Kategorie: Gesellschaft

“Atheisten sind langweilig”

Bei Atheisten gibt es ja immer nur diese beiden schönen Stellen: Heinrich Böll hat in den „Ansichten eines Clowns“ gesagt, Atheisten sind langweilig. Frage: Warum? Ständig reden sie über Gott. Woody Allen hat gesagt, „Für Sie bin ich ein Atheist, für Gott bin ich die loyale Opposition“.

Carsten Frerk, Einfluss der Kirchen auf die Politik. „Demokratisch skandalös“, in Deutschlandfunk, Carsten Frerk im Gespräch mit Christiane Florin

Mordversuch aus Betroffenheit

Mehrfacher versuchter Mord. Das ist, was in der Silvesternacht in Bottrop und im Ruhrgebiet stattfand. Rassistische Motive wurden vom mutmaßlichen Täter bereits bei seiner Verhaftung geäußert. Eine rassistische, rechtsextremistische Gewalttat also. Innenminister Herbert Reul hingegen wird von Zeitungen mit den Worten zitiert, der mutmaßliche Täter habe aus „persönlicher Betroffenheit und Unmut Hass auf Fremde” entwickelt. Weil er psychische Probleme gehabt haben soll. Haben nicht alle, die Gewalt ausüben, Menschen verletzen oder töten, sich von Haß steuern lassen, einen an der Waffel? Fremdenhaß statt Rassismus, persönliche Betroffenheit statt rechtsextremer Gewalt. Die Sprache geht als erste den Bach runter.

Auch eine Bilanz

Seit mehr als 700 Tagen ist Donald Trump nun Präsident der USA, und er bleibt, in vielerlei Hinsicht, ein Mann der Superlative. Die Zeitung „Washington Post“ hat zu Anlass seines 700. Amtstages am Donnerstag mal wieder Bilanz zu seiner – nun ja – Wahrheitsliebe gezogen. Das Ergebnis: 7546 Trump-Aussagen waren nach Zählung des Blattes bisher entweder irreführend oder schlicht falsch. Weder ist seine Steuersenkung die größte der Geschichte noch gab es Millionen illegaler Wählerstimmen. Und wenn Trump wie im Februar 2017 auf Twitter behauptet, „alle negativen Umfragen“ zu seiner Politik seien falsch, macht er sich ganz offenkundig die Welt, wie sie ihm gefällt. Besonders steil war Trumps Lügenkurve vor den Wahlen im November, den „Midterms“. Am 5. November erzählte er laut „Washington Post“ 139 Unwahrheiten, also eine alle zehn Minuten – Nachtschlaf noch nicht eingerechnet. Irre Zahlen.

Remscheider General-Anzeiger, News-Ticker aus dem Weißen Haus, aktualisiert am einunddreißigsten Dezember Zweitausendundachtzehn

Welch ein Jahr

Ihr Lieben,

welch ein Jahr: der verrückte Trump wird immer verrückter, die Briten taumeln besinnungslos dem Brexit entgegen, der Sonnenkönig Macron wirft angesichts der Gelbwesten immer mehr Schatten, Ungarn, Polen, Österreich und Italien suhlen sich im Nationalismus, die EU droht zu zerbröckeln, die GroKo wurde zur KleiKo und wurschtelt sich auf ihr hoffentlich baldiges Ende hin, die SPD ist im Sinkflug bei 15% und will partout nicht einsehen, dass das an der KleiKo und ihrer Politik liegt, AKK braucht jetzt Merkel als Bewährungshelferin, die AfD ist inzwischen eine lupenrein rechtsradikale Partei, die Schere zwischen arm und reich hat sich weiter geöffnet, die Angst vieler Menschen vor Globalisierung und Digitalisierung und vor der Macht von Google und Amazon wächst, der Klimawandel schreitet mit aktiver Unterstützung durch Energiekonzerne und Regierung voran, die Dieselautohersteller bescheißen die Bürger hemmungslos, die sogenannten Freihandelsverträge stärken die Macht der internationalen Konzerne, die deutschen Rüstungsexporte an Diktaturen gehen ungebremst weiter, Putin gibt den Kriegsherrn, Flüchtlinge ersaufen weiter im Mittelmeer, der Papst frönt der Homophobie, Kofi Annan , Dieter Thomas Heck und Paul Bocuse sind von uns gegangen, Helene Fischer singt sich atemlos die Millionen zusammen, Gottschalks Bude in Malibu ist abgebrannt, Boris Becker ist insolvent , Jogis Truppe hat die WM verkackt, Tony Modeste wurde vom FC zurück geholt, darf aber nicht spielen, Reiner Calmund wurde 70 und Karl Marx leider schon vor 200 Jahren geboren. Trotz alledem lautet die Devise: Heiter bleiben, das Schöne im Leben genießen, sich engagieren und Haltung zeigen. Kurzum: Arsch huh – Zäng ussenander ! Für Demokratie, Vielfalt und soziale Gerechtigkeit, gegen Rechtsradikalismus ,Nationalismus, Rassismus und Gewalt – bei uns und überall !

