Kategorie: Wermelskirchen

Bedeutsamkeit

Und wenn den oft selbstverliebt wirkenden Träger des Aachener Karnevalsordens „Wider den tierischen Ernst“ einmal der Humor verlässt, dann meist, weil andere ihm nicht eine ähnlich hohe Bedeutsamkeit zumessen, wie er sich selbst. 


Stefan Rehder, Christian Lindner: Mehr als nur selbstverliebt, in: Die Tagespost

Das Modell für Heldenfotos bei der Nachtarbeit

Herr Becker, der Bundestagswahlkampf hat sich ja lange sehr mit Nebensächlichkeiten beschäftigt. Was war Ihre schönste Perle? Jürgen Becker: Die Plakate von Christian Lindner. „Nie gab es mehr zu tun.“ Er arbeitet auch nachts. Alle anderen Politikerinnen und Politiker hängen da schon längst mit ‘ner Flasche Bier auf dem Sofa, aber er ist der einzige, der schuftet. Und tagsüber jobbt er als Modell für Heldenfotos.

Aus einem Interview mit dem Kölner Kabarettisten Jürgen Becker im Remscheider General-Anzeiger vom fünfundzwanzigsten September Zweitausendundeinundzwanzig

Ups, was kommt jetzt?

Das war mein Gedanke, als sich plötzlich ein fremder Mann neben mich stellt. Also sehr nah neben mich stellt. Ich stand um die Ecke vom Heumarkt und versuchte, einen Aufkleber von einem Gasthausschild abzukratzen. “Lügenpresse” stand fett darüber. Darunter kam ein Pamphlet auf Journalisten und Journalismus. Der Ankleber hatte unverkennbar eine sehr rechte Gesinnung.
Ich kann und will meinen Beruf nicht so in den Dreck ziehen lassen. Und ich möchte, dass diejenigen, die so etwas anbringen, wissen, dass nicht alle ihrer Meinung sind. Also hatte ich angefangen, den leider sehr festklebenden Zettel abzukratzen.
Und dann stand dieser Mann neben mir. Würde er mich beschimpfen? Bedrohen? Nein. Er fing in aller Ruhe an, gemeinsam und schweigend mit mir den Aufkleber zu entfernen. “Dafür muss man sich immer Zeit nehmen”, sagte er nach einigen Sekunden. Wir lächelten. Leider haben wir den Aufkleber nicht ganz wegbekommen. Aber zumindest klargestellt, dass es so nicht geht. Für solche Situationen liebe ich Köln.

Die Kölner Journalistin Bettina Blaß in der neuesten Ausgabe ihres Newsletters Op Jück von gestern

Wahlansichten

(…) Beatrix von Storch in Reizwäsche

Nächsten Sonntag dann also wählen. Wird auch Zeit. Schließlich sind in Folge des warmen Spätsommers viele dieser Plakate mit lächelnden Gesichtern oder/und nichtssagenden Sprüchen an den Laternenpfählen inzwischen auf Augenhöhe gerutscht und auf ohnehin nicht breiten Gehwegen im Viertel zum echten Verkehrshindernis geworden. Vielleicht könnten sie demnächst statt Kabelbinder mal Draht verwenden. Dehnt sich bei Wärme nicht so aus. Oder diese ganze alberne Stadtvermüllung ganz lassen. Oder kennt irgendwer irgendwen, dessen Stimmabgabe mal durch so ein Plakat beeinflusst wurde? Vielleicht, wenn Beatrix von Storch sich mal in Reizwäsche ablichten ließe. Aber das möchte doch auch niemand sehen. Letztens kam mir ein Einzel-Wahlkämpfer am Waidmarkt auf dem Rad entgegen. Er hatte einen Anhänger dabei, der nach Marke Eigenbau aussah, und darauf hatte er ein großes Plakat montiert, das für die FDP warb, ohne dass Christian Lindner darauf abgebildet war. Ich wusste gar nicht, dass die Partei solche Werbeträger überhaupt hat. Ob der Mann auf dem Rad nun ein eifriger Sympathisant, ein angestellter Mini-Jobber oder ein Kölner Kandidat höchstselbst war, weiß ich nicht. Aber vermutlich wird auch er froh sein, wenn der Kampf am Sonntag ein Ende hat.


