Warum verwandelt ihr alles in Ware?

Darüber dachte sie nach, heute Morgen in WDR5, die Pfarrerin Silke Niemeyer aus Recklinghausen. Vor einigen Jahrzehnten noch konnte man in diesem Land mit einem Berufsverbot belegt werden, wenn man ähnliche Gedanken hatte und Lehrer werden wollte, Postbote oder Lokomotivführer.

(…) Warum blättern wir Geld hin für das, was kein Brot ist? Warum zahlen wir sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Warum geben die Nationen im Jahr 1,3 Billionen Dollar für Rüstung aus? Das sind 1300 Milliarden von den Scheinen, auf denen steht „In God we trust“. Was ist das für ein Gott, dem da vertraut wird? Und was ist eigentlich verrückter: ohne Geld Brot zum Leben zu kaufen oder mit Geld Bomben zum Töten zu kaufen? Aber das ist eben nicht verrückt auf diesem Markt. Auf ihm geht es nicht um die Verteilung von Gütern. Auf ihm geht es vor allem um die Vermehrung des Mammon. Dazu dienen auch die Waffen. Sie sind Waffen im Dienst der Geldvermehrung. Um in den Genuss des so genannten Rettungspakets zu kommen, musste Griechenland Renten und Löhne kürzen. Also sauren Verdienst in noch saureren verwandelt. Und es kaufte zugleich Kriegsschiffe aus Frankreich und Deutschland. Nicht ohne Geld, sondern für mehrere Milliarden Euro. Geld, das die Griechen nicht satt macht, sondern den Hunger zurückkehren lässt in diesem Land. Auf diesem Markt, wo das Leben ausverkauft wird, hätte Gott, der unverbesserliche Utopist, nicht viel zu lachen. Brot und Wein und Milch ohne Geld verkaufen? Das würden die Händler sich nicht gefallen lassen. Sie würden ihn wegen Wettbewerbsverzerrung verklagen. Denn er verdirbt die Preise. Alles, alles wird hier zur lukrativen Ware, das Wasser und das Brot, die Luft zum Atmen und der Zugang zum Strand, der Blick in den Himmel und die Stille, die Tiere und der menschliche Körper. Alles zum Kaufen und Verkaufen. Alles eine Sache des Preises; und wer kein Geld hat, ist raus.Gott aber kommt es auf die an, die ausgeschlossen sind aus der bunten Warenwelt: „Die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch!“ Gott gibt Brot dem, der Hunger hat, ob er Geld hat oder nicht. Entscheidend für den Zugang zu Wasser ist bei ihm, ob einer durstig ist, und nicht, ob er das Wasser bezahlen kann. Und nicht nur Brot und Wasser, sondern auch die Milch und den Wein bekommt er. Gott weiß nämlich, dass zum menschlichen Hunger auch der Appetit auf das gehört, was uns Genuss und Freude bereitet. Das Bisschen mehr, das unser Leben braucht, um nicht bloß Überleben zu sein. Gewiss werden wir nicht morgen das Geld abschaffen. Aber wir können heute anfangen Gottes Fragen laut zu stellen: Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Warum verwandelt ihr alles in Ware? Warum muss aus allem Geld und noch mehr Geld werden? 

Danke, Frau Niemeyer!

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