Schlagwort: Süddeutsche Zeitung

Ästhetik eines Mörtelrührers

Dass Portugal gewinnt, eine Mannschaft mit der Ästhetik und fußballerischen Ambition eines Mörtelrührers, ist die passgenaue Schlusspointe einer grausam missglückten EM. Gewonnen hat der trostlose Effizienz-Fußball, gewonnen haben Funktionäre, Wettanbieter und Mentaltrainer. Und wahrscheinlich, in der Tipprunde im Büro, ein Typ, der sich “Vollpfosten96” nennt. Es ist alles so traurig.

Gerhard PatzigBeckmanns “Sportschule”, der Lichtblick dieser EM. TV-Kritik, in: Süddeutsche Zeitung vom elften Juli Zweitausendundsechzehn

Das populistische Lob der Torheit

(…) Auch in England oder Frankreich, den Niederlanden oder Deutschland ist jener anti-aufklärerische Gestus en vogue, der absichtsvolle Ignoranz als Instrument der politischen Selbstvermarktung nutzt. So gerieren sich Politikerinnen und Politiker der neuen Rechten oder der Europa-Skeptiker als anti-elitär, als volksnah und hyper-authentisch – dabei verstehen sie unter Volksnähe lediglich das Leugnen von Tatsachen und das Verschlichten der Welt. Die Wirklichkeit wird zu geistiger Babynahrung verrührt, damit sie sich in möglichst unterkomplexen, aber wohlklingenden Erzählungen darbieten lässt. Wenn ökologische, ökonomische oder soziale Realitäten der Simplifizierung entgegenstehen, werden sie einfach geleugnet und durch leichter verdauliche Lügen ersetzt.(…) Nachdenklichkeit und Sachkunde werden als angebliche Signaturen einer faulen Bildungselite denunziert (als wäre Bildung ohne brutalen Fleiß zu haben). Dabei zeugt es ja gerade von der erstaunlichen Menschenverachtung der Populisten, Dummheit für prinzipiell volksnäher zu halten als Intelligenz und Bildung. (…) Es ist nicht cool, ignorant zu sein. Es ist einfach nur ignorant. Es ist auch nicht hip, rassistisch und verlogen zu sein. Es ist einfach nur rassistisch und verlogen. Es ist nicht mutig, gegen Migrantinnen und Migranten oder gegen Intellektuelle oder gegen Europa zu hetzen. Es ist nur Hetze. Die komplexe Wirklichkeit verschwindet nicht, nur weil Populisten sie leugnen. Die Globalisierung löst sich nicht auf, nur weil jemanden die Kontrolle über die eigenen Grenzen verspricht. Die unangenehmen Wahrheiten werden nicht weniger wahr, nur weil Populisten sie nicht aussprechen. Moralische Argumente verlieren nicht ihre Gültigkeit, nur weil Populisten sie als “politisch korrekt” diffamieren. Vor allem aber: Populisten werden nicht ehrlicher, nur weil sie Volksnähe simulieren. Populisten, vielleicht ist das endlich mit dem verantwortungslosen Gebaren der britischen Brexit-Aktivisten deutlich geworden, nehmen nicht die “Sorgen der Menschen” ernst. Sie nehmen nicht einmal Menschen ernst. Am allerwenigsten die “einfachen Leute”. Sie dienen ihnen nur als Spielfiguren in einem Spektakel, das sie aufführen, solange es sie allein amüsiert.

Carolin Emcke, Kolumne: Torheit, in: Süddeutsche Zeitung vom achten Juli Zweitausendsechzehn

Schlamperei

Was ist so schlimm an Schlamperei? Lehrt nicht die Lebenserfahrung, dass Schlamper die besseren Menschen sind? Wohlverstandene Schlamperei bringt eine heitere, lässige Note ins Leben, sie ist ein Zeichen geistiger Freiheit. Bereits in der Schule war man gut beraten, sich neben Schlamper zu setzen, weil diese nette Leute waren und keinen Anstoß daran nahmen, dass man ungekämmt und mit verschiedenen Socken in den Unterricht gekommen war. Wer einen Freund suchte, fand ihn am Schlamperkasten in der Turnhallen-Umkleide, wo der künftige Kumpel seinen vergessenen Turnbeutel suchte, in dem ein einzelner Schuh und ein halbes Dutzend verschimmelter Pausenbrote steckten. Mit solchen Turnbeutelvergessern konnte man herrliche Abende in unaufgeräumten Zimmern verbringen, gern auch in Gesellschaft von Mädchen, die es ebenfalls nicht so genau nahmen. Wie lästig war hingegen die Präsenz moralinsaurer Pedanten, die ihre Stifte und Bücher bündig und im rechten Winkel ausrichteten und die einen ständig zur Ordnung riefen. Am liebsten hätte man ihnen eins mit dem Lineal übergebraten, hätte man nur die leiseste Ahnung gehabt, wo es herumlag.

