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Das Wort zum Sonntag: “Welt gewinnen – Seele verlieren”

Pastor Alfred Buß hat es gesprochen, gerade eben, das allsamstägliche Wort zum Sonntag in der ARD. Um Olympia ging’s, um den Fisch, der vom Kopf her stinkt. Darum, wie man seine Seele verkauft, weil die Spiele ausgeliefert werden. An Politik, an nationale Interessen, an den Kommerz.

Seit Melbourne 1956 bin ich dabei, erst am Radio, bald am Fernseher, nicht selten ging’s bis in die Nacht. Nun geht Olympia 2016 in die Schlusskurve. Mit spannenden Entscheidungen in Staffelläufen, Endspielen und vielem mehr. Gleich Fußball Brasilien – Deutschland. Großartig ist die olympische Idee: Rivalitäten austragen in sportlich-fairem Wettstreit, im Geiste von Völkerverständigung und Toleranz. Doch spätestens mit Rio wurde mir klar: Wer das noch so glaubt, der muss selber gedopt sein. Meine Begeisterung bekam einen deutlichen Knacks. Die olympischen Idee hat ihre Seele verloren. Viele Illusionen sind ja schon lange geplatzt. Dabeisein ist längst nicht mehr alles. Die olympischen Sportler stehen unter erheblichem Druck. Nur wer erfolgreich ist, wird oben bleiben und großes Geld verdienen. Schon wer Vierter wird, erringt nur die “Holzmedaille”. Schon immer wird Olympia von der Politik vereinnahmt. Und auch Doping verzerrt die sportliche Fairness schon lange. Doch schienen das alles hereingetragene Probleme zu sein, die in Gegensatz standen zur olympischen Idee und ihrem Regelwerk. Aber jetzt stinkt der Fisch vom Kopf her: Doping ist für das IOC – und seinen Präsidenten Bach – offenbar zur lässlichen Sünde geworden. Ausgeschlossen von Olympia aber wurde Julia Stepanowa, die offenlegte, wie Staatsdoping geht. Ausgeschlossen wegen angeblicher ethischer Defizite. Der größte Verstoß gegen die olympische Idee ist jetzt wohl Zivilcourage. Die Botschaft an die Olympioniken ist klar: Klappe halten – oder ihr fliegt raus. Was hülfe es dem Menschen – so fragte Jesus, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? The show must go on. Für Rio 2016 wurden Zig-Tausende aus ihren Hütten vertrieben. Favelas mussten weichen. Brasilien bezahlt die Party aus Steuergeldern, den Gewinn aber streicht nicht das brasilianische Volk – den streichen andere ein. Die olympische Idee hat ihre Seele preisgegeben. Sie wurde verkauft. Die Welt gewinnen – aber die Seele verlieren. Das ist der Knackpunkt. 1960 in Rom gewann ein 18-jähriger die Goldmedaille – als Boxer im Halbschwergewicht. An ihn will ich erinnern. Der weigerte sich, seine Seele preiszugeben. Wurde Boxweltmeister. Legte seinen Namen ab, der aus der Sklavenzeit kam. Wurde Muslim. Nannte sich Muhammad Ali. Verweigerte den Kriegsdienst in Vietnam. Verlor daraufhin die Box-Lizenz und alle Titel. Sollte gar ins Gefängnis. Und blieb doch unbeirrbar im Einsatz für Menschen- und Bürgerrechte. Als er jetzt im Juni starb, verneigte sich die Welt vor ihm. Zehntausende säumten die Straßen von Louisville, als sein Leichnam durch seine Heimatstadt gefahren wurde. Die Menschen spürten: Hier hatte sich einer geweigert, seine Seele preiszugeben, zeitlebens. Auch Jesus hatte wohl seine Freude an ihm. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? Vergessen wir diese Frage Jesu nicht. Erst recht nicht, wenn es heute und morgen noch die letzten Medaillen regnet.

Kanada

Die Kanadierinnen kombinieren ganz gut durch das Mittelfeld hindurch.

ARD-Moderator Bernd Schmelzer im Spiel der deutschen Frauenfußballnationalmannschaft gegen Australien beim olympischen Turnier in Rio. Soeben.

Das gute Deutschland

Das gute Deutschland ist das leise Deutschland.

Mehmet Gürcan Daimagüler, eben in der Sendung Anne Will in der ARD.

Gutmenschen, eine Gardinenpredigt

Ich muß gestehen, daß ich nur selten das Wort zum Sonntag sehe. Ja, das Wort zum Sonntag, das allwöchentlich am Samstagabend in der ARD zu sehen ist, nach Krimi oder Unterhaltungsshow. Eine kurze Fernsehpredigt, evangelisch, katholisch, weltlich. Gestern mal wieder. Zum vermeintlichen Unwort des Jahres. Eine Gardinenpredigt. Gehalten von der Pastorin Annette Behnken.

Wenn man das Unwort des Jahres ernst nimmt, dann bin ich jetzt offiziell ein bisschen bescheuert. Das Unwort des Jahres ist Gutmensch. Gutmensch wird benutzt, um Menschen, die sich für andere einsetzen als naiv und dumm hinzustellen. Wer noch an etwas glaubt, wer hilfsbereit und tolerant ist, sieht angeblich die Realität nicht. Ich sehe das ganz anders: Gutmenschen sind keine Träumer, sie stehen mit beiden Beinen in der Realität, aber gehen anders mit ihr um. Und genau die brauchen wir: Viele Gutmenschen. Weil gerade viel auf dem Spiel steht. Wir haben Angst und Sorge und Wut. Nach dem Anschlag von Istanbul. Und, auch wenn es etwas ganz anderes ist, nach den Übergriffen von Köln. Die Rufe nach schnellen Lösungen werden lauter. Lösungen, die aus Angst und Wut geboren werden. Wenn wir straffällige Migranten und Asylbewerber ohne gerichtliche Prozesse ausweisen, dann lösen wir damit die Probleme nicht, wir schieben sie nur weg von uns und verabschieden uns gleichzeitig von den Prinzipien unseres Rechtsstaates. Und ich halte es auch für eine Illusion, zu meinen, wenn wir alle fremden Menschen an unseren Grenzen stoppen, dann wäre die Welt wieder in Ordnung. Nichts wäre in Ordnung. Ausgrenzen und abschotten ist nur scheinbar eine Lösung, schnell und oberflächlich. Vor zunehmendem Hass und sinnloser Gewalt schützt das nicht. Im Gegenteil. Es ist der Abschied von den humanitären Werten, von der Menschlichkeit, die die Basis unserer Gesellschaft ist. Wir suchen nach Antworten. Und die liegen nicht auf der Hand. Auf der Suche nach Lösungen brauchen wir Mut, offen zu reden, uns auch zu streiten. Und wir brauchen Geduld. Hass ist nicht mal eben und schon gar nicht militärisch zu besiegen. Hass schleicht sich durch alle Absperrungen und Grenzen. “Tut Gutes denen, die Euch hassen” Ein altes Wort, eine uralte Haltung. Von einem “Gutmenschen” namens Jesus. Das ist Irrsinn eigentlich angesichts der Bedrohung durch Terrorismus. Und klingt ungeheuer naiv angesichts des menschenverachtenden Fanatismus. Aber trotzdem: Ich bin überzeugt davon, dass es nur so gehen kann: Tut Gutes denen, die Euch hassen. Wir müssen uns schützen – das ist klar. Wer Unrecht verhindern kann, muss das tun. Und die Straftaten von Köln müssen verfolgt werden, das ist auch klar. Mit den Mitteln, die wir jetzt schon haben, mit den Mitteln des Rechtsstaates. Wenn wir uns dabei aber von unseren humanitären Werten verabschieden, dann hat der Terror gewonnen. Es ist eine Bewährungsprobe unserer Werte. Und deshalb brauchen wir Gutmenschen. Mutige Gutmenschen, die natürlich auch Angst haben und Wut. Aber sie geben der Angst und Wut nicht die Macht, sie lassen sich davon nicht leiten. Und geben nicht auf: “Tut Gutes denen, die Euch hassen”. Widerstand von mutigen Gutmenschen. Das halte ich für das Gebot der Stunde.

ARD

Sie (die ARD, W.H.) muss aber endlich lernen, dass sie ihrem Publikum Transparenz und Mitsprache schuldig ist – nicht nur beim ESC, auch bei Moderatorengehältern, Sportrechten und Bilanzen. Die ARD ist kein vordemokratisches Königtum, in dem Majestäten einsame Entscheidungen fällen.

Claudia Tieschky, Song Contest. Ihre Majestät, die ARD, in: Süddeutsche Zeitung vom dreiundzwanzigsten November Zweitausendundfünfzehn

Der Skandal ist Jauch, nicht der Stinkefinger

Der eigentliche Skandal ist die sonntagabendliche Unverfrorenheit des öffentlich-rechtlichen Fernsehens, der Nation statt einer ernsthaften, um Inhalte und Aufklärung bemühten politischen Gesprächssendung ein zunehmend unerträgliches Format wie “Günther Jauch” vorzusetzen, dessen gleichnamiger Moderator seit Jahren Kompetenz durch Publikumsgunst ersetzt und ansonsten ein journalistischer Totalausfall ist. (…) Der Unwille zur seriösen Darstellung, das Schielen nach quotenträchtigen Aufregern, die ignorante Wurstigkeit des Moderators – das alles sollte schon sehr lange Anlass für eine Debatte über die Qualitäts-Standards öffentlich-rechtlicher Politikberichterstattung sein.

Ulli Tückmantel in seinem Kommentar: Das Versagen der wichtigsten Politik-Talkshow der Ard. Der Skandal ist Jauch, nicht der Stinkefinger, Remscheider General-Anzeiger von heute, Seite Zwei.

Kölsch

“So charmant die Kölner sind, sie sind so rasend in ihre Dom-Stadt verliebt, dass sie sofort versuchen, einen zu vereinnahmen. Kölsch sein ist mehr als eine Nationalität.” (Caroline Peters alias Kommissarin Sophie Haas in der Serie “Mord mit Aussicht” in der heutigen Ausgabe der Rheinischen Post)

Kopfsache

Sein Kopf ist heute ein wichtiges Körperteil. (ARD-Reporter Steffen Simon gestern Abend über den Torwart von Bayern München,  Manuel Neuer.) Nicht nur nach einem solchen Satz wünscht man sich einen Reporter, von dem man das ebenso behaupten kann.

 

Rundum ein Skandalspiel

Ja, es war ein Skandalspiel, gestern Abend, die Relegation zwischen Düsseldorf und Berlin. Ja, Fußballfans sind doof, jedenfalls zum Teil. Der Teil nämlich, der im Stadion Bengalos anbrennt, gegnerische Fans verprügelt, den Rasen ausgräbt oder mit kleinen Kindern oder ohne solche vor oder nach Spielende auf den Rasen stürmt. Ja, die vermeintlichen Fußballfans können einem den Spaß am Kicken rauben. Ja, solche Szenen haben mit Fußball, mit Fußballkultur, mit Spaß an der Freude nicht das Geringste zu tun. Alles unbestritten. Und auch der pflaumenweiche Rechtfertigungsversuch aus der Düsseldorfer Ecke, das alles sei schließlich aus Freude über den Aufstieg der Fortuna geschehen, zieht nicht. Blamabel, indiskutabel, skandalös sind und bleiben die Nebenerscheinungen dieses und nicht nur dieses Kicks. Warum nur haben die Verantwortlichen des öffentlichen Rundfunks mitgeboten bei der Steigerung der Einnahmen für die Deutsche Fußballliga, die den Profifußball in Deutschland organisiert und verantwortet? Ist der Fußball mit seinen unerfreulichen Randerscheinungen wirklich ein so wunderbares und einzigartiges “Produkt”, wie die Schranzen des DFB, der DFL oder manche Vereinsfunktionäre gebetsmühlenartig und ganz in neoliberaler Tradition wiederholen, in der schließlich alles zur Ware wird, zum bloßen Produkt, das seinen Preis hat, aber keinen Wert mehr? Nein, nein, nein. Krawall, Gewalt, Irrsinn und grenzenlose Blödheit gepaart mit unfaßbar hohen Spielerghältern bei oft armseligen bis mediokren Darbietungen der Ballkünstler aus aller Herren Länder dürfen nicht Woche für Woche Kosten verschlingen, für die man einen Tatort oder viele, viele Reportagen und Dokumentationen erstellen könnte. Das alles habe ich hier schon mehrfach betont. Aber was mir eben im Radio geboten wurde, schlägt dem Faß dann wirklich den Boden aus: Da behauptet der Anwalt der Berliner Hertha, ja genau, des Vereins, der gestern Abend sportlich in die zweite Liga verwiesen wurde, für die Berliner Spieler aus Brasilien, Tschechien, Berlin, München und anderswo habe Lebensgefahr bestanden. Nur auf Bitten der Polizei sei das Team nach der Erstürmung des Platzes durch hirnlose Düsseldorfer Fans und der anschließenden Räumung wieder im Stadion erschienen und habe dann die fehlenden Sekunden noch abgespielt. Das sei auch der Grund, so mein Radio, daß die Hertha Protest gegen die Wertung des gestrigen Relegationsspiels eingelegt habe. Was auf dem geschundenen und nicht immer grünen Düsseldorfer Rasen nicht gelungen ist, der Verbleib in der höchsten Spielklasse, soll nunmehr also am ebenso geschundenen grünen Tisch entschieden werden. Wenn DFB und DFL bei diesem ach so durchsichtigen Manöver mitspielen sollten, nur damit auch künftig in der deutschen Hauptstadt Erstligafußball zu sehen sein wird, dann soll mir der Profifußball insgesamt gestohlen bleiben, nicht nur der 1. FC Köln. Wer bezahlt eigentlich die Stadien, den öffentlichen Nahverkehr, den allsamstaglichen Polizeieinsatz, die Sanitäter, Feuerwehr oder Krankenhäuser, die vor, während und nach Bundesligaspielen Hilfe leisten, und die gesamte übrige Infrastruktur fürs Gekicke?