Fremdscham wird ab jetzt in Kubickimetern gemessen

(…) Für die Gags ist diese Woche nämlich mal jemand anders als ich zuständig: Wolfgang Kubicki. Oder Gagbicki, wie er in der Humorbranche heißt. Gagbicki ist zurzeit noch Bundestagsvizepräsident und stolzer Wahl-Schleswig-Holsteiner. Geboren ist er allerdings in Niedersachen. Passenderweise in Braunschweig, was man ja theoretisch auch als Imperativ lesen könnte. Kubicki jedenfalls gibt seit einigen Wochen die Amy Winehouse der Freien Demokraten: ständig im Selbstzerstörungsmodus. Den präsentiert er dann mit Vorliebe in seinem medialen Wohnzimmer, dem, naja, TV-Sender BILD TV. Dort kippt er regelmäßig mit zurechtchoreographierten Beleidigungs-Salven Öl ins Empörungsfeuer der Corona-Leugner nach. Im freidrehenden Insultations-Modus trifft es dann beispielsweise Karl Lauterbach, der in Kubickis Stammkneipe nach Eigenaussage gerne “Spacken” genannt wird. Für die Frage, seit wann es einen Paulanergarten in Kiel gibt, bleibt keine Zeit. Märchenonkel Wolfgang, wie er bei den Jungen Liberalen gerne genannt wird, ist in Geberlaune. Ganz nach der Leitlinie der Pulitzerpreis-Combo aus dem Stammelstadl des wohl erfolglosesten Nachrichtensenders der Historie teilt er direkt weiter aus. Selbstverständlich nicht nur gegen den bei den Anti-Propaganda-Assistenten schwer verhassten Lauterbach, sondern zielsicher gegen so ziemlich jeden, der sich im Paternosterbingo der einstmals wirkmächtigsten Boulevardzeitung Deutschlands gerade im freien Fall nach unten befindet. Markus Söder etwa. (…) Hochprozentig … äh, sorry: Autokorrektur. Jetzt aber: Hochmotiviert kann Kubicki diese Woche sogar zweifach abliefern. Doppelsieg der Debattenkultur. Zunächst teilt FDP-Grandseigneur Kubicki gegen eben jenen Markus Söder aus. Sprachlich zwar nicht unbedingt literaturpreisverdächtig, aber dafür Breaking-News-tauglich nennt er Söder “charakterlos und erbärmlich”. Vielleicht wollte er aber auch nur den Titel seiner bald erscheinenden Memoiren enthüllen. Fremdscham wird ab jetzt jedenfalls in Kubickimetern gemessen. Wolfgang Kubicki hat massives Söderbrennen. Einmal in Fahrt, ist Old Stehkragen nicht mehr zu halten. Nach Söder trifft es Frank Ulrich Montgomery, den Vorstandsvorsitzenden des Weltärzteverbandes. Nachdem “Spacken”, “charakterlos” und “erbärmlich” bereits ausgespielt waren, bleibt eigentlich nur noch der Griff zum Massenmörder-Vergleich. In einem liberalen Geniestreich bezeichnet der Pablo Picasso der Geschmacklosigkeiten Montgomery als “den Saddam Hussein der Ärzteschaft”. Hoppla, mag da der eine oder andere denken: Ist das etwa diese sagenumwobene Fackel der Freiheit, von der zuletzt so häufig aus den Elfenbeintürmen der liberalbesoffenen Rechtsrand-Surfer schwadroniert wird? Diese Freiheit, die es um jeden Preis gegen die Merkel-Diktatur und “Woko-Haram” zu verteidigen gilt? Das absolute Recht, andere Menschen mit Massenmördern vergleichen zu dürfen, ohne dafür im linksversifften Cancel-Culture-Wahn direkt um seine Position als Bundestagsvizepräsident fürchten zu müssen? Egal, ich bin ja hier nicht die Chefreporterin Doppelmoral. Und Kubicki hat, ganz in AfD-Manier (menschenfeindliche Parolen heraushauen und hinterher alles ganz anders gemeint haben wollen), alles (Sie werden lachen) ganz anders gemeint. Er habe (Sie werden noch mal lachen, und dieses Mal aber so richtig) “nicht an den Massenmörder gedacht, sondern