Zehn Tage

Zehn Tage sind sie erst her, die Bürgermeisterwahlen in Wermelskirchen. Zehn Tage. Zehn Tage Ruhe, zehn Tage keine Wahlveranstaltung, zehn Tage keine politischen Parolen, zehn Tage keine Facebookaufregungen, zehn Tage keine Schmähungen. Immerhin, zehn Tage Nachwahlfrieden. Und heute, am zehnten Tag, lese ich dann in der Morgenpost, daß die CDU – nach eigenem Bekunden – keine größeren Fehler im Wahlkampf gemacht habe, das Ergebnis auf ein paar örtliche Besonderheiten zurückzuführen sei, den “Alt-Jung-Gegensatz” der Kandidaten, und die CDU ein “Stichwahlmobilisierungsproblem” habe. Tja, das war’s dann mit dem Vorsatz, nichts mehr zu den Bürgermeisterwahlen zu schreiben. Denn ganz so einfach sollte es sich die hiesige CDU nicht machen. Die überraschende Wahl des Sozialdemokraten Rainer Bleek zum Bürgermeister im strukturkonservativen Wermelskirchen ist nämlich das größtmögliche Fiasko für die Union. Schon die zweimalige Wahl des Freidemokraten Eric Weik Zweitausendvier und Zweitausendneun war für die CDU kaum hinzunehmen. Leitet sie doch seit September Neunzehnhundertsechsundvierzig die Geschicke dieser Stadt, lediglich einmal unterbrochen von einer vierjährigen Amtszeit des Sozialdemokraten Arthur Mebus zwischen Neunzehnhundertsechsundfünfzig und Neunzehnhunderteinundsechzig. Wermelskirchen sollte nach der erfolgreichen Kommunalwahl im vergangenen Jahr endlich wieder von einem Christdemokraten geführt und repräsentiert werden. Doch dann nominierte die CDU den ehrenamtlichen Bürgermeisterstellvertreter, Stefan Leßenich. Wie man allenthalben hören konnte, zum Verdruß auch beachtlicher Kreise in der CDU selbst. Die Zweifel waren nicht zu überhören, daß es dem jungen Kandidaten an den erforderlichen Führungsqualitäten mangele. Zudem war die Kandidatur von Stefan Leßenich offenbar nicht mit den Partnern der CDU im Rat, den Grünen und dem Bürgerforum, einvernehmlich vereinbart worden. Und schließlich ging der christdemokratische Stadtverband noch eine vertragliche Vereinbarung mit der WNK unter ihrem Fraktionsvorsitzenden, Henning Rehse, zur Unterstützung des CDU-Kandidaten ein. Zur Bürgermeisterwahl hat die CDU also ein anderes Bündnis geschmiedet als nach der letzten Kommunalwahl vor einem Jahr. Man darf wohl vermuten, daß die nicht gründlich fundierte Einschätzung die wesentliche Rolle gespielt hatte, daß FDP und Bürgerforum wohl kaum einen sozialdemokratischen Kandidaten unterstützen würden und aus diesen Reihen vermutlich auch kein Kandidat den Hut in den Ring werfen könnte. Eine fatale Fehleinschätzung reiht sich an die nächste. Und dann kam Dieluweit. Marc Dieluweit aus Burg an der Wupper trat an, als Unabhängiger, mit Unterstützung von FDP und Bürgerforum. Ein Schachzug, mit dem die christdemokratischen Strategen mit einem mal ausgehebelt waren. Einen Wahlkampf zwischen einem Kandidaten der CDU und einem der SPD, so die Überzeugung, konnte die CDU nicht verlieren. Gleich, wer der Kandidat auch immer ist. Nun aber gab es einen ersten Wahlgang mit zwei bürgerlichen, einem sozialdemokratischen und einem linken Bürgermeisteranwärter. „Unerfahrenheit gepaart mit einem Schuss Naivität“ treffe auf „geschliffene Partner“, was nicht unbedingt