Kategorie: Gesellschaft

“Endlich etwas tun”

„Endlich etwas tun, um die Klimakatastrophe zu verhindern; endlich wirksam werden, um dem Sterben der Flüchtlinge im Mittelmeer ein Ende zu setzen; endlich etwas tun gegen die Kinderarmut und die Armut bei alleinerziehenden Müttern und Vätern.“

Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, gestern auf dem Evangelischen Kirchentag in Dortmund in seinem Nachtsegen an die Adresse der Regierenden in Deutschland

Jedes Dorf hat seine Notre-Dame

Die Kathedrale ist ein besonderer Ort (…) der Spiritualität, ein Glaubens- und ein Lebensraum; sie ist ein Ort, der die Geschichte bewahrt, sie ist ein Ort, an dem sich die geistige und die geistliche Substanz eines Landes verdichtet und fortwirkt.  So ein Ort ist mehr als ein Erbe, es ist ein Ort der Kraft. Wenn so ein Ort verbrennt, verbrennt mehr als ein Haus. Es verbrennt Heimat, es verkohlt die geistige Behaustheit der Menschen. Ein Mensch, der sein Gotteshaus liebt und die Stimme dieses Gebäudes zu sich sprechen lässt, wird nicht anders können als auch Respekt und Ehrfurcht vor dem Gotteshaus des Anderen (zu) haben, und er wird nicht auf die Idee kommen, das Seine zu zerstören. Wenn das Verbrechen in dieses Haus einbricht und auf heiligem Boden mordet, ist das ein mörderischer Frevel. Notre-Dame steht nicht nur in Paris. Jedes Dorf hat seine Notre-Dame. Die Gotteshäuser sind Häuser auch für die Menschen, die an einen Gott nicht glauben wollen oder können. Sie sind das, was es ohne sie nicht gäbe. Es gäbe keine Räume der großen Stille, der Meditation, des Innehaltens. Es gäbe keinen Raum, in dem Wörter wie Barmherzigkeit, Seligkeit, Nächstenliebe und Gnade ihren Platz haben. Es gäbe keinen Raum, in dem eine Verbindung da ist zu uralten Texten und Liedern – zu Liedern, die die Menschen schon vor Jahrhunderten gesungen, und zu Gebeten, die die Menschen schon vor Jahrtausenden gebetet haben. So ein Haus ist ein Haus, das Zeit und Ewigkeit verbindet. Das macht den Terror an diesem Ort so abgründig. Ein Gotteshaus, ob Kirche, Moschee, Tempel oder Synagoge ist ein Ort zur Heiligung des Lebens, ein Ort zur Rettung des Menschen. Wenn also in einem Gotteshaus gemordet wird, ist das ein Anschlag auf das Urvertrauen, dass es überhaupt einen Ort auf der Welt geben könnte, an dem es sicher und geschützt ist.

Auszug aus: Heribert Prantl, Prantls Blick – die politische Wochenvorschau, Newsletter vom zweiundzwanzigsten April Zeitausendundneunzehn

Arsch huh, Zäng ussenander

Mehr als sechsundzwanzig Jahre her, aktuell wie nie: Arsch Huh.

“Atheisten sind langweilig”

Bei Atheisten gibt es ja immer nur diese beiden schönen Stellen: Heinrich Böll hat in den „Ansichten eines Clowns“ gesagt, Atheisten sind langweilig. Frage: Warum? Ständig reden sie über Gott. Woody Allen hat gesagt, „Für Sie bin ich ein Atheist, für Gott bin ich die loyale Opposition“.

Carsten Frerk, Einfluss der Kirchen auf die Politik. „Demokratisch skandalös“, in Deutschlandfunk, Carsten Frerk im Gespräch mit Christiane Florin

Mordversuch aus Betroffenheit

Mehrfacher versuchter Mord. Das ist, was in der Silvesternacht in Bottrop und im Ruhrgebiet stattfand. Rassistische Motive wurden vom mutmaßlichen Täter bereits bei seiner Verhaftung geäußert. Eine rassistische, rechtsextremistische Gewalttat also. Innenminister Herbert Reul hingegen wird von Zeitungen mit den Worten zitiert, der mutmaßliche Täter habe aus „persönlicher Betroffenheit und Unmut Hass auf Fremde” entwickelt. Weil er psychische Probleme gehabt haben soll. Haben nicht alle, die Gewalt ausüben, Menschen verletzen oder töten, sich von Haß steuern lassen, einen an der Waffel? Fremdenhaß statt Rassismus, persönliche Betroffenheit statt rechtsextremer Gewalt. Die Sprache geht als erste den Bach runter.

Auch eine Bilanz

Seit mehr als 700 Tagen ist Donald Trump nun Präsident der USA, und er bleibt, in vielerlei Hinsicht, ein Mann der Superlative. Die Zeitung „Washington Post“ hat zu Anlass seines 700. Amtstages am Donnerstag mal wieder Bilanz zu seiner – nun ja – Wahrheitsliebe gezogen. Das Ergebnis: 7546 Trump-Aussagen waren nach Zählung des Blattes bisher entweder irreführend oder schlicht falsch. Weder ist seine Steuersenkung die größte der Geschichte noch gab es Millionen illegaler Wählerstimmen. Und wenn Trump wie im Februar 2017 auf Twitter behauptet, „alle negativen Umfragen“ zu seiner Politik seien falsch, macht er sich ganz offenkundig die Welt, wie sie ihm gefällt. Besonders steil war Trumps Lügenkurve vor den Wahlen im November, den „Midterms“. Am 5. November erzählte er laut „Washington Post“ 139 Unwahrheiten, also eine alle zehn Minuten – Nachtschlaf noch nicht eingerechnet. Irre Zahlen.

