Kategorie: Wermelskirchen

“Größte Schande”

„SUVs sind die größte Schande, die die Industrie im neuen Jahrtausend produziert hat.“ Rumms. Dieser Satz stammt nicht etwa von einem Klimaaktivisten, sondern von Design-Professor Paolo Tumminello, der unter anderem schon für Alfa Romeo tätig war. SUVs, so Tumminello, seien nicht mehr als ein aufgebocktes Auto mit zahlreichen Nachteilen: höherer Rohstoffverbrauch in der Herstellung, höherer Spritverbrauch, höhere Betriebskosten – und ein höheres Unfallrisiko.

Kendra Stenzel, Newsletter Stadt mit K von heute

Reinhold Billstein

Mein Freund Reinhold Billstein ist tot. Gestorben am vorvergangenen Montag in Hamburg, dort, wo er in den vergangenen Jahrzehnten lebte, in Rotherbaum. Schwer erkrankt, dement, so ganz anders als das Bild, das wir alle von ihm in uns tragen, die in der Schüler- und Jugendzeit in seinem Umfeld waren oder mit ihm in Sachen Weltrevolution zu schaffen hatten. 

Die Freundschaft mit Reinhold war ein Privileg. Er war der unbestrittene Anführer einer größeren Gruppe von Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums in Porz, die sich Aktion kritischer Schüler nannte. Später waren viele derer in der Kommunistischen Partei zu Hause, dem marxistischen Studentenbund oder in diesem Umfeld politisch und gesellschaftlich aktiv. 

Wir haben gemeinsam Schülerzeitungen geschrieben, die Bewegung gegen die Verabschiedung der Notstandsgesetze an unserer Schule und in unserer Heimatstadt organisiert, ein Kinder- und Jugendparlament mit einer einzigartigen Struktur auf die Beine gestellt. Ein Jugendparlament, das auch arbeitenden Jugendlichen und Auszubildenden die Teilnahme sicherte, nicht nur Schülern. 

Wir waren der Schrecken der Lehrerinnen und Lehrer, die auf aufsässige junge Menschen nicht vorbereitet waren. Die Fragen danach, wie der Faschismus in Deutschland möglich geworden war, danach, wie die Katholische Kirche derartige Macht und den unvorstellbaren Reichtum ansammeln konnte, danach, warum es Armut und soziales Elend in unserem Land gab und gibt und danach, warum nicht allen gleichermaßen Bildung und Vorsorge zuteil wird, waren für die Pädagogen wie auch das Bürgertum und die politische Elite in der Stadt zu viel, zu kompliziert, zu unangemessen, weil von uns gestellt. 

Die Einmischung sehr junger Menschen in die Verhältnisse, ihre laut und öffentlich in mehreren sehr gut besuchten Demonstrationen vorgebrachten politischen Vorstellungen haben das bürgerliche Gefüge der Stadt vorübergehend ordentlich strapaziert. Und als der Leiter der Schule, der den Schülern „seines“ Gymnasiums öffentlich und vernehmlich untersagt hatte, die Verhandlungen eines der ersten großen gerichtlichen Schülerzeitungsverfahren in Köln gegen uns vier verantwortliche Redakteure und unser Blatt, den „Splitter/Informant“ zu besuchen, im Gerichtssaal auf die vollständig versammelte Oberstufe traf, war es auch mit seiner Contenance vorbei. All das und vieles mehr war die Handschrift vor allem von Reinhold Billstein. Obwohl er doch zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr auf der Schule war. Er hatte Nachfolger, jüngere Schüler machten sich auf in seinen Spuren. Ebenso entschlossen, ebenso zielstrebig, ebenso ausdauernd. Das Ganze war mehr als das Strohfeuer, von einem einzelnen entfacht.

Und verrückt war es auch. Die Parole “Freundschaft mit der Sowjet-Union” in weißer Farbe nächtens an eine lange Fabrikmauer der Firma Ruppert in Port-Wahn zu malen, damit Herr Breschnew am nächsten Tag bei seiner Fahrt vom Flughafen in die Hauptstadt Bonn auch Erbauliches zu lesen bekommt, war natürlich verrückt. Aber Spaß hat es gemacht. Und die Postkarte mit dieser Begrüßung als Foto hat sich lange Zeit später noch gut verkaufen lassen. Die gleiche Fabrikmauer mußte auch noch für eine Losung zur Freilassung von Angela Davies herhalten. Tempi passati.