Deutsch für Deutsche

Der Dame und den beiden Herren, die ins Kanzleramt wollen, dürfte es kaum anders gehen. Seit Wochen tagsüber im Bus durch die Pampa schaukeln und auf Marktplätzen oder in Gemeindesälen die immer selben Reden halten – da hat der Spaß doch schon lange aufgehört. Und abends dann noch vor die Kameras. Vor rund zehn Jahren gab es höchstens zwei solcher Duelle im Ersten und im ZDF. Doch seit die Privaten Sender (mal wieder) eine Info-Offensive ausgerufen haben, gibt’s gleich drei Ausgaben dieser Redeshows. Und zwischendurch nahezu jeden Abend irgendwo ein Format, in dem Politiker Bürgerfragen beantworten sollen oder sich von Kindern über die Gefahren des Rauchens aufklären lassen müssen. Sehenswert wird sowas allenfalls, wenn Nachwuchsreporter auf ein schlichtes Gemüt wie AfD-Spitzenkandidat Tino Chrupalla treffen, der das „deutsche Kulturgut“ retten möchte. Auf die Frage, was das denn sei, antwortete der Mann: „Wir möchten, dass wieder mehr deutsche Volkslieder gelehrt werden, dass deutsche Gedichte gelernt werden. Dass wir auch unsere deutschen Dichter und Denker wieder mehr in den Schulen würdigen.“ Jawoll! Zu dumm nur, dass dem Denker Chrupalla auf Nachfrage nicht ein einziges Gedicht einfallen wollte. (…)

Reinhard Lüke, Bart-Shampoo für Dichter, in: Meine Südstadt

Knietief

Wer die Wahl hat, hat die Qual – wer eine bevorstehende Bundestagswahl hat, wird durch das Triell gequält. So lautet doch diese Redewendung – oder nicht? Es gibt aktuell natürlich diverse Formate, die über die Wahl berichten und den Kandidierenden eine Plattform geben. Anhand des Triells lassen sich die Probleme des Politikjournalismus aber am deutlichsten beobachten.

Aufgebaut ist es wie eine Art Speeddating für Journalist_innen und Menschen, die knietief in politischen Debatten stecken. Viele wichtige Themen werden da nur oberflächlich angerissen, andere gehen völlig in verwirrenden Details unter. Wer kein News Nerd ist, bleibt auf der Strecke, soll sich aber trotzdem eine fundierte Meinung bilden – Journalismus mit Aufklärungsauftrag geht anders.

Möchte man sich doch mal zugänglicher geben, werden komplexe Fragen wie die des Klimaschutzes auf ein „Was soll das alles kosten?“ reduziert. Statt darüber zu sprechen, warum wir es uns eben nicht leisten können, dort zu zögern und zu versagen, wird dem eigenen Publikum erst gar kein weiteres Interesse zugetraut.

Falls es entfallen sein sollte: Unsere nächste Bundesregierung hat die historische Aufgabe, die Klimakrise in ihrem vollen und tödlichen Ausmaß abzuwenden. Warum wird selbst in zentralen Formaten wie dem Triell nicht mit Dringlichkeit und der nötigen Tiefe darüber gesprochen? Wir bekommen hier die Quittung eines nachweislich schädlichen Horse Race Journalism, der sich eher auf Einzelpersonen im Wahlwettbewerb konzentriert, statt ernsthaft in politische Fragen einzutauchen.

Das dritte Triell steht noch aus. Die Hoffnung, dass andere, oft existenzgefährdende Probleme überhaupt angesprochen werden und die Kandidierenden echte Lösungen bieten müssen, bleibt winzig. Zumal sie genug Raum bekommen müssten, um nicht als Randnotiz zu verhallen, in unhinterfragten Worthülsen oder gar Lügen erstickt zu werden. Denn was nützt der sorgfältigste Faktencheck, wenn er erst mehrere Stunden nach Ende der Sendung Laschets angebliche „Brandmauer nach Rechts“ als Drehtür entlarvt? Auch der Kampf gegen Rechtsextremismus und rechten Terror war übrigens bisher kaum Thema. Dabei sind allein der Mord an Walter Lübcke, der Anschlag in Halle und der in Hanau alle in der laufenden Legislaturperiode gewesen.

Wahlkampf 2021 ist, wenn sich alle beschweren, dass es zu wenig um Inhalte geht. Das wird sich allerdings auch nicht ändern, solange Medienschaffende kaum für Bedingungen sorgen, unter denen sich gut über Inhalte sprechen lässt.

ANNE WIZOREK, in: Der Hauptstadtbrief
(Anne Wizorek ist freie Beraterin für digitale Strategien und Autorin. Ihr Twitter Handle ist @marthadear.)

MdB Dr. Seltsam

Noch eine Woche mit dem seltsamsten Bundestagswahlkampf aller Zeiten. Sein Thema, soviel lässt sich jetzt schon sagen, ist er selbst: Was darf man im Wahlkampf? Wer redet am besten darüber, was man im Wahlkampf darf? Und wer sind überhaupt diese beiden Kandidaten und die Kandidatin, die uns fremder werden, je mehr wir sie aus der Nähe betrachten. (…) Die Welt dreht sich weiter, aber der bundesdeutsche Wahlkampf nimmt es nicht zur Kenntnis. Bald wird man erörtern müssen, was eigentlich schief gegangen ist.

Nils Minkmar in: Totally useless. Der siebte Tag. Vom Wert des Nutzlosen, Newsletter