Kategorie: Fundsachen

Jedermanns Aufgabe

Politische Attentate – insbesondere, wenn sie gleichsam in Serie verübt werden – passieren nicht einfach so. Sie sind Folge eines gesellschaftlichen Klimas, das ihnen den Boden bereitet. Dieses Klima wird seit einigen Jahren in den digitalen Netzwerken nicht nur gesetzt, sondern durch sie sogar gefördert. Deren Algorithmen belohnen die massenhafte Preisgabe von Anstand und Respekt. “Volksverräter” ist ein Ausdruck, der dort mittlerweile so üblich ist wie Chlor im Schwimmbad. (…) Es ist gut, dass es mittlerweile Razzien nicht nur gegen Dealer, sondern auch gegen Internet-Hetzer gibt. Zwei Gruppen haben hier zu lernen: die Täter, dass sie Kriminelle sind, mit einem reellen Risiko, erwischt zu werden – und Staatsanwälte, dass ihre Mühe nicht der Ahndung einer vermeintlichen Lappalie gilt, sondern der Bewahrung eines Klimas, ohne das die Demokratie in Angst und Brutalität versänke. (…) Zugleich ist dieser Klimaschutz eine Arbeit, die sich nicht einfach an juristische und politische Profis delegieren lässt. Sie ist jedermanns Aufgabe. Es ist von Bedeutung, wenn Bundesligaspieler aus Protest gegen Rassismus niederknien. Es ist von Bedeutung, dass der Bundespräsident bedrohte und angegriffene Bürgermeister mehrmals trifft und ihnen damit Solidarität und Öffentlichkeit verschafft. (…) Walter Lübcke ist tot, weil in der Gesellschaft ein Feld aus Hass und Aggression gedieh. Diese schuldet es ihren Repräsentanten und sich selbst, diesem Feld nicht länger beim Wachsen zuzusehen.

Detlef Esslinger, Lübke-Prozess. Ein Feld aus Hass und Aggression, in Süddeutsche Zeitung vom siebzehnten Juni Zweitausendundzwanzig

Tag des Eistees

Einen Zusammenhang muß es nicht unbedingt geben: Heute wird, in den USA zumal, der Tag des Eistees begangen. Und: Heute vor fünfundachtzig Jahren wurde ebendort in Akron (Ohio) die Selbsthilfegruppe „Anonyme Alkoholiker“ gegründet. Finger weg vom Sprit. Seither hat diese sich zur internationalen Bewegung gemausert, die Abstinenz vom Alkohol und Abstinenzler unterstützt. Das wiederum, internationale Bedeutung, kann man jenem, dem Tag des Eistees, nicht unbedingt attestieren. Eistee. Auch ganz ohne Alkohol. Hierzulande eher zuckrig, süß, verpanscht. Mit künstlichem Obstaroma, rund um eine Pfirsichimagination herum. Nein? Schon im frühen neunzehnten Jahrhundert soll es zahlreiche Rezepte für gekühlte Teegetränke in der britischen und US-amerikanischen Küche gegeben haben. Erfunden vom Briten Richard Blechynden, Neunzehnhundertundvier, auf der Weltausstellung im amerikanischen St. Louis. Als Direktor des East Indian Pavilion für den Vertrieb indischer Teesorten zuständig, sollte er die amerikanischen Besucher vom schwarzen Tee überzeugen. Wegen einer immensen Hitzewelle ließ er den Tee durch gekühlte Bleirohre herunterkühlen und servierte ihn als „Iced Tea“. Just another sweet Softdrink. Ohne die Wucht indes einer anonymen, aber internationalen Vereinigung gegen Sucht und Rausch.

Ein sich für clever haltender Soziopath

Wenn Alexander Gauland zum Beispiel empfiehlt, das nächste Mal Bodo Ramelow zu wählen, da dieser dann ja ablehnen müsse, dann kommen sowohl das erpresserische Auf-den-Boden-Werfen eines Kindes in der Quengelwarenabteilung als auch das demokratiefeindliche Kalkül eines sich für clever haltenden Soziopathen zum Vorschein. Mit ihren Taten und Handlungen zeigt die AfD immer wieder: Faschismus ist gefährlich, aber auch infantil.

