Kategorie: Literatur

The Hill We Climb

Lady Gaga war, Jennifer Lopez, manch anderer weltbekannter Künstler auch bei der Inauguration von Joe Biden zum sechsundvierzigsten Präsidenten der USA. Kultur ist nun wieder angesagt in Capitol und Weißem Haus. Die zweiundzwanzigjährige Amanda Gorman, Zweitausendundsiebzehn von der US-Kongressbibliothek mit dem Titel „National Youth Poet Laureate“ geehrt, hat gestern mit ihren Worten die ganze Welt bewegt. “The Hill We Climb”

Mr. President, Dr. Biden, Madam Vice President, Mr. Emhoff, Bürger Amerikas und der ganzen Welt,

Wenn es Tag wird, fragen wir uns,
wo wir Licht zu finden vermögen, in diesem niemals endenden Schatten?
Den Verlust, den wir tragen,
ein Meer, das wir durchwaten müssen.
Wir haben dem Bauch der Bestie getrotzt.
Und wir haben gelernt, dass Ruhe nicht immer Frieden bedeutet.
Und dass die Normen und Vorstellungen von dem, was gerecht ist,
nicht immer Gerechtigkeit ist.
Und doch gehört die Morgendämmerung uns,
noch ehe wir es wussten.
Irgendwie schaffen wir es.
Irgendwie haben wir es überstanden und bezeugten
eine Nation, die nicht kaputt ist,
sondern einfach unvollendet.
Wir, die Nachfahren eines Landes und einer Zeit,
in der ein dünnes, schwarzes Mädchen,
das von Sklaven abstammt und von einer alleinerziehenden Mutter großgezogen wurde,
davon träumen kann, Präsidentin zu werden,
nur um sich selbst in einer Situation zu finden, in der sie für einen vorträgt.
Und ja, wir sind alles andere als lupenrein,
alles andere als makellos,
aber das bedeutet nicht, dass wir uns bemühen,
eine Gemeinschaft zu bilden, die perfekt ist.
Wir bemühen uns, eine Einheit zu erreichen, die ein Ziel hat.
Ein Land zu erschaffen, das sich allen Kulturen, Farben, Charakteren und menschlichen Lebensverhältnissen verpflichtet fühlt.
Und so richten wir unsere Blicke nicht auf das, was zwischen uns steht,
sondern auf das, was vor uns steht.
Wir schließen die Kluft, weil wir wissen, dass wir, um unsere Zukunft an erste Stelle zu setzen,
zuerst unsere Differenzen beiseitelegen müssen.
Wir legen unsere Waffen nieder,
damit wir unsere Arme
nacheinander ausstrecken können.
Wir wollen niemandem schaden und Harmonie für alle.
Lasst die Welt, wenn sonst auch sonst nichts, sagen, dass dies wahr ist:
Dass wir, selbst als wir trauerten, wuchsen
Dass wir, selbst als wir Schmerzen hatten, hofften
Dass wir, selbst als wir ermüdeten, es weiter versucht haben
Dass wir für immer verbunden sein werden, siegreich
Nicht weil wir nie wieder eine Niederlage erleben werden,
sondern weil wir nie wieder Spaltung säen werden.
Die Heilige Schrift sagt uns, dass wir uns vorstellen sollen,
dass jeder unter seinem eigenen Weinstock und Feigenbaum sitzen soll
und keiner ihnen Angst machen soll.
Falls wir unserer eigenen Zeit gerecht werden,
dann wird der Sieg nicht in der Klinge liegen,
sondern in all den Brücken, die wir gebaut haben.
Das ist das Versprechen:
Der Hügel, den wir erklimmen,
wenn wir uns nur wagen,
denn Amerikaner zu sein, ist mehr als ein Stolz, den wir erben,
es ist die Vergangenheit, in die wir treten,
und wie wir sie reparieren.
Wir haben eine Macht gesehen, die unsere Nation eher zerstören würde,
als sie zu heilen,
unser Land zu zerstören, wenn es dazu führe, Demokratie zu verzögern.
Und dieser Versuch war fast erfolgreich.
Doch auch wenn Demokratie von Zeit zu Zeit verzögert werden kann,
kann sie niemals dauerhaft besiegt werden.
In diese Wahrheit,
in diesem Glauben, vertrauen wir.
Denn obwohl wir unsere Augen auf die Zukunft richten,
hat die Geschichte ihre Augen auf uns gerichtet.
Dies ist die Ära gerechter Wiedergutmachung.
Wir fürchteten zu Beginn,
wir fühlten uns nicht bereit, Erben
einer solch schrecklichen Stunde zu sein,
doch in ihr fanden wir die Kraft,
ein neues Kapitel zu schreiben,
uns selbst Hoffnung und Lachen zu schenken.
Also während wir uns einst fragten,
wie wir jemals diese Katastrophe überstehen könnten,
fragen wir jetzt:
Wie könnte eine Katastrophe jemals uns überstehen?
Wir werden nicht zurück zu dem marschieren, was war,
sondern auf das zugehen, was sein wird.
Ein Land, das zwar verletzt, aber dennoch intakt ist,
gütig, aber kühn
wild und frei.
Wir werden uns nicht umdrehen
oder durch Einschüchterung unterbrechen lassen,
weil wir wissen, dass unsere Untätigkeit und Trägheit
das Erbe der nächsten Generation sein wird.
Unsere Fehler werden zu ihren Lasten.
Aber eines ist sicher:
Wenn wir Barmherzigkeit mit Macht verbinden
und Macht mit Recht,
dann wird Liebe unser Vermächtnis
und Veränderung das Geburtsrecht unserer Kinder.
Also lasst uns ein Land hinterlassen,
das besser ist als das, welches uns hinterlassen wurde.
Mit jedem Atemzug aus meiner bronzegegossenen Brust,
werden wir diese verwundete Welt in eine wundersame verwandeln.
Wir werden uns von den goldbeschienenen Hügeln des Westens erheben,
wir werden uns aus dem windgepeitschten Nordosten erheben,
in dem unsere Vorfahren zum ersten Mal die Revolution verwirklichten,
wir werden uns aus den von Seen gesäumten Städten des Mittleren Westens erheben,
wir werden uns aus dem sonnengebrannten Süden erheben,
wir werden wieder aufbauen, uns versöhnen und erholen,
und jeden bekannten Winkel unserer Nation und
jede Ecke, die unser Landes genannt wird.
Unser Volk, vielfältig und schön, wird aufstreben,
zerschunden und schön.
Wenn der Tag kommt, treten wir aus dem Schatten heraus,
entflammt und ohne Angst.
Die neue Morgendämmerung erblüht, wenn wir sie befreien.
Denn es gibt immer Licht,
wenn wir nur mutig genug sind, es zu sehen,
wenn wir nur mutig genug sind, es zu sein.

