Monat: September 2015

Ohne Eigenschaften

Vereinzelt, berieselt, bespaßelt und verhätschelt, belogen und auf stählerne Ellbogen trainiert, kennen schon zwei Generationen keinen Zweck mehr, zu dem man einen Ballast wie Ehrlichkeit, Treue, Zuverlässigkeit oder Zivilcourage bräuchte. Dafür kennen sie für jede Eigenschaft, die es vorzutäuschen oder anzuheucheln gilt, tausend schauspielerische Tricks. Wo ist da Raum für eine ‘Individualität’, die nicht industriell produziert wäre, für ‘Charakter’ und am Ende ‘guten Willen’? Die böse Zunge kann sich hier schließlich doch nicht ganz beherrschen und fragt, in welchem Verhältnis der Wille zum Besseren also zum Zwang der Verwertung steht.

Eine Fundsache aus dem Beitrag Mensch ohne Eigenschaften im Blog Feynsinn.org

Mehr Corbyn wagen

Wenn die Sozialdemokratie es nicht mehr wagt, die Verteilungsfrage zu stellen, dann muss sie gar nicht erst zur Wahl antreten. Mit dem Versprechen, es irgendwie ein bisschen anders und insgesamt etwas besser machen zu wollen als Angela Merkel, wird sie jedenfalls ein weiteres Mal scheitern. Die SPD muss also, Stand heute, noch ein Stück nach links. Aber wie weit?

Christoph Hickmann, Sozialdemokratie. Mehr Corbyn wagen, in: Süddeutsche Zeitung vom fünfzehnten September Zweitausendundfünfzehn

