Der Faschismus trägt heute moderne Kleider

Ludwig Wittgenstein zeigt uns, Wörter sind keine Fenster zur Welt, Wörter machen die Welt, sie strukturieren unsere Gefühle, unsere Sinne, unsere Selbst- und Fremdwahrnehmung. Mit der Sprache können wir unser und das Leben der Anderen gestalten. Wörter können ermutigen und Angst machen. Die humane Sprache droht nicht, grenzt nicht aus und diskriminiert nicht, sondern verbindet, ist großherzig; auch gegenüber denjenigen, die in Not sind. Die Sprache der Neuen Rechten ist eine Sprache der Verängstigung, Aufhetzung und Ausgrenzung gegen einen vermeidlichen Feind. Ihre Sprache vergiftet das Sehen und Denken. Sie pflanzt Neid, Hass und Missgunst, Intoleranz und Gewalt in die Herzen der Menschen. Sie macht aus Unmoral Moral und aus Unrecht Recht. In Wirklichkeit geht es bei dieser Debatte um Recht und Rechte. (…) Konkret das Asylrecht und die Grund- und Menschenrechte. Diese „funktionieren in der Rechtsordnung nur als positives Recht, das nicht von moralischen Prinzipien, sondern ausschließlich von anderen Rechtsnormen begrenzt wird“, bemerkt Hauke Brunkhorst. Das heißt nicht, dass es keine Beziehung zwischen Recht und Moral gibt. Die „gängigen Menschenrechte drücken in der Regel tiefsitzende moralische Intuitionen aus“. Auf den „Moralismus“ oder auf die „Hypermoral“ der Linksliberalen zu schimpfen, gehört seit eh und je zur Metapolitik der rechtskonservativen Kulturkritik. Das ist nicht neu – wie auch die neue Rechte eigentlich die alte Rechte geblieben ist. Der Faschismus trägt heute moderne Kleider. Das Neue an der Neuen Rechten ist nicht ihre Ideologie, sondern ihr Design, ihr öffentliches Erscheinen. Dazu gehört ihre metapolitische Begriffsarbeit. Die führenden Köpfe der Neuen Rechten zeigen sich inzwischen derart professionalisiert, dass ihr Rassismus und ihre völkische Weltanschauung als solche in der breiten Öffentlichkeit kaum mehr als solche kenntlich wird und immer mehr den Diskurs bestimmt. Dabei zielt ihr Verwirrspiel mit Begriffen wie Hypermoral auf den Rückbau der liberalen Demokratie.

Dr. phil. Bruno Heidlberger, Ist Robert Habeck ein „Traumtänzer“ und ein „Hypermoralist“?, in: starke-meinungen.de

Es lebe der Influencer

Die Traurigkeit und Angst, die mit dem Verlust einhergeht, hat auch damit zu tun, das ein einstmals utopischer Gegenentwurf am Boden liegt: Die Schwarmintelligenz. Diese galt mit dem Aufkommen des Internets und seiner Netzwerke als neue Form der Wissensproduktion- und verwaltung. Eine, die ohne Anführer auskommt, in der anders gesprochen, entschieden und gedacht werden kann und das Unbedachte passiert. Heute redet darüber kein Mensch mehr. Das Internet liegt in der Hand weniger Monopolisten, die, so der Stammtisch, die Menschen gegeneinander aufhetzen. Dahinter kommt allerdings ein gesellschaftliches System zum Vorschein, das sich völlig anders strukturiert hat – in dem der kulturelle Diskurs nicht mehr auf dem Prinzip der Opposition, sondern der Kollaboration gründet.

