Monat: Juni 2012

Wider-Wärtig

“Der Kapitalismus basiert auf der seltsamen Überzeugung, daß widerwärtige Menschen aus widerwärtigen Motiven irgendwie für das Gemeinwohl sorgen werden.” (John Maynard Keynes)

Warum verwandelt ihr alles in Ware?

Darüber dachte sie nach, heute Morgen in WDR5, die Pfarrerin Silke Niemeyer aus Recklinghausen. Vor einigen Jahrzehnten noch konnte man in diesem Land mit einem Berufsverbot belegt werden, wenn man ähnliche Gedanken hatte und Lehrer werden wollte, Postbote oder Lokomotivführer.

(…) Warum blättern wir Geld hin für das, was kein Brot ist? Warum zahlen wir sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Warum geben die Nationen im Jahr 1,3 Billionen Dollar für Rüstung aus? Das sind 1300 Milliarden von den Scheinen, auf denen steht „In God we trust“. Was ist das für ein Gott, dem da vertraut wird? Und was ist eigentlich verrückter: ohne Geld Brot zum Leben zu kaufen oder mit Geld Bomben zum Töten zu kaufen? Aber das ist eben nicht verrückt auf diesem Markt. Auf ihm geht es nicht um die Verteilung von Gütern. Auf ihm geht es vor allem um die Vermehrung des Mammon. Dazu dienen auch die Waffen. Sie sind Waffen im Dienst der Geldvermehrung. Um in den Genuss des so genannten Rettungspakets zu kommen, musste Griechenland Renten und Löhne kürzen. Also sauren Verdienst in noch saureren verwandelt. Und es kaufte zugleich Kriegsschiffe aus Frankreich und Deutschland. Nicht ohne Geld, sondern für mehrere Milliarden Euro. Geld, das die Griechen nicht satt macht, sondern den Hunger zurückkehren lässt in diesem Land. Auf diesem Markt, wo das Leben ausverkauft wird, hätte Gott, der unverbesserliche Utopist, nicht viel zu lachen. Brot und Wein und Milch ohne Geld verkaufen? Das würden die Händler sich nicht gefallen lassen. Sie würden ihn wegen Wettbewerbsverzerrung verklagen. Denn er verdirbt die Preise. Alles, alles wird hier zur lukrativen Ware, das Wasser und das Brot, die Luft zum Atmen und der Zugang zum Strand, der Blick in den Himmel und die Stille, die Tiere und der menschliche Körper. Alles zum Kaufen und Verkaufen. Alles eine Sache des Preises; und wer kein Geld hat, ist raus.Gott aber kommt es auf die an, die ausgeschlossen sind aus der bunten Warenwelt: „Die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“ Gott gibt Brot dem, der Hunger hat, ob er Geld hat oder nicht. Entscheidend für den Zugang zu Wasser ist bei ihm, ob einer durstig ist, und nicht, ob er das Wasser bezahlen kann. Und nicht nur Brot und Wasser, sondern auch die Milch und den Wein bekommt er. Gott weiß nämlich, dass zum menschlichen Hunger auch der Appetit auf das gehört, was uns Genuss und Freude bereitet. Das Bisschen mehr, das unser Leben braucht, um nicht bloß Überleben zu sein. Gewiss werden wir nicht morgen das Geld abschaffen. Aber wir können heute anfangen Gottes Fragen laut zu stellen: Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Warum verwandelt ihr alles in Ware? Warum muss aus allem Geld und noch mehr Geld werden? 

Danke, Frau Niemeyer!

