballstadion ein Konzert des Theodorakis-Orchesters mit Maria Farantouri, der großen Sängerin auch Theodorakisscher Musik. Seit April herrschten in der Wiege der Demokratie in Europa die Obristen unter Pattakos und Papadopoulos. Und ungeheuer viele Griechen waren mit Dieter und mir und zahllosen Italienern im Stadion und feierten die Lieder, die Mikis Theodorakis geschrieben hatte und die den Widerstand gegen die Militärdiktatur stützten, an jenem Abend in Livorno und auf der ganzen Welt. Die Musik hatte uns damals alle eingenommen und vereint, alt und jung, deutsch, griechisch, italienisch, links oder liberal, bürgerlich oder anarchistisch. Geschlafen haben Dieter und ich in dieser Nacht nicht.

Heinrich Klaffs – Mikis Theodorakis, “Fabrik” Hamburg, 1971 CC BY-SA 2.0

Der Renommierhund

Es ist, zugestanden, bereits sehr lange her, daß ich studieren durfte. Ich habe sie genossen, diese Studienzeit. War sie doch auch der Bruch mit engen Lebensverhältnissen, der Blick in die Weite des Wissens, die Freiheit zur Selbstermächtigung, gründete sie doch manche Freundschaft für das ganze Leben und, natürlich, war sie die Grundlage für berufliche Tätigkeiten, von denen ich vor dem Studium nicht einmal allergeringste Kenntnisse hatte. Heute Abend habe ich einem wundervollen Vortrag bewohnen dürfen, online, in dem es um die jüdischen Studenten an der Universität Bonn seit ihrer Gründung Achtzehnhundertneunzehn ging, um ihre Herkunft, regional und sozial, um den aufkommenden Antisemitismus, um die ersten Frauen an der Universität, um das studentische Leben. Und in dem Kontext fiel das Wort vom Renommierhund. Dem Hund, den Studenten, männliche selbstredend, dabei hatten, wenn sie flanierten, mit offenem Hemd ohne Tuch oder Schal, lang-unbequemem Gehrock, immer mit Spazierstock und mit mitunter besonders langer Pfeife. Zu meiner Zeit gab es einen Studenten, der mit Freude den langen roten Ledermantel ausführte, weiß der Geier, wo er das Teil aufgetrieben hatte. Mit unseren Einheits-Parkas konnten wir da nicht mithalten. Die Tüte konnte ebenfalls nicht mit einer mehrere Dezimeter langen Pfeife konkurrieren und einen Renommierhund hatte seinerzeit ebenfalls niemand. Eine Studentin hatte so etwas kleines, weißes Schoßhundartiges in der Tasche. Aber renommieren? Nö. Das ging mit dieser Minitöle nicht. Der Renommierhund, das habe ich mir heute Abend von einem Historiker erzählen lassen, war ein bewährtes Mittel standesgemäßer Repräsentation. Der Renommierhund hielt, wie Richard Johannsen in seiner Schrift “Der Couleurhund” schrieb, “seinem Herrn mahnende Gläubiger vom Leibe, erheiterte ihn mitfühlend in trüben Stunden und unterhielt ihn oder die ganze Corona durch allerlei Kunststücke. Entsprechend der Neigung zur Repräsentation wurden eindrucksvolle, große Rassen bevorzugt: Neufundländer, Bernhardiner, Leonberger und vor allem, nach dem Vorbild des Reichskanzlers bzw. Altreichkanzlers, Dänische oder Ulmer Doggen, für die sich der Name „Bismarckdoggen“ einbürgerte”. Das Ganze diente der Abgrenzung vom Normalen und der Provokation. Nicht grundlegend anders also als der rote Ledermantel oder das weiße Schoßhündchen im Studiertäschchen. Mit anderen Worten: Wir waren nicht besser, nicht einmal wirklich anders als die Studentengenerationen vor uns, nicht einmal die zu Beginn oder in der Mitte des vorvorletzten Jahrhunderts. Was ist Tragödie, was die Farce?