Nach der Schulzeit waren wir noch zusammen, nunmehr Studenten, und das Blickfeld hatte sich erweitert. Die Frage trat hinzu, was man denn arbeiten wolle, welche Stelle man anstrebe. Reinhold entschied sich für den Akademischen Austauschdienst und ging nach Hamburg. Der fröhlich-katholische Rheinländer im zurückhaltend-protestantischen Norden. Eine Erfolgsentscheidung. Mit bürgerlichem Beruf, mit Beziehung, Ehe und, in meinem Fall, Kind, ließ dann vergleichsweise schnell die Intensität der Jugendfreundschaft nach, wurde nur telefonisch aufrecht erhalten und schließlich kommunizierten sein Cousin, Heinrich Billstein, mein Arbeits- und Journalistenkollege, und ich mehr auch über Reinhold. Von Heinrich habe ich auch vom Tod von Reinhold Billstein erfahren.

Trotz allem, trotz der Entfernung, trotz der wenigen Gespräche in den langen letzten Jahren, trotz der Zeit und doch unterschiedlicher Leben: Reinhold blieb mir nahe, ist mir nahe. Sein Tod macht mich traurig. Sehr.

„Die Stützen der Gesellschaft“

Ein Nazi-Vergleich in Purpur

Als wäre es ein Bild von Georg Grosz: Da versammelten sich kürzlich für eine von einem Think-Tank des konservativen Spektrums organisierte zweitägige Konferenz des “Nationalen Konservatismus” in Brüssel die „Stützen der Gesellschaft“ (Titel eines Bildes von Georg Grosz). Mittendrin statt nur dabei: Viktor Orban, Gloria von Thurn und Taxis, Hans-Georg Maaßen, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Brexit-Einpeitscher Nigel Farage, der ehemalige französische Präsidentschaftskandidat Eric Zemmour, wegen Aufrufs zu rassistischer Diskriminierung rechtskräftig verurteilt. Ein Panoptikum der feinen Gesellschaft. Land- und Kirchenadel, rechte Politik, Populisten und Rassisten, Geld und Kapital, sechshundert Kanaillen.

Der Bürgermeister des Brüsseler Stadtteils Saint-Josse, Emir Kir, indes erließ eine Anordnung, um “die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten”. Einige Teilnehmer der Konferenz verträten rassistische und homophobe Ansichten. “Unter diesen Persönlichkeiten befinden sich mehrere Teilnehmer, insbesondere aus der rechtskonservativen, religiösen Rechten und der europäischen extremen Rechten”, heißt es in seiner Erklärung. Und: “Die extreme Rechte ist nicht willkommen.“ Zur öffentlichen Sicherheit ließ er die Konferenz durch Polizeikräfte auflösen.

Der deutsche Kardinal, der seinen Auftritt noch ungehindert hatte durchführen und reden können, soll das Polizeiaufgebot mit den Worten kommentiert haben: “Das ist wie Nazi-Deutschland.“ Der Nazi-Vergleich in Purpur.

Sozial schwach 

Sozial schwach sind nicht die Millionen Menschen in Deutschland, die von diesem Bürgergeld leben, weil sie keine Arbeit haben und keine kriegen. Sozial schwach sind auch nicht jene, die jeden Euro dreimal umdrehen müssen, weil sie mit ihren Familien vom Mindestlohn leben. Sozial schwach sind vielmehr diejenigen, die von deren Leben in der “sozialen Hängematte” reden. Sozial schwach sind die Vermögenden und ihre Lobbyisten, die so tun, als würde das Land nicht überleben, wenn sie Vermögensteuern oder angemessene Erbschaftsteuern zahlen müssten. Sozial schwach ist eine Politik, die den Hilfebedürftigen nicht die Hilfe gibt, die sie brauchen, und die nicht alles tut, um Menschen aus der Armut herauszuholen. Sozial schwach ist also derjenige, der Leute, die arm dran sind, weil sie keine Ersparnisse und sehr wenig Geld haben, als sozial schwach bezeichnet.

