Monat: Dezember 2009

Schwein gehabt?

H1N1 – mal wieder. Schweinegrippe. Zunächst gab es zu wenig Impfstoff, jetzt zuviel. Die Länder wollen, so die Tagesschau heute Abend, zwei Millionen Impfdosen ins Ausland verkaufen. Weil sich, aller öffentlichen und medialen Aufregung zum Trotz, bislang nur etwa fünf Prozent der Menschen haben impfen lassen. Und die Politiker, der Gesundheitsminister an der Spitze, rufen wieder mal zur Teilnahme an der Impfung auf. Stutzig macht aber: Auch nur etwa fünfzehn Prozent des medizinischen Personals haben sich bislang impfen lassen. Die müßten es aber doch genauer wissen als die verunsicherte Bevölkerung, sehen aber mehrheitlich auch von der Spritze ab. Was soll uns das sagen?

De mortuis nihil nisi bene.

Über Tote rede man nur Gutes. So halten es durchweg alle Journalisten und Kommentatoren, die sich dem Ableben von Otto Graf Lambsdorff widmen. Als knorriger und disziplinierter Politiker alten Schlages wird er gewürdigt, als geradlinig, als unabhängig. Als mit bestechender rhetorischer Brillianz gesegneter Mahner der Bewahrung der sozialen Marktwirtschaft. Mag ja alles sein. Ich behalte ihn eher als Verfasser des “Lambsdorff-Papieres” in Erinnerung, mit dem die sozialliberale Koalition 1982 ausgehebelt und der politische Wortbruch hoffähig wurde. Oder als eine der Hauptfiguren in der Flick-Parteispenden-Affaire, für die er 1987 eine Geldstrafe erhielt. All jenen, für die er eher der Bewahrer liberaler Wirtschaftspolitik ist, sei gesagt, daß er sich vor seinem Tod zu einigen Passagen des Koalitionsvertrages ausgesprochen kritisch geäußert und die weitere Verschuldung des Bundes für verhängnisvoll gehalten hat.

„Never drive a car when you’re dead.“

Thomas Alan Waits wird heute sechzig. Als Tom Waits ist er sein eigenes Kunstprodukt. Sänger, Komponist, Schauspieler, Autor.

Outside another yellow moon
Punched a hole in the nighttime, yes
I climb through the window and down the street
Shining like a new dime
The downtown trains are full
With all those Brooklyn girls
They try so hard to break out of their little worlds
You wave your hand and they scatter like crows
They have nothing that will ever capture your heart
They’re just thorns without the rose
Be careful of them in the dark
Oh if I was the one
You chose to be your only one
Oh baby can’t you hear me now …

Nikolaustag

Nikolaustag. Seit langem schon kein Feiertag mehr. Nur in Luxemburg haben die Kinder unter 12 Jahren an diesem Tag noch schulfrei. Nikolaus ist der Schutzpatron der Kinder. Deswegen werden sie heute beschenkt, mit kleinen Gaben, mit Süßigkeiten. Doch Nikolaus hat noch viel mehr zu tun. Er ist nämlich auch der Schutzpatron der Seefahrer, der reisenden Händler und der Ministranten. Zudem muß er sich als Schutzheiliger um die Studenten, Kaufleute, Getreidehändler, Pfandleiher, Juristen, Apotheker, Schneider, Küfer, Fuhrleute, Salzsieder, Gefängniswärter, Drescher und die Metzger kümmern. Ein vielbeschäftigter Heiliger.

“Das wichtigste im Fußball ist die Ehrlichkeit”

“Noch mal: Das Wichtigste im Fußball ist die Ehrlichkeit.” Sagt Horst Hrubesch. Ja, genau, das “Kopfballungeheuer”. Heute erfolgreicher Nachwuchstrainer beim DFB. Ganz genau sagte Hrubesch in einem Interview mit “11Freunde”: “Ein Stürmer braucht den Willen, ein Tor zu schießen und einen Zweikampf zu gewinnen. Einen, der lieber fällt, kann ich nicht gebrauchen. Noch mal: Das Wichtigste im Fußball ist die Ehrlichkeit.” Hihi. Spontan fallen mir da nur Thierry Henry ein,  Diego Armando Maradona, Bernd Hölzenbein, Andreas Möller…

