Schlagwort: Tatort

Liebt Euch!

Reißt die Mauern ein, geht durch Grenzen. Hört auf, Kriege zu führen. Liebt euch.

Meret Becker in einem Interview mit dem Tagesspiegel am fünfzehnten November Zweitausendfünfzehn

In der Stille

Mitunter ist eine Fundsache ja nicht gefunden, sondern gebracht, geliefert worden. So war es gestern Abend auch. Der Frankendadort machte mit geiler Musik auf. Und mit dem gleichen Song machte die ARD den Dadort auch wieder zu. Dans le Silence. Von Martha Wainwright.

Tanz den Freddy

Matthias Dell schaut den Tatort. Immer. Und schreibt. Unterhaltsamer als die meisten Tatorte. Ein paar Ausschnitte:

(…) Ein von der fiesen Fratze des Kapitals (Investmentbanker) halbtot geschlagener Minderleister (obdachloser Pianist) versucht sich in ein Mietshaus zu retten, in dem Hilfeleistung nicht nur unterlassen, sondern er per Semi-Unfall und Missverständnis zu Ende getötet wird. Solche Häuser nennt man seit Udo »Gott hab ihn selig« Jürgens »ehrenwert«. Deshalb sagt Ballauf (Klaus J. Behrendt) das auch einmal. (…) Wahrscheinlich soll es um die sogenannte Kälte in der Gesellschaft gehen, in der die Menschen, getrieben von den Verhältnissen (Kapitalismus), unmenschlich werden. Vielleicht auch um sogenannte Lebenslügen. Bei Jürgen Werner, der in seinen Dialogen so was Absurdes wie die »Schätzkeule« auspacken lässt, herrscht daran keinen Mangel: Die Malereiprofessorin verdingt sich als Edel-Escorteuse, damit dem Kind der Standard in dem tollen Haus gehalten wird. Der supermachoide Eishockey-Trainer (Robert Gallinowski) hat ein Klavier zu Hause und ist heimlich schwul (der obdachlose Pianist aber nicht). Und oben wohnt die Schund-Autorin Katja Petersen (Anna Stieblich), die nicht mehr rausgeht, weil ihr Ex-Mann sie noch am Mülleimer verprügelt, und die zur Sicherheit mal pfeffersprayt, wenn jemand blutend klopft. Die Geschichte von »Freddy tanzt« ist eine Beleidigung für jede Zuschauerin, weil der Film sich anbiedert mit seinen groben Stichen, sich in Wahrheit aber für nichts interessiert. Investmentbanker sind Angeber und obdachlose Pianisten putzig, da macht man nichts falsch. (…)