Desaster

Ein Desaster. Die Wahl. Nicht einmal jeder zweite Bürger hat seine Stimme für einen der vier Bürgermeisterkandidaten in Wermelskirchen abgegeben. Ein Unglück, das heißt Desaster wörtlich, ein Unglück für die Demokratie. Mag sein, daß viele Menschen zu bräsig und zu bequem sind, manche auch zu blöd. Aber das erklärt das ganze Fiasko natürlich nicht. Die Parteien und ihre Kandidaten sprechen offenbar nicht mehr die Sprache, die Menschen mobilisieren könnte zur Teilnahme am urdemokratischen Prozess einer Wahl. Die Parteien, alle, erreichen die Bürger immer weniger. Noch vor gut einem Jahr beteiligten sich knapp mehr als die Hälfte aller Wahlberechtigten an der Wahl zum Kommunalparlament. Nun ist die Beteiligung um noch einmal etwa sechs Prozent eingebrochen. Ein deutliches Signal an die Parteien. Ein Warnschuß. An alle Parteien. Zuvörderst aber, das habe ich hier bereits ausgeführt, ein Warnschuss an die Partei, die über Jahrzehnte die Geschicke in dieser strukturkonservativen Stadt bestimmt hat, die CDU. Wenn man den Bürgern ein politisches Leichtgewicht als Bürgermeisterkandidaten präsentiert, einen netten, jungen Mann ohne Leitungskompetenz und politische Statur, dann ist es kaum verwunderlich, daß die CDU nicht einmal ihr Ergebnis der letzten Kommunalwahl wiederholen kann. Für Stefan Leßenich haben gestern gut fünftausendeinhundert Menschen votiert, etwa achtunddreißig Prozent der Wähler. Bei der Kommunalwahl vor einem Jahr kamen CDU und WNK gemeinsam aber auf siebentausendfünfundvierzig Stimmen, also knapp siebenundvierzig Prozent. Gestern haben sie nicht einmal drei Viertel der Stimmen einsammeln können, die vor einem Jahr noch auf die beiden konservativen Parteien entfallen waren. Fazit: Der Kandidat ist die falsche Wahl. Er überzeugt nicht einmal in den eigenen Reihen, in der eher konservativen Wählerschaft. Ein Rückschlag für die CDU und in ihrem Fahrtwind auch für die WNK. Erkennbar auch am guten Abschneiden des SPD-Kandidaten, Rainer Bleek. Viertausenfdünfhundertsechsundsechzig Menschen haben sich gestern für den Sozialdemokraten auf dem Bürgermeistersessel ausgesprochen, vierunddreißig Prozent der Wähler. Damit hat Bleek das SPD-Ergebnis der letzten Kommunalwahl, etwa zweitausendneunhundert Stimmen im Jahr Zweitausendvierzehn, um mehr als fünfzig Prozent übertroffen. Daß hier in Wermelskirchen zum ersten Mal seit gefühlt einhundert Jahren eine realistische Erwartung auf einen Sozialdemokraten an der Spitze der städtischen Verwaltung entstehen kann, zeigt das ganze Ausmaß des konservativen Desasters der gestrigen Wahl. Der erfahrene Sozialdemokrat ist die eigentliche Überraschung dieses Wahlgangs. Erfahrung schlägt Jugend, Profil Nettigkeit. Mag sein, daß das Manöver der CDU, sich der Unterstützung der WNK und ihres bisweilen in rechtspopulistische Gefilde abdriftenden  Lautsprechers, Henning Rehse, zu bedienen, um ihren Kandidaten durchzubringen, den Konservativen bei vielen Menschen Sympathien gekostet hat. Vielleicht ist auf diesen Effekt auch der erstaunliche Stimmenanteil für den unabhängigen, aber von FDP und Bürgerforum unterstützten Kandidaten, Marc Diluweit, zuruckzuführen. Als Newcomer erreichte er gestern aus dem Stand dreitausendvierhundert Stimmen. Ein Viertel der Wähler immerhin. Bei der Kommunalwahl vor Jahresfrist entfielen auf die Unterstützerparteien Büfo und FDP zusammen nur gut sechzehn Prozent. FDP und Bürgerforum sind nun nicht gerade die zwei Parteien im Rat, die beständig von sich reden machen, die unentwegt ein brilliantes Feuerwerk an Ideen und Vorschlägen zur Verbesserung des Lebens und der Kultur in Wermelskirchen abbrennen oder deren Spitzenleute als begnadete Volkstribunen in der Stadt für Furore sorgen. Und Marc Diluweit war bis zum Beginn des Wahlkampfes ein vollkommen unbeschriebenes Blatt in der Stadt. Wenn nun ein Viertel derer, die sich an der Wahl beteiligt haben, ihn gewählt haben, den Unbekannten, einen Mann, der noch keine Rolle in der Kommunalpolitik gespielt hat und der im Wahlkampf freundlich und verbindlich aufgetreten ist, aber keineswegs deutlich machen konnte, warum man ihn und nicht einen der anderen Kandidaten wählen sollte, dann deutet dies darauf hin, daß in der auch eher strukturkonservativen Anhängerschaft von FDP und der CDU-Abspaltung Bürgerforum der Kandidat der konservativen Partei nicht zu vermitteln war. Und schließlich, der Vollständigkeit halber, noch das Ergebnis des Kandidaten der Partei Die Linke: Mike Galow konnte lediglich zwei Prozent der Stimmen einsammeln. Gemessen am selbstgesteckten Ziel von fünf bis sechs Prozent eine eindeutige Niederlage. Für die Partei und den Kandidaten. Und nun? In zwei Wochen gibt es den Showdown, die Stichwahl zwischen Rainer Bleek und Stefan Leßenich. Zu hoffen bleibt, daß es den Parteien gelingen wird, mehr Menschen als gestern für die Demokratie in der Stadt zu gewinnen und zu begeistern, die Wahlbeteiligung spürbar zu verbessern. Schwer genug, kann man falsche Personalentscheidungen doch nicht mitten im Galopp, im Wahlendspurt revidieren. Zu hoffen bleibt, daß die Bürger bei der Stichwahl nicht nach Parteibuch, sondern nach erkennbarer Kompetenz und Erfahrung votieren. Wie sagt der Volksmund? Wer die Wahl hat, …

