Kategorie: Sonstiges

Ansturm

Wie die Dinge heute in der Welt liegen, haben wir es ja auch mit dem Ansturm des vermeintlich Simplen auf das in Wahrheit Vertrackte zu tun, mit den Attacken der Plattheit auf das Nachdenkliche, und mit dem Feuer der Wut, das alles Schwierige niederbrennen soll.

Axel Hacke, Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen, Seite Vierundzwanzig, München Zweitausendsiebzehn, (Verlag Antje Kunstmann)

Kuhleasing

Kuhleasing? Nein, nein, es ist nicht der erste April heute am neunundzwanzigsten August. Kuhleasing gibt es wirklich. „Sie suchen ein originelles Geschenk zum Geburtstag, zur Pensionierung, zur Hochzeit oder einfach so? Wieso schenken sie nicht eine Kuh für einen Sommer oder für einen Monat auf einer unserer Partneralpen. Nehmen sie Kontakt mit mir auf …“ undsoweiter. Hier nachzulesen. Kuhleasing, eine Geschäftsidee aus der geschäftstüchtigen Schweiz. Für den Menschen, der auch ansonsten problembefreit leben darf. Sie suchen ein originelles Geschenk zum Geburtstag, zur Pensionierung, zur Hochzeit oder einfach so? Wieso schenken sie nicht einen Flüchtling oder einen anderen Menschen in Not für einen Sommer oder für einen Monat oder eine andere Zeitspanne in einer unserer städtischen Behausungen oder an jedem anderen Platz hierzulande? Notleasing. Nehmen Sie Kontakt auf zu den Flüchtlingsinitiativen, zu sozialen Einrichtungen, zu Hilfsorganisationen. Dort wird man Ihnen Menschen in Not vermitteln können, deren Anblick und Nähe Ihnen in Ihrem normalen Privat- oder Arbeitsleben erspart bleibt.

Norbert

Mein Freund Norbert ist gestorben. Im April schon. Und gestern erst habe ich davon erfahren. Norbert hatte verfügt, daß er keine Trauerfeier wolle, keinen Versand von Sterbeanzeigen, kein Grab, keinen Gedenkstein. Seine Asche sollte verstreut werden. Fünfzig Jahre lang waren wir verbunden. Kennengelernt habe ich ihn als Sechzehnjähriger. Eine Partei und die Arbeit für diese Partei hatten uns zusammengeführt. Ein aufrechter Demokrat, ein Streiter für Gerechtigkeit, ein Kämpfer für eine bessere Gesellschaft, unerschrocken, beharrlich. Das waren viele damals. Norbert aber war auch ein Freund. Ein unbedingter Freund. Und er blieb ein Freund, auch und vor allem, als sich unsere politischen Wege trennten. Freundschaft war ihm immer Loyalität, unumstößliche Loyalität. Wir haben gestritten, politisch, aber wir blieben die ganzen Jahre verbunden, persönlich, als Freunde. Respekt vor dem anderen, Achtung für die andere Meinung, Lust an der Debatte, Neugier, warme und grenzenlose Menschlichkeit. Das war Norbert. Und Standfestigkeit. Er hat seine Partei nicht verlassen. Auch, als sie ihm fremder wurde, unverständlicher, schräger. Mitunter hatten wir uns lange nicht getroffen, Monate lang nicht gesehen. Aber dann wars, als wären wir gestern erst auseinander gegangen. Immer. Mit einem Lachen begrüßt, mit einem Lachen verabschiedet. Norbert, ich vermisse Dich.

Kräftskiva

Kräftskiva. Zu deutsch heißt das Krebsfest. Jedenfalls lehrt mich das Wikipedia. Das Krebsfest sei ein traditionelles schwedisches Fest, das in Zusammenhang mit der Krebsfangsaison im Spätsommer stehe, wenn in vielen schwedischen Familien Krebs gegessen werde. Die Hauptspeise einer Kräftskiva besteht aus ganzen Flusskrebsen, die mit reichlich Dill in Salzwasser gekocht und kalt verzehrt werden. Und jetzt kommt’s: Wichtiger kultureller Bestandteil einer Kräftskiva sei das gemeinsame Singen traditioneller, schwedischer Schnaps-Weisen, kurzer, komischer Lieder, von denen während des Essens immer wieder eine Strophe gesungen und mit einem Schnaps beendet wird. Ein Trinkspruch beispielsweise sei: „Ein Krebs, ein Schnaps, ein Lied“. Jou. Das haut bestimmt rein. Heute. In Schweden. Die Wikinger wieder.