Wahlabend

Wahlabend, so wird die Veranstaltung seit Jahren genannt. Prognosen, Hochrechnungen, Interviews, Schaltungen in die Parteizentralen, Bonner Runde, Zahlen, Zahlen, Zahlen. Platitude reiht sich an Platitude. Da freut man sich über das gute Ergebnis für die eigene Partei, dankt den vielen uneigennützigen Helfern, den Wählern, natürlich, will in Ruhe erste Gespräche führen. Pflichtgemäß rüpelt der CSU-Generalsekretär gegen die SPD-Vertreterin. Der CDU-Generalsekretät weist jede Verantwortung für das Erstarken der AfD weit von sich und seiner Partei. Die SPD-Sekretärin verliert den Lautstärkewettbewerb. Die Linken müssen zunächst einmal analysieren, bevor sie etwas zum miserablen Ergebnis an der Urne sagen können. Alles wie immer. Rituale, Rituale, Rituale. Gestanzte Antworten, die der Zuschauer schon kennt, bevor noch eine Frage gestellt worden ist. Eines aber gibt es am Wahlabend nicht: Einsichten. Nachdenken, Fehler gestehen, Ratlosigkeit, Besorgnis übers Ergebnis, Fragen, Ungewissheit, alles nichts für den medialen Wahlabend. In beiden Bundesländern ging mal wieder nur jeder zweite Wähler ins Wahllokal. Die Legitimation der Demokratie läßt nach. Aber: Wer nicht wählt, wählt auch. Krawall statt Konstruktivität. Die Parteien schaffen es nicht, den Bürgern die parlamentarische Demokratie interessant zu machen, ihnen Stolz zu vermitteln auf das Gemeinwesen, sie zur Mitarbeit zu bewegen, zur Teilhabe. Alle Parteien. Sind die Landtagswahlen, die von Sachsen auch, ein Armutszeugnis? Für wen denn eigentlich? Sind die Wähler überwiegend blöde? Bequem? Sind es Anti-Demokraten? Politische Analphabeten? Die gibt es, natürlich, und es wird sie immer geben, blöde Wähler, bequeme, politische Analphabeten, Dummköpfe. Nur trifft das alles nicht auf die Mehrheit aller wahlberechtigten Bürger zu. Wenn nur einer von zwei Wählern seine Stimme am Wahltag abgibt, dann ist das in erster Linie ein Armutszeugnis für die Politik und für die politischen Parteien. Parteien haben den Menschen das Interesse an der Politik, die Lust auf politisches Handeln, den Spaß an der politischen Debatte über Jahre hinweg gründlich ausgetrieben. Eine verquere, technokratische Sprache, staubtrocken und unsinnlich. Politik als Angelegenheit von Fachleuten, Experten, nicht aber als Gelegenheit, Menschen für die Gestaltung des Gemeinwesens in den Bann zu nehmen. Ritualisierte Debatten, Kämpfe, die keine sind, Als-ob-Auseinandersetzungen. Die miserable Wahlbeteiligung nutzt nur der neuen Rechten, der AfD. Die Parteien nehmen es zu leicht und machen es sich zu leicht. Fünfundzwanzig Jahre nach demokratischem Aufbruch, nach Mauerfall, nach Montagsdemos bröselt die Demokratie im dumpfen Nörgelmulm von sich hin. Garniert von strahlenden Politikergesichtern. Und oben drauf die Wahnsinnsprogrammplanung der ARD. Ein Tatort nach der Wahl, eine, ja, wie soll man sagen, eine Groteske, in der arabische Idioten mit Diplomatenschutz so gut wie jedes deutsche Gesetz brechen können, Kamele das noble Viertel bevölkern, deutsche Bullen nichts ausrichten können gegen zugekiffte, bewaffnete, bekloppte Ausländer und ihre noch bescheuerteren teutonischen Helfershelfer. Um Koks geht es, natürlich, um Waffen, um korrupte Politiker. Um Teppichhändler, superreiche Emire, um den U-Bahnbau in der arabischen Wüste. Grotesk. Besser aber als eine weitere Berliner Runde allemal.

Tatortnation

The only good nation is imagination

(Brückengraffito im heutigen Tatort von Radio Bremen, “Brüder”)

Rundum ein Skandalspiel

Ja, es war ein Skandalspiel, gestern Abend, die Relegation zwischen Düsseldorf und Berlin. Ja, Fußballfans sind doof, jedenfalls zum Teil. Der Teil nämlich, der im Stadion Bengalos anbrennt, gegnerische Fans verprügelt, den Rasen ausgräbt oder mit kleinen Kindern oder ohne solche vor oder nach Spielende auf den Rasen stürmt. Ja, die vermeintlichen Fußballfans können einem den Spaß am Kicken rauben. Ja, solche Szenen haben mit Fußball, mit Fußballkultur, mit Spaß an der Freude nicht das Geringste zu tun. Alles unbestritten. Und auch der pflaumenweiche Rechtfertigungsversuch aus der Düsseldorfer Ecke, das alles sei schließlich aus Freude über den Aufstieg der Fortuna geschehen, zieht nicht. Blamabel, indiskutabel, skandalös sind und bleiben die Nebenerscheinungen dieses und nicht nur dieses Kicks. Warum nur haben die Verantwortlichen des öffentlichen Rundfunks mitgeboten bei der Steigerung der Einnahmen für die Deutsche Fußballliga, die den Profifußball in Deutschland organisiert und verantwortet? Ist der Fußball mit seinen unerfreulichen Randerscheinungen wirklich ein so wunderbares und einzigartiges “Produkt”, wie die Schranzen des DFB, der DFL oder manche Vereinsfunktionäre gebetsmühlenartig und ganz in neoliberaler Tradition wiederholen, in der schließlich alles zur Ware wird, zum bloßen Produkt, das seinen Preis hat, aber keinen Wert mehr? Nein, nein, nein. Krawall, Gewalt, Irrsinn und grenzenlose Blödheit gepaart mit unfaßbar hohen Spielerghältern bei oft armseligen bis mediokren Darbietungen der Ballkünstler aus aller Herren Länder dürfen nicht Woche für Woche Kosten verschlingen, für die man einen Tatort oder viele, viele Reportagen und Dokumentationen erstellen könnte. Das alles habe ich hier schon mehrfach betont. Aber was mir eben im Radio geboten wurde, schlägt dem Faß dann wirklich den Boden aus: Da behauptet der Anwalt der Berliner Hertha, ja genau, des Vereins, der gestern Abend sportlich in die zweite Liga verwiesen wurde, für die Berliner Spieler aus Brasilien, Tschechien, Berlin, München und anderswo habe Lebensgefahr bestanden. Nur auf Bitten der Polizei sei das Team nach der Erstürmung des Platzes durch hirnlose Düsseldorfer Fans und der anschließenden Räumung wieder im Stadion erschienen und habe dann die fehlenden Sekunden noch abgespielt. Das sei auch der Grund, so mein Radio, daß die Hertha Protest gegen die Wertung des gestrigen Relegationsspiels eingelegt habe. Was auf dem geschundenen und nicht immer grünen Düsseldorfer Rasen nicht gelungen ist, der Verbleib in der höchsten Spielklasse, soll nunmehr also am ebenso geschundenen grünen Tisch entschieden werden. Wenn DFB und DFL bei diesem ach so durchsichtigen Manöver mitspielen sollten, nur damit auch künftig in der deutschen Hauptstadt Erstligafußball zu sehen sein wird, dann soll mir der Profifußball insgesamt gestohlen bleiben, nicht nur der 1. FC Köln. Wer bezahlt eigentlich die Stadien, den öffentlichen Nahverkehr, den allsamstaglichen Polizeieinsatz, die Sanitäter, Feuerwehr oder Krankenhäuser, die vor, während und nach Bundesligaspielen Hilfe leisten, und die gesamte übrige Infrastruktur fürs Gekicke?

