Monat: Februar 2010

Durchgeknallt

Gestern, Welt Online:

Miese Umfrage – Ramsauer gibt Winterkälte Schuld

16 Milliarden Tonnen Schnee und Eis liegen laut Verkehrsminister Ramsauer derzeit auf Deutschland – und auf dem Gemüt der Bürger: Es könne sehr gut sein, dass die schlechten Umfragewerte der Regierung mit dem Winterwetter zusammenhänge, meint der Politiker. Dementsprechend will er jetzt rasch reagieren. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) erklärt das Stimmungstief der Bundesregierung mit dem derzeitigen extremen Winterwetter. „Klar schlägt dieses Wetter vielen auf das Gemüt“, sagte Ramsauer der „Bild am Sonntag“. „Das könnte auch erklären, warum die Regierung nach Umfragen bei den Bürgern im Moment schlechter dasteht als sie tatsächlich ist.“

Schon bei der genialen FDP-Forderung nach einer nationalen Streusalzreserve durch deren Verkehrsexperten Patrick Döring konnte ich mir das Wörtchen “durchgeknallt” nur mit Mühe verkneifen. Angesichts der Äußerungen des Gemütsexperten und Bundesverkehrsministers von der CSU will mir das nicht mehr gelingen. Nun gut, könnte man einwenden, Ramsauer ist Bayer. Und Bayern neigen mitunter zu harschem Humor. Aber, nichts da. Ramsauer macht sich die Nationale Streusalzreserve der FDP zu eigen und will die durch Eis und Schnee entstandenen Straßenschäden alsbald ausbessern lassen, damit das Gemüt der Deutschen nicht weiter bedrückt wird und sich die Umfrageergebnisse für die schwarz-gelbe Zornnatter-Koalition bessern. „Ich lasse gerade feststellen, welche Mittel im Bereich Straßenbau dafür verfügbar sind, um schnellstmöglich die Winterschäden ausbessern zu lassen.“ Interessant. Die meisten Straßen in der Republik sind Angelegenheit der Länder und Kommunen. Ramsauer will also mit Salz und Teer, den aber andere bezahlen müssen, die Stimmung der Deutschen aufhübschen. Demnächst wird wohl der Winter verboten. Diese Koalition ist aus den Fugen, durchgeknallt.

“Die Knechtschaft eitler Selbstverliebtheit”

“Die journalistische Freiheit wird in der Bundesrepublik heute viel weniger durch obrigkeitsstaatliche Pressionen bedroht als durch die weiche Knechtschaft einer eitlen Selbstverliebtheit.” Jürgen Leinemann verdanken wir diesen klugen Satz. Er war Redakteur bei dpa und Spiegel und wurde unter anderem mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis sowie dem Henri-Nannen-Preis für sein Lebenswerk ausgezeichnet.

7. Februar 1637: Die große Tulpenmanie

“Die gesamte Bevoelkerung ist infiziert: Fleischer, Torwaechter, Schiffsmakler, Gastwirte, Studenten, Barbiere, Schornsteinfeger, Steuereintreiber, Torfstecher, nicht eine Gesellschaftsschicht bleibt ausgespart, nicht eine Sekte, nicht eine Vereinigung: Arminier und Papisten, Lutheraner, Mennoniten, Nachtwaechter und Rhetoriker! Die Gegenden um Amsterdam, Haarlem, Alkmaar, Hoorn, Enkhuizen, Utrecht, Rotterdam sind am staerksten betroffen …” Holland im Jahr 1636. Nicht Pest noch Teufelserscheinung haben Holland im Griff. Holland dreht durch, ganz Holland, wegen – einer Tulpenzwiebel. Das durch Handel reich gewordene Holland hatte  die aus dem Orient stammende Tulpe importiert. Und als die Nachfrage nach der exotischen Blume das Angebot überstieg, zogen die Preise rasant an. Tulpen wurden überall gehandelt, vor allem in Kneipen und Wirtshäusern. Man kaufte Tulpen schließlich nicht mehr, um sie einzupflanzen, sondern, um sie wieder zu verhökern. Der Tulpenhandel wurde zum Spekulationsgeschäft. Die Preise explodierten und stiegen bis 1637 auf das über Fünfzigfache an. Ein komplettes Haus in Amsterdam wechselte für drei Tulpenzwiebeln den Besitzer. Der höchste Preis für die wertvollste Tulpensorte, Semper Augustus, lag Anfang 1637 bei 10.000 Gulden für eine einzige Zwiebel, zu einer Zeit, als ein Zimmermann rund 250 Gulden im Jahr verdiente. Die erste Spekulationsblase. Wie wir heute wissen, sollten leider andere folgen.  Am 5. Februar 1637 wurden in Alkmaar für 99 Posten Tulpenzwiebeln rund 90.000 Gulden erzielt. Doch der Crash nahm in Haarlem seinen Anfang. In einer der Wirtshausversteigerungen gab es keine Kaufgebote mehr. In den nächsten Tagen brach dann in den gesamten Niederlanden der Tulpenmarkt zusammen. Alle wollten verkaufen, kaum einer kaufen. Allein ganz kostbare Zwiebeln konnten noch gehandelt werden. Doch die Masse der zuvor gehandelten Zwiebeln gehörte zu den billigen Sorten, die auf einmal wertlos waren. Am 7. Februar 1637 stoppte der Handel schließlich. Die Preise fielen um über 95 Prozent. Kommt irgendwie bekannt vor, oder?

Nationale Streusalzreserve

Patrick Döring ist Verkehrsexperte der FDP. Nie gehört? Macht nichts. Pünktlich zum Tauwetter streut Patrick Döring in die  Rheinische Post die Forderung nach einer nationalen Streusalzreserve. “Der Bund muss als Auftraggeber alle Bundesländer zur Vorhaltung einer Mindestreserve an Salz drängen, damit im gesamten Bundesgebiet die Bundesverkehrswege auch in Wintersituationen uneingeschränkt befahrbar sind.” Doch, im Ernst. Die Salzbetriebe verdienen ja gut an den gesalzenen Streusalzpreisen. Wäre da nicht jetzt eine Spende fällig?

Gauweiler: Radikalenerlaß für Bänker

Das ist doch mal eine Variante: Peter Gauweiler, CSU-Urgestein, fordert einen Radikalenerlaß für Bankmanager. Wir erinnern uns: Während der Kanzlerschaft Willy Brands gab es in den siebziger Jahren einen Radikalenerlaß. Die Einstellung in den Öffentlichen Dienst, als Lokführer, Lehrer oder Briefträger beispielsweise, konnte verweigert werden oder die Entlassung konnte erfolgen, wenn Zweifel bestanden, daß die Betroffenen für die freiheitlich-demokratische Grundordnung eintreten. Gemeint und betroffen waren Linke aller Couleur, Radikale eben. Das Kreditwesengesetz (KWG), das Berufsgesetz für Banker, verlange, so zitiert Spiegel Online Peter Gauweiler, daß Bänker und Finanzdienstleister zuverlässig sein müssen. Persönliche Schwächen von Bankmanagern könnten Zweifel an der Zuverlässigkeit begründen, etwa  “die Neigung zu unangemessen riskanten Geschäften – insbesondere Spekulationsgeschäften”. Nach Gauweiler sollte jeder Inhaber einer Bankerlaubnis in Deutschland – in einer Art Regelanfrage – auf sein einschlägiges Verhalten in der Vergangenheit abgeklopft werden.” Dies würde dem “Schutz des Eigentums” dienen. Das Grundgesetz garantiere diesen Schutz als “Verantwortungseigentum”. Seit Jahren entschwinde das Verantwortungseigentum “durch Investmentbanking, Hedgefonds und die Blickverengung auf Sharerholder Value”.

Roswitha Müller-Piepenkötter und die Justizpannenserie

Tja, einmal angefangen, kann man nicht so einfach aufhören mit dem Thema. Allwöchentlich eine Panne in der nordrhein-westfälischen Justiz. Vor Weihnachten gelang zwei Schwerverbrechern aus der JVA Aachen die Flucht. Vor zwei Wochen waren zwei Häftlinge aus der JVA Münster entkommen. Und heute ist ein Gewaltverbrecher aus dem Landgericht in Hagen entflohen. Ralf Jäger, Vize-Fraktionschef der SPD im Landtag, kritisierte, die Flucht setze die „Pannenenserie in der NRW-Justiz” fort. „In immer kürzeren Abständen kommen die Hiobsbotschaften über entlaufene Häftlinge oder gefährliche Sexualstraftäter”, sagte Jäger. Der SPD-Politiker fragt sich: „In welcher Stadt müssen die Menschen morgen befürchten, noch immer gefährlichen Sexualstraftätern oder entflohenen Häftlingen über den Weg zu laufen?” Monika Düker, Innenexpertin der Grünen im Landtag, verlangte eine Analyse möglicher Sicherheitslücken. Politisch verantwortlich ist die Justizministerin, Roswitha Müller-Piepenkötter (CDU). Zitieren wir also zum fünften mal aus dem “Leitbild des Justizministeriums NRW”: “Wir sind uns unserer Vorbildfunktion bewusst (…) Wir sind einsatzbereit und übernehmen Verantwortung.”