Kategorie: Wermelskirchen

Armutszeugnis

Es gibt kein Armutszeugnis. Jedenfalls nicht in dieser Angelegenheit. Das Zeugnis der Armut ist eine behördliche Beglaubigung des Anspruchs auf Armenrecht. Und das Armenrecht will der WDR doch gewiß nicht in Anspruch nehmen. Eine Zuschauerbefragung habe ergeben, dass die Mehrheit des Publikums kein Interesse an Büchern habe. Deshalb streicht der größte Sender der Republik die Fünf-Minuten-Rubrik in Frau-TV, in der Christine Westermann regelmäßig zwei Bücher vorgestellt hat. Wie genau das Ergebnis zustande gekommen ist, wer befragt wurde, wie die Fragestellung lautete, das alles wissen wir nicht, das Publikum. Das ist kein Armutszeugnis. Das ist das selbstausgestellte Zeugnis geistiger und moralischer Beschränktheit. Die Empfehlungen von Christine Westermann schafften es regelmäßig in die Bestsellerlisten. Baucht man mehr Argumente dafür, Hinweise auf Bücher überhaupt zu senden, und dafür, sie von dieser Autorin erstellen zu lassen? Muß man wirklich das WDR-Gesetz bemühen, den dort formulierten Bildungsauftrag, um die Entscheidung gräßlich zu finden, kulturlos und borniert? Das Schielen nach der Quote ist kein Schielen mehr, das ist eine fundamentale Fehlsichtigkeit. Das Armutszeugnis ist in Wirklichkeit ein Offenbarungseid. Der WDR macht deutlich, daß er kein Interesse an Programmvermögen mehr hat, sondern an der billigen, schnellen Ware, an Sendungen mit kurzem Haltbarkeitsdatum. Die Programmverantwortlichen betreiben selber die Delegitimation ihres Senders.

Weltkußtag

Wovon mag man nicht alles träumen in den pandemischen Zeiten, in denen die Vorsicht regiert und Nähe gefährlich werden und krank machen könnte? Vom Küssen vielleicht. Dazu hat man heute allen Anlass, am Weltkußtag. Man mag es nicht glauben, aber dieser Tag wurde Anfang der neunzehnhundertneunziger Jahre in, nein, nicht im sündigen Frankreich, auch nicht im vermutlich nicht weniger körperbetonten Italien kreiert, sondern in Großbritannien, wo Leibliches eher verpönt ist, sieht man von Ale ab, von Stout, also Beer, Fish’n Chips oder Minze. Fürs Küssen sind die Engländer jedenfalls nicht berühmt, so wenig wie Schotten, Waliser oder Nordiren auch. Das Bonmot „No sex please, we’re British“ wird keinem Geringeren als Churchill zugeschrieben.

Der Tag wurde kreiert, so kann man lesen, um den Kuss schätzen zu lernen. Das mag den Ursprung in Großbritannien erklären. Von einer Kulturrevolution in diesem Sinne im Vereinigten Königreich war jedoch noch nichts zu vernehmen.

Der Kuss ist allerorten Ausdruck von Liebe, Freundschaft und Ehrerbietung. Und mehr: An den Lippen haben wir besonders viele Nervenenden und durch die Nähe werden beim Kuss Pheromone, sexuelle Duftstoffe, besonders gut übertragen. Ein Kuss kann so die sexuelle Lust steigern. Öffentlich entboten, gilt er in einigen Kulturen indes als anstößig, anderswo ist der Kuss von Erwachsenen auch verschiedenen Geschlechts, wenn sie nicht miteinander verwandt oder verheiratet sind, sogar eine strafbare Handlung.

Im europäischen Westen und in den meisten Ländern Nordamerikas gilt es heutzutage meist nicht mehr als anstößig, sich in der Öffentlichkeit zu küssen. Deshalb wird sogar ein Kußweltrekord notiert im Guinness-Buch der RekordeJames Belshaw und Sophia Severin sind die Rekordinhaber seit dem sechsten Juli Zweitausendundfünf, als sie einunddreißig Stunden, dreißig Minuten und dreißig Sekunden lang die Lippen kreuzten. Ob es Liebe war? Ob es Pausen gab? Ob sie sich während des Rekordkusses ernähren konnten? Ob sie die Stellung wechseln durften und konnten? Wo hat das Ganze stattgefunden? Nach welchen Regeln? Alles Fragen, die heute, am Weltkußtag gestellt, aber nicht beantwortet werden. Schade.

Ein Letztes noch: Zwei Drittel aller Menschen drehen beim Küssen ihren Kopf nach rechts.

Verlängerung

So ein Europameisterschaftsspiel mit Verlängerung hat den entscheidenden Nachteil, daß das unerträgliche Dauer-Gequatsche von Kommentatorinnen und Kommentatoren auch verlängert wird, um mehr als dreißig Minuten. Auch das Geschrei wird verlängert.

