Kategorie: Medien

Das Auge betet mit

„Das Auge betet mit.“ Eine Teilnehmerin an einem Begräbnis zu einer anderen Teilnehmerin im Kriminalfilm Nord bei Nordwest heute Abend im Ersten mit Blick auf den neuen jungen Pfarrer in der fiktiven Ostseegemeinde Schwanitz. Wo der Kölner von einem Leckerchen spräche, läßt der Norddeutschen das Auge mitbeten. Für mich der Drehbuchhöhepunkt des heutigen Abends.

Hundeliebe

Wer sexuell nicht aktiv ist, entwickelt Mitgefühl für die Benachteiligten und Schwachen.

Kommissarin Petra Delicato im TV-Krimi „Mord in Genua – Hundeliebe“ heute Abend.

Der Ball rollt, Corona hin, Corona her

Die Gastronomie findet so gut wie nicht statt, die Hotellerie stark eingeschränkt, die Kultur, die Musik, das Kabarett gar nicht, Theater nicht. In Österreich gibt es einen Totallockdown, in Frankreich eine rigide Ausgangssperre, in Italien werden ganze Regionen abgesperrt. Das Ziel: Zwischenmenschliche Kontakte so weit wie möglich zu reduzieren. Reisen sollen vermieden werden, Treffen in der Öffentlichkeit sind nur möglich, wenn nicht mehr als zwei Familien beteiligt sind und die Anzahl der Menschen stark reduziert ist.

Aber Fußball wird gespielt. Selbst wenn es Infektionsfälle bei den beteiligten Mannschaften gibt. Zwar ohne große Zuschauerzahlen. Aber vor und nach dem Spiel treffen sich die Mannschaften in den Hotels, die Betreuer und Trainer, die anderen Mitglieder der Delegationen, die VIPs und die Offiziellen. Und alle fliegen und fahren in Bussen. Der Fußball gestattet den Beteiligten all das, was Normalmenschen untersagt ist. The Show musst go on. Der Zirkus für die Massen in den Massenmedien. 

Verstehen muß man das nicht. Ich wäre dafür, den Fußball auch stillzulegen in diesen Zeiten. Dann müßte man auch Béla Réthy nicht hören.

Réth(y)orik II

„Die Torlinientechnologie bringt ja bei Handspiel nichts.“

Réth(y)orik

Der Meister der rhetorischen Slapstick-Einlagen moniert genüßlich die fußballerische Slapstick-Einlage eines ukrainischen Abwehrspielers.

Schwarzer Peter

Schon jeck, wenn Claudia Neumann, Kommentatorin des Fußballspiels heute im ZDF, im Plauderton von den Verhandlungen des Managements von Kicker David Alaba mit den Verantwortlichen des FC Bayern berichtet und dabei formuliert, daß in der Mannschaft niemand dem Mitspieler Alaba den schwarzen Peter für den Vertragspoker zuschieben wolle.

Tannhäuser Tor

„Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.

Zeit zu sterben.“

(Aus Blade Runner: Der Replikant Roy Batty (Rutger Hauer) zu seinem Gegenspieler Rick Deckard (Harrison Ford), nachdem er diesem auf dem Dach eines Hochhauses im Regen das Leben gerettet hat. Im Bewusstsein seines nahen Todes (Replikanten haben nur vier Jahre Lebenszeit) erinnert er sich, an Deckard gewandt, an Erlebnisse während seiner extraterrestrischen Kampfeinsätze

Mein Lieblingsfilmziat.

