Unanständig

Nein, nicht Erling Braut Haaland ist unanständig. Unanständig und verkommen ist, was er verdient, als weiß Gott erstklassiger zweiundzwanzigjähriger Fußballer beim englischen Fußballverein Manchester City: Vierhundertdreißigtausend Euro. Pro Woche wohlgemerkt. Nicht norwegische Kronen, Lire, Pfund oder australische Dollar. Euro. Der Physik-Nobelpreis wird für eine wissenschaftliche herausragende Leistung vergeben. Und da erfolgreiche Forschung bisweilen Jahre und Jahrzehnte währen kann, steht der Preis gleichsam für eine Lebensleistung. Dotiert ist der Nobelpreis für Physik mit circa neunhundertneunzigtausend Euro. Umgerechnet also für etwa zweieinhalb Wochen Kicken für Haaland in Manchester. Möglich gemacht durch Öleinnahmen in Vorderasien. Unanständig. Alltäglicher, unanständiger Kapitalismus.

Tag der Deutschen Einheit

Hat es je einen Tag der Deutschen Einheit gegeben, dritter Oktober oder siebzehnter Juni, der in einer Krisengemengelage begangen werden mußte, wie wir sie heute vorfinden? Ein Krieg mitten in Europa, im zweitgrößten Flächenstaat des Kontinents angezettelt von der Atommacht Rußland. Eine Energiepreiskrise, zurückgehend auf den Krieg in der Ukraine und eine nachgerade abenteuerliche Bindung und Selbstfesselung an russische Energielieferungen über lange Jahre und unterschiedliche Parteikonstellationen hinweg. Eine Energieliefer- und produktionskrise, weil russisches Öl und Gas zur Waffe im Krieg gegen die Ukraine werden und konservative Kräfte im Land viele Jahre eine angemessene Nutzung erneuerbarer Energien hintertrieben haben. Eine Klimakrise, weil sich alle politischen Kräfte im Land gegen jeden Rat von Wissenschaftlern und Experten viel zu lange davor gedrückt haben, die erforderlichen politischen und ökonomischen Maßnahmen in die Wege zu leiten. Eine Preiskrise, weil zum ersten Mal seit etwa siebzig Jahren in Deutschland die Inflationsrate auf zehn Prozent gestiegen ist. Eine Krise der Volksgesundheit und des Gesundheitssystems, weil die Corona-Pandemie auch nach drei Jahren noch nicht wirklich zurückgedrängt und es fraglich ist, ob die nächste Welle, hervorgerufen durch die Omikron– oder eine neue Variante des Virus, halbwegs glimpflich verläuft. Das Gesundheitssystem ist derzeit nicht so ausgestattet, daß der dringend benötigte Bedarf an Pflegekräften gedeckt werden könnte. Das Bildungswesen im Land bedarf dringend der Erneuerung. Es fehlen Lehrkräfte, Sozialarbeiter, Bildungsmanager. Infrastruktur zerfällt. Brücken und Straßen, Schulbauten und andere öffentliche Einrichtungen sind oft in beklagenswertem Zustand. Die Modernisierung und Digitalisierung großer gesellschaftlicher Bereiche, des Gesundheitswesens, Bildung, Schule und Hochschule, Verkehr und Transport, öffentliche Verwaltung ist nicht einmal ansatzweise in Angriff genommen. Eine Demokratiekrise schließlich, in die der verantwortungslos-rechtspopulistische Versuch münden kann, wissenschaftliche Erkenntnisse und politische Tatsachen, historische Gewissheiten und moralische-ethische Werte zu zerstören und eine hemmungslos-ungezügelte, beleidigend-haßerfüllte öffentliche „Kommunikation“ in sogenannten sozialen Netzwerken zu installieren und hernach auf die Straße zu bringen, die sich jeglicher Regelung entzieht, weder sprachliche noch Normen des Umgangs anerkennt, die Lüge und Denunziation hoffähig macht. Intendiert ist eine Spaltung der Gesellschaft in ein „Wir“ und in ein „Die“, die Belebung von Ressentiments, der verächtliche Umgang mit Minderheiten, ethnischen, religiösen, Menschen mit abweichender sexueller Orientierung, sozialen Minoritäten, Flüchtlingen und Asylbewerbern, Fremden. Politische, gesellschaftliche oder andere Eliten, beispielsweise Wissenschaftler, werden geschmäht. Und dennoch: Unser Land, unsere Gesellschaft hat jeden Grund, die Einheit zu feiern, die Freiheit von Diktatur und Unterdrückung. Trotz all der Krisen und weiterer krisenhafter Entwicklungen, beispielsweise der globalisierten Produktion und der Hunger- und Ernährungskrise in weiten Teilen der Welt, vor allem in Afrika, halten die Klammern der Gesellschaft noch. Am Tag der Deutschen Einheit wird immer wieder deutlich, daß Freiheit keine auf Dauer unterdrückbare Idee ist. Allen Krisen zum Trotz. Sie, die Freiheit bricht sich Bahn, wenn ihre Idee viele Menschen erfaßt. Dann zerbricht die Macht, zerbröseln die Strukturen, Regeln, Gesetze, Bestimmungen der Einschränkung. Wenn sich freie Menschen verbünden, in großer Zahl in der Idee von Freiheit und Demokratie, von Rechtsstaat und Vernunft, von Gerechtigkeit, Gemeinwohl, Offenheit haben Autokraten, haben Despoten und Diktaturen keine Chance. Das lehrt der Tag der Deutschen Einheit. Mögen die Völker in der Ukraine und in Rußland, im Iran und den arabischen Ländern, überall dort, wo derzeit noch Unfreiheit und Despotie herrschen, alsbald ihren eigenen Tag der nationalen Einheit begehen können, den Tag der Befreiung.

Bella Ciao – in Persisch, gesungen von einer iranischen Frau

Die Alternative „Putin gewinnen lassen“ oder „ihn mit vereinter Hilfe, aber größten Opfern niederringen und das Risiko eines dritten, vielleicht atomaren Weltkriegs in kauf nehmen“ hat mich zunehmend sprachlos gemacht in den letzten Wochen. Dazu die Protestler, die „der Demokratie“ die Schuld geben oder der Regierung, statt dem Verbrecher im Kreml. Dazu die Befürchtung, dass die Trumpisten in den USA die Herbstwahlen gewinnen können und wir es in zwei Jahren abermals mit Trump oder einem seiner Fußstapfentreter zu tun bekommen … Dann würde das Weltschicksal von einem Verbrecher im Kreml, einem Verbrecher in Peking und einem Durchgeknallten in Washington bestimmt, und dazwischen die kleine, zerstrittene EU, in der es auch schon aus allen Ritzen nach Faschismus stinkt. Noch nie in meinem Leben habe ich mich so ohnmächtig und so pessimistisch gefühlt wie jetzt.

Um nicht völlig in Trübsinn und Defätismus zu versinken, schaue ich mir regelmäßig die Bilder von den iranischen Frauen an, wie sie ihre Kopftücher ins Feuer werfen, sich ihre Haare abschneiden, und: wunderbar singen. Europäische Lieder. Freiheitslieder. Hoffnungslieder. Aber auch hier das Gefühl der Ohnmacht: Ich kann nichts für sie tun. Und der hässliche, nagende, aus Erfahrung gespeiste Pessimismus: Wird wohl auch wieder enden wie alle Freiheitsbestrebungen zuvor. Mit brutaler Niederschlagung, Mord, Folter, Gefangenschaft. Wie in Belarus. Wie immer. Oder weiß jemand, wann zuletzt in der Geschichte aus einem Schrei nach Freiheit wirklich Freiheit wurde? Und dennoch: So lange ich lebe, werde ich nicht aufhören zu hoffen, dass es einmal gelingen wird, wenn es nur oft genug probiert wurde.

Und ich habe etwas entdeckt, was man trotz aller Ohnmacht tun kann und was ein kleines bisschen mehr ist als Solidarität zeigen, Liken und Petitionen unterschreiben. Man kann den mutigen Menschen, denen das Internet abgestellt wurde, weil sie sich im Iran – oder auch in Russland – mit ihrem verbrecherischen Regime anlegen, helfen, die Internetzensur zu umgehen, indem man etwas von seiner eigenen Internetbandbreite abzwackt und sozusagen spendet. Jeder kann das. Und es geht ganz einfach. Man braucht dazu nur eine Browser-Erweiterung, sie heißt Snowflake, und man kriegt es unter diesem Link: https://snowflake.torproject.org

Einfach herunterladen und in Chrome oder Firefox installieren. Ob es auch in Safari geht, weiß ich nicht. Auf der Website wird es nur für Chrome und Firefox angeboten. Also macht es. Je mehr sich daran beteiligen, desto schwieriger wird es für die Verbrecherregimes, ihre Völker vom Internet abzuschneiden.Wer mehr Infos dazu möchte, kriegt sie hier: https://www1.wdr.de/nachrichten/projekt-snowflake-100.html

