Monat: Dezember 2016

“Wir dürfen nicht zulassen, dass die Hetze salonfähig wird!”

Es ist kaum auszuhalten, wie hemmungslos die Sprache geworden ist und wie mehrheitsfähig Islamophobie. Und Antisemitismus. Wie die Demokratie verhöhnt wird und als ‚Lügenpresse’ bespuckt und ausgepfiffen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Hetze salonfähig wird! Deshalb müssen wir reden – gemeinsam über uns! Denn Demokratie ist Diskurs, ist Freiheit, ist Prozess, ist Zweifel, ist Mitbestimmung und Solidarität. Fertig und verschlossen sind nur Diktaturen. (…) Abgrenzung und Rassismus sind keine Alternativen – weder für Deutschland noch für irgendein anderes Land. Wer Kulturen oder Religionen dämonisiert und Sündenbocktheorien propagiert – verlässt die Freiheit des Geistes und die der Humanität. (…) Wir müssen der Hetze laut widersprechen um unser selbst willen. Es gibt keine friedliche Alternative zu offenen Grenzen und der Freiheit der Kulturen. Die – die das Gegenteil behaupten – sind keine Alternative.

Renan Demirkan, Checkpoint Demokratie: Der Aufruf, den mittlerweile viele Menschen unterschrieben haben, von Michael Friedmann oder Jochen Busse über Friedrich Schorlemmer und Prof. Dr. Eberhard Geisler bis hin zu Hasnain Kazim oder Neven Subotic

Rohe Bürgerlichkeit

Selbst in gebildeten und gut situierten Kreisen macht sich eine rohe Bürgerlichkeit mit einem Jargon der Verachtung gegen Schwächere breit. Es wird abwertend und diskriminierend geredet im Sinne einer Ungleichwertigkeit von Zuwanderern, Muslimen, Homosexuellen, Obdachlosen und andere Minderheiten. Vor allem bei Menschen über 60 ist die Abwertung schwacher Gruppen stark ausgeprägt. Ein erheblicher Teil der älteren Bevölkerung fühlt sich von der Geschwindigkeit der Veränderungsprozesse überfordert. Hinzu kommt: Die Gesellschaft hat in den vergangenen Jahrzehnten erfreuliche Freiheiten für unterschiedliche Lebensweisen entwickelt. Manche Teile der Bevölkerung sehen dies als Bedrohung ihrer Normalität oder gar der „deutschen Identität”.

Wilhelm Heitmeyer, Professor für Sozialisation an der Universität Bielefeld und Konfliktforscher, in einem Interview mit der Neuen WestfälischenBielefelder Forscher: „Rechtspopulismus erledigt sich nicht von selbst“, fünfter Dezember Zweitausendundsechzehn

Jenseits

„Jenseits von richtig und falsch liegt ein Ort.

Dort treffen wir uns.“

 

Dschalal ad-Din ar-Rumi, persischer Dichter des 13. Jahrhunderts

Ensemble

Ein Ensemble. In der Nachbarstadt.

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Trübenfischer

Drei Tage ist es her, daß ich mich hier über den gemeinen Anschlag auf einen Obdachlosen in Berlin ausgelassen habe. Auf Twitter hat sich nun auch Henning Rehse ausgelassen. Henning Rehse? Der Fraktionsvorsitzende einer CDU-Abspaltung im hiesigen Stadtrat und erprobter politischer Raufbold. Mit einem Link zur Bildzeitung will er das “Bild vervollständigen”. Vervolbildschirmfoto-2016-12-28-um-16-07-10lständigen mit der Nationalität der Täter. Ist die Tat nicht übel genug? Wird der feige Anschlag noch schlimmer oder weniger schlimm, wenn wir wissen, woher die Täter stammen? Wäre die Tat für Rehse aushaltbarer, wenn sie von Deutschen begangen worden wäre. Von Isländern, Portugiesen, Peruanern oder Georgiern? Ist sie weniger aushaltbar, wenn sie womöglich Muslime begangen haben und keine Christen oder Juden, Atheisten oder Hindi? Warum benötige ich zur Bewertung von Abscheulichem die in der Bildzeitung erwähnten Heimatländer der mutmaßlichen Täter, Syrien und Libyen? Hat irgendjemand ein Verbrechen entschuldigt mit dem Verweis auf Krieg, wirtschaftliche Not, rassische Verfolgung, Folter, Bürgerkrieg, Unterdrückung von ethnischen Minderheiten, mangelnder Gesundheitsversorgung oder Bürgerkrieg? Nein und nochmal nein. Henning Rehse will im Trüben fischen. Er schürt Ressentiments. Es geht nicht wirklich um den Berliner Obdachlosen. Ihm liegt an Stimmung gegen Flüchtlinge. An einer Schürung der Ängste vor Fremden. An einer Spaltung der Gesellschaft. Mehr nicht mehr.

Nachtrag: Die Liste der Opfer rechter Gewalt weist seit Neunzehnhundertneunzig mindestens achtundzwanzig ermordete Obdachlose aus.

 

Weihnacht, das Fest der Liebe

Weihnachten? Eben lese ich, am ersten Weihnachtstag, daß in Berlin in der Nacht mehrere Unbekannte versucht haben sollen, einen schlafenden Obdachlosen anzuzünden. “Die Gruppe habe Kleidungsstücke des Mannes in Brand gesetzt, sagte ein Polizeisprecher. ‘Der Mann blieb nur durch das beherzte Eingreifen von Zeugen unverletzt.'” Nachzulesen in der heutigen Ausgabe von Spiegel Online. Bisher, so heißt es weiter, gehe die Polizei von fünf bis sechs Tätern aus. Weihnachten in Deutschland. Keine gute Zeit für Menschen in Not in einem Land mit Menschen ohne Not.

Trend zur Zweittanne

Was man bei der heiligabendlichen Fernsehdurchsicht vor dem Großen Fressen und der Schenkorgie alles so erfahren kann. Trend zur Zweittanne. Wer hätte das gedacht. Wahrlich ein Christkindcoup für den Bundesverband der Deutschen Holzindustrie.

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Gesang und Literatur. Patti Smith und Bob Dylan

Vor nicht ganz einem Jahr haben wir hier schon den Text und eine Coverversion von A Hard Rain’s Gonna Fall von Bob Dylan veröffentlicht. Und nun hat Patti Smith das Lied auf der Zeremonie zur Literaturnobelpreisverleihung gesungen.

Präsidentin h.c.

Am Mittwoch ist Hildegard Hamm-Brücher im Alter von 95 Jahren gestorben (…). Sie war vielleicht die beste Bundespräsidentin, die Deutschland nie hatte.

Detlef Esslinger, Nachruf auf Hildegard Hamm-Brücher. Präsidentin h.c., in: Süddeutsche Zeitung vom zehnten Dezember Zweitausendsechzehn