Monat: Mai 2014

Rot-Weiß

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Vor fünf Jahren habe ich dieses Teil bekommen, vor dem Edekamarkt. Als Kommunalwahlkampfpräsent der SPD. Ein Einkaufswagenchip. Die Älteren werden sich erinnern: Über so etwas ist seinerzeit Wirtschaftsminister Möllemann (ja, wirklich) aus seinem Amt gestolpert. Neunzehnhundertdreiundneunzig. Mein Chip ist nur fünf Jahre alt. Aber man kann die Schrift schon nicht mehr erkennen. Wozu auch? Eine Kommunalwahlperiode ist eine lange Zeit. Schlauer macht es jetzt das Bürgerforum. Deren Kommunalwahlkampfpräsent, ein Einkaufswagenchip, wie originell, hat gar keinen Schriftaufdruck mehr, nur noch die Hülle verweist auf das Bürgerforum. Sei’s drum. Ich werde sie beide in die Einkaufswagen stecken, den neutralweißen wie den nichtneutralroten.

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Plakatkunst

Das politische Plakat kann Kunst sein. Große Kunst. Das zeigt ein Blick auf die Werke von Helmut Herzfeld, Käte Kollwitz oder Klaus Staeck. In Wermelskirchen sind die politischen Plakate nicht einmal kleine Kunst, auch nicht ganz kleine Kunst. In Wermelskirchen (und natürlich anderswo) werben die politischen Parteien auf ihren Plakaten mit sprachlicher Einfalt und  gedanklicher Dürre. Eine Kostprobe: Für Sie in den Stadtrat (CDU). Oder WNK: Aktiv für Sie. Weil Wermelskirchen mir wichtig ist (BÜFO). Und FDP: Für unsere Stadt. Ähnlich: Die beste Wahl für Wermelskirchen (SPD). Auch nicht schlecht: Aktiv für Wermelskirchen (WNK). Und schließlich: Wermelskirchen kann mehr (CDU). Und das soll helfen, daß sich Bürger und Wähler ein Bild von Parteien und Kandidaten machen?

Frugal

Frugal. Ein Wörtchen, das mir zum ersten mal begegnet ist in Alfred Hitchcocks Film Frenzy, in dem es um Mord und schlecht schmeckendes Essen geht. Der Mörder und Obsthändler Rusk gibt dem verdächtigten Barmann Blaney einige Äpfel mit und die Bemerkung, er solle ein frugales Frühstück einnehmen. Frugal im Sinne von fruchtig, also üppig. Rusk ist das überblonde Früchtchen, das selbst bei der Vergewaltigung Obst ißt und sich die Zahnzwischenräume hernach mit einer Krawattennadel, nein: der Nadel eines Reversansteckers reinigt. Heute postet ein Freund in Facebook, am Flughafen habe er ein frugales Frühstück eingenommen. Zu sehen ist ein eher armseliges Croissant, lieblos auf einem gelben Untersetzer gereicht. Von wegen fruchtig oder üppig. Und mein Freund hat recht. Und die Flughafengastronomie auch. Karg und schlicht, so die ursprüngliche Bedeutung des Wörtchens frugal, spärlich, bescheiden, einfach. Aus dem lateinischen frugalis entlehnt, nämlich von den Feldfrüchten stammend.  Aber, zurück zu Hitchcock und seinem Obsthändler, das Klangbild und die Assoziationen, nämlich fruchtig im Sinne von üppig, gut und reichlich haben frugal zu einem Januswort werden lassen, einem Wort, das umgangssprachlich auch konträr zum ursprünglichen Wortsinn genutzt wird. Wahnsinn. Alles ist frugal, so oder so.

Kynophobie

Da macht man sich jahrelang vor, nichts habe man gemein mit der Kanzlerin, gar nichts. Bullshit. Wir leiden an der selben Angst. Kynophobie. Die Furcht vor dem Hund, dem großen zumal. Ich bin auf weitere Gemeinsamkeiten gespannt.

Demokratie und Bürgersteige

Wer eine Demokratie schaffen will, muss zuerst die Bürgersteige verbreitern. Das hat der Priester und Philosoph Emmanuel Joseph Sieyès gesagt, einer der Vordenker der Französischen Revolution. Die Bürgersteige verbreitern? Wozu? Damit Plätze geschaffen werden, auf denen Menschen sich treffen, sich kennenlernen, sich austauschen, sich über gemeinsame Ziele verständigen. Plätze, auf denen sie erkennen, dass sie viele sind. Heute trifft sich auf unseren Bürgersteigen, auf unseren Straßen und unseren Fahrradwegen kaum noch jemand. Und wenn, dann unter die Gürtellinie. Wir drängeln uns aneinander vorbei, sind genervt von den anderen, pöbeln uns an, im besten Fall ignorieren wir uns. Wir sind Einzel-Gänger und Einzel-Fahrer. Und wer das beklagt, gilt als Spinner oder Querulant. (aus: Jörg Schindler, Rüpel-Republik. Warum sind wir so unsozial?, Ebookausgabe, deshalb keine Seitenzahl.)

 

Wählen verboten

Am fünfundzwanzigsten Mai dürfen wir alle wählen, ein neues Europaparlament. Wir alle? Nein. Nicht wählen dürfen hierzulande beispielsweise jene, für die eine Betreuung in allen Angelegenheiten angeordnet ist, sowie Personen im Maßregelvollzug, die in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht sind. Sie alle werden laut Bundeswahlgesetz und Europawahlgesetz von Wahlen ausgeschlossen. “Im Gegensatz zu anderen EU-Ländern, in denen auch geistig Behinderte wählen dürfen, dürfen sie in Deutschland nicht wählen und auch nicht gewählt werden.” Die Humanistische Union weist auf diesen Verstoß gegen internationale Abkommen, wie der UN-Behindertenrechtskonvention hin. Deutschland werde “deshalb vom UN-Menschenrechtsrat, dem UN-Hochkommissariat für Menschenrechte, dem Europarat und auch der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) gerügtNach Ansicht der FRA schließt Deutschland von allen Staaten der Europäischen Union Menschen mit einer geistigen Behinderung am stärksten von der politischen Teilhabe aus. Das ist außerdem ein klarer Verstoß gegen den Grundsatz der Allgemeinheit der Wahl und damit auch ein eklatanter Verstoß gegen die Menschen- und Bürgerrechte.”