Wolfgang Görl, Null Acht Neun. Ein Hoch auf die Schlamperei, in: Süddeutsche Zeitung, München und Region, vom zwanzigsten Februar Zweitausendundsechzehn

Republikanische Wachsamkeit

Die riskante Seite der Demokratie ist nur in den Griff zu bekommen, wenn man peinlich darauf achtet, dass auch missliebige Volksmeinungen im Rahmen der Verfassung geäußert werden können. Gerade dem Pack, wie es Sigmar Gabriel genannt hat, sind, noch so zähneknirschend, die Grundrechte von Meinungs- und Versammlungsfreiheit besonders souverän zu gewähren. Nur so kann man den Fremdenfeindlichen glaubhaft argumentativ entgegentreten. Und nur so beweisen, dass sie nicht “das Volk” sind. Die Volksherrschaft in Deutschland ist ja eine, die den Einfluss des Volkes auf vielerlei Weise herausgefiltert hat: durch Parlamente, Parteien und ein Rechtssystem ohne Schuldsprüche von Geschworenen, also ohne Volksjurys. So hat das stabilitätsversessene Land das Risiko, das Wackelige der Demokratie, das Unfassbare des Volkes lange vergessen. Die Demokratie hat aber eben eine offene Flanke, das ist ihr Preis – und die Garantie, dass sie demokratisch bleibt. Vielleicht wäre es besser, wenn die AfD oder eine ähnliche “Volks”-Partei endlich in den Bundestag käme. Klingt frivol? Nein, es böte die Chance eines offenen Schlagabtauschs. Demokratische Gegenwehr ist nicht: ignorieren oder verbieten. Sondern republikanische Wachsamkeit, Argumente, Gegendemonstrationen.

Johan Schloemann, Demokratie. Wer sind das Volk?, in: Süddeutsche Zeitung vom fünften Dezember Zweitausendfünfzehn

Singular

Was es braucht als zivilgesellschaftliche Reaktion, ist stattdessen ein Plädoyer für den Singular, für das abweichende Individuelle, das einzigartige, zarte Subjektive, nicht zuletzt, weil es das ist, was dem terroristischen Wahn am meisten widerspricht. Es braucht ein Europa, das sich nicht aufspaltet in Muslime und Nicht-Muslime, sondern eines, das sich auffächert in eine unüberschaubare Vielfalt an einzigartigen, eben singulären Wesen mit einer unüberschaubaren Vielfalt an Eigenschaften jenseits von Herkunft und Glauben. Singuläre Individuen, die auf ihre je eigene Weise glauben, lieben, trauern; die furchtlos oder furchtsam weiterleben, die zustimmen oder widersprechen, und die sich nicht um jeden undemokratischen Preis wappnen wollen, weil eine dünne Haut vielleicht nicht schützt, aber auch nicht unempfindlich macht. Das Singuläre ist keineswegs einfach bloß das egoistisch Einzelne, es beinhaltet und bedingt das Mit- und Füreinander. Das Individuelle, von dem hier die Rede ist, lebt nicht einfach bloß isoliert oder asozial, es sieht sich immer schon anderen Individuen gegenüber, an denen die eigenen Perspektiven und Wünsche sich brechen oder spiegeln. “Das Singuläre ist von vornherein jeder Einzelne, folglich jeder mit und unter allen anderen”, schreibt der französische Philosoph Jean-Luc Nancy in “Singulär plural sein”. Also: “Das Singuläre ist ein Plural.” Nur wenn dieses vielfältige Singuläre geschützt und gefördert wird, kann ein Miteinander gelingen. Nur wenn nach wie vor jede Form des individuellen Einspruchs und Zweifels nicht nur gestattet, sondern erwünscht ist, ohne gleich der Verharmlosung von Terrorismus bezichtigt zu werden, kann die offene, plurale Gesellschaft geschützt werden. Und zu guter Letzt: Nur wenn das reflexhafte Einfordern von kollektiver Einigkeit wieder abebbt, werden auch jene Jugendlichen wieder als einzigartige Individuen wahrnehmbar, die sich womöglich noch ansprechen und abbringen lassen von der manipulativen Einladung der Dschihadisten, die Anerkennung und Sinn versprechen, wo nur Tod und Zerstörung warten. Auch sie können und müssen zu jenem singulären Plural gehören, der Europa ausmacht.