„The hill we climb“ (Originalversion)
When day comes we ask ourselves,
where can we find light in this never-ending shade?
The loss we carry,
a sea we must wade
We’ve braved the belly of the beast
We’ve learned that quiet isn’t always peace
And the norms and notions
of what just is
Isn’t always just-ice
And yet the dawn is ours
before we knew it
Somehow we do it
Somehow we’ve weathered and witnessed
a nation that isn’t broken
but simply unfinished
We the successors of a country and a time
Where a skinny Black girl
descended from slaves and raised by a single mother
can dream of becoming president
only to find herself reciting for one
And yes we are far from polished
far from pristine
but that doesn’t mean we are
striving to form a union that is perfect
We are striving to forge a union with purpose
To compose a country committed to all cultures, colors, characters and
conditions of man
And so we lift our gazes not to what stands between us
but what stands before us
We close the divide because we know, to put our future first,
we must first put our differences aside
We lay down our arms
so we can reach out our arms
to one another
We seek harm to none and harmony for all
Let the globe, if nothing else, say this is true:
That even as we grieved, we grew
That even as we hurt, we hoped
That even as we tired, we tried
That we’ll forever be tied together, victorious
Not because we will never again know defeat
but because we will never again sow division
Scripture tells us to envision
that everyone shall sit under their own vine and fig tree
And no one shall make them afraid
If we’re to live up to our own time
Then victory won’t lie in the blade
But in all the bridges we’ve made
That is the promise to glade
The hill we climb
If only we dare it
because being American is more than a pride we inherit,
it’s the past we step into
and how we repair it
We’ve seen a force that would shatter our nation
rather than share it
Would destroy our country if it meant delaying democracy
And this effort very nearly succeeded
But while democracy can be periodically delayed
it can never be permanently defeated
In this truth
in this faith we trust
For while we have our eyes on the future
history has its eyes on us
This is the era of just redemption
We feared at its inception
We did not feel prepared to be the heirs
of such a terrifying hour
but within it we found the power
to author a new chapter
To offer hope and laughter to ourselves
So while once we asked,
how could we possibly prevail over catastrophe?
Now we assert
How could catastrophe possibly prevail over us?
We will not march back to what was
but move to what shall be
A country that is bruised but whole,
benevolent but bold,
fierce and free
We will not be turned around
or interrupted by intimidation
because we know our inaction and inertia
will be the inheritance of the next generation
Our blunders become their burdens
But one thing is certain:
If we merge mercy with might,
and might with right,
then love becomes our legacy
and change our children’s birthright
So let us leave behind a country
better than the one we were left with
Every breath from my bronze-pounded chest,
we will raise this wounded world into a wondrous one
We will rise from the gold-limbed hills of the west,
we will rise from the windswept northeast
where our forefathers first realized revolution
We will rise from the lake-rimmed cities of the midwestern states,
we will rise from the sunbaked south
We will rebuild, reconcile and recover
and every known nook of our nation and
every corner called our country,
our people diverse and beautiful will emerge,
battered and beautiful
When day comes we step out of the shade,
aflame and unafraid
The new dawn blooms as we free it
For there is always light,
if only we’re brave enough to see it
If only we’re brave enough to be it.