In den Nachrufen zum einst gefährlichen Dinosaurier Gremliza werden zuhauf Wörter aus der Kiste geholt, die so staubig klingen, als wären sie eigentlich mit der BRD untergegangen und allesamt noch dem alten Prinzip der Opposition verpflichtet: Unerbittlichkeit, Uneinsichtigkeit, journalistische Unerschütterlichkeit, Ideologiekritik, rigorose Haltung oder moralische Klarheit. Sie wirken wie aus einer alten Kirche herausgebrüllt, die Fußgänger schauen kurz vom Handy auf, verstehen kein Wort und denken: Irre Typen. Die Fußgänger wissen genau, in Karlsruhe sitzt das oberste Gericht der Bundesrepublik Deutschland und letzte Instanz in Zivil- und Strafverfahren. Dort wird entschieden. In Kommunikation und Kultur misst sich Instanz heute allerdings nach Friends und Followern. Das Verrückteste und womöglich Genialste am Publizisten Gremliza war, dass er genau davon so wenig wie möglich wollte. Sein Erfolg errechnete sich nach Leuten, die er vergrätzt hatte. Je marginaler, desto wichtiger, je weniger er gelesen wurde, desto besser. Weil dies seiner Logik zufolge davon zeugte, dass er recht hatte. Ausweis seiner absoluten Unabhängigkeit und Souveränität, weder von der Gunst anderer noch von Likes bestimmt. Heute ist so etwas für viele nicht mehr nachvollziehbar, leicht verdreht wird es aber wieder ein Thema.

Timo Feldhaus, Der König kann gehen, in: Der Freitag, Ausgabe Drei, Zweitausendundzwanzig

Helge Lindh zu AfD-Antrag

Zumutung

Das Publikum unterfordern ist arrogant. Nicht arrogant ist, dem Publikum etwas zuzumuten.

Cornelia Ackers im Interview mit Holger Gertz, Süddeutsche Zeitung vom elften Januar Zweitausendundzwanzig

Verfassungswidrig

Wenn ich wie die AfD das Volk so definiere, dass es weiß und christlich ist und schon die Großeltern hier geboren sein müssen, dann ist das nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar. Für die deutsche Staatsbürgerschaft ist die Herkunft völlig egal! Oder welcher Religion man angehört! Muslime nicht zum „deutschen Volk“ zu zählen, ist verfassungswidrig. (…)

Im Grunde brauchen wir das „Volk“ nicht mehr. Der Ausdruck passt nicht in unsere weltumspannende Wirklichkeit. In Diskussionen merke ich aber, auf wie viel Widerstand und Kritik das stößt. Das Prinzip der Volkssouveränität ist halt die Grundlage moderner Verfassung. Aber entzaubern sollte man den Begriff des Volkes schon. (…)

Das Volk ist vielfältiger und bunter, als die Rechte uns weismachen will. Es ist keine ethnisch homogene Gruppe. Das Gemeinwohl der vielen Individuen mit unterschiedlicher Herkunft und Erfahrung kann nicht „völkisch“ oder national-sozial bestimmt werden. (…)

Lieber sollten wir dem Begriff das Pathos nehmen! Da passt durchaus ein Zitat von unserer Bundeskanzlerin: „Das Volk sind alle, die hier leben!“(…)

Ich jedenfalls möchte lieber in einer solidarischen Gesellschaft freier und gleicher Menschen leben als in einem „Volk“.

Michael Wild, Volk ist unnötig, in: Der Freitag: Historiker Michael Wildt rät zur Abschaffung eines so nebulösen wie schwierigen Begriffs. Interview mit Dorian Baganz, Ausgabe Fünfundvierzig in Zweitausendundneunzehn

Die einfache Frage: Wer war’s?

Ein paar Fragen, nicht zum Selbstmitleid, vielmehr zur Aufklärung im Gespräch mit Rechten, dort, wo nicht nur Gebrüll und Taubheit herrschen: Wer war verantwortlich für die Verheerung Deutschlands, für Millionen ermordete Juden, für Millionen eigene Kriegstote, für die Zerstörung der schönsten Städte, für Millionen Flüchtlinge, für den Verlust etwa eines Drittels des einstigen Landes, für die Ermordung oder Vertreibung vieler der besten Wissenschaftler, Künstler, Mediziner, Journalisten, Lehrer, Handwerker?