… and everything i had to know i heard it on my radio …

Es gibt weiß Gott schlimmere Welttage oder Internationale Tage als den heutigen, den Tag des Radios. Den Welttag der Jogginghose beispielsweise, den die menschliche Gemeinschaft alljährlich am einundzwanzigsten Januar begeht. Vielleicht nicht die ganze Weltgemeinschaft. Wahrscheinlich aber die leider nicht wirklich kleine Weltgemeinschaft der Jogginghosenträger. Oder nehmen wir den ersten Februar. Dann begeht die nämliche Weltgemeinschaft den internationalen “Ändere dein Passwort”-Tag. Auch hier: Vielleicht nicht wirklich die ganze Weltgemeinschaft. Wahrscheinlich sogar nicht einmal die ganze Weltgemeinschaft der Password-Nutzer. Noch wahrscheinlicher: Vermutlich gar nur ein ganz winziger Teil der Weltgemeinschaft der Verwender einer derartigen Kennung. Kennung? Auch kein schönes Wort. So wenig wie Password. Früher kannte man noch das Losungswort, die Losung. Früher. Zurück zum heutigen Welttag. Der Welttag des Radios (World Radio Day) fand Zweitausendundzwölf zum ersten Mal statt. Die Generalkonferenz der UNESCO hat den Weltradiotag in Erinnerung an die Gründung des United Nations Radio am dreizehnten Februar Neunzehnhundertsechsundvierzig ausgerufen, auf ihrer Generalkonferenz am dritten November Zweitausendelf. Ich gestehe: Immer noch bin ich ein Fan dieses Mediums. Trotz Fernsehen, trotz Internet, trotz sozialer Medien, trotz Facebook. Mehr und mehr wende ich mich jedoch von WDR Fünf ab und dem Deutschlandfunk zu. Gleichwohl: In beiden Kanälen ist immer noch viel Überraschendes zu hören, nebst, natürlich, der alltäglichen Information über die großen und kleinen Krisen der Menschheit, die Katastrophen, zumal die der Fußballbundesligaergebnisse. Grundversorgung sozusagen. Die flotte, professionelle Versorgung mit der alltäglichen Lebensorientierung, sozusagen der Fahrplan durch den Alltag. Der Nebenbei-Fahrplan. Gibt es eigentlich ein eigenes Wort für die Wahrnehmung durchs Hören, etwa Audiotüre, wie die Lektüre fürs Lesen? Mit dem Radioprogramm im Ohr läßt sich schreiben, bügeln, spülen, kochen, putzen, dösen, zähneputzen, basteln. Bestens. Und: Bei mir regiert das Wort. Im Radio. Für Töne, für Musik gibts die streams. Spotify und Co. Am klugen Wort mangelt es der Menschheit, wenn man sich so umschaut. Kaum an guter Musik.

Es lebe der Influencer

Die Traurigkeit und Angst, die mit dem Verlust einhergeht, hat auch damit zu tun, das ein einstmals utopischer Gegenentwurf am Boden liegt: Die Schwarmintelligenz. Diese galt mit dem Aufkommen des Internets und seiner Netzwerke als neue Form der Wissensproduktion- und verwaltung. Eine, die ohne Anführer auskommt, in der anders gesprochen, entschieden und gedacht werden kann und das Unbedachte passiert. Heute redet darüber kein Mensch mehr. Das Internet liegt in der Hand weniger Monopolisten, die, so der Stammtisch, die Menschen gegeneinander aufhetzen. Dahinter kommt allerdings ein gesellschaftliches System zum Vorschein, das sich völlig anders strukturiert hat – in dem der kulturelle Diskurs nicht mehr auf dem Prinzip der Opposition, sondern der Kollaboration gründet.

In den Nachrufen zum einst gefährlichen Dinosaurier Gremliza werden zuhauf Wörter aus der Kiste geholt, die so staubig klingen, als wären sie eigentlich mit der BRD untergegangen und allesamt noch dem alten Prinzip der Opposition verpflichtet: Unerbittlichkeit, Uneinsichtigkeit, journalistische Unerschütterlichkeit, Ideologiekritik, rigorose Haltung oder moralische Klarheit. Sie wirken wie aus einer alten Kirche herausgebrüllt, die Fußgänger schauen kurz vom Handy auf, verstehen kein Wort und denken: Irre Typen. Die Fußgänger wissen genau, in Karlsruhe sitzt das oberste Gericht der Bundesrepublik Deutschland und letzte Instanz in Zivil- und Strafverfahren. Dort wird entschieden. In Kommunikation und Kultur misst sich Instanz heute allerdings nach Friends und Followern. Das Verrückteste und womöglich Genialste am Publizisten Gremliza war, dass er genau davon so wenig wie möglich wollte. Sein Erfolg errechnete sich nach Leuten, die er vergrätzt hatte. Je marginaler, desto wichtiger, je weniger er gelesen wurde, desto besser. Weil dies seiner Logik zufolge davon zeugte, dass er recht hatte. Ausweis seiner absoluten Unabhängigkeit und Souveränität, weder von der Gunst anderer noch von Likes bestimmt. Heute ist so etwas für viele nicht mehr nachvollziehbar, leicht verdreht wird es aber wieder ein Thema.

Timo Feldhaus, Der König kann gehen, in: Der Freitag, Ausgabe Drei, Zweitausendundzwanzig