Remscheider General-Anzeiger, News-Ticker aus dem Weißen Haus, aktualisiert am einunddreißigsten Dezember Zweitausendundachtzehn

Welch ein Jahr

Ihr Lieben,

welch ein Jahr: der verrückte Trump wird immer verrückter, die Briten taumeln besinnungslos dem Brexit entgegen, der Sonnenkönig Macron wirft angesichts der Gelbwesten immer mehr Schatten, Ungarn, Polen, Österreich und Italien suhlen sich im Nationalismus, die EU droht zu zerbröckeln, die GroKo wurde zur KleiKo und wurschtelt sich auf ihr hoffentlich baldiges Ende hin, die SPD ist im Sinkflug bei 15% und will partout nicht einsehen, dass das an der KleiKo und ihrer Politik liegt, AKK braucht jetzt Merkel als Bewährungshelferin, die AfD ist inzwischen eine lupenrein rechtsradikale Partei, die Schere zwischen arm und reich hat sich weiter geöffnet, die Angst vieler Menschen vor Globalisierung und Digitalisierung und vor der Macht von Google und Amazon wächst, der Klimawandel schreitet mit aktiver Unterstützung durch Energiekonzerne und Regierung voran, die Dieselautohersteller bescheißen die Bürger hemmungslos, die sogenannten Freihandelsverträge stärken die Macht der internationalen Konzerne, die deutschen Rüstungsexporte an Diktaturen gehen ungebremst weiter, Putin gibt den Kriegsherrn, Flüchtlinge ersaufen weiter im Mittelmeer, der Papst frönt der Homophobie, Kofi Annan , Dieter Thomas Heck und Paul Bocuse sind von uns gegangen, Helene Fischer singt sich atemlos die Millionen zusammen, Gottschalks Bude in Malibu ist abgebrannt, Boris Becker ist insolvent , Jogis Truppe hat die WM verkackt, Tony Modeste wurde vom FC zurück geholt, darf aber nicht spielen, Reiner Calmund wurde 70 und Karl Marx leider schon vor 200 Jahren geboren. Trotz alledem lautet die Devise: Heiter bleiben, das Schöne im Leben genießen, sich engagieren und Haltung zeigen. Kurzum: Arsch huh – Zäng ussenander ! Für Demokratie, Vielfalt und soziale Gerechtigkeit, gegen Rechtsradikalismus ,Nationalismus, Rassismus und Gewalt – bei uns und überall !

In diesem Sinne erholsame Tage und alles Gute für Zweitausendneunzehn

(Gnadenlos geklaut bei meinem Freund Reiner)

Schutz wie der Schatten in der Mittagshitze

Gib Rat, sprich Recht, mach deinen Schatten am Mittag wie die Nacht; verbirg die Verjagten, und verrate die Flüchtigen nicht!

In einer anderen Version die gleiche Textstelle, einmal Lutherbibel, einmal BibleServer:

Gib den Flüchtlingen ein Versteck in deinem Land, liefere sie nicht dem Feind aus. Biete ihnen Schutz wie ein Schatten in der Mittagshitze, in dem sie sich bergen können wie im Dunkel der Nacht!

Zeiten, in denen so manches Bibelzitat, hier Jesaja 16,3, den Eindruck macht, als sei es in diesen Tagen erst geschrieben worden.

„Die Freiheit des Wortes ist nur ganz zu haben oder gar nicht“

Die Überschreitung von Grenzen des Anstands gehört im Ducismo zum Programm. Hasssprache und Rüpelsprache vereinigen sich zum Erfolgsidiom: Dass ganz oben einer die Sau rauslässt, legitimiert das Gegrunze ganz unten. Unversehens verfällt man selbst in den Gossenjargon: Warum stopft solchen Gestalten eigentlich niemand das Maul? (…)

Wir leben nicht in einer Zeit sprachlicher Feinheiten. Die Zertwitterung der Gegenwart, die Trump eingeleitet hat und die seither die politische Klasse infiziert, erzeugt eine Welt aus rudimentärem Vokabular. Der US-Präsident macht keine grammatikalischen Umstände, er lügt bevorzugt ohne Relativsatz. Auch bei anderen Weltverschlechterern drängt sich die Frage auf, ob es nicht gut wäre, ihnen sprachlich Zügel anzulegen, um etwas mehr Wahrheit und Takt zu bewirken. (…)

Die Freiheit des Wortes ist nur ganz zu haben oder nicht. Mit ihrer Rettungskraft und ihrem Zerstörungspotenzial, mit ihrer Friedfertigkeit und ihrer demagogischen Gewalt. Wer dieses Freiheitsrecht für sich beansprucht, muss sich nach seiner Menschenpflicht fragen lassen: Hier erweist sich das ethische und gesellschaftliche Versagen der Neo- und Präfaschisten, die von der Freiheit des Wortes Gebrauch machen, um den anderen öffentlich zu diskreditieren. Durch die Missachtung ihrer Menschenpflichten und die Einschränkung jeglichen Respekts auf die eigene Klientel propagieren sie eine brutale Gesellschaft, die durch den Verzicht auf Zivilisiertheit siegreich sein soll. Das ist ihre Gefährlichkeit, darum muss ihre Politik mit den Instrumenten der freiheitlichen Demokratie bekämpft werden. Nicht von einigen, sondern von allen. Nicht irgendwann. Jetzt.

Gerd Heidenreich, Freies Wort. Hört man den Hassrednern zu, möchte man ihnen den Stecker ziehen. Aber das Recht, die eigene Meinung zu sagen, gilt für alle, in: Süddeutsche Zeitung vom vierundzwanzigsten Dezember Zweitausenundachtzehn