Wer hat nicht etwa nur andere Länder überfallen und unzählige Menschen dort getötet? Wer hat mit diesem Unheil begonnen, ohne das Europa und der Welt wohl auch folgende Diktaturen und Versehrungen erspart geblieben wären? Es war der nationalsozialistische Fanatismus und Rassismus, mit dem ein Teil der Deutschen ein Menschheitsverbrechen zuerst am eigenen Volk und dann an anderen Völkern begangen hat. Hitler war’s, aber nicht er allein.

Peter von Becker, Damit die AfD nicht zum Abstieg für Deutschland wird, in: Tagesspiegel vom sechsundzwanzigsten Dezember Neunzehnhundertneunzehn

Novembernacht

Schreib, schreib.
Es ist besser
als der Nebel und alles
Nirwana.

Schreib. Die Frauen kommen
später, wenn du mit dem
Gesicht auf den Tasten liegst.
Schreib.

Aller Blues & Rock’n Roll
weht vorbei, du kennst
das. Wie der Südwind
in Istanbul
bevor es schneit.
Schreib, Amigo, schreib.

Such nach Strandgut, nach
tristen Seelen nicht,
sie kommen zu dir.
Füll dein Papier
mit all ihren schattigen
Träumen, schreib.

Sie kommen, sie gehen,
halt sie nicht fest.
Sinnlos, deine Nacht
auf ihren Zungen zu
suchen. Sie
kommen, sie
gehen.

Schreib, und später
Schnaps
und Schlaf,
und wenn’s gut war,
ein leichter
Schlaf, wenn’s gut war.
Schreib.

Jörg Fauser, 1944 – 1987

Einbettender Liberalismus

Der Dynamisierungsliberalismus ist in den vergangenen Jahren in eine grundsätzliche Krise geraten. Jetzt stehen wieder Regulierungsprozesse an im Hinblick auf soziale Ungleichheit und Infrastruktur, aber auch kulturell in Fragen des Gemeinwohls. Der Populismus bedient diese Regulierungsbedürfnisse in mancher Hinsicht sehr geschickt, aber eben in Form der antiliberalen Schließung, mit einer protektionistischen Wirtschaft à la Trump und einer homogenen Nationalkultur. Wenn der Liberalismus sich dagegen behaupten will, muss er selbst regulativer werden, eine Art einbettender Liberalismus, der die Dynamisierungsgewinne der Globalisierung und der kulturellen Heterogenität bewahrt, aber neu reguliert.

Andreas Reckwitz, „Auf nichts verzichten“, Interview mit Ulrike Baureithel, in: Der Freitag, Ausgabe Einundfünfzig in Zweitausendundneunzehn

Z wie Zeugen

Es war der Erfinder des Slappings, des Schlagens mit dem Daumenballen auf die Saiten des E-Basses, der Prince zu den Zeugen Jehovas brachte. Larry Graham, Bassist bei Sly & The Family Stone und Chef bei Graham Central Station, einer Band, die Prince sehr beeinflusste.

Nach einem After-Show-Konzert in Nashville bat ihn Prince auf die Bühne und die beiden spielten zusammen, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Graham zog sogar mit seiner Familie nach Minneapolis und las nächtelang mit Prince in der Bibel, wo der offenbar die Antworten auf all seine Fragen fand. Graham bestätigte in einem Interview, dass sie beide mit dem „Wachturm“ von Haus zu Haus zogen, um die Leute in religiöse Gespräche zu verwickeln. Wenn die Zeugen bei mir vor der Tür stehen, fehlt da leider der gewisse Kick, den Prince sicherlich ausgelöst hätte. 

Marc Ottiker, in: Der Freitag, Ausgabe Neunundvierzig vom fünften Dezember Zweitausendundneunzehn. Das A bis Z in dieser Ausgabe steht unter dem Titel: “Bekehrte”.