Tag: 14. November 2021

“Vom Querdenkerstuss ins Bockshorn gejagt”

Die politische Klasse in Deutschland hat sich vom Querdenkerstuss ins Bockshorn jagen lassen. Mit diesem wuchtigen Satz beginnt Frank Hoffmann seinen Beitrag im Hauptstadtbrief von diesem Sonntag, überschrieben mit: Die Angst vor den Lärmenden. Christian Drosten, Deutschlands führender Coronavirus-Forscher habe in seinem aktuellen Podcast in einem Nebensatz unmerklich sehr viel über die Politik in Deutschland in dieser Phase der Pandemie gesagt: „Es gibt nach meiner Wahrnehmung seit längerem schon keine Politikberatung mehr.“ Sollte diese These stimmen, so Hoffmann weiter, zögen die Politikerinnen und Politiker im Land der Dichter und Denker seit Monaten keinen Nutzen aus dem Besten, was die Republik an Wissenschaft in dieser Pandemie zu bieten hat. Wer den Weg in diesem Covid-Winter in Deutschland verfolge und die politischen Entscheidungen mit jenen in Frankreich, Spanien oder Portugal vergleicht – der könne auch nur zum Schluss kommen, dass in der Politik keiner mehr der Wissenschaft zuhört. Den letzten Beweis liefere der Satz des bayerischen Gesundheitsministers, der unlängst davon fabulierte, die aktuelle Entwicklung wäre „nicht vorhersehbar“ gewesen. Dabei findet nunmehr lediglich statt, was die übergroße Mehrheit der fachkundigen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler für Deutschland seit Monaten bereits voraussagt. Die politische Kommunikation liegt im argen. Impfen ist zwar eine sensible Angelegenheit. Doch weder der noch amtierende Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) noch irgendeiner der regierenden Länderchefs habe, so Hoffmann, in den vergangenen Monaten deutlich gemacht, worin der Unterschied zwischen der Impfspritze und der Infektion durch Sars-CoV-2 liegt. Dabei sei dies einfach: “Mit dem Impfstoff gelangt kontrolliert mRNA in den Körper, bleibt dort etwa sechs Wochen und animiert das körpereigene Immunsystem, im Falle eines Falles auf das Coronavirus anzuspringen. Bei einer Infektion dagegen gelangt ein Vielfaches an fremder mRNA in den Körper und ‘vieles andere’, von dem die Wissenschaft bis heute nicht weiß, was es genau ist und was es langfristig Schädliches anrichten kann, sagt der Berliner Komplexitätsforscher Brockmann. Eigentlich recht einfach.” In Deutschland aber präge die laute Minderheit der Coronaleugner, der totalen Impfgegner, seit Monaten den politischen Diskurs und die Politik habe der kleinen Gruppe politische Hebelwirkung eingeräumt gegenüber der übergroßen Mehrheit dieses Landes. Deutschland werde nun auch im kommenden Sommer sehr wahrscheinlich Covid-19 nicht hinter sich haben, anders als Frankreich, Spanien, Portugal oder Italien. Dort schließe das Virus jetzt die „Impflücken“, so Christian Drosten, indem es den ungeimpften Teil der Bevölkerung immunisiere. Deutschland gehöre nicht zu dieser Ländergruppe, die im nächsten Jahr mit Corona fertig sei.

“Das große Sieb der Pandemie”

(…)
Letztes Wochenende las ich in der Süddeutschen Zeitung ein Interview mit einer Intensivärztin, die berichtete, wie sehr sich die Zusammensetzung der Patienten auf ihrer Station verändert habe seit letztem Jahr. Ein “Potpourri schwieriger Charaktere” sei das mittlerweile. Schwierige Menschen, die Schwierigkeiten machen. Die sich dauernd beschweren, dauernd Sonderwünsche haben, dauernd gekränkt sind, sich dauernd aufregen müssen. Eine ganz heterogene Gruppe, Lebensalter, sozialer Status, Geschlecht, Herkunft, aber einander ähnlich darin, dass sie es nicht leicht mit sich und anderen haben. Diese schwierigen Charaktere schlagen jetzt in den Intensivstationen auf, selbstverschuldet und in immer konzentrierterer Form, und bringen dort die Geduld und Leidensfähigkeit der ohnehin schon überlasteten Belegschaft ans Limit und darüber hinaus.

Die Geimpften gehen ins Konzert. Die Ungeimpften landen auf der Intensivstation. Wie ein Sieb trennt und filtert die Pandemie die Gesellschaft in eine Mehrheit, die mehr oder weniger glatt durchs Raster rieselt, und eine Minderheit, die hängen bleibt. Eine Entmischung findet da statt. Was sich da sammelt und abtrennt, sind die Schwierigen, die Stressmacher und Streitsucher, die irgendwie und irgendwann mal einen mitbekommen haben in ihrem Leben, wofür sie ja nichts können. Die den Nachrichten und den Ärzten und denen da oben und überhaupt so leicht nichts und niemandem mehr trauen. Schwierig waren sie im Zweifel schon immer, aber, um im Bild zu bleiben, als Teil eines einigermaßen homogenen Korngrößenspektrums. Dann kam das große Sieb der Pandemie.

So, here we are. Was sich da jetzt getrennt gegenübersteht, sind nicht Interessen, Präferenzen, nicht mal Ideologien. Nichts, was man politisch verhandeln könnte. Ungeimpft bleiben wollen (im Unterschied dazu, sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen zu können) ist ja nicht deshalb ein Problem, weil es sich um einen abweichenden Lebensentwurf handelt, sondern weil es andere in Gefahr bringt. Andere Ungeimpfte, darunter durchaus unfreiwillig Ungeimpfte, aber mitnichten nur die. Und zwar ohne plausibel machen zu können und vielfach auch nur zu wollen, warum und wofür. Schwierige Gefühle sind keine Rechtfertigung, andere in Gefahr zu bringen. Erwachsene Leute, die aus freien Stücken eine Entscheidung treffen aus welchen Motiven und welcher Seelenlage heraus auch immer, haben für die Folgen einzustehen. Alles andere wäre Paternalismus.

Das Pandemie-Sieb hat zur Folge, dass sich die darin Ausgesiebten immer mehr wie eine bedrängte Minderheit fühlen mögen. Sie würden diskriminiert, klagen die Schwierigen vielleicht, aber das stimmt nicht. Sie werden nicht wegen ihres Schwierigseins diskriminiert, sondern für ihr eigenes, selbst zu verantwortendes Tun und Unterlassen haftbar gemacht. Ja, sie sind eine Minderheit, aber das heißt erst mal ja nur, dass sie sich überstimmen zu lassen haben, wenn sich eine Mehrheit dafür findet, die von ihr ausgehende Gefahr mit erforderlichen, geeigneten und angemessenen Eingriffen in ihre individuelle Freiheit abzuwehren. Wie man eine direkte oder indirekte Impfpflicht so gestaltet, dass sie effektiv ist, mögen andere beurteilen, aber einen prinzipiellen Einwand dagegen außer der Furcht davor, mit den Schwierigen noch mehr Schwierigkeiten zu bekommen, kann ich nicht erkennen. Wenn es ohne geht, dann um so besser. Aber nötigenfalls kann das Recht auf körperliche Unversehrtheit aufgrund verhältnismäßiger Gesetze beschränkt werden (Art. 2 Abs. 2 S. 3 GG). Anders als übrigens Sophie Hungers Grundrecht auf Kunstfreiheit.

Max Steinbeis, Die Schwierigen. Die Geimpften gehen ins Konzert. Die Ungeimpften landen auf der Intensivstation., Verfassungsblog