Tag: 6. März 2016

Wirtschaftsflüchtling

Richard Sulik, slowakischer Hardliner in der Flüchtlings- und Europafrage mit Dauerpräsenz in deutschen TV-Talkshows, ist vor sechsunddreißig Jahren als Wirtschaftsflüchtling mit seiner Familie nach Deutschland gekommen. Vom Sein und dem Bewußtsein.

Stimmungskanone

Jeder weiß, was eine Stimmungskanone ist. Der Unterhalter, der jede Party rockt, einer, der jedwede Ansammlung mit Witzen und guter Laune überzieht, der Mensch, der jedes Treffen in eine Party verwandelt, ob die anderen dies nun wollen oder auch nicht. Jemand also, der andere mit seiner Stimmung kanoniert. Auf diese Stimmungsmacher trifft man in allen Lebensbereichen. In der politischen Landschaft Wermelskirchens ist Henning Rehse die unbestrittene Stimmungskanone. Ein Stimmungsmacher erster Güte. Ein Kostpröbchen? Lutz B., Läufer und Flüchtlingshelfer, bekannt aus Zeitungsberichten und Fernsehbeiträgen, hat in seinem Blog die Lage der Flüchtlingsbetreuung in Wermelskirchen beschrieben und sein Fazit in der Überschrift kenntlich gemacht: „Es läuft gut in der Flüchtlingsintegration“. Das läßt unsere Stimmungskanone natürlich nicht ruhen und schon hat er zu einer wahrlich stimmungseintrübenden Erwiderung ausgeholt. Auf Facebook. In Gruppen, die er selbst gegründet und von Widersachern gereinigt hat. Dort, in dieser widerspruchsfreien Stromliniengemeinschaft, macht er Stimmung. Nur dreihundertfünfzig Menschen, so Rehse, seien in der hiesigen Flüchtlingshilfe aktiv, also nur etwa ein Prozent der Einwohner. Und nur dieses eine Prozent mache die Willkommenskultur aus. Und folglich hätten neunundneunzig Prozent der Bürger keine Aktivitäten vorzuweisen, sondern lediglich eine Meinung zum Thema. Damit nicht genug. Unsere Stimmungskanone weiß nun noch zu berichten, daß dieses eine Prozent die anderen Bürger der Stadt durchweg als „rechts“ diffamiere. Tja. Ich habe hier schon an anderen Stellen geschrieben, daß es der Diplom-Chemiker Henning Rehse mit den Zahlen nicht wirklich hat. Dreihundertfünfzig Menschen in Wermelskirchen leisten Flüchtlingshilfe. Nehmen wir diese Zahl mal als richtig an, was niemand wirklich weiß. Es könnten auch wesentlich mehr sein. Gleichwohl. Damit wäre die Gemeinschaft der Flüchtlingshelfer größer als jede Partei in Wermelskirchen. Weit größer. Und allemal größer als der Verein, dem Rehse in der Stadtverordnetenversammlung vorsteht. Und Henning Rehse mag ja vieles wissen. Aber woher er nimmt, daß die Flüchtlingshelfer die anderen Menschen hier in Wermelskirchen als „rechts“ diffamierten, wird das Geheimnis des Stimmungskanoniers bleiben müssen. Die Flüchtlingshelfer in Wermelskirchen dürften einen guten Querschnitt der hiesigen Bevölkerung darstellen. Hier haben sich Menschen ganz unterschiedlicher politischer oder ideologischer Positionen versammelt und ganz unterschiedlicher sozialer Herkunft. Hier trifft man Alte und Junge, Männer und Frauen, Konservative und Progressive, Bürgerliche, Umweltschützer, Sozialisten, Christen und Andersgläubige. Atheisten und Idealisten. Schüler, Studenten, Arbeitslose. Rentner, Arbeiter und Angestellte, Selbständige und Unternehmer. Hier kann man Mitglieder der CDU finden, der Grünen, Sozialdemokraten, Linke, Parteilose, Menschen aus dem Bürgerforum oder Liberale. Nur Henning Rehse trifft man hier nicht. Er hat schließlich genug damit zu tun, seine Stimmungskanonaden gegen die Flüchtlingshelfer abzufeuern. Und seine Freunde aus der AfD findet man nicht bei den Flüchtlingen, die, mit denen Rehse Arm in Arm in „seinen“ Facebookgruppen Stimmung macht. Gegen die Flüchtlinge und die Flüchtlingshelfer. Henning Rehse kann gar nicht wissen, wie die Gruppe der Flüchtlingshelfer in Wermelskirchen über die Mehrheit der Bürger unserer Stadt urteilt. Weil es ein solches einmütiges Urteil wegen der Heterogenität der Gruppe gar nicht geben kann. Unser Stimmungskanonier hat sich mal wieder etwas aus den Fingern gesogen, um die Stimmung anzuheizen. Nur maximal dreißig Prozent der Flüchtlinge, so kanoniert Rehse weiter, seien jedoch in ihren Ländern wirklich politisch verfolgt und ein noch geringerer Anteil wirklich persönlich an Leib und Leben bedroht und nur für die Letztgenannten sähe unser Grundgesetz die Aufnahme vor. Auch hier müssen wieder Henning Rehses Fingerkuppen herhalten. Wie gesagt, mit konkreten Zahlen, mit der politischen Wirklichkeit hat es der Stadtverordnete nicht so. Ein kurzer Blick ins Netz könnte jeder noch so schlecht gelaunten Stimmungskanone zeigen, daß Rehse mit erfundenen oder herbeiphantasierten Zahlen operiert, um das Wörtchen von den „herbeigelogenen“ Zahlen zu vermeiden. „Im Jahr 2016 (Stand: Januar) wurden in Deutschland 26,7 Prozent der Asylanträge in einer Sachentscheidung abgelehnt. Zudem haben sich 9,3 Prozent der Asylanträge in einer formellen Entscheidung erledigt. Die Ablehnungsquote lag somit bei 36,0 Prozent. Folglich lag die Gesamtschutzquote im gleichen Zeitraum bei ca. 64,0 Prozent.“ Das läßt sich auf einem der vielen Statistikportale im Internet mit einem Mausklick finden. An anderer Stelle heißt es, daß „ein Großteil der 2015 eingereisten Schutzsuchenden aus Kriegs- und Krisenregionen stammt. (…) Im letzten Quartal lag die Quote der Flüchtlinge aus den vier Staaten Syrien, Afghanistan, Irak und Iran (also derjenigen Flüchtlinge, denen eine sehr hohe Bleibeperspektive zugeschrieben wird und die bereits während des laufenden Asylverfahrens an Sprachkursen teilnehmen dürfen) (…) sogar bei rund 84 Prozent, da Asylsuchende aus den Balkanstaaten unter den Neuankommenden kaum noch eine Rolle spielen. Von den 515.000 in diesem Zeitraum (…) registrierten Schutzsuchenden kamen 430.000 allein aus den oben genannten Ländern.“ Wir halten fest: Henning Rehse versucht, Stimmung gegen die Flüchtlinge zu machen, indem er den Anteil derer, die hier zu Recht Schutz suchen und finden dramatisch verfälscht. Und stattdessen einen Großteil der Flüchtenden zu „Wirtschaftsflüchtlingen“ umdeklariert, die sich lediglich für ein besseres Leben auf die Reise nach Zentraleuropa gemacht hätten. Und mithin wird auch seine Folgerung, sein Schluß zu einem Trugschluß. Nein, nicht nur zu einem Fehlschluss. Sondern zu einer betrügerischen Schlussfolgerung. Daß nämlich, wenn man die Rehseschen „Fakten“ ignoriere, die Gesellschaft es nicht schaffen werde, die Flüchtlingsfrage zu bewältigen. Rehse fürchtet Fakten wie der Teufel das Weihwasser. Weil sich mit Fakten keine Stimmung machen läßt. Jedenfalls keine gegen Menschen. Gegen Neuankömmlinge und Hiesige. Von wegen Stimmungskanone. Scharfmacher.