Furcht und Angst

Furcht empfinden wir vor einer akuten Bedrohung, vor etwas, was da ist. Angst empfinden wir vor einer möglichen Bedrohung, vor etwas, was nicht da ist, aber da sein könnte. Furcht bezieht sich auf ein reales Objekt. Angst ist ein unbestimmter, deswegen nicht weniger realer psychischer Zustand; sozusagen eine Erregtheit auf der Suche nach ihrem Erreger. (…)
Angst macht bekanntlich unfrei. Sie richtet uns ab zu kollektiver Zwangswahrnehmung. Zum Wir-ihr-Denken. Zu einer Mobifizierung der Politik. Das wissen auch die, die uns Angst einreden wollen. Ihre narrative Wühlarbeit zersetzt die Res publica wie die Terrorattacken. Vermutlich sogar wirksamer. Wenn das Mögliche ungeheuer ist, könnte es also von Vorteil sein, dass wir das Sensorium für das Wirkliche nicht verlieren. Und das heisst unter anderem, dass wir den wieseligen Angstkonditionierern in Politik und Medien genauer aufs Maul schauen müssen.

 

Eduard Kaeser, geboren 1948 in Bern, ist Physiker und promovierter Philosoph. Er ist als Lehrer, freier Publizist und Jazzmusiker tätig. In der Neuen Zürcher Zeitung von heute hat er diesen Beitrag unter dem Titel: Zur Angst abgerichtet veröffentlicht.

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