Rasenschach

Wenn es wie beim Schachspiel immer rund um den Strafraum geht. Tom Bartels erklärt modernen Fußball unter Rückgriff auf das älteste Brettspiel der Welt. Wobei ein gutes Spiel für sich spricht und die übergroße Mehrheit der Erläuterungen des Kommentators eher stört.

Partei-Los

Parteilos. Ein changierendes Wort. Überwiegend genutzt, um jemanden zu bezeichnen, der sich nicht einer Partei angeschlossen hat. Ein bißchen aber kann es auch verwendet werden, um die Schwierigkeit, ein Dilemma, das Schicksal, ein Los eben von Parteien zu bezeichnen, beispielsweise mit Mitgliedern, die den Weg der Partei kritisch betrachten, manche Entscheidung von Parteigremien für falsch halten, die überhaupt die Unfehlbarkeit von Partei und/oder Parteigranden in Zweifel ziehen. In dem Sinne ist Parteilos auch ein interessantes Wort. 

Früher waren die Parteien viel stärker als heute Heimat für den einzelnen, in einem ganz umfassenden Sinn. Hier wurde die Welt erklärt und verstehbar, hier fand man Gesinnungsgenossen, hier waren die Mitstreiter für die Gestaltung der Welt und Veränderungen. Partei war Weltverständnis und Familie zugleich. Heutzutage hat diese umfassende Bindungskraft der Parteien stark nachgelassen. Aller Parteien. Ihre einst unbedingte Geltung hat viele Risse erhalten. Mit der zunehmenden Individualisierung in allen Bereichen der Gesellschaft wurden ihre Gestaltungskräfte in Frage gestellt, ihre generelle Tauglichkeit und Zuständigkeit, ihr Vorrang vor individuellen Gesichtsweisen. Das gilt im übrigen auch für Kirchen oder Gewerkschaften, für Großorganisationen aller Art. Ein Parteilos. 

Eines, auf das sich Funktionäre und Amtsinhaber in Parteien einstellen können und das sie auch zu akzeptieren haben. Der Fraktionsvorsitzende, gleich, auf welcher Ebene der Politik, der oder die Parteivorsitzende, gleich, auf welcher Ebene der Politik, sind nicht mit dem Status der Unfehlbarkeit gesegnet. Ihr Wort ist nicht Gesetz. Sie irren. Ebenso oft, wie „einfache“ Mitglieder auch. Toller Gegensatz: Einfache Mitglieder und Funktionäre. Sie, die Funktionäre, sind nicht gefeit vor Fehlern und Fehlentscheidungen. Sie sind meist ebenso einfach wie die einfachen Mitglieder. Das ist Parteilos. 

Mehr noch. Die Funktionäre entscheiden, die Amtsträger. Sie sind für die Folgen von Entscheidungen verantwortlich, für Erfolg oder Mißerfolg ihrer Beschlüsse, für das öffentliche Ansehen von Parteien bei Bürgerinnen und Bürgern. Wenn die Menschen und die „einfachen“ Mitglieder der Parteien das Gefühl beschleicht, daß Entscheidungen der Parteioberen gegen ihre eigenen Interessen und Vorstellungen gerichtet sind, dann eben kommt es zu Entfremdungen zwischen Parteien und Bevölkerung, zu nachlassender Bedeutung, zum Verlust von Wirkung und Einfluß. 

Studierbar ist das derzeit hier in Wermelskirchen an der Frage, wie das Freizeitareal im Eifgen gestaltet werden soll und welchen Einfluß Bürger auf die Entscheidungen von Parteien und Kommunalverwaltung nehmen dürfen. Ich habe mich in dieser Frage eindeutig positioniert. Das Areal, um das es geht, wird von vielen Bürgern genutzt, als Freizeitareal. Man wandert und schlendert hier, man genießt die Natur; hier setzt man sich vorübergehend ab vom Lärm der Stadt und der Hektik des Alltags. Die Fragen, wie das Eifgen zukünftig genutzt werden soll, wie das Areal den Bürgern zugänglich bleiben kann, wer dort welche Projekte mit welchen finanziellen Mitteln realisieren kann, diese Fragen betreffen die Bürger der Stadt unmittelbar. Die Pandemie hat aber nicht möglich gemacht, daß die Bürgerinnen und Bürger der Stadt in einem öffentlichen Diskurs von Parteien und Verwaltung umfassend informiert und womöglich auch befragt werden konnten. Mehr noch: Der Vorschlag von zwei Parteien bzw. Wahlvereinen, das Beschlußverfahren stärker öffentlich zu behandeln, wurde von einer Mehrheit der Parteien abgelehnt. Auch von den Fraktionsfunktionären meiner Partei. Das ist kein Parteilos. 