Roswitha, Michael und Peter

Gottlob ist die Remscheider CDU-Politikerin Roswitha Müller-Piepenkötter nicht Innenministerin des Landes. Denn dann wären zwar die zwei Gewaltverbrecher, Michael Heckhoff und Peter Michalski,  nicht aus der JVA Aachen ausgebrochen, die Polizei aber hätte sie auch sicher nicht gefangen. Roswitha Müller-Piepenkötter ist Justizministerin in NRW. Und sie wußte, wie der WDR gestern in fast allen Nachrichtensendungen berichtete, seit Ende August, daß es erhebliche Personalprobleme in der Aachener Justizvollzugsanstalt gab und gibt. Und die Liste der Skandale in nordrhein-westfälischen Knästen ist mittlerweile ziemlich lang. In der Geschichte der Bundesrepublik haben Minister schon für geringere Vorfälle die politische Verantwortung übernommen und ihren Rücktritt eingereicht. “Wir sind uns unserer Vorbildfunktion bewusst (…) Wir sind einsatzbereit und übernehmen Verantwortung.” So zu lesen im “Leitbild des Justizministeriums NRW”. Also dann.

Berlusconisierung und die SPD

Berlusconisierung. Das meint die Einnahme, Indienstnahme, Übernahme einst unabhängiger Medien, voran des Fernsehens, für politische Interessen – nach dem Muster, das der italienische Ministerpräsident vorgegeben hat. Ganz aktuell zu studieren am gelungenen Versuch des hessischen CDU-Ministerpräsidenten, Roland Koch, die Personalpolitik des ZDF aus Mainz ins Konrad-Adenauer-Haus zu verlegen. Die vielgepriesene Staatsferne und Unabhängigkeit des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ist erkennbar perdu. Für die meisten Beobachter ist mit diesem Coup eine Grenze überschritten. Die Bundestagsfraktion der Grünen will eine Normenkontrollklage einreichen, die Linke macht mit – und die SPD? Die SPD eiert rum, mal wieder. Lautstark kritisieren Sozialdemokraten die “unerträglichen” Eingriffe in die Rundfunkfreiheit, die “dreiste Machtdemonstration”. Aber: Der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann, lehnt eine Klage in Karlsruhe ab. Das nennt man Lavieren. Ausweichen. Eiern. Das Maul voll, die Hose aber auch. Ich nenne das feige. Hoffentlich kommen die Sozialdemokraten in Berlin bald mal wieder zur Besinnung.

Kirchtumspolitik

Die Schweizer haben sich entschieden: Fürs Minarett-Verbot. Volksentscheid hin, Volksentscheid her: Wer gläubigen Menschen verbietet, ein Gotteshaus zu errichten, handelt ausgespochen dumm. Und vergeht sich an den Menschrechten, zu dem auch das Recht zur freien Religionsausübung gehört. Bei uns jedenfalls darf ein Grundrecht nicht per Mehrheitsentscheid ausgehebelt werden. Vielleicht werden ja europäische Gerichte diese Fehlentscheidung noch korrigieren. Der Schweizer Kirchtumsentscheid aber ruft nun sogleich auch deutsche Kirchtumspolitiker auf den Plan. Wolfgang Bosbach, Innenpolitikfachmann der CDU im Deutschen Bundestag, Vorsitzender des Bundestagsinnenausschusses und direkt gewählter Abgeordneter unseres Wahlkreises, kam das Schweizer Fehlurteil offenbar wie gerufen. Man müsse das Schweizer Kirchtumsurteil ernst nehmen. Spiegel-Online zitiert: “Das Ergebnis der Volksabstimmung sei Ausdruck einer auch in Deutschland weit verbreiteten Angst vor Islamisierung, sagte Bosbach der ‘Berliner Zeitung’.” Islamisierung. Das ist das Zauberwort. Auch Bosbach spricht sofort von Islamisierung. Keine Rede vom Recht auf die Ausübung der islamischen Religion. Keine Rede vom Recht auf islamische Gotteshäuser. Sofort ist die Keule der Islamisierung zur Hand. Islamisierung sagen, Überfremdung meinen. Wer es ernst meint mit der Integration von Menschen mit anderem kulturellen Hintergrund und anderer religiöser Überzeugung, kann ihnen den Bau einer Moschee nicht verwehren – und zur Kirche gehört auch der Kirchturm, zur Moschee das Minarett.