Herbstfernsehen

Mal wieder Baader-Meinhof, mal wieder RAF, mal wieder deutscher Herbst im deutschen Fernsehen. Zum wievielten Male eigentlich? Und dann: Nicht nur der Eichinger-Edel-Film nach Stefan Austs Buch, in zwei Teilen ausgestrahlt, sondern auch Anne Wills Talk mit den üblichen Verdächtigen. Book, Baum, Buback, garniert von den 68ern Stoiber und Karin Witkiewicz. Unter ihrem Künstlernamen Katja Ebstein ist letztere besser bekannt. Dem ganzen Abend konnt der geneigte Zuschauer nur folgen, den ganzen Abend nur verstehen, sofern er über erhebliches Zeitgeschichtswissen verfügt. Erklärt wurde nichts, im Film nicht, in der Runde nicht. Keine Einordnung, keine Herleitung. Geballert wurde, nicht zu knapp, im Film. Betroffen war man, nicht zu knapp, in der Runde. Um wieviel interessanter wäre ein klassischer ARD-Sonntagabend gewesen, Tatort und Politik bei Anne?

Tatort: Doppelt kassiert

Kein Ende der Tatort-Ermittlungen: Heute meldet die FAZ auf ihrer Medienseite, daß die NDR-Redakteurin Doris Heinze nicht nur unter falschem Namen eigene Drehbücher verkauft hat. Sie habe auch doppelt kassiert. Das Drehbuch zum nicht realisierten Film “Dienstage mit Antoine” habe sie unter dem Pseudonym “Marie Funder” an die AllMedia verkauft. Nur unwesentlich verändert habe sie das gleiche Buch unter ihrem eigenen Namen an die Firma Network Movie geliefert. Titel: Dienstage mit Marie. Ein Buch, zwei komplette Honorare, eine komplette Katastrophe.

Phantomsender

Ein kleiner Nachtrag zum Artikel “Tatort” vom 1. September. Wie Nicolas Richter und Hans Leyendecker unter der Überschrift: “Eine Frau mit vielen Talenten” in der Süddeutschen Zeitung berichten, ist fraglich, ob es nicht weitere Pseudonyme gibt, unter denen die NDR-Redakteurin, Doris Heinze, ihre Talente angeboten, eingekauft und bezahlt haben soll: Von Inga Pudenz ist da die Rede, von Monika von Lüdinghausen, von Markus Benz.  “Es wimmelt in diesem Fall von Phantomen”, so Leyendecker und Richter. Und: Solch ein Drehbuch kann dem Autoren mitunter mit annähernd 30.000 Euro vergütet werden.

Der Phantomsender NDR bereitet den Verfechtern des öffentlich-rechtlichen Rundfunksystems arge Phantomschmerzen.