Christian Nürnberger auf seiner Facebookseite

Sozialtourismus

Sozialtourismus. Ein gefühlloses Wort, das, wie einst schon die Leitkultur, nichts erhellen soll, nichts klären, nichts kommunizieren, nichts deutlich machen. Friedrich Merz, der „Schöpfer“, will nicht ins Gespräch kommen, sondern auf gemeinste Weise Unfrieden stiften, die Gesellschaft spalten, Ressentiments schüren, Stimmung machen. „Die Konservativen gleiten ab in Banalität und Bösartigkeit.“ So überschrieb die Süddeutsche Zeitung neulich die Kolumne von Carolin Emcke, der mehrfach ausgezeichneten Publizistin. Und Emcke fährt fort: „Mal angenommen, die CDU/CSU verstünde sich als christliche Partei mit einem ‚zeitlosen Wertefundament‘, wie sie es selbst in der Grundwertecharta formuliert, mal angenommen, sie würde ihren eigenen normativen Kern, den Begriff der Verantwortung, wirklich ernst nehmen, dann müsste sie prädestiniert sein für die Krisenhaftigkeit dieser Zeit. Die konservative Idee lebt von dem Versprechen des Stabilen, der Bewahrung dessen, was unantastbar bleiben soll, ganz gleich, was sonst verwandelt wird. Ob der russische Vernichtungskrieg in der Ukraine und die Energiekrise, ob die Klimakatastrophe und Zerstörung der dem Menschen lediglich anvertrauten Natur, ob die weltweite Erschütterung durch totalitäre Regime, sie alle könnten einladen zu einer Vertiefung oder Erweiterung der Idee der Verantwortung. Die Krisen enthalten gute Gründe, die sich konservative Parteien zu eigen machen könnten, wenn sie ambitioniert und wahrhaftig für ihre Werte einstehen wollten. Ja mehr noch, wenn sie ihre eigenen Werte auch dem Stresstest der Wirklichkeit unterziehen, wenn sie sie da einsetzen wollten, wo sie gebraucht werden.“ Eine Annahme, leider, die von Merz & Co. hintertrieben wird. Im Gegenteil verstümmeln die Merz’ und Söders Bürgerlich-konservatives und „führen ins demokratisch-intellektuelle Nirwana eines Kulturkampfs, der die Kultur, die zu verteidigen er behauptet, kaum mehr kennt.“ Emcke verweist auf das historische Versagen anderer konservativer Parteien, ob in den Vereinigten Staaten oder im Vereinigten Königreich, in Frankreich oder Italien, die „nur noch zwischen Banalität und Bösartigkeit zu pendeln vermögen“, aber nicht mehr mit substantiellen politischen Konzepten zu überzeugen wüßten. Sozialtourismus, eine Vokabel, die allenfalls zum Denk- und Sprachgebäude der Banknachbarn der Konservativen im Deutschen Bundestag, den Rechtsnationalisten, den Völkisch-Gestrigen, gehört, erfährt mit Hilfe ebenfalls gestriger Konservativer eine eigentümliche Konjunktur. „Sobald die konservativen Parteien sich von rechtspopulistischen, neofaschistischen Bewegungen oder Figuren treiben lassen, sobald sie das Rationale als definitorischen Gegner ausmachen, leiten sie ihren eigenen Niedergang ein. Der rechte Rand diktiert die Themen, die langfristig die Mitte ihres bürgerlichen Gewissens und ihrer aufgeklärten Prinzipien beraubt, es reichen dann schon Trigger-Begriffe, keine Argumente, “Genderideologie”, “Zwangsgebühren”, “Sprachpolizei”, und so begeben sich die konservativen Parteien ins Abseits eines Diskurses, der sie immer weiter von sich selbst entfernt.“ Soweit noch einmal die Kolumnistin Carolin Emcke. Die Konservativen müssen dieses Abseits verlassen, denn es geht um mehr als das alltägliche Ranking, um den kleinen Vorsprung im Tageskampf politischer Strömungen, das Scharmützel um die knalligsten Überschriften in Funk und Presse. „Ob es autoritären, neofaschistischen Bewegungen und Parteien gelingt, in Europa die Demokratien auszuhöhlen, steht und fällt mit den konservativen Parteien. Wenn sie sich nicht abgrenzen, wenn sie sich nicht selbst ernst nehmen, wenn sie zur anti-rationalistischen Denkbewegung mutieren, dann schaffen sie sich selbst ab“, warnt Emcke. Es reiche „eine demokratische Gesinnung, um sich eine bürgerliche und konservative Partei zu wünschen“, man müsse nicht selbst konservativ sein, um sich die bürgerlich-konservativen Parteien als bürgerlich-konservativ zu wüschen. Die Schöpfung lasse sich nicht bewahren ohne entschiedene Anstrengungen zur Vermeidung der Klimakatastrophe und zur Durchsetzung der Energiewende. „Wer den Wohlstand bewahren will, könnte die Ungleichheit am dringlichsten bekämpfen. Wer Zukunftskompetenz beweisen will, könnte eine postfossile Verkehrspolitik vorantreiben. Wer sich auf christliche Nächstenliebe beruft, wer will, dass Menschen frei und selbstbestimmt leben, könnte die Rechte von trans Personen als erste verteidigen.“ Ja, auch ich wünsche mir eine derart verstandene bürgerlich-konservative Kraft, die Pöbelei und Populismus jenen überläßt, die nicht konservativ sind, sondern reaktionär, völkisch-nationalistisch oder rechtsextrem.

Kleines o

Zum vierten Mal gegen Corona geimpft. Jetzt gegen die Omikron-Variante. Besser: gegen eine der vielen Omikron-Varianten die hier und anderswo unterwegs sind. Wenn es demnächst ein Serum gegen den vorherrschenden Omikron-Subtypus geben sollte, werde ich meinen Oberarm auch zum fünften Male hinhalten. Das versteht sich von selbst.

Gut geklärt

„Gut geklärt von Süle.“ Mit diesem Satz liegt Béla Réthy zwar richtig. Aber warum spricht er ihn aus? Die neununddreißigtausend Zuschauer im Stadion haben die Abwehraktion von Niklas Süle ebensogut sehen können wie die Millionen von Fernsehzuschauern. Beschreiben, was jeder sieht. Béla, Béla