Schland

Schland ist ein kinderarmes Land: “Nur noch 16,5 Prozent der über 81 Millionen deutschen Staatsbürger sind jünger als 18 Jahre. Das geht aus dem aktuellsten Bericht des Statistischen Bundesamtes mit dem Titel ‘Wie leben Kinder in Deutschland?’ hervor.” So die Onlineausgabe der Süddeutschen am dritten August des vergangenen Jahres. Bei unseren Nachbarn, den Franzosen liegt dieser Anteil immerhin bei mehr als zweiundzwanzig Prozent. In Großbritannien, den Niederlanden oder den skandinavischen Ländern beträgt der Anteil der Kinder und Jugendlichen mehr als ein Fünftel. Wir haben aber nicht nur die wenigsten Kinder. Wir haben auch die meisten armen Kinder in Europa. In Schland ist jedes sechste Kind unter achtzehn Jahren von Armut bedroht. Bundesweit gaben sieben Prozent der Familien mit Kindern unter sechzehn Jahren an, ihrem Nachwuchs aus finanziellen Gründen keine regelmäßige Freizeitbeschäftigung wie Sport oder Musizieren ermöglichen zu können. “Wer arm ist, ist in vielen Bereichen des Lebens benachteiligt. Neben Bildung, Beruf oder Krankenversorgung erfahren in Armut lebende Jugendliche auch im sozialen Leben grundlegende Nachteile.” So zu lesen in der Studie “Monitor der Jugendarmut 2012” von der Bundesarbeitsgemeinschaft Katholische Jugendsozialarbeit (BAG KJS), einem Zusammenschluss von sechzehn katholischen Organisationen und Landesarbeitsgemeinschaften. Sie vertritt die Interessen von sozial benachteiligten und individuell beeinträchtigten Jugendlichen in Politik, Kirche und Gesellschaft. Die BAG KJS fordert deshalb, den monatlichen Hartz-IV-Regelsatz von Jugendlichen nach oben zu korrigieren. Zudem bräuchten junge Menschen eine ganzheitliche Förderung zur Persönlichkeitsbildung. “Die Würde von Jugendlichen muss Handlungsgrundlage für alle Hilfs- und Förderangebote sein.” Dagegen ist die Zahl derer in Schland  um drei Prozent gestiegen, die über ein anlagefähiges Vermögen von mehr als einer Million Dollar verfügen, natürlich ohne die selbstgenutzten Immobilien sowie Sammlungen wertvoller Objekte. Knapp eine Million Menschen gehören in Schland zu dieser Gruppe. Damit liegt Schland hinter den USA und Japan auf Platz drei der Länder mit den meisten Dollar-Millionären. Nachzulesen in Spiegel Online. Und: Rein rechtlich betrachtet, ist es in Schland völlig in Ordnung, wenn eine Pharmareferentin einem niedergelassenen Arzt einen Scheck von achtzehntausend Euro ausstellt, weil der Doc die Pillen des Pharmaunternehmens besonders eifrig verschrieben hatte. So zu lesen in einem Artikel der Süddeutschen Online von heute. Kann ein Patient in Schland also noch seinem Arzt vertrauen, wenn der Geld von dem Pharmakonzern annehmen darf, dessen Pillen er verschreibt? Man möchte glauben, daß das Land, das mit diesen wenigen Zeitungsberichten beschrieben wird, Schland, mit unserem Land, Deutschland, nichts zu tun hat. Man möchte.

Pink-Stich

Ich bin ja wirklich selten einig mit Uli Hoeneß. In diesem Fall jedoch spricht er mir aus dem Herzen: “Adi Dassler würde sich im Grab umdrehen, wenn er sehen würde, mit welchen Schuhen heutzutage gespielt wird.” So zitiert die Onlineausgabe der Rheinischen Post den Präsidenten des FC Bayern München. “Angesagt,” so liest man dort,  “ist bei der EM in Sachen Schuhmode das, was hervorsticht. Color-Blocking heißt der Trend. Grelle Töne wie Neon-Rot mit einem Pink-Stich oder Giftgrün – jeweils nur an der Hacke – sind dabei der Renner. (…) So hat sich Bastian Schweinsteiger den Vornamen seiner Freundin Sarah Brandner auf seine besten Stücke stanzen lassen. Mannschaftskollege Toni Kroos war da innovativer: ‘Julius’ und ‘Lennox’ ist auf seinen Schuhen zu lesen – es sind die Hunde des Bayern-Spielers.”  Wenn sie sonst keine Sorgen haben …

Lächerlich

“Vor 43 Jahren hat der Mensch den Mond erobert, auch sonst tat sich seither technologisch einiges: Von der Drohne über die pränatale Operation im Mutterleib bis zur Mikro- kamera, die in Hemdknöpfe passt. Aber halt. Ein kleines, milliardenschweres Schattenreich hat sich den Segnungen der Technik bisher strikt verweigert – der Fußball. Weltverbands-Boss Sepp Blatter und Europa-Chef Michel Platini sahen stets unüberwindbare technische Probleme darin, einen melonengroßen Gegenstand beim Überschreiten einer dicken Kreidelinie zu erfassen. Stattdessen wurde alberner Aktionismus betrieben mit Chips in Bällen und schließlich der Torlinienrichter eingeführt, als menschliche Problem- lösung, die der Sportfunktionär ja so schätzt. “Der muss nur schauen”, dozierte Uefa-Chef Platini, “ob der Ball über die Linie ist.” Das hat der Torrichter im Spiel England -Ukraine getan, mit monatelanger Übung, und sah doch nicht, was Millionen TV-Zuschauer in aller Welt aus jeder Warte sahen: Tor für die Ukraine. Auch tags zuvor im Spiel Spanien – Kroatien guckte der Hilfssheriff auf der Linie ganz genau hin – und verpasste als einziger Augenzeuge ein Foulspiel, das direkt vor ihm stattfand. Das ist die Bankrotterklärung. Das Torrichter-System ist absurd: Statt drei sind nun fünf Referees zugange, Tendenz steigend, die Macht des Funktionärs steigt mit jedem Pöstchen, das er zu vergeben hat – und was machen diese Referees? Sich lächerlich. Bestenfalls.” (Thomas Kistner in einem Kommentar der Süddeutschen Zeitung Online am 20. Juni 2012)

Lieschen Müller

Lieschen Müller ist eine berühmte Frau. Wer immer ein Beispiel für Blödheit, für eingeschränktes Denken, für die Ahnungslosigkeit des Durchschnittsmenschen braucht, bemüht diese berühmte Frau, Lieschen Müller. Politik wird nicht gemacht, wie Lieschen Müller sich das so vorstellt. Das wäre ein solcher Satz. Gemeint ist, daß Politik kompliziert ist, schwer zu entschlüsseln, nicht von jedermann zu verstehen. Jedenfalls nicht von Lieschen Müller, der teutonischen Durchschnittsfrau, sozusagen der personifizierten Frau Mustermann. In Wermelskirchen jedenfalls stimmt dieser Satz nicht. Hier wird Politik so gemacht, wie Lieschen Müller sich das so vorstellt.  Da wird eine Regelung getroffen, daß Radfahrer nach Fertigstellung der Radtrasse gegen die Einbahnstraßenrichtung in der Telegrafenstraße fahren dürfen. Ein Jahr lang soll diese Regelung ausprobiert werden. Das stört aber Autofahrer, die sich von den Verkehrsbeschränkungen der Wermelskirchener Hauptstraße nicht im Geringsten beeindrucken lassen. Sie fahren schneller, als erlaubt, halten und parken, wo es verboten ist. Zugleich verwaist die für den Autoverkehr vorgesehene Brückenstraße. Und jetzt kommen die Radfahrer und beleben die Innenstadt, die Telegrafenstraße. Und also macht sich die Autofahrerlobby sofort auf die Socken, besser: auf die Reifen. Im Verkehrsausschuß beschließt eine knappe Mehrheit von CDU, WNKUWG und Bürgerforum, den Radverkehr aus der Telegrafenstraße zu jagen. Man sieht förmlich, wie sie hinter ihren Rücken die Finger kreuzen, während sie nach vorne das hämische Grinsen nur mit Mühe unterdrücken können und zugleich ihre Sorge um die unfallfreie Existenz von Radfahrern in die Mikrophone und Notizblöcke diktieren. Die Autolobby, wie sie leibt und lebt. Dann kommen die ersten Proteste, natürlich, es regt sich Widerstand, das Ganze wird in der Stadt diskutiert, die Presse nimmt sich des aberwitzigen Vorschlags der Autolobby an. Und nun? Die CDU schweigt noch vornehm, das Bürgerforum auch. Offenbar nicht ahnend, daß sie dabei sind, ihre politische Reputation vollends zu verspielen. Die WNKUWG hingegen, fürs Zaudern nicht bekannt, fürs bedächtige Abwägen, aber offenbar mit einer Ahnung, einem Näschen für zu erwartende Ablehnung beim Wähler ausgestattet, liefert den ersten verwegenen Schnellschuß. Der irre Vorschlag: Die Einbahnstraßenregelung in der Telegrafenstraße umdrehen, den Radverkehr auf die Brückenstraße abdrängen. Nicht Denken, Handeln. Schnell sein, der Erste, egal mit welchem Vorschlag. Im Gespräch bleiben. Hier in Wermelskirchen wird Politik nicht gemacht, wie Lieschen Müller sich das so vorstellt. Hier in Wermelskirchen macht Lieschen Müller Politik. Die Lieschen Müllers in CDU, WNKUWG und Bürgerforum machen Politik und der Bürger kann sich nur noch an den Kopf fassen.

Duracellkanzlerin

Wer das weitgehend verlorene Körpergefühl bei Kindern und Kleinkindern beklagt, ihre nicht mehr zureichend ausgebildeten oder entwickelten körperlichen und motorischen Fähigkeiten, der hat unsere Kanzlerin noch nicht beim Jubel über ein Tor der deutschen Nationalmannschaft bei der Europameisterschaft im Fernsehen beobachtet. Die Arme hochrecken, ganz hochrecken, das können Kinder und Kleinkinder allemal. Die Kanzlerin hingegen sieht aus, als stemme sie eine imaginäre Hantel aus Pappe mühsam in Stirnhöhe, wenn sie jubelt. Und wenn sie in die Hände klatscht, sieht man förmlich eine Widergängerin der Duracelläffchen. Nein, eine Sportveranstaltung ist keine natürliche Umgebung für unsere Kanzlerin. Es sei denn, es handelte sich um eine Rehabilitationskur.

Vielbeinige Akropolis

Aus der Reihe sinnbefreiter Sätze:  Die Abwehr, sie steht, vielbeinig wie die Akropolis. (Béla Réthy, ZDF-Kommentator des Europameisterschaftsspiels zwischen Griechenland und Deutschland)

Typisch portugiesisch

Aus der Reihe sinnbefreiter Sätze: Eine typische Armbewegung bei den Portugiesen: Hände über den Kopf. (TV-Kommentator Oliver Schmidt vom ZDF  während des Europameisterschaftsspiels Portugal gegen Tschechien)