Zauberhafte Umstandswörtchen

Umstandswörtchen. Hat man schon einmal eine eine zärtlichere Hommage an Adverbien lesen können? Leichthin, Vielerorts, Schlichterdings. Georg Klein sei Dank. Und den Machern des Werkes “Die Wunderkammer der Deutschen Sprache”.

Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer (Hrsg.) • Die Wunderkammer der Deutschen Sprache. Gefüllt mit Wortschönheiten, Kuriositäten, Alltagsposie und Episoden der Sprachgeschichte • Verlag das Kulturelle Gedächtnis GmbH Berlin Zweitausendzwanzig • 978-3-946990-31-4 • Dreihundert Seiten • Achtundzwanzig Euro

Tollen

Das Verb wird heute fast nur noch im Zusammenhang mit Kindern oder Welpen benutzt. Im frühen zwanzigsten Jahrhundert tollten noch erwachsene Leute durch die Ballsäle. Welches andere Wort kann schon Zügellosigkeit und Unschuld in sich vereinen.

Aus meinem derzeitigen Lieblingsbuch: Die Wunderkammer der Deutschen Sprache, herausgegeben von Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer, Verlag Das Kulturelle Gedächtnis, Zweitausendzwanzig, Seite Neunzehn

Tannhäuser Tor

„Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.

Zeit zu sterben.“

(Aus Blade Runner: Der Replikant Roy Batty (Rutger Hauer) zu seinem Gegenspieler Rick Deckard (Harrison Ford), nachdem er diesem auf dem Dach eines Hochhauses im Regen das Leben gerettet hat. Im Bewusstsein seines nahen Todes (Replikanten haben nur vier Jahre Lebenszeit) erinnert er sich, an Deckard gewandt, an Erlebnisse während seiner extraterrestrischen Kampfeinsätze

Mein Lieblingsfilmziat.

Novembernacht

Schreib, schreib.
Es ist besser
als der Nebel und alles
Nirwana.

Schreib. Die Frauen kommen
später, wenn du mit dem
Gesicht auf den Tasten liegst.
Schreib.

Aller Blues & Rock’n Roll
weht vorbei, du kennst
das. Wie der Südwind
in Istanbul
bevor es schneit.
Schreib, Amigo, schreib.

Such nach Strandgut, nach
tristen Seelen nicht,
sie kommen zu dir.
Füll dein Papier
mit all ihren schattigen
Träumen, schreib.

Sie kommen, sie gehen,
halt sie nicht fest.
Sinnlos, deine Nacht
auf ihren Zungen zu
suchen. Sie
kommen, sie
gehen.

Schreib, und später
Schnaps
und Schlaf,
und wenn’s gut war,
ein leichter
Schlaf, wenn’s gut war.
Schreib.

Jörg Fauser, 1944 – 1987

Nur wenn wir alle in uns sind: …fliegt keine Asche mehr im Wind…!

Der Islam gehört zur deutschen Literatur

Überhaupt lässt sich – wenn diese Zwischenbemerkung hier erlaubt ist – die Frage nach dem Verhältnis der deutschen Literatur zum Islam knapp und einfach beantworten: Der Islam gehört zur deutschen Literatur. Er gehört zu ihr von Adam Olearius’ barocken Nachdichtungen Sa’dis über Lessings Studien zum islamischen Monotheismus und Friedrich Rückerts Nachdichtungen sufisischer Mystiker bis zu den Duineser Elegien, deren Engel-und Inspirationsbilder Rilke selbst auf die Heimsuchung Mohammeds durch den Erzengel Gabriel zurückführt; von den Reiseberichten Engelbert Kaempfers und Carsten Niebuhrs über Karl Mays religionsgeschichtlich wissbegierigen Orient-Zyklus bis zu den expressionistischen Mohammed-Bildern Klabunds–und so fort. Kein anderer deutscher Dichter aber hat sich so intensiv und innig, so ausdauernd und differenziert mit der Gestalt des Mohammed, mit dem Koran, den er vergleichend in unterschiedlichen Übersetzungen las, mit orthodoxer und heterodoxer muslimischer Theologie befasst wie Goethe, vom Mahomet-Drama der Sturm-und-Drang-Jahre bis in die Gedichte und Abhandlungen der Divan-Zeit. – Ende der Zwischenbemerkung.

Heinrich Detering, Was heißt hier „wir“? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten [Was bedeutet das alles?], Reclams Universal-Bibliothek

Nur ein Weniges noch

Nur ein Weniges noch
und wir werden die Mandeln blühen sehen
den Marmor in der Sonne leuchten
und das Meer sich wiegen

nur ein Weniges noch,
um ein Weniges lasst uns höher hinauf.

Von Giorgos Seferis, veröffentlicht Neunzehnhundertfünfunddreißig, aus dem Griechischen übersetzt von Christian Enzensberger und gesprochen von Bruno Ganz.



(Beitragsfoto: Bruno Ganz, Zweitausendelf ©Loui der Colli, CC BY-SA 3.0)

Meine Seele hat es eilig

Dieser Text kursiert als Kettenbrief und wird meist Mário de Andrade, einem brasilianischen Schriftsteller und Musikforscher, zugeschrieben. Andere Quellen nennen Ricardo Gondim​, ebenfalls brasilianischer Schriftsteller, als Urheber. Einerlei: Ein berührender Text über die Intensität des Lebens und die Not des Wesentlichen.

Meine Seele hat es eilig

​​Ich zählte meine Jahre und entdeckte, dass mir weniger Lebenszeit bleibt als die, die ich bereits durchlebte. Ich fühle mich wie jenes Kind, das eine Packung Süßigkeiten gewann: Die ersten aß es mit Vergnügen, doch als es merkte, dass nur noch wenige übrig waren, begann es sie wirklich zu genießen.

Ich habe keine Zeit mehr für unendliche Konferenzen, wo man Statuten, Normen, Verfahren und interne Vorschriften diskutiert; wissend, das ​nichts erreicht wird.

​Ich habe keine Zeit mehr, absurde Menschen zu ertragen, die ​ungeachtet ihres ​Alters nicht gewachsen sind. ​Ich habe keine Zeit mehr, mit Mittelmäßigkeiten zu kämpfen. ​Ich will nicht in ​Meetings sein, wo aufgeblähte Egos ​aufmarschieren. ​Ich vertrage keine Manipulierer und Opportunisten. ​Mich stören die Neider, die versuchen, Fähigere in Verruf zu bringen, um sich ihrer Stellen, Talente und Erfolge zu bemächtigen. ​Die Menschen, die keine Inhalte diskutieren, sondern kaum die ​Titel. Meine Zeit ist zu knapp, um Überschriften zu diskutieren.

Ich ​will das Wesentliche, denn meine Seele hat es eilig. Ohne viele Süßigkeiten in der Packung… ​Ich möchte neben Menschen ​leben, die sehr menschlich sind. Die über ihre Fehler lachen können. ​Die sich auf ihre Erfolge nichts einbilden. ​Die sich nicht vorzeitig berufen fühlen. Die nicht vor ihren Verantwortungen fliehen. ​Die die menschliche Würde verteidigen. ​Und die nur an der Seite ​​der Wahrheit und Rechtschaffenheit gehen möchten.

Das Wesentliche ist das, was das Leben lohnenswert macht. ​Ich möchte mich mit Menschen umgeben, die das Herz anderer ​zu berühren wissen. ​Menschen, denen die harten Stöße des Lebens beibrachten zu wachsen ​​mit sanften Berührungen der Seele. ​Ja … ich habe es eilig … um mit der Intensität zu leben, die nur die Reife geben kann. Ich versuche, keine der Süßigkeiten zu verschwenden, die mir noch bleiben. ​Ich bin sicher, dass sie köstlicher sein werden als die, die ich bereits gegessen habe. Mein Ziel ist, das Ende zufrieden zu erreichen – in Frieden mit mir, meinen Liebsten und meinem Gewissen.

Wir haben zwei Leben und das zweite beginnt, wenn du merkst, dass du nur eines hast.