Monat: September 2017

Erdbeermund

Literarische Inschrift an einer Häuserwand in Kornelimünster, gefunden bei einem Fahrradausflug mit meinem Freund Lothar. Na klar, Villon, François Villon. Denkste. Paul Zech war es, der die Liebesballade für Yssabeau schrieb, das Mädchen mit dem Erdbeermund. Erschienen ist das Werk in Zechs Büchlein Die lasterhaften Lieder und Balladen des François Villon (Weimar 1931 bzw. München: dtv, 1962 und öfter). Keine Villon-Übertragung. Frei nachgedichtet. Im Stile Villons. Und so gut wie der.

Du… Du… ich bin so wild nach deinem Erdbeermund, ich schrie mir schon die Lungen wund nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht, da blüht ein süßer Zeitvertreib mit deinem Leib die lange Nacht.
Da will ich sein im tiefen Tal.
Dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl.

Im tiefen Erdbeertal, im schwarzen Haar, da schlief ich manchen Sommer lang bei dir und schlief doch nie zu viel.
Komm… Komm… komm her… ich weiß ein schönes Spiel im dunklen Tal, im Muschelgrund…
Ah… ah… ah du… ah du… du ach, ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!
Ah… ah… ah… ah… ah… ah… aah…

Die graue Welt macht keine Freude mehr, ich gab den schönsten Sommer her, und dir hat’s auch kein Glück gebracht;
nicht wahr, hast nur den roten Mund noch aufgespart, für mich, für mich, für mich, so tief im Haar verwahrt…
Ich such ihn schon die lange Nacht im Wintertal, im Aschengrund…
Ich bin so wild nach deinem Erdbeeermund.

Im Wintertal, im schwarzen Erdbeerkraut, da hat der Schnee ein Nest gebaut und fragt nicht, wo die Liebe sei.
Ich hab doch das rote Tier so tief erfahren, als ich bei dir schlief.
Ach, oh wär nur der Winter erst vorebi und wieder grün der Wiesengrund!
Oh du… du oh… du, ich bin so wild nach deinem Erdbeermund! Oh…

Demokratie ohne überzeugte Demokraten

Die Schreckgespenster Schönhuber und Schill sind an uns vorbeigeflogen, ohne dass die etablierte Politik auch nur irgendeine Lehre daraus gezogen hätte. Populisten wählen einfache Wahrheiten, einfache Sätze und – ganz wichtig – es gibt immer einen Schuldigen. Das sind erst die Ausländer. Und wenn die alle weg sind, sind es die Andersgläubigen. Und wenn die weg sind, sind es die Christen. Und wenn die weg sind… Populismus kann nur in einem „wir hier – die dort“ funktionieren, über ab- und ausgrenzen. Auch die CSU funktioniert in einer Art demokratie-affinen Variante so und spielt mit dem „wir hier in Bayern“ häufig hart am Wind. (Man wird doch noch mal „Neger“ sagen dürfen.)

Ansgar Mayer, Demokratie ohne überzeugte Demokraten.„Bonn ist nicht Weimar“. Und Berlin nicht Bonn, in: Carta vom zweiundzwanzigsten September Zweitausenundsiebzehn

 

Gott

Gott ist das, was mir fehlt.

Ein Satz mit Wucht, wie ich finde. Von Martin Walser.

Bücher gibt’s …

Fundstück aus Facebook. Erik Flügge hat’s gepostet. Mit der Bemerkung: Bücher gibt’s … Und: Wer ist Jürgen Seibold?

 

Gegen Klimaschutz

Warum muss die so erfolgreiche FDP nicht öfter erklären, wie sie sich das mit dem Klimaschutz vorstellt, wenn sie doch laut Wahlprogramm gegen das Erneuerbare-Energien-Gesetz, gegen feste Emissionsziele und gegen einen staatlich gelenkten Ausstieg aus dem Verbrennungsmotor ist?

Marlene Weiß, Kommentar: Niemand redet über das Wetter, in: Süddeutsche Zeitung vom neunten September Zweitausendundsiebzehn

 

Genies und Idioten

Alle Menschen werden als Genies geboren und als Idioten begraben.

Holger Czukay (Schüring), vor wenigen Tagen verstorbener Musiker von Rang, Bassist, Musiklehrer und Mitbegründer der deutschen Band Can.

Unter-Haltung

Die Freiheit des Denkens findet keinen Platz in einem Format, das Haltung durch Unterhaltung ersetzt.

Hans Hütt, Talkshows. Das Hohlsprech-Prinzip, in: Süddeutsche Zeitung vom sechsten September Neunzehnhundertundsiebzehn

 

Ansturm

Wie die Dinge heute in der Welt liegen, haben wir es ja auch mit dem Ansturm des vermeintlich Simplen auf das in Wahrheit Vertrackte zu tun, mit den Attacken der Plattheit auf das Nachdenkliche, und mit dem Feuer der Wut, das alles Schwierige niederbrennen soll.

Axel Hacke, Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen, Seite Vierundzwanzig, München Zweitausendsiebzehn, (Verlag Antje Kunstmann)