Lakonie

Fünfzig Jahre sind es heute, daß ich, mit anderen aus der Schule und der Clique, nachmittags auf der Liegewiese des Schwimmbads in Porz am Rhein war, wie fast jeden Tag im Sommer, auf unordentlich nebeneinander ausgebreiteten Decken und Handtüchern liegend, bäuchlings, weil die Sonne mir tags zuvor die Haut auf dem nicht eingecremten Rücken verbrannt und diese sich zu schälen begonnen hatte. Aus dem Gewirr von Musik, Gesprächsfetzen, Rufen und Lachen mühte ich mich, herauszuhören, wer denn schon alles eingetroffen war. Ich spürte eine Hand auf Schulter und Rücken, die kleine lose Hautfetzen packte und abriß, vorsichtig, sanft. Nach Minuten – oder war es doch länger? – lugte ich mit einem Auge, in die Sonne blinzelnd, schräg nach hinten über die Schulter, um festzustellen, zu wem die sanfte Hand gehören könnte. Barbara. Barbara gehörte die Hand. Der Freundin meines besten Freundes seinerzeit, Reinhold. Wir waren Anführer einer Schülergruppe, die sich, vergeblich, dem Ziel verschrieben hatte, die Mitschüler und das Proletariat zur Revolution zu bewegen. Weder waren die damals üblichen langen Haare, noch der auch in der Sommerhitze getragene Ledermantel oder das selbst im Schwimmbad auf der Liegewiese öffentlich zur Schau gestellte Studium der Schriften Lenins geeignet, Schüler und Proletariat zum Eintritt in die selbstredend von uns zu leitende revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft zu bewegen. Wir hatten dennoch unseren Spaß. Im Sommer. Auf der Liegewiese. Zurück zu Haut und Hand. „Kommt der Reinhold noch? Oder sollen wir gehen?“ Keck gefragt, mit einem Auge die Freundin des Freundes anblinzelnd. Pause. „Lass uns gehen.“ Ein lakonischer Dialog. Wir sind gegangen, damals, haben das Schwimmbad verlassen. Von Stund an waren wir ein Paar. Und sind es geblieben. Heute auf den Tag genau fünfzig Jahre lang.

Ohne Béla

Wie wohltuend: ein Fußballendspiel im Zweiten und Béla Réthy kommentiert. Eigentlich. Denn seit geraumer Zeit ist nur der Stadionton zu hören. Eine wunderbar-wohltuende Neuerung. So sollten alle Fußballspiele übertragen werden.

Nachtrag: die Tonprobleme sind behoben. Jetzt wird der Kommentar wieder übertragen und die Sendung ist nicht mehr hörbar. Schade.

Vergangenheit

Die Große Koalition der beiden schwindenden Volksparteien regiert ein Land, das es nicht mehr gibt, mit einem Instrumentarium, das nicht mehr funktioniert. Die CDU hat (wie die SPD) den Kontakt zur Gegenwart verloren. Und wenn sie von Rezo und seinen 13 Millionen dazu gezwungen wird, flüchtet sie auf bekanntes Terrain, nämlich die Vergangenheit.

Sascha Lobo, Digitalpolitik der Volksparteien. Marathon im Fettnapf, in: Spiegel Online vom dreißigsten Mai Zweitausendundneunzehn

Vierzehntausend

Das hat gedauert mit den letzten tausend Kilometern auf dem Rad. Genauer: Seit dem zehnten Oktober hatte ich die dreizehntausend Kilometer auf dem Rad hinter mich gebracht. Jetzt hat es fast sieben Monate gedauert, um von dreizehn auf vierzehn zu erhöhen. Und von nun an arbeiten wir an der Fünfzehntausend. Gleich, wie lange es dauern soll. Und schließlich: Ich war einfach zu dusselig, um im rechten Moment ein Bildschirmfoto meines Mobiltelefons zu machen, um die Vierzehntausend als glatte, runde Zahl zu dokumentieren. Deswegen jetzt eben eine krumme Zahl. Vierzehntausenddreizehn. Aber die überzeugt doch mit einer gewissen schlichten Schönheit, oder?

Jedes Dorf hat seine Notre-Dame

Die Kathedrale ist ein besonderer Ort (…) der Spiritualität, ein Glaubens- und ein Lebensraum; sie ist ein Ort, der die Geschichte bewahrt, sie ist ein Ort, an dem sich die geistige und die geistliche Substanz eines Landes verdichtet und fortwirkt.  So ein Ort ist mehr als ein Erbe, es ist ein Ort der Kraft. Wenn so ein Ort verbrennt, verbrennt mehr als ein Haus. Es verbrennt Heimat, es verkohlt die geistige Behaustheit der Menschen. Ein Mensch, der sein Gotteshaus liebt und die Stimme dieses Gebäudes zu sich sprechen lässt, wird nicht anders können als auch Respekt und Ehrfurcht vor dem Gotteshaus des Anderen (zu) haben, und er wird nicht auf die Idee kommen, das Seine zu zerstören. Wenn das Verbrechen in dieses Haus einbricht und auf heiligem Boden mordet, ist das ein mörderischer Frevel. Notre-Dame steht nicht nur in Paris. Jedes Dorf hat seine Notre-Dame. Die Gotteshäuser sind Häuser auch für die Menschen, die an einen Gott nicht glauben wollen oder können. Sie sind das, was es ohne sie nicht gäbe. Es gäbe keine Räume der großen Stille, der Meditation, des Innehaltens. Es gäbe keinen Raum, in dem Wörter wie Barmherzigkeit, Seligkeit, Nächstenliebe und Gnade ihren Platz haben. Es gäbe keinen Raum, in dem eine Verbindung da ist zu uralten Texten und Liedern – zu Liedern, die die Menschen schon vor Jahrhunderten gesungen, und zu Gebeten, die die Menschen schon vor Jahrtausenden gebetet haben. So ein Haus ist ein Haus, das Zeit und Ewigkeit verbindet. Das macht den Terror an diesem Ort so abgründig. Ein Gotteshaus, ob Kirche, Moschee, Tempel oder Synagoge ist ein Ort zur Heiligung des Lebens, ein Ort zur Rettung des Menschen. Wenn also in einem Gotteshaus gemordet wird, ist das ein Anschlag auf das Urvertrauen, dass es überhaupt einen Ort auf der Welt geben könnte, an dem es sicher und geschützt ist.

Auszug aus: Heribert Prantl, Prantls Blick – die politische Wochenvorschau, Newsletter vom zweiundzwanzigsten April Zeitausendundneunzehn