Jetzt werden sie wieder getragen und gezeigt. Die schwarz-rot-goldenen Außenspiegelpariser. Die patriotischen Testimonials von Autos und ihren Besitzern. Auf, daß die Nationalmannschaft der Autos Europameister werde …
Kategorie: Sonstiges
Nachbar
Die Vernunft und das Stoffläppchen mit dem Blutstropfen
Hier habe ich vor zweieinhalb Jahren schon geschrieben, daß “eine weitere Reliquie den Besucheransturm auf den Kölner Dom steigern” soll, nämlich ein “Sto
ffläppchen mit einem Blutstropfen” des gewesenen Papstes Johannes Paul II.. Und mit dieser Ausstellung werde die Vernunft bloßgestellt. Jetzt hatte die göttliche Vorsehung ein Einsehen. Das Stoffläppchen ist geklaut worden, wie der Remscheider General-Anzeiger heute zu vermelden weiß. Irgendjemand hat, vermutlich sogar in göttlichem Auftrag, der menschlichen Vernunft wieder auf die Sprünge geholfen und dem kindlichen Aberglauben an ein Stoffläppchen mit dem Blutstropfen eines verstorbenen Kirchenoberhauptes, der selber nur Mensch und nicht Gott war oder heilig, den Garaus gemacht. Durch Diebstahl zwar, aber immerhin hat der der Vernunft jetzt wieder zu ihrem Recht, ihrem Vorrang gegen Idolatrie, gegen Götzendienst verholfen. Gut.
Dreitausend Kilometer
Vor vier Tagen war’s, in Arcen an der Maas, kurz nach vier, auf einer Radtour mit Palle, meinem Sohn: ich habe
den dreitausendsten Kilometer mit meinem Rad absolviert. Seit Juli letzten Jahres. Immerhin. Für einen älteren Herrn mit Raucherlunge und Herzschrittmacher nicht so schlecht. Und es sollten, wenn es nur nach mir ginge, doch noch einige tausend Kilometer dazukommen. Circa zweihundertfünfundzwanzig von den nächsten tausend Kilometern habe ich in den letzten vier Tagen in Holland und Belgien bereits absolviert.
Tag des Orgasmus
Heute ist der, nein: ein Tag des Orgasmus. Inoffiziell wird seit Zweitausendzwei jedes Jahr am neunten Mai, also heute, der Tag des Orgasmus begangen. Inoffiziell, weil der wirklich offizielle Welttag des Orgasmus am einundzwanzigsten Dezember zelebriert wird, kurz vor Weihnachten. Einerlei. Der heutige Orgasmusfeiertag wurde in der brasilianischen Kleinstadt Esperantina ins Leben gerufen. Um zu propagieren, daß jeder Mensch ein fundamentales Recht auf den sexuellen Höhepunkt hat. Zweimal im Jahr also haben wir jetzt einen Feiertagshöhepunkt und genießen das Vergnügen, den sexuellen Höhepunkt zu ehren. Wie war das noch mit Martin Luther? “In der Woche zwier schaden weder ihm noch ihr.” Das soll der Reformator der Gemeinde gepredigt haben. Und also feiern wir den Klimaxtag eben zweimal im Jahr. Das schadet auch niemandem.
Besen
Hier habe ich mich vor sechs Jahren schon über die Walpurgisnacht ausgelassen. Die Hexen feiern heute Nacht, insbesondere auf dem Blocksberg, also dem Brocken, im Harz. Es ist Brauch, schrieb ich seinerzeit, daß in der Walpurgisnacht Mädchen mit entblößten Genitalien über die “Brautstein” genannten Monolithe im Wendland rutschen, um sich dabei ihren Liebhaber zu wünschen. Sollen die Hexen auf Besen oder Ziegenböcken reiten, sollen die jungen Leute auf heiße Gedanken kommen, sollen die Menschen trinken, lachen, tanzen und lüstern sein, heute Nacht. Einerlei. Das wird sich auch Albert-Joseph Penot gedacht haben, als er seine Vorstellung von Frauen und Hexen und Besen gemalt hat. Damals.
Balsam
Schlamperei
Was ist so schlimm an Schlamperei? Lehrt nicht die Lebenserfahrung, dass Schlamper die besseren Menschen sind? Wohlverstandene Schlamperei bringt eine heitere, lässige Note ins Leben, sie ist ein Zeichen geistiger Freiheit. Bereits in der Schule war man gut beraten, sich neben Schlamper zu setzen, weil diese nette Leute waren und keinen Anstoß daran nahmen, dass man ungekämmt und mit verschiedenen Socken in den Unterricht gekommen war. Wer einen Freund suchte, fand ihn am Schlamperkasten in der Turnhallen-Umkleide, wo der künftige Kumpel seinen vergessenen Turnbeutel suchte, in dem ein einzelner Schuh und ein halbes Dutzend verschimmelter Pausenbrote steckten. Mit solchen Turnbeutelvergessern konnte man herrliche Abende in unaufgeräumten Zimmern verbringen, gern auch in Gesellschaft von Mädchen, die es ebenfalls nicht so genau nahmen. Wie lästig war hingegen die Präsenz moralinsaurer Pedanten, die ihre Stifte und Bücher bündig und im rechten Winkel ausrichteten und die einen ständig zur Ordnung riefen. Am liebsten hätte man ihnen eins mit dem Lineal übergebraten, hätte man nur die leiseste Ahnung gehabt, wo es herumlag.
Wolfgang Görl, Null Acht Neun. Ein Hoch auf die Schlamperei, in: Süddeutsche Zeitung, München und Region, vom zwanzigsten Februar Zweitausendundsechzehn

