Tannhäuser Tor

„Ich habe Dinge gesehen, die ihr Menschen niemals glauben würdet. Gigantische Schiffe, die brannten, draußen vor der Schulter des Orion. Und ich habe C-Beams gesehen, glitzernd im Dunkeln, nahe dem Tannhäuser Tor. All diese Momente werden verloren sein in der Zeit, so wie Tränen im Regen.

Zeit zu sterben.“

(Aus Blade Runner: Der Replikant Roy Batty (Rutger Hauer) zu seinem Gegenspieler Rick Deckard (Harrison Ford), nachdem er diesem auf dem Dach eines Hochhauses im Regen das Leben gerettet hat. Im Bewusstsein seines nahen Todes (Replikanten haben nur vier Jahre Lebenszeit) erinnert er sich, an Deckard gewandt, an Erlebnisse während seiner extraterrestrischen Kampfeinsätze

Mein Lieblingsfilmziat.

Trump-Fans an der Walmartkasse

Mit diesem Atemschutz bleibt allen Kunden die Luft weg, oder? Risikopatient hin oder her …

Das Beitragsbild ist der Screenshot eines Facebookvideos von Raphaela Mueller

Geisterspiele

Wenn man bei einem entscheidenden Fußballrelegationsspiel nicht wirklich mit Herzblut beteiligt ist, mit der Vorliebe für eine der beiden Mannschaften, dann – und das dürfte den meisten Beobachtern so gehen – dann gelten die Sympathien meist dem unterklassigen Verein, dem Underdog, heute also dem FC Ingolstadt, dem Drittligisten, der sich mit dem Zweitligisten, dem FC Nürnberg, messen mußte. Insofern hat es durchaus einen bitteren Nachgeschmack, daß am Ende einer überlangen Nachspielzeit, die durch den Spielverlauf nicht gerechtfertigt war, Nürnberg noch das entscheidende Tor zum Verbleib in der Zweiten Liga gelang. Ein Geisterspiel. So nennt der Zeitgeist die Profifußballspiele ohne Zuschauer. Ein Geisterspiel aber auch, weil der Fußball in seiner gegenwärtigen Verfassung gegen die bösen Geister der Bedeutungslosigkeit anspielt. Gehypt, zum Fernsehsport Nummer Eins hochgeschrieben und in unzähligen Gesprächsrunden auch hochgequasselt, rettet sich der vermeintliche Volkssport mit Mühen und Geisterspielen aus der ökonomischen Krise. Fußball ist zum exakten Abbild einer überlebten Lebens- und Produktionsweise geworden. The winner takes it all. Alles für die Mächtigen. Wenige werden immer reicher und mächtiger, viele immer ärmer und bedeutungsloser. Und die hemmungslose Vermarktung entfremdet die einstigen Liebhaber dieses Sportspektakels von ihrer Leidenschaft. Der Ligaalltag wird auf vier Wochentage verteilt. Freitag, Samstag, Sonntag und Montag. Dienstag, Mittwoch und Donnerstag folgen dann die Championsleague, die Europaleague oder die Pokalspiele. Jeden Tag Fernsehfußball. Prinzipiell. Das hält der beste Fan nicht aus. Ein Dauermeister, Dauerabonnenten für die Spiele in den europäischen Wettbewerben, Dauerfußball im Fernsehen. Obwohl doch nur noch die Abstiegsfrage für eine gewisse Spannung sorgt. Mitunter. Die Ware Fußball dürfte bei einem derartigen Angebotsüberhang nicht teurer, sie müßte billiger werden. Müßte. Aber die ökonomischen Regeln gelten ja nicht, wie uns die Coronakrise lehrt. Jene, die ansonsten am lautesten den vollkommen freien Markt propagieren, die absolute Enthemmung, schlüpfen in der Krise geschwind unter irgendeine Rettungsdecke. Die Bundesliga und ihre Geisterspiele. Wie lange noch?

Samantha Fish

Einfach so …

Rücksicht und Entschleunigung

Natürlich, die Pandemie mit ihren Folgen ist eine schwere Belastung. Für alle. Aber: Mir als jemand, der von Anfang Februar an bis vor etwa drei Wochen wegen einer Lungenerkrankung fast nicht mehr draußen war, sondern sich nur noch im eigenen Zimmer aufgehalten hatte und zwei Mal sogar ausgedehntere Krankenhausaufenthalte einlegen mußte, mir fällt nunmehr, da ich mich wieder draußen aufhalten kann und dies gelegentlich auch tue, auf, daß sich fast alle Menschen an die Pandemieauflagen halten. Fast jeder trägt einen Mundschutz. Vor den Geschäften werden die Einlaßbeschränkungen eingehalten. Menschen, die vor allem gelernt hatten zu drängeln und keinerlei Erfahrungen im “Schlangestehen” kultiviert haben oder kultivieren mußten, wie etwa in England oder der DDR, fügen sich klaglos. Rücksicht ist angesagt. Selbst die Paketboten halten einen Mindestabstand ein, wenn sie eine Onlinebestellung an der Haustüre abliefern. Auch im Auto werden Mundschutze getragen. Darauf hätte ich vor Wochen noch keine Wette gehalten. Daß in der egomanischen Spaß- und Partygesellschaft Rücksicht auf Kranke und Gefährdete dominiert, daß das Ego der Selbstverwirklicher zurücktritt hinter die Belange der Gemeinschaft. Jedenfalls weitgehend. Entschleunigung ist eine der Folgen, wenn man warten muß, um ein Geschäft betreten zu können. Die Kehrseite von Entschleunigung ist der Zuwachs an Geduld, an Duldsamkeit, an Gelassenheit. Es tut der Gesellschaft insgesamt gut, wenn Hektik und Hyperaktivität gedämpft, tendenziell reguliert werden. Ich wünsche mir, wie alle anderen auch, daß man möglichst bald eine wirksame Medizin gegen das Virus sowie einen guten Impfstoff entwickeln wird. Ich wünsche mir aber auch, daß dann Rücksichtnahme und Entschleunigung weiterhin starke Kennzeichen unseres Gemeinwesens sein werden.