Friedrich Merz ist sozial schwach. Und es ist bitter, dass unter seinem Partei- und Fraktionsvorsitz auch die Sozialpolitiker der CDU von dieser Schwäche erfasst werden. Soeben hat der Europarat die deutsche Politik dafür kritisiert, dass soziale Rechte in der Bundesrepublik nicht immer als rechtsverbindliche Verpflichtung betrachtet, sondern abhängig gemacht werden von den Ressourcen. Das Merz-Konzept ist ein Beweis für diese Kritik. Das ist ungut, das ist schädlich, das verträgt sich nicht mit dem Grundgesetz (…)

In seiner eindrucksvollen Grundsatzentscheidung vom 9. Februar 2010 formulierte das höchste Gericht ein Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums; es zwang die Politik, die Armutsgrenze in Deutschland neu festzusetzen und die Leistungen an Arbeitslose und, dies vor allem, an deren Kinder deutlich anzuheben. Es erklärte, dass zum menschenwürdigen Existenzminimum nicht nur die Sicherung der physischen Existenz gehört, sondern auch die Teilhabe am gesellschaftlichen, kulturellen und politischen Leben. In einem zweiten Grundsatzurteil im Jahr 2019 hat Karlsruhe Leistungsminderungen für Arbeitslose unter bestimmten Voraussetzungen zugelassen – in Höhe von maximal dreißig Prozent. (…)

Einen völligen Wegfall der Leistungen, wie ihn die Merz-CDU jetzt bei sogenannten Totalverweigern fordert, hat das Bundesverfassungsgericht untersagt. In ihrem wirtschaftsliberalen Furor nimmt die Merz-Union dieses Verbot nicht zur Kenntnis. (…)

Eine feste, verlässliche Sozialpolitik betrachtet die sozialen Leistungen des Staates nicht als Almosen und nicht als Sozialgeschenk. (…)

Sie weiß: Armut ist eine Verletzung der Rechte der Menschen, die ihr ausgeliefert sind. Eine solche wissende Sozialpolitik befreit den Menschen nicht nur vom Status negativus, also vom Leben in Not, sondern ermöglicht ihm auch den Status positivus; sie versetzt ihn in die Lage, Bürger zu sein. Deswegen ist das Wort “Bürgergeld” ein gutes Wort, es ist dies ein Wort des Respekts. Es lässt Arbeitslose nicht in der Ecke der angeblich Unzulänglichen stehen, es grenzt sie nicht als angebliche Schmarotzer aus. Sozialstaat und Demokratie gehören zusammen, sie bilden eine Einheit.

Heribert Prantl, Agenda Zweitausendunddreißig, in: Süddeutsche Zeitung vom achtundzwanzigsten März Zweitausendvierundzwanzig

Das Ressentiment lädt sich an der eigenen Erregung auf

Natürlich können Zorn und Angst, Sorge und Unmut auch wirkungsmächtige Vektoren demokratischer Veränderung sein. Natürlich braucht es auch politische Emotionen als Quellen der Kritik an sozialer Ungleichheit oder struktureller Misshandlung. Nicht die Affekte selbst sind fragwürdig, sondern wenn Menschen darin unbeweglich werden und in ihnen verharren. Ohne Nachfragen, ohne Analyse, ohne Widerspruch verdichten und verhärten sich diese ungefilterten Emotionen oft zu Ressentiments. Sie entkoppeln sich mehr und mehr von der Außenwelt und speisen sich nur noch aus sich selbst. Es ist diese Wut, die sich bei den Bauernprotesten zeigt, die sich blind und taub zeigt gegen alle inneren oder äußeren Zweifel.

“Das Ressentiment ist das, was keine Erfahrung mehr zu machen versteht”, schreibt die französische Philosophin und Psychoanalytikerin Cynthia Fleury in ihrem sensationellen Buch “Hier liegt Bitterkeit begraben”, das Ressentiment ist das, was eine Person oder Gruppe im emotionalen Loop gefangen hält, das Ressentiment wiederholt nur mehr den Zorn, es lädt sich an der eigenen Erregung auf. Das Ressentiment beschädigt nicht nur diejenigen, gegen die es sich richtet, sondern vor allem auch die in ihm gefangen zurückbleiben. Die Bitterkeit ist nicht nur eine, die sich auf das Gemeinwesen auswirkt, sondern auf die Verbitterten selbst. Das Ressentiment beraubt diejenigen, die ihm unterliegen, ihrer Handlungsfähigkeit. Das Ressentiment stellt sich allem, was eine Lösung sein könnte für die realen, drängenden ökonomischen, sozialen, politischen Nöte, in den Weg. “Das ist die Gefahr eines konsequent entfalteten Ressentiments”, schreibt Fleury, “es eignet sich nicht mehr für Verhandlung, Austausch und Schlichtung.”

Carolin Emcke, Schluss mit schlechter Laune, in: Süddeutsche Zeitung vom neunten März Zweitausendundvierundzwanzig