Das große “scharfe S”

Eszett. Nein, nicht der süße Schokoladenquatsch, dieser angebliche Brotbelag, Schokoschnitten. Nein. Das, wie sagte man früher, in der Volksschule, in den fünfziger Jahren?, das “scharfe s”. Genau. Das “scharfe s” gibt es seit Neuestem auch als Großbuchstabe. Das große “scharfe S” sozusagen. Das große Eszett. Offiziell. Beschlossen vom Rat für deutsche Rechtschreibung. Ist das nicht ein Meilenstein der Orthografie? Nun, optisch, finde ich, ist es eher nicht wirklich gut geraten. Mir kommt es vor wie ein verhunztes großes B. Es sei, so wird der große Rechtschreibrat in Mannheim zitiert, es sei “vor allem für die korrekte Schreibung von Eigennamen in Pässen und Ausweisen (…) wichtig”. Eigennamen wie Meißner beispielsweise. Wenn in einem Ausweis Namen in Großbuchstaben geschrieben werden, bleibe bislang unklar, ob die Menschen “Meissner” oder “Meißner” hießen. Jetzt aber ist es klar. Wir haben ja das große scharfe S. Die Meißners heißen Meißner. Punktum. Der große deutsche Rat für Rechtschreibung hat entschieden. Weise. Was machten wir nur ohne ihn? Meine Freundin und Kollegin Judith unterschriebe ihre Briefe vermutlich heute noch mit: Grusz, Judith. Ach halt, das ist ja das kleine scharfe s. Grusz, Wolfgang

 

Neunhundertundzwölf

Täglich einstündiger Schrittmacher- und Raucherlungensport auf dem E-Bike, das Wermelskirchener Stadtradeln im Team der örtlichen CDU (!) und ein viertägiger Urlaub auf den Radwegen entlang der Maas, der Waal und des Rheins gemeinsam mit meinem Sohn Palle – das war mein Radlermonat Juni. Neunhundertundzwölf Kilometer sind auf diese Weise zusammengekommen. Immerhin. Solche Kilometerzahlen erreiche ich normalerweise nicht ohne Auto. Die meisten Pedalumdrehungen galten einem guten, einem sehr guten Zweck, in der Mannschaft der CDU, beim Stadtradeln. Hier ging und geht es um den Klimaschutz sowie für eine verbesserte Radverkehrsförderung. Immerhin habe ich in den drei Stadtradelwochen, die schon im Mai begonnen hatten, knapp sechshundertsiebzehn von den eintausenddreihundertundsechsundzwanzig CDU-Kilometern zusammengeradelt. Sozusagen als rote Socke im schwarzen Team. Hier habe ich anfänglich einiges über das Zustandekommen dieser illustren Mannschaft geschrieben. Ich warte nur noch auf den gebührenden Abschluß der Radteamarbeit, das gemeinsame Bierchen auf den gemeinsamen Erfolg. Den allerbesten Zweck indes erfüllte der gemeinsame Kurzurlaub auf Rad und Handbike mit meinem Sohn Palle durch die holländisch-deutsche Grenzregion. Vier Tage, knapp zweihundertsiebzig Kilometer, vierunddreißig Grad Celsius am zweiten Tag, im Schatten wohlgemerkt, dort wo es keinen Schatten gibt, am Flussufer, eine Etappe von knapp einhundert Kilometern am dritten Tag ohne jegliche Blessur, leichter Nieselregen lediglich auf den letzten Kilometern vom Bahnhof Lennep nach Wermelskirchen über die Bahntrasse – kurzum ein wunderbarer Kurzurlaub. Das schreit förmlich nach Wiederholung. Oder?