zum Wohl der Stadt sei. So war das Bürgerforum zu vernehmen. „Was die CDU anstrebt, ist nicht gut für die Stadt und nicht gut für die Demokratie in unserem Stadtrat“. Geharnischte Kritik an den Strippenziehern in CDU und WNK, die einen unerfahrenen Kandidaten als Beute von politisch erfahrenen Obermuftis befürchtete. Eine Kritik eher an Henning Rehse als an Christian Klicki, dem jungen CDU-Stadtverbandsvorsitzenden. Und der WNK-Zampano betätigte sich in einer schäumenden Stellungnahme sogleich als Zensurenverteiler im vermeintlich bürgerlichen Lager und erinnerte das Bürgerforum mahnend daran, wie es „entstanden ist (Nämlich als Abspaltung von der CDU., W.H.) und wo Ihr Euren Standort im politischen Spektrum habt“. Mehr eine Warnung, eine Drohung. Rehse moniert, die aktuelle Position des Bürgerforums habe „mit Verlässlichkeit, Gradlinigkeit und Glaubwürdigkeit nichts zu tun“. Soweit die Tonlage im bürgerlich-zivilisierten Umgang. Henning Rehse hat heute noch nicht begriffen, daß seine Zeit als Oberzampano der Politik abgelaufen ist und sein Einfluß nach und nach schwindet. Das Bürgerforum jedenfalls, die FDP und Marc Dieluweit haben sich von den Drohgebärden nicht einschüchtern lassen. Ein Viertel der Stimmen hat Dieluweit im ersten Wahlgang aus dem Stand gewonnen. Als Newcomer, als jemand, den noch Wochen vor der Wahl in Wermelskirchen niemand kannte. Und deshalb erreichte die CDU im ersten Wahlgang auch nur etwa achtunddreißig Prozent. Ein Debakel. Und daß der Kandidat und das Bürgerforum für den zweiten Wahlgang empfahlen, Rainer Bleek die Stimme zu geben, macht vollends deutlich, daß von einem bürgerlichen Lager in dieser Stadt kaum mehr die Rede sein kann. Ich teile die Auffassung, daß es schon der verschwurbelten Taktik eines Christian Klicki bedurfte und der hemmungslos-rechtspopulistischen Polarisierung eines Henning Rehse, samt unzivilisierter Schmährhetorik in den sozialen Netzwerken, daß nach vierundfünfzig Jahren wieder ein Sozialdemokrat auf dem Bürgermeistersessel Platz nehmen wird. Insofern stimmt die Ausgangsüberlegung in der CDU, daß ein Wettstreit zwischen einem “schwarzen” und einem “roten” Kandidaten in Wermelskirchen tendenziell eher zugunsten des schwarzen Mannes entschieden wird. Wenn, ja wenn sich das “bürgerliche Lager” nicht selbst vom Spielfeld nimmt. Wegen Maßlosigkeit, wegen Überschreitung der Grenzen zu rechtspopulistischen Vereinigungen und Parteien, wegen selbstgefälliger Allmachtsphantasien, wegen eines rüpelhaft-unzivilisierten Schmähtones. Alles auch heute noch zu inspizieren bei einem Besuch in diversen Facebookgruppen, die von Henning Rehse administriert werden. Wenn sich die CDU am Ort mit einem Menschen zusammenschließt, der ganz unchristlich für die erneute strafrechtliche Verfolgung von Homosexuellen eintritt, mit einem Mann, der in “seiner” Facebookgruppe zuläßt, sogar fördert, daß ein AfD-Funktionär einen Bürgerkrieg herbeischwadroniert wegen des Zuzugs von Flüchtlingen, der Andersdenkende beleidigt und herabwürdigt, dann kann sie die Folgen, die bittere Wahlniederlage, nur aufs eigene Konto buchen und niemand anderen verantwortlich machen.

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