Monat: Juni 2019

“Vollgeschmierte Klowand”

Man muss gar nicht die einschlägigen Zitate vom «Mahnmal der Schande» oder vom «Vogelschiss» bemühen. Es reicht, sich die täglichen Kommentare der Partei (AfD, W.Horn) auf Facebook anzuschauen, ihrem wichtigsten Kommunikationskanal. Der Evangelische Kirchentag? Eine «schizophrene Irrsinnsveranstaltung». Angela Merkel? Eine ins «linksgrüne Lager abgedriftete Kanzlerdarstellerin». Die CDU-Chefin? «Meinungsdiktatorin AKK». So geht das ohne Unterlass. Die Kommunikation der AfD erinnert an eine vollgeschmierte Klowand. Nichts daran ist bürgerlich.

Eine enthemmte Sprache macht aus denen, die sie benutzen, keine Mörder. Aber sie kann Mörder machen. Sie kann ein Klima schaffen, das bei kleinen Gruppen oder Einzeltätern den Eindruck verstärkt, im Recht zu sein. Wenn ein ohnehin schon radikalisierter Kopf am laufenden Band hört und liest, dass das eigene Land ein Unrechtsstaat sei und die Repräsentanten diktatorische Darsteller, dann kann er durchaus auf den Gedanken kommen, dass seine Pläne zum Widerstand, in welcher Form auch immer, berechtigt sein könnten. (…) 

Schäuble hat recht: Wer nach dieser Tat noch die oben beschriebene Sprache benutzt, macht sich mitschuldig, nicht zwingend strafrechtlich, aber als Bürger. Den Acker der Gewalt kann man düngen, von rechts wie von links. Man muss aber versuchen, ihn auszutrocknen. Es ist höchste Zeit.

Marc Felix Serrao, Die AfD und der Dünger der Gewalt, in: Neue Zürcher Zeitung vom sechsundzwanzigsten Juni Zweitausendundneunzehn

Sprechroboter

Ich bin nicht sicher, ob der ZDF-Kommentator des heutigen Fußballweltmeisterschaftsspiels zwischen den deutschen und den nigerianischen Frauen, Norbert Galeske, auch nur eine einzige Sprechpause gemacht hat.

“Desinformationsmedium”

An die Erfindung der Zeitung war einst die Hoffnung geknüpft, dass sie den mündigen Bürger mit den Informationen versorge, die er braucht, um sich ein eigenes Urteil zu bilden. Was dann kam, war die „Bild“-Zeitung. Später wurde das Privatfernsehen eingeführt, um mehr Meinungs- und Informationsvielfalt zu ermöglichen. Was wir bekamen, waren „Tutti Frutti“ und hundert Folgen „Schulmädchenreport“. Noch später lautete die Verheißung, mit dem Internet werde die wahre Demokratie ausbrechen. Was wir jetzt haben, sind Kinder, die nicht wissen, warum wir Fronleichnam feiern, aber schon jede Menge Pornos gesehen haben.
Es ist ja richtig, dass das Internet insofern ein demokratisches Medium ist, als jetzt jeder berichten und kommentieren kann, wie das früher nur Zeitungen, Radio und Fernsehen konnten. Aber diese alten klassischen Medien wurden und werden noch immer nach handwerklichen Regeln gemacht und unterliegen den Gesetzen eines Rechtsstaats. Was gedruckt und gesendet wird, muss zuvor von einer Redaktion auf Wichtigkeit, Richtigkeit und Gesetzeskonformität geprüft werden.
Der einzelne Wutbürger daheim unterliegt keinerlei Kontrolle. Davon machen Millionen Gebrauch, und eben das macht das Internet zu einem Desinformationsmedium, in dem sich Lüge, Mobbing, Beschimpfung und Hass massenhaft verbreiten. Inzwischen ist aus den Worten des Hasses eine Tat geworden: der Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke. Das allein müsste schon genügen, um das Internet, in dem das Recht des Stärkeren gilt, endlich unter rechtsstaatliche Kontrolle zu bringen.

Christian Nürnberger, Mehr Kontrolle über das Internet.
Aus den Worten des Hasses ist eine Tat geworden: Der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke
, in: Mainzer Allgemeine Zeitung, Samstag, zweiundzwanzigster Juni Zweitausendendundneunzehn


“Endlich etwas tun”

„Endlich etwas tun, um die Klimakatastrophe zu verhindern; endlich wirksam werden, um dem Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer ein Ende zu setzen; endlich etwas tun gegen die Kinderarmut und die Armut bei alleinerziehenden Müttern und Vätern.“

Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, gestern auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund in seinem Nachtsegen an die Adresse der Regierenden in Deutschland

Lakonie

Fünfzig Jahre sind es heute, daß ich, mit anderen aus der Schule und der Clique, nachmittags auf der Liegewiese des Schwimmbads in Porz am Rhein war, wie fast jeden Tag im Sommer, auf unordentlich nebeneinander ausgebreiteten Decken und Handtüchern liegend, bäuchlings, weil die Sonne mir tags zuvor die Haut auf dem nicht eingecremten Rücken verbrannt und diese sich zu schälen begonnen hatte. Aus dem Gewirr von Musik, Gesprächsfetzen, Rufen und Lachen mühte ich mich, herauszuhören, wer denn schon alles eingetroffen war. Ich spürte eine Hand auf Schulter und Rücken, die kleine lose Hautfetzen packte und abriß, vorsichtig, sanft. Nach Minuten – oder war es doch länger? – lugte ich mit einem Auge, in die Sonne blinzelnd, schräg nach hinten über die Schulter, um festzustellen, zu wem die sanfte Hand gehören könnte. Barbara. Barbara gehörte die Hand. Der Freundin meines besten Freundes seinerzeit, Reinhold. Wir waren Anführer einer Schülergruppe, die sich, vergeblich, dem Ziel verschrieben hatte, die Mitschüler und das Proletariat zur Revolution zu bewegen. Weder waren die damals üblichen langen Haare, noch der auch in der Sommerhitze getragene Ledermantel oder das selbst im Schwimmbad auf der Liegewiese öffentlich zur Schau gestellte Studium der Schriften Lenins geeignet, Schüler und Proletariat zum Eintritt in die selbstredend von uns zu leitende revolutionäre Umgestaltung der Gesellschaft zu bewegen. Wir hatten dennoch unseren Spaß. Im Sommer. Auf der Liegewiese. Zurück zu Haut und Hand. „Kommt der Reinhold noch? Oder sollen wir gehen?“ Keck gefragt, mit einem Auge die Freundin des Freundes anblinzelnd. Pause. „Lass uns gehen.“ Ein lakonischer Dialog. Wir sind gegangen, damals, haben das Schwimmbad verlassen. Von Stund an waren wir ein Paar. Und sind es geblieben. Heute auf den Tag genau fünfzig Jahre lang.

Ohne Béla

Wie wohltuend: ein Fußballendspiel im Zweiten und Béla Réthy kommentiert. Eigentlich. Denn seit geraumer Zeit ist nur der Stadionton zu hören. Eine wunderbar-wohltuende Neuerung. So sollten alle Fußballspiele übertragen werden.

Nachtrag: die Tonprobleme sind behoben. Jetzt wird der Kommentar wieder übertragen und die Sendung ist nicht mehr hörbar. Schade.

„Gone For Good“

Ich habe sie in Dortmund verpaßt …