SAMIRA EL OUASSIL, Sein Cover, in: ÜberMedien vom zehnten Februar Zweitausendzwanzig

Verfassungswidrig

Wenn ich wie die AfD das Volk so definiere, dass es weiß und christlich ist und schon die Großeltern hier geboren sein müssen, dann ist das nicht mit unserem Grundgesetz vereinbar. Für die deutsche Staatsbürgerschaft ist die Herkunft völlig egal! Oder welcher Religion man angehört! Muslime nicht zum „deutschen Volk“ zu zählen, ist verfassungswidrig. (…)

Im Grunde brauchen wir das „Volk“ nicht mehr. Der Ausdruck passt nicht in unsere weltumspannende Wirklichkeit. In Diskussionen merke ich aber, auf wie viel Widerstand und Kritik das stößt. Das Prinzip der Volkssouveränität ist halt die Grundlage moderner Verfassung. Aber entzaubern sollte man den Begriff des Volkes schon. (…)

Das Volk ist vielfältiger und bunter, als die Rechte uns weismachen will. Es ist keine ethnisch homogene Gruppe. Das Gemeinwohl der vielen Individuen mit unterschiedlicher Herkunft und Erfahrung kann nicht „völkisch“ oder national-sozial bestimmt werden. (…)

Lieber sollten wir dem Begriff das Pathos nehmen! Da passt durchaus ein Zitat von unserer Bundeskanzlerin: „Das Volk sind alle, die hier leben!“(…)

Ich jedenfalls möchte lieber in einer solidarischen Gesellschaft freier und gleicher Menschen leben als in einem „Volk“.

Michael Wild, Volk ist unnötig, in: Der Freitag: Historiker Michael Wildt rät zur Abschaffung eines so nebulösen wie schwierigen Begriffs. Interview mit Dorian Baganz, Ausgabe Fünfundvierzig in Zweitausendundneunzehn

Novembernacht

Schreib, schreib.
Es ist besser
als der Nebel und alles
Nirwana.

Schreib. Die Frauen kommen
später, wenn du mit dem
Gesicht auf den Tasten liegst.
Schreib.

Aller Blues & Rock’n Roll
weht vorbei, du kennst
das. Wie der Südwind
in Istanbul
bevor es schneit.
Schreib, Amigo, schreib.

Such nach Strandgut, nach
tristen Seelen nicht,
sie kommen zu dir.
Füll dein Papier
mit all ihren schattigen
Träumen, schreib.

Sie kommen, sie gehen,
halt sie nicht fest.
Sinnlos, deine Nacht
auf ihren Zungen zu
suchen. Sie
kommen, sie
gehen.

Schreib, und später
Schnaps
und Schlaf,
und wenn’s gut war,
ein leichter
Schlaf, wenn’s gut war.
Schreib.

Jörg Fauser, 1944 – 1987

Z wie Zeugen

Es war der Erfinder des Slappings, des Schlagens mit dem Daumenballen auf die Saiten des E-Basses, der Prince zu den Zeugen Jehovas brachte. Larry Graham, Bassist bei Sly & The Family Stone und Chef bei Graham Central Station, einer Band, die Prince sehr beeinflusste.

Nach einem After-Show-Konzert in Nashville bat ihn Prince auf die Bühne und die beiden spielten zusammen, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Graham zog sogar mit seiner Familie nach Minneapolis und las nächtelang mit Prince in der Bibel, wo der offenbar die Antworten auf all seine Fragen fand. Graham bestätigte in einem Interview, dass sie beide mit dem „Wachturm“ von Haus zu Haus zogen, um die Leute in religiöse Gespräche zu verwickeln. Wenn die Zeugen bei mir vor der Tür stehen, fehlt da leider der gewisse Kick, den Prince sicherlich ausgelöst hätte. 

Marc Ottiker, in: Der Freitag, Ausgabe Neunundvierzig vom fünften Dezember Zweitausendundneunzehn. Das A bis Z in dieser Ausgabe steht unter dem Titel: “Bekehrte”.

Das Geschäftsmodell der Niedertracht

Andererseits wird mit und durch die AfD das Geschäftsmodell der Niedertracht und die Verachtungsbereitschaft erstaunlich vieler Mitbürger erkennbar. Durch die AfD werden jene Ressentiments und Radikalismen an die Oberfläche gehoben und hörbar repräsentiert, die ohnehin vorhanden sind, aber jahrelang im Untergrund wucherten. 

Christian Schüle, Eine unsympathische Partei erschüttert die Republik, in: Deutschlandfunk Kultur

Das Sichere ist nicht sicher

Die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland haben sich daran gewöhnt, dass die Grundrechte stark sind, dass das Verfassungsgericht sie hütet, dass das Grundgesetz so, wie es von Karlsruhe interpretiert und fortentwickelt wird, Motor ist für eine menschenfreundliche Fortentwicklung der Gesellschaft. Aber: Das Sichere ist nicht sicher. Man muss etwas dafür tun. Das beginnt damit, der AfD nicht auf den Leim zu gehen.

Heribert Prantl, Prantls Blick – Die politische Wochenvorschau. Newsletter der Süddeutschen Zeitung vom zwanzigsten Oktober Zweitausendundneunzehn