Instinkt

VON WOLFGANG HORN

Der Instinkt scheint jenen abhanden gekommen sein, die mitten in der Coronakrise, in der Künstler, Solo-Selbständige, kleine Gewerbetreibende, Musiker, Gastronomen, Kulturschaffende, zusehends mehr daran zweifeln, die Krise ökonomisch überleben zu können, darüber nachdenken, den Fußballbundesligaverein SC Schalke Null Vier mit Landesmitteln zu sanieren. Instinkt, das ist der innere Impuls, das Richtige zu tun, ohne daß man nachdenken muß. Eine solche Überlegung, Schalke mit Steuermitteln über die Krise zu helfen, kann man nur instinktbefreit anstellen. Einem Verein unter die Arme zu greifen, der das Jahressalär eines Fußballers künftig auf „nur“ zweieinhalb Millionen Euro begrenzen will, auf die Idee kann man nur vollkommen benebelt kommen. Wenn der Populismus die Sinne benebelt.

Jedermanns Aufgabe

Politische Attentate – insbesondere, wenn sie gleichsam in Serie verübt werden – passieren nicht einfach so. Sie sind Folge eines gesellschaftlichen Klimas, das ihnen den Boden bereitet. Dieses Klima wird seit einigen Jahren in den digitalen Netzwerken nicht nur gesetzt, sondern durch sie sogar gefördert. Deren Algorithmen belohnen die massenhafte Preisgabe von Anstand und Respekt. “Volksverräter” ist ein Ausdruck, der dort mittlerweile so üblich ist wie Chlor im Schwimmbad. (…) Es ist gut, dass es mittlerweile Razzien nicht nur gegen Dealer, sondern auch gegen Internet-Hetzer gibt. Zwei Gruppen haben hier zu lernen: die Täter, dass sie Kriminelle sind, mit einem reellen Risiko, erwischt zu werden – und Staatsanwälte, dass ihre Mühe nicht der Ahndung einer vermeintlichen Lappalie gilt, sondern der Bewahrung eines Klimas, ohne das die Demokratie in Angst und Brutalität versänke. (…) Zugleich ist dieser Klimaschutz eine Arbeit, die sich nicht einfach an juristische und politische Profis delegieren lässt. Sie ist jedermanns Aufgabe. Es ist von Bedeutung, wenn Bundesligaspieler aus Protest gegen Rassismus niederknien. Es ist von Bedeutung, dass der Bundespräsident bedrohte und angegriffene Bürgermeister mehrmals trifft und ihnen damit Solidarität und Öffentlichkeit verschafft. (…) Walter Lübcke ist tot, weil in der Gesellschaft ein Feld aus Hass und Aggression gedieh. Diese schuldet es ihren Repräsentanten und sich selbst, diesem Feld nicht länger beim Wachsen zuzusehen.

Detlef Esslinger, Lübke-Prozess. Ein Feld aus Hass und Aggression, in Süddeutsche Zeitung vom siebzehnten Juni Zweitausendundzwanzig

Tag des Eistees

Einen Zusammenhang muß es nicht unbedingt geben: Heute wird, in den USA zumal, der Tag des Eistees begangen. Und: Heute vor fünfundachtzig Jahren wurde ebendort in Akron (Ohio) die Selbsthilfegruppe „Anonyme Alkoholiker“ gegründet. Finger weg vom Sprit. Seither hat diese sich zur internationalen Bewegung gemausert, die Abstinenz vom Alkohol und Abstinenzler unterstützt. Das wiederum, internationale Bedeutung, kann man jenem, dem Tag des Eistees, nicht unbedingt attestieren. Eistee. Auch ganz ohne Alkohol. Hierzulande eher zuckrig, süß, verpanscht. Mit künstlichem Obstaroma, rund um eine Pfirsichimagination herum. Nein? Schon im frühen neunzehnten Jahrhundert soll es zahlreiche Rezepte für gekühlte Teegetränke in der britischen und US-amerikanischen Küche gegeben haben. Erfunden vom Briten Richard Blechynden, Neunzehnhundertundvier, auf der Weltausstellung im amerikanischen St. Louis. Als Direktor des East Indian Pavilion für den Vertrieb indischer Teesorten zuständig, sollte er die amerikanischen Besucher vom schwarzen Tee überzeugen. Wegen einer immensen Hitzewelle ließ er den Tee durch gekühlte Bleirohre herunterkühlen und servierte ihn als „Iced Tea“. Just another sweet Softdrink. Ohne die Wucht indes einer anonymen, aber internationalen Vereinigung gegen Sucht und Rausch.