Entschuldigung

Sechzig Jahre hat es gedauert, bis sich die Eigentümerfamilie des Unternehmens Grünenthal, das das Schlafmittel Contergan mit dem berüchtigten Wirkstoff Thalidomid entwickelt, dieses zwischen Neunzehnhundertsiebenundfünzig und Neunzehnhuntereinundsechzig in den Markt gebracht und mit ihm tausende von Menschen und ihre Familien geschädigt hatte, jetzt an die Betroffenen und Geschädigten gewandt hat. Sechzig Jahre lang hatte die Familie, der das Unternehmen gehört, geschwiegen. Man nimmt an, daß in Deutschland etwa fünftausend Kinder mit Fehlbildungen zur Welt gekommen sind, nachdem ihre Mütter das Präparat in der Schwangerschaft eingenommen hatten. Viele Opfer sind bereits gestorben. Schätzungen besagen, daß heute noch etwa zweieinhalbtausend Menschen mit erheblichen Beeinträchtigungen leben. Das Unternehmen hatte vor neun Jahren schon so etwas wie eine Entschuldigung ausgesprochen dafür, nicht schon früher auf die Opfer zugegangen zu sein. Opferverbände hatten dies als wertlos oder gar beleidigend zurückgewiesen. Für die Eigentümerfamilie hat nunmehr Michael Wirtz öffentlich formuliert, daß er sich “für diese Thematiken, die sich bei Ihnen in all diesen Familien abgespielt haben, ausdrücklich entschuldige”, wie der Presse zu entnehmen ist. Man kann sich aber nicht entschuldigen, wenn man Unrecht getan hat. Man ist nicht aus der Schuld, wenn man eine einseitige Erklärung abgibt, ob öffentlich oder nicht. Man kann allenfalls die Geschädigten und ihre Angehörigen um Entschuldigung bitten. Darum bitten, daß sie verzeihen mögen. Diese Bitte annehmen, die Verzeihung, die Entschuldigung aussprechen, das können nur jene, deren Körper und Seelen geschädigt sind, ihre Freunde und ihr Umfeld. Wenn es schon sechs Jahrzehnte dauert, daß sich die Unternehmerfamilie selbst auf den Weg macht, vielleicht zur Versöhnung, dann hätte ich mir mehr sprachliche und gedankliche Mühe gewünscht.

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