Monat: März 2018

Higher Ground

“Verclownisierung des politischen Diskurses”

Jens Spahn, der bereits seit Monaten kaum ein Mikrofon auslässt, um mit Kommentaren über englischsprachige Hipster oder dem Bekenntnis zur “Burkaphobie” die Verclownisierung des politischen Diskurses zu betreiben, definierte Hartz-IV-Empfänger derweil aus der Armut heraus und erklärte Frauen, warum sie kein volles Selbstbestimmungsrecht bei Schwangerschaftsabbrüchen bräuchten.

Nils Markwardt, Konservative Wartungsarbeiten, in: Zeit-Online vom siebenundzwanzigsten März Zweitausendundachtszehn

Spezialist für Glaubensfragen

Wenn ein Idiot heute weder von Religion noch von Politik und auch sonst gar keine Ahnung hat – von der „Scharia“ quasselt er immer. Wenn es um den Islam geht, ist jeder Dorftrottel plötzlich Spezialist für Glaubensfragen, Orientalistik und Islamwissenschaft, ja sogar für Arabisch.

Wolfgang Pohrt, In Europa sind Gottlose in einen Religionskrieg getreten, in: Tagesspiegel vom fünften Februar Zweitausendundachtzehn (Zweitausendundzwölf)

Heimat

Heimat: (…) Endlich soll es wieder werden, wie es nie gewesen ist.

Dirk Pilz, Tellkamp-Debatte. Der Konservatismus steckt in einer gefährlichen Sinnkrise, in Berliner Zeitung vom zweiundzwanzigsten März Zweitausendundachtzehn

Skin Deep

Skin Deep featuring Buddy Guy | Playing For Change | Song Across America

“Mülleimer der Geschichte”

“Wenn das volle Ausmaß Ihrer Käuflichkeit, moralischen Verderbtheit und politischen Korrumpierung bekannt wird, werden Sie als Demagoge in Schande Ihren rechtmäßigen Platz im Mülleimer der Geschichte einnehmen.”

John Brennan, ehemaliger Direktor des US-Auslandsgeheimdienstes CIA zum amerikanischen Präsidenten Donald Trump laut Focus-Online.

Kollateralschaden

Der Rechtspopulismus ist ein Kollateralschaden unseres Wirtschaftssystems, in dem es immer weniger zu verteilen gibt, weil die Reichen immer mehr abbekommen.

Josef Hader, “Kurz ist der nettere Rechtspopulist”, Ein Gespräch mit Dominik Fürst und Oliver Das Gupta, in: Süddeutsche Zeitung vom dreizehnten März Zweitausendundachtzehn

“Sei gut zu Dir selbst!”

Zum Goldenen Einhorn in Aachen. Vor einigen Monaten. Mit meinem Freund Lothar. Nach eigenem Bekunden „älteste überlieferte Gastronomie“ in der Kaiserstadt. An der Wand des gediegenen Gasthofes Illustrationen und Fotos aus der Geschichte des seit Dreizehnhundertneunundvierzig am Markt Dreiunddreißig befindlichen Hauses, von Gästen, prominenten und unerkannten, von Ereignissen, meist vergessenen. Und neben mir, im schlicht-braunen Holzrahmen, ein wenig fleckig: Desiderata, Aus der alten St. Pauls-Kirche Baltimore von 1692.

Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast, und sei des Friedens eingedenk, den die Stille bergen kann.

Stehe soweit ohne Selbstaufgabe möglichst in freundlicher Beziehung zu allen Menschen. Äußere Deine Wahrheit ruhig und klar und höre anderen zu, auch den Geistlosen und Unwissenden. Auch sie haben ihre Geschichte.

Meide laute und agressive Menschen. Sie sind eine Qual für den Geist.

Wenn Du Dich mit anderen vergleichst, könntest Du bitter werden und Dir wichtig vorkommen. Immer wird es jemanden geben, größer oder geringer als Du.

Freue Dich Deiner eigenen Leistungen, wie auch Deiner Pläne. Bleibe weiter an Deiner eigenen Laufbahn interessiert, wie bescheiden sie auch immer sein mag. Sie ist echter Besitz im wechselnden Glück der Zeiten. In Deinen geschäftlichen Angelegenheiten laß Vorsicht walten, denn die Welt ist voller Betrug. Aber dieses soll Dich nicht blind machen gegen gleichermaßen vorhandene Rechtschaffenheit. Viele Menschen ringen um hohe Ideale, und überall ist das Leben voller Heldentum.

Sei Du selbst! Vor allen Dingen heuchle keine Zuneigung! Noch sei zynisch, was die Liebe betrifft. Auch im Angesicht aller Dürre und Enttäuschungen ist sie doch immerwährend, wie das Gras.

Ertrage freundlich und gelassen den Ratschluss der Jahre! Gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf! Stärke die Kraft des Geistes, damit sie Dich in plötzlich hereinbrechendem Unglück schütze. Aber beunruhige Dich nicht mit Einbildungen. Viele Befürchtungen sind die Folge von Erschöpfung und Einsamkeit. Bei einem heilsamen Maß an Selbstdisziplin sei gut zu Dir selbst!

Du bist ein Kind des Universums, nicht weniger als die Bäume und die Sterne. Du hast ein Recht hier zu sein, ob es Dir nun bewußt ist oder nicht; zweifellos entfaltet sich das Universum wie vorgesehen.

Darum lebe in Frieden mit Gott, was für eine Vorstellung Du auch immer von ihm hast. Was immer Dein Mühen und Sinnen ist, in der lärmenden Wirrnis des Lebens erhalte Dir den Frieden mit Deiner Seele!

Trotz all ihrem Schein, der Plackerei und den zerbrochenen Träumen ist die Welt doch wunderschön! Sei vorsichtig und strebe danach glücklich zu sein!!

Desiderata, Aus der alten St. Pauls-Kirche Baltimore von 1692

Modern mutet er an, der Text, aktuell gar. Er entfaltet Wucht. Hat man so geschrieben am Ende des siebzehnten Jahrhunderts? Hat man unterschiedliche Gottesvorstellungen zugelassen, sogar ermutigt? Sollte das irdische Glück der Menschen diesen Stellenwert in einem Kirchenpapier zugeschrieben bekommen haben? Hat man seinerzeit schon vom sich entfaltenden Universum gesprochen? Nein, nein und nein.

Anders als in dem fleckigen Papier unter Glas zu lesen ist, handelt es sich bei der auch als Lebensregel von Baltimore bezeichneten Desiderata (Das Ersehnte) um ein Prosagedicht des deutschstämmigen amerikanischen Rechtsanwalts Max Ehrmann aus dem Jahr Neunzehnhundertsiebenundzwanzig. Sechzehnhundertzweiundneunzig ist das Gründungsjahr der ältesten Kirche in Baltimore, der Saint Paul’s Church.

Wikipedia belehrt, daß das Gedicht sich heute noch häufig finden ließe als Sinnspruch auf Alltagsgegenständen und in Zitatesammlungen. Gleichwohl: Ein Text, der den Satz enthält: “Gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf!”, will mit Sorgfalt gelesen werden, einerlei, aus welchem Jahrhundert er stammen mag.

Autos gegen Hebammen

Wir leben, wie Sascha Lobo treffend schreibt, „in einem Autoland, in dem die Öffentlichkeit Dieselmotoren mit größerer Hingabe betrachtet als Hebammen“.

Sascha Lobo heute in Spiegel Online: Spahn, Maas, Bär. Von der Kunst, elegant umzufallen