nur an dessen Schnurrbart”. Natürlich. Wer kennt sie nicht, den “Moustache Man of the Year 2005” Saddam Hussein und den ihm wie aus dem Gesicht geschnittenen Frank Ulrich Montgomery. Ein schönes Zeitdokument für Kubickis grenzenloses Talent als dubioser Westentaschenanwalt. Auf so eine Begründung muss man erstmal kommen. Das ist ein bisschen so, als würde ich Kubicki den Bill Cosby der Anwaltschaft nennen und anschließend behaupten, ich hätte natürlich nur gemeint, dass beide häufig sehr hübsche Maßanzüge tragen. Wolfgang Kubicki, der Diego Maradona der Altherrenwitzchen, kann sich damit natürlich ordentlich Fleißkärtchen abholen bei Mathias Döpfner, dem Mann, der sich schneller radikalisiert als sein Schatten. (…) Vor diesem Hintergrund wirkt es nicht mehr sehr überraschend, dass sich einige Parteikollegen bereits besorgt fragen, ob Wolle Kuby (wie man Kubicki unter Wolfgang Petry Fans nennt) womöglich eine Wette laufen hat: Schafft er es, die FDP zu beerdigen, noch bevor Christian Lindner endlich offiziell irgendein Bundesministerium leitet? Vielleicht ja gegen die Turbo-Intellektuellen vom Virologen-Stammtisch in seiner Stammkneipe. Den “Los Spackos”. Da wirkt es fast wie eine Lappalie, dass Kubicki kürzlich auch schon eingeräumt hatte, in der Corona-Zeit bewusst gegen Vorschriften zur Bekämpfung der Pandemie verstoßen zu haben. Etwa gegen die Regel, sich nicht mit mehr als einer Person aus einem anderen Haushalt treffen zu dürfen. Aber auch da hatte er den als “Kubicki-Schnurrbart” berühmt gewordenen Ausreden-Trumpf dabei: “Kein Mensch hat sich daran gehalten.” Eben. Der Bundestagsvizepräsident erst Recht nicht. Vorbildfunktion? Vollkommen überbewertet. Zum Glück hat die FDP einen heftigen Vogel. So weit, so gut. Voller Spannung dürfen wir also auf die kommende Woche blicken. Auf wen wird Wolfgang Kubicki im russischen Beleidigungs-Roulette als Nächstes zielen? Kandidaten gibt es ja so einige. Lothar Wieler vielleicht. Der wird nicht müde, die von Kubicki konsequent als zu drastisch ins Lächerliche gezogenen Überlegungen für neuen Corona-Maßnahmen als zu lasch zu bezeichnen. Oder vielleicht den FC Bayern München. Immerhin erwägt der Rekordmeister, ihm die Wochen, die Nationalimpfverweigerer Joshua Kimmich vermeidbar in Quarantäne verbringt, vom Gehalt abzuziehen. Das stößt Freiheitsikone Kubicki mit Sicherheit ganz übel auf. Zu Recht. Wo kommen wir auch hin, wenn jetzt jeder Impfskeptiker, der aufgrund seiner persönlichen Entscheidung zur Solidaritätslosigkeit plötzlich seinen Beruf nicht mehr ausüben kann, mit Gehaltsentzug bestraft wird? Wir sind doch hier nicht in Nordkorea! Oder – ganz steile These – ist die unterklassige Provokations-Offensive aus dem Hause Kubicki womöglich nur eine generalstabsmäßig durchgeplante Ablenkungs-Strategie? Die FDP hatte sich zuletzt insgesamt in einer instabilen Verfassung präsentiert. Alles, was neue Lichtblicke wie Johannes Vogel oder Konstantin Kuhle mühsam aufgebaut hatten, wurde von Corona-Experten wie Volker Wissing oder Marco Buschmann wieder eingerissen, die sich offensichtlich zeitgleich um die goldene Ananas der Querdenker-Steigbügelhalter bewerben. So oder so – ich werde das Thema für Sie im Auge behalten. Bis nächste Woche!

Marie von den Benken, Massenmörder-Witze und Corona-Geschwurbel: Kubicki im Selbstzerstörungs-Modus, in: web.de

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