Carolin Emcke, Singular, in: Süddeutsche Zeitung vom einundzwanzigsten November Zweitausendundfünfzehn

Gott braucht keine Krieger

(…) Die Attentäter von Paris sind zwar keine Protagonisten des namenlosen Terrors. Sie morden dezidiert im Namen des Islamischen Staates, der so islamisch ist wie der Ku-Klux-Klan christlich. Man sollte generell skeptisch sein, wenn sich eine Organisation, die weltliche Ziele verfolgt, dabei auf Gott, welchen auch immer, beruft. Gott braucht keine Krieger, keine Mörder, keine Hassprediger und nicht einmal politische Parteien. (…) Die Terroristen von Paris und ihre Gesinnungsgenossen haben ein Hauptziel: Sie wollen Angst verbreiten. Sie wollen die relative Sicherheit der westlichen Wohlstandsgesellschaften stören, gar zerstören; sie wollen ihren Krieg dahin tragen, wo sie Imperialismus, Sünde, Gottlosigkeit ausmachen. Totalitäre Bewegungen dieser Art definieren rigide, wie Menschen zu leben haben. Wer anders leben will, der soll sterben. (…) Diesen Angstverbreitern kann man bis zu einem gewissen Grad polizeilich, geheimdienstlich, vielleicht sogar militärisch entgegentreten. Die Angst selbst aber lässt sich nur durch das Bewusstsein besiegen, durch die Gewissheit, dass jeder Mensch die unveräußerlichen Rechte hat, zu sagen, zu glauben und zu tun, was er will, solange er damit keinem anderen Schaden zufügt. Diese Freiheit ist kein “westlicher” Wert, sondern sie rührt her von der Einmaligkeit jedes Einzelnen. Und die Freiheit des Einzelnen ist für alle Totalitären der größte Feind. Angst verbreiten zu wollen, ist verbrecherisch; Angst politisch auszunutzen, ist verwerflich. (…)

Kurt Kister, Terror und die Folgen: Freiheit gegen Angst. Angst zu verbreiten ist ein Verbrechen, sie auszunutzen verwerflich, in Süddeutsche Zeitung vom sechzehnten November Zweitausendundfünfzehn

Für eine Handvoll Euro

Warum ist die Flüchtlingsproblematik automatisch Teil der Asyldebatte? Asyl ist ein wichtiges Grundrecht, aber warum gibt es keine Strukturen für Einwanderung jenseits des Asylgesetzes? Warum müssen sich Flüchtlinge, die nicht politisch oder religiös verfolgt werden, mit dem unsäglich dummen Begriff “Wirtschaftsflüchtlinge” oder gar “Wirtschaftsasylanten” beschimpfen lassen? Wir wollen unsere T-Shirts und Jeans für ein paar Euro kaufen, und wundern uns, dass die Menschen außerhalb Europas immer ärmer werden und nach Europa kommen, um Hunger und Not zu entkommen. Die “Sortierung” in “gute” und “böse” Flüchtlinge ist unfassbar arrogant und geht am Kern des Problems vorbei. Die Lösung kann nur lauten, das ausbeuterische Wirtschaftssystem, auf dessen Kosten wir in der westlichen Welt leben, gerechter zu gestalten.

Bärbel Konermann-Krüger aus Bornheim in einem Leserbrief an die Süddeutsche Zeitung vom sechsundzwanzigsten Oktober Zweitausendfünfzehn

Emojis

Emojis (…) sind die Barbies des Schriftverkehrs: zu grell, zu aufgesetzt, zu Plastik. Hat man die 30 überschritten, gilt es, Emojis sparsam oder nur im Notfall zu verwenden. Notfall, das heißt: Wenn man zu betrunken zum Tippen ist, seine Kontaktlinsen verloren hat oder durch einen absurden Zufall an die Handynummer von Justin Bieber gekommen ist. Wer durchs Netz smiled, setzt sich schnell dem Verdacht aus, ein Sticker-Album zu besitzen oder die Haarspange farblich auf die Ballerinas abzustimmen. Zugegeben: Es ist nicht leicht, die Fratzen der Emotion nicht zu verwenden – auf neuen Smartphones frohlocken neben der üblichen Palette der übersteigerten Stimmung auch animierte Requisiten eines potenziell weltumspannenden Theaterstücks: Wassermelonen, Stöckelschuhe, Commedia dell’arte-Masken, Pillen, Geodreiecke.

Friederike Zoe Grasshoff, Wann Über-30-Jährige noch Emojis benutzen dürfen, in der Süddeutschen Zeitung vom fünfundzwanzigsten Oktober Zweitausendfünfzehn

Kultur des Miteinanders

Wenn wir die Mitte der Gesellschaft stabilisieren wollen für eine Kultur des Miteinanders, werden wir das Sprechen wieder üben müssen. Langsam und behutsam. Das Sprechen miteinander, das einen Sinn ergibt, das mit Gründen und nicht bloßen Gefühlen unterlegt ist, und das den Plural, in dem wir existieren, nicht leugnet, sondern anerkennt. Es kommt nicht darauf an, was “man wohl noch mal sagen darf”, sondern was im Sprechen einen Sinn ergibt. Nicht nur für einen selbst, sondern auch für die anderen.

Carolin Emcke, Schäbige Gefühle, in: Süddeutsche Zeitung vom vierundzwanzigsten Oktober Zweitausendundfünfzehn