In diesem Sinne erholsame Tage und alles Gute für Zweitausendneunzehn

(Gnadenlos geklaut bei meinem Freund Reiner)

Schutz wie der Schatten in der Mittagshitze

Gib Rat, sprich Recht, mach deinen Schatten am Mittag wie die Nacht; verbirg die Verjagten, und verrate die Flüchtigen nicht!

In einer anderen Version die gleiche Textstelle, einmal Lutherbibel, einmal BibleServer:

Gib den Flüchtlingen ein Versteck in deinem Land, liefere sie nicht dem Feind aus. Biete ihnen Schutz wie ein Schatten in der Mittagshitze, in dem sie sich bergen können wie im Dunkel der Nacht!

Zeiten, in denen so manches Bibelzitat, hier Jesaja 16,3, den Eindruck macht, als sei es in diesen Tagen erst geschrieben worden.

„Die Freiheit des Wortes ist nur ganz zu haben oder gar nicht“

Die Überschreitung von Grenzen des Anstands gehört im Ducismo zum Programm. Hasssprache und Rüpelsprache vereinigen sich zum Erfolgsidiom: Dass ganz oben einer die Sau rauslässt, legitimiert das Gegrunze ganz unten. Unversehens verfällt man selbst in den Gossenjargon: Warum stopft solchen Gestalten eigentlich niemand das Maul? (…)

Wir leben nicht in einer Zeit sprachlicher Feinheiten. Die Zertwitterung der Gegenwart, die Trump eingeleitet hat und die seither die politische Klasse infiziert, erzeugt eine Welt aus rudimentärem Vokabular. Der US-Präsident macht keine grammatikalischen Umstände, er lügt bevorzugt ohne Relativsatz. Auch bei anderen Weltverschlechterern drängt sich die Frage auf, ob es nicht gut wäre, ihnen sprachlich Zügel anzulegen, um etwas mehr Wahrheit und Takt zu bewirken. (…)

Die Freiheit des Wortes ist nur ganz zu haben oder nicht. Mit ihrer Rettungskraft und ihrem Zerstörungspotenzial, mit ihrer Friedfertigkeit und ihrer demagogischen Gewalt. Wer dieses Freiheitsrecht für sich beansprucht, muss sich nach seiner Menschenpflicht fragen lassen: Hier erweist sich das ethische und gesellschaftliche Versagen der Neo- und Präfaschisten, die von der Freiheit des Wortes Gebrauch machen, um den anderen öffentlich zu diskreditieren. Durch die Missachtung ihrer Menschenpflichten und die Einschränkung jeglichen Respekts auf die eigene Klientel propagieren sie eine brutale Gesellschaft, die durch den Verzicht auf Zivilisiertheit siegreich sein soll. Das ist ihre Gefährlichkeit, darum muss ihre Politik mit den Instrumenten der freiheitlichen Demokratie bekämpft werden. Nicht von einigen, sondern von allen. Nicht irgendwann. Jetzt.

Gerd Heidenreich, Freies Wort. Hört man den Hassrednern zu, möchte man ihnen den Stecker ziehen. Aber das Recht, die eigene Meinung zu sagen, gilt für alle, in: Süddeutsche Zeitung vom vierundzwanzigsten Dezember Zweitausenundachtzehn

„Nicht den Rattenfängern auf den Leim gehen“

Ich finde, dass es innerhalb des politischen Diskurses darum gehen muss, die AfD und ihre Denkmuster zu entlarven. Sie muss politisch bloßgestellt werden mit Blick auf ihr Menschenbild, mit Blick auf ihr Gesellschaftsbild. Dort, wo das gelingt, denke ich, wird man als guter Demokrat wissen, wo man seine politische Heimat findet und dass die Alternativen bei uns in Deutschland woanders liegen, jedenfalls nicht dort.

Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki, „Nicht den Rattenfängern auf den Leim gehen“. Interview mit dem Deutschlandfunk am dreiundzwanzigsten Dezember Zweitausendundachtzehn

Unfaßbar

CORRECTIV, das erste gemeinnützige Recherchezentrum im deutschsprachigen Raum mit Büros in Essen und Berlin hat mit seinen Veröffentlichungen zu den CumEx-Praktiken ein gewaltiges Wirtschaftsverbrechen aufgedeckt. Und dafür gerät der Journalistenverbund nun selbst ins Visier der Justiz, denn die Staatsanwaltschaft Hamburg ermittelt wegen „Anstiftung zum Verrat von Betriebs- und Geschäftsgeheimnissen“. Das Strafrecht wird nicht zum ersten Mal gegen die Presse verwendet und mißbraucht. Wie war das noch? Grundgesetz Artikel Fünf, Absatz Eins: Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten und sich aus allgemein zugänglichen Quellen ungehindert zu unterrichten. Die Pressefreiheit und die Freiheit der Berichterstattung durch Rundfunk und Film werden gewährleistet. Eine Zensur findet nicht statt.

Ein Offener Brief