Das war eine falsche Entscheidung. An den Bürgern vorbei, gegen die Überlegungen, Vorstellungen, Einreden der Menschen, die hier leben und dieses Stückchen Stadt nutzen. Im Gegensatz zu den Funktionären meiner Partei bin ich der Meinung, daß die Parteien allesamt das gegenwärtige Auswahl- und Beschluß-Verfahren beenden sollten und ein Neues eröffnen, das der öffentlichen Debatte stärker zugänglich ist und an dem sich alle Interessenten beteiligen können. Das ist Parteilos. 

Die Menschen in dieser Stadt und anderswo auch, haben das Recht, sich einzumischen, Stellung zu beziehen, Entscheide von Parteien und Fraktionen für falsch zu halten. Ja, lieber sozialdemokratischer Fraktionsvorsitzender, mich qualifiziert zu dieser Haltung, dieser Positionierung gegen einen Partei- respektive Fraktionsbeschluß nur, daß ich ein Bürger dieser Stadt bin. Ich bin, zugestanden, einer von nur zehn Menschen, die dies öffentlich erklärt haben. Ich bin einer, der mit den anderen zusammen den Versuch unternimmt, ein Verfahren aufzuhalten, das Parteien den Bürgern an ihnen vorbei eingebrockt haben, und das, wie die öffentliche Debatte zeigt, nicht auf die ungeteilte Zustimmung der Menschen in dieser Stadt trifft. Ich bin einer von denen, die das Parteilos nicht für alternativlos halten. 

Wenn Parteien, alle Parteien, mit einem Bedeutungsverlust zu tun haben, an ihm kranken, sollten sie dankbar sein für die Initiative von Bürgerinnen und Bürgern, sich um ihre Belange zu mühen, sich einzumischen, sich Gehör zu verschaffen. Das sind die Menschen, die Parteien brauchen, um nicht dem Parteilos des Ansehensverlustes zu verfallen, nachlassender Bedeutung, schwindender Achtung. Diese Menschen befinden sich allesamt nicht in irgendeinem Elfenbeinturm. Den bewohnen, im Gegenteil, Politiker, wenn sie nicht zur Kenntnis nehmen, was sie anrichten, wenn sie Bürgerinnen und Bürger gegen sich aufbringen, wenn sie die Chancen verkennen, die für die Parteien bestehen in mündigen Bürgern, in Menschen, die sich zu Wort melden, ihre Interessen deutlich machen, in einem Dialog von Bürgerinnen und Bürgern mit der Politik. Parteien und Parteifunktionäre im Elfenbeinturm sind kein Parteilos. Parteien werden dauerhaft nur Bedeutung und Gestaltungskraft behalten, wenn sie selbständige und auch eigenwillige Menschen als Bereicherung betrachten, als Garantie für lebendige Demokratie, als Reservoir auch für Parteien.

Die Alternative zu alldem ist die Parteilosigkeit. Die Trennung von Bürgern und Partei. Das Bewusstsein und die Entscheidung, daß Parteien nicht helfen, Interessen zu organisieren und produktiven Meinungsstreit zu garantieren. Die Gefahr für die Parteien ist größer, als Funktionären lieb sein kann. Menschen mit anderer Auffassung, als sie in Parteigremien gestaltet wird, auszugrenzen, zu ignorieren, zu diffamieren ist kein Parteilos. Es ist der Anfang von größer werdender Parteilosigkeit.

Klimaschutz ist Freiheit

Eine Parteitagsrede, die anzuhören und anzusehen sich lohnt, gleich, ob man Mitglied einer Partei ist oder nicht, oder ob man sich anderswo organisiert hat als bei den Grünen. Man muß auch nicht hinter jedem Habeckschen Satz stehen. Aber sich mit dem Gedankengebäude zu befassen, das ganz untypisch für einen Parteitag heutzutage ist, ist allemal ein Gewinn.

Tag der Wiederholung

Der Tag der Wiederholung findet jährlich am dritten Juni statt. Der Tag der Wiederholung ist eine Gelegenheit, Dinge immer und immer wieder zu wiederholen. Zu wiederholen, zu wiederholen und zu wiederholen. Na toll. Der Tag der Wiederholung ist eine Gelegenheit, Dinge immer und immer wieder zu wiederholen. Der Tag der Wiederholung ist eine Gelegenheit, Dinge immer und immer wieder zu wiederholen. Genau wie sich der Tag jedes Jahr wiederholt. Der Tag der Wiederholung, der jährlich am dritten Juni wiederholt wird, ist eine Gelegenheit etwas immer und immer wieder zu wiederholen. Man muß sich so etwas einfach nur mal ausdenken. Und dann immer und immer wieder wiederholen, am dritten Juni.