Willkommen in Wermelskirchen

Gestern Abend. Versammlung von “Willkommen in Wermelskirchen” im evangelischen Gemeindehaus. Ein sehr gut besuchtes Treffen des vor knapp einem Jahr gegründeten christlichen Netzwerkes, das die Asylsuchenden und Flüchtlinge in Wermelskirchen Willkommen heißt und ihnen in ihrer Not beisteht, ihnen hilft, ihren Alltag teilt, soweit das geht, ehrenamtlich. Ein großes Netzwerk von mittlerweile annähernd zweihundert Menschen. Zu Beginn erläuterte Pfarrerin Cornelia Seng, es gehe um die grundsätzliche Einstellung den Menschen gegenüber, die hier Zuflucht suchen, wobei Christen um ihres Glauben willen in ihrer Willkommenskultur nicht zwischen vermeintlich guten, also politisch verfolgten, und schlechten Flüchtlingen, also denen, die aus ökonomischer Not kommen, aus Armut oder Krankheit, unterscheiden dürfen. Ein schlichter Satz. Eine einfache Wahrheit. Und doch eine fulminante Absage an die Rehses und die Schawohls, an die Paasens und Müßeners und andere Salonchristen auf der rechtspopulistischen Seite des politischen Spektrums hier in Wermelskirchen, also WNK und AfD und ALFA, die kaum eine Gelegenheit auslassen, in Facebook vor allem, Flüchtlinge in die annehmbaren Menschen zu unterscheiden, die dem Krieg entkamen, und in die Menschen, die man zurückschicken muß, weil sie der Not entflohen oder der Drangsal.

Weiterhin in Weiß

“Die deutsche Mannschaft weiterhin in weiß.” Kommentar des RTL-Moderators, Marco Hagemann, gestern Abend zum Anpfiff der zweiten Halbzeit des Europameisterschaftsqualifikationsspiels zwischen Schottland und Deutschland.

Engelsrufer

Wer den Glauben an Engel durch Kummer oder Schmerz verloren haben sollte, kann sich für schlappe neunundfünfzig Euro mit einem ungeheuer häßlich designtem “Engelsrufer” ausrüsten, der den Weg zu Engeln wieder öffnen soll. Daß Aberglaube aber auch immer so teuer sein muß.IMG_2389

Nachtrag: Die junge Dame, die auf dem Verkaufsständer rechts zu sehen ist, mit den Blumen im Haar, ist keineswegs ein Engel. Was man nicht zuletzt an den fehlenden Flügeln erkennen kann.

Ceterum censeo

Ceterum censeo carthaginem delendam esse. Jahr für Jahr das Gleiche. Am achten September wird, für nur einen Tag, das Schlaglicht auf einen eigentlich ungeheuerlichen bildungspolitischen Skandal gerichtet. Um an den folgenden Tagen wieder im Dunkel der gesellschaftlichen Achtlosigkeit zu versinken. Hier und hier habe ich mich schon ausgelassen. Über den Weltalphabetisierungstag. Über die Millionen deutschsprachiger Erwachsener, die nicht zureichend lesen oder schreiben können. Über funktionale Analphabeten. Menschen also, die etwa den Beipackzettel eines Medikaments nicht erfassen, ein Rezept nicht lesen können, einen Fahrplan nicht verstehen. Wir sprechen hier nicht über Zuwanderer oder Flüchtlinge. Wir sprechen über erwachsene Deutsche, die in aller Regel eine Schule besucht haben und dennoch die geringsten schriftsprachlichen Aufgaben nicht meistern können. Menschen, die ihren Kindern nicht bei den Hausaufgaben helfen können. Mitbürger, die kein Formular einer Behörde auszufüllen wissen. Nachbarn, die man weder bei Facebook, noch in einer Buchhandlung oder Bücherei antreffen wird. Keine zu vernachlässigende Minderheit. Acht Millionen Menschen immerhin. Im Land der Dichter und Denker.

Nicht die Quantität der Flüchtlinge ist historisch, sondern die Qualität der Zuwendung.

Ein anderer Zustand des Begreifens ist der, der ohne Vergleich auskommt. (…) All die Menschen in diesen Tagen, auf dem Land oder in der Stadt, die geben und teilen, was sie haben: Kinderwagen oder Turnschuhe, ein Bett in der eigenen Wohnung oder einen Platz am Tisch zum Abendessen, all diese Menschen suchen keine Gemeinsamkeiten oder Differenzen. Sie begutachten nicht einzelne Eigenschaften derer, die da nach Europa, in die eigene Gegend oder Straße kommen, sie teilen die Menschen nicht ein oder auf in jene, die genau gleich oder fast genau gleich oder anders sind als sie selbst. Der bewegenden Hilfsbereitschaft, die in diesen Wochen zu erleben ist, liegt ein anderer Blick, eine andere Sorte des Begreifens zugrunde. Sie nehmen die Geflüchteten als das, was sie sind: Geflüchtete. Dieses tiefe Begreifen ist bedingungslