Kategorie: Literatur

Tannhäuser Tor

„Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.

Zeit zu sterben.“

(Aus Blade Runner: Der Replikant Roy Batty (Rutger Hauer) zu seinem Gegenspieler Rick Deckard (Harrison Ford), nachdem er diesem auf dem Dach eines Hochhauses im Regen das Leben gerettet hat. Im Bewusstsein seines nahen Todes (Replikanten haben nur vier Jahre Lebenszeit) erinnert er sich, an Deckard gewandt, an Erlebnisse während seiner extraterrestrischen Kampfeinsätze

Mein Lieblingsfilmziat.

Novembernacht

Schreib, schreib.
Es ist besser
als der Nebel und alles
Nirwana.

Schreib. Die Frauen kommen
später, wenn du mit dem
Gesicht auf den Tasten liegst.
Schreib.

Aller Blues & Rock’n Roll
weht vorbei, du kennst
das. Wie der Südwind
in Istanbul
bevor es schneit.
Schreib, Amigo, schreib.

Such nach Strandgut, nach
tristen Seelen nicht,
sie kommen zu dir.
Füll dein Papier
mit all ihren schattigen
Träumen, schreib.

Sie kommen, sie gehen,
halt sie nicht fest.
Sinnlos, deine Nacht
auf ihren Zungen zu
suchen. Sie
kommen, sie
gehen.

Schreib, und später
Schnaps
und Schlaf,
und wenn’s gut war,
ein leichter
Schlaf, wenn’s gut war.
Schreib.

Jörg Fauser, 1944 – 1987

Nur wenn wir alle in uns sind: …fliegt keine Asche mehr im Wind…!

Der Islam gehört zur deutschen Literatur

Überhaupt lässt sich – wenn diese Zwischenbemerkung hier erlaubt ist – die Frage nach dem Verhältnis der deutschen Literatur zum Islam knapp und einfach beantworten: Der Islam gehört zur deutschen Literatur. Er gehört zu ihr von Adam Olearius’ barocken Nachdichtungen Sa’dis über Lessings Studien zum islamischen Monotheismus und Friedrich Rückerts Nachdichtungen sufisischer Mystiker bis zu den Duineser Elegien, deren Engel-und Inspirationsbilder Rilke selbst auf die Heimsuchung Mohammeds durch den Erzengel Gabriel zurückführt; von den Reiseberichten Engelbert Kaempfers und Carsten Niebuhrs über Karl Mays religionsgeschichtlich wissbegierigen Orient-Zyklus bis zu den expressionistischen Mohammed-Bildern Klabunds–und so fort. Kein anderer deutscher Dichter aber hat sich so intensiv und innig, so ausdauernd und differenziert mit der Gestalt des Mohammed, mit dem Koran, den er vergleichend in unterschiedlichen Übersetzungen las, mit orthodoxer und heterodoxer muslimischer Theologie befasst wie Goethe, vom Mahomet-Drama der Sturm-und-Drang-Jahre bis in die Gedichte und Abhandlungen der Divan-Zeit. – Ende der Zwischenbemerkung.

Heinrich Detering, Was heißt hier „wir“? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten [Was bedeutet das alles?], Reclams Universal-Bibliothek

Nur ein Weniges noch

Nur ein Weniges noch
und wir werden die Mandeln blühen sehen
den Marmor in der Sonne leuchten
und das Meer sich wiegen

nur ein Weniges noch,
um ein Weniges lasst uns höher hinauf.

Von Giorgos Seferis, veröffentlicht Neunzehnhundertfünfunddreißig, aus dem Griechischen übersetzt von Christian Enzensberger und gesprochen von Bruno Ganz.



(Beitragsfoto: Bruno Ganz, Zweitausendelf ©Loui der Colli, CC BY-SA 3.0)

Meine Seele hat es eilig

Dieser Text kursiert als Kettenbrief und wird meist Mário de Andrade, einem brasilianischen Schriftsteller und Musikforscher, zugeschrieben. Andere Quellen nennen Ricardo Gondim​, ebenfalls brasilianischer Schriftsteller, als Urheber. Einerlei: Ein berührender Text über die Intensität des Lebens und die Not des Wesentlichen.

Meine Seele hat es eilig

​​Ich zählte meine Jahre und entdeckte, dass mir weniger Lebenszeit bleibt als die, die ich bereits durchlebte. Ich fühle mich wie jenes Kind, das eine Packung Süßigkeiten gewann: Die ersten aß es mit Vergnügen, doch als es merkte, dass nur noch wenige übrig waren, begann es sie wirklich zu genießen.

Ich habe keine Zeit mehr für unendliche Konferenzen, wo man Statuten, Normen, Verfahren und interne Vorschriften diskutiert; wissend, das ​nichts erreicht wird.

​Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen, die ​ungeachtet ihres ​Alters nicht gewachsen sind. ​Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen. ​Ich will nicht in ​Meetings sein, wo aufgeblähte Egos ​aufmarschieren. ​Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten. ​Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Stellen, Talente und Erfolge zu bemächtigen. ​Die Menschen, die keine Inhalte diskutieren, sondern kaum die ​Titel. Meine Zeit ist zu knapp, um Überschriften zu diskutieren.

Ich ​will das Wesentliche, denn meine Seele hat es eilig. Ohne viele Süßigkeiten in der Packung… ​Ich möchte neben Menschen ​leben, die sehr menschlich sind. Die über ihre Fehler lachen können. ​Die sich auf ihre Erfolge nichts einbilden. ​Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen. Die nicht vor ihren Verantwortungen fliehen. ​Die die menschliche Würde verteidigen. ​Und die nur an der Seite ​​der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten.

Das Wesentliche ist das, was das Leben lohnenswert macht. ​Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die das Herz anderer ​zu berühren wissen. ​Menschen, denen die harten Stöße des Lebens beibrachten zu wachsen ​​mit sanften Berührungen der Seele. ​Ja … ich habe es eilig … um mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann. Ich versuche, keine der Süßigkeiten zu verschwenden, die mir noch bleiben. ​Ich bin sicher, dass sie köstlicher sein werden als die, die ich bereits gegessen habe. Mein Ziel ist, das Ende zufrieden zu erreichen – in Frieden mit mir, meinen Liebsten und meinem Gewissen.

Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du merkst, dass du nur eines hast.

Oktober

So the summer has ended … Now in October the thick mist has come, thickening and blotting.

Virginia Woolf, Eintrag vom Oktober Neunzehnhundertvierunddreißig in: A Writer’s Diary (Mariner Books, Zweitausendunddrei)

Hotzenplotz kehrt zurück

Hotzenplotz, gewiß der bekannteste Räuber in Deutschlands Kinderzimmern, wird wohl bald mit neuen Abenteuern samt Pfefferpistole zurückkehren. Vier Jahre nach dem Tod seines Erfinders Otfried Preußler wurde Zweitausendundsiebzehn in dessen Nachlass eine bisher unbekannte Geschichte des unrasierten Räubers entdeckt. Das Theater Düsseldorf hat sich die Rechte der Uraufführung gesichert. Bei dem Fund aus dem Nachlass handelt es sich um ein Theaterstück, in dessen Mittelpunkt erneut der Räuber Hotzenplotz aber auch Kasperl, Seppel, die Großmutter, der Wachtmeister Alois Dimpfelmoser und der Zauberer Petrosilius Zwackelmann stehen. Wir sind gespannt.

Klassenclown

Meine eigene Karriere als Klassenclown ist, zugegeben, sehr, sehr lange her. Und mitunter erinnere ich mich nur mühsam. Sicher aber weiß ich, daß ich die dunkle, in unserem Falle grüne Tafel, nicht hätte mit dem Gesicht des Glücks übermalen können. Mir fehlten alle zeichnerischen Fähigkeiten für ein regenbogenfarben strahlendes Gesicht des Glücks. Gottlob aber ergaben sich ja vielfältige Möglichkeiten, die Fähigkeiten als Klassenclown zu proben und zu entfalten. Wie komme ich jetzt auf den Klassenclown? Heute wird weltweit der Internationale Kindertag begangen. Lediglich in Deutschland und in Österreich feiern wir den Weltkindertag am zwanzigsten September. Sei‘s drum. Jacques Prévert, der trotz mißratener Schulkarriere als leidenschaftlicher Schwänzer zum großen französischen Dichter avancierte, hat sich in seiner literarischen Kunst deutlich gegen die Zurichtung der Kinder in der Schule ausgesprochen. Beispielsweise hat er auch über den Schulversager geschrieben, in dem er die “Gefangennahme” des kindlichen Geistes in der Schule kritisiert, in der das Kind seiner individuellen Kraft beraubt werde. Und was für ein Szenario: die gescheitelten Köpfe der Musterschüler, der Lehrer mit dem lauernden Blick, Fragen als Salven, Problemkugelhagel.

Der Klassenclown

(nach Le cancre; aus: Paroles, 1946)

Unter ihm

die gescheitelten Köpfe

der Musterschüler,

vor ihm

der lauernde Blick

des Lehrers.

Die Salven der Fragen

prasseln auf ihn ein,

er taumelt

im Kugelhagel der Probleme,

die nicht die seinen sind.

Plötzlich aber

lacht sich der helle Wahnsinn

durch sein verdüstertes Gesicht.

Er greift nach dem Schwamm

und wischt es einfach weg,

das Labyrinth aus Zahlen und Fakten,

aus Daten und Begriffen,

aus Phrasen und Formeln,

und übermalt

unter dem Gejohle der Klassenmanege

regenbogenfarben

die dunkle Tafel des Unglücks

mit dem strahlenden Gesicht des Glücks.