Armutszeugnis

Es gibt kein Armutszeugnis. Jedenfalls nicht in dieser Angelegenheit. Das Zeugnis der Armut ist eine behördliche Beglaubigung des Anspruchs auf Armenrecht. Und das Armenrecht will der WDR doch gewiß nicht in Anspruch nehmen. Eine Zuschauerbefragung habe ergeben, dass die Mehrheit des Publikums kein Interesse an Büchern habe. Deshalb streicht der größte Sender der Republik die Fünf-Minuten-Rubrik in Frau-TV, in der Christine Westermann regelmäßig zwei Bücher vorgestellt hat. Wie genau das Ergebnis zustande gekommen ist, wer befragt wurde, wie die Fragestellung lautete, das alles wissen wir nicht, das Publikum. Das ist kein Armutszeugnis. Das ist das selbstausgestellte Zeugnis geistiger und moralischer Beschränktheit. Die Empfehlungen von Christine Westermann schafften es regelmäßig in die Bestsellerlisten. Baucht man mehr Argumente dafür, Hinweise auf Bücher überhaupt zu senden, und dafür, sie von dieser Autorin erstellen zu lassen? Muß man wirklich das WDR-Gesetz bemühen, den dort formulierten Bildungsauftrag, um die Entscheidung gräßlich zu finden, kulturlos und borniert? Das Schielen nach der Quote ist kein Schielen mehr, das ist eine fundamentale Fehlsichtigkeit. Das Armutszeugnis ist in Wirklichkeit ein Offenbarungseid. Der WDR macht deutlich, daß er kein Interesse an Programmvermögen mehr hat, sondern an der billigen, schnellen Ware, an Sendungen mit kurzem Haltbarkeitsdatum. Die Programmverantwortlichen betreiben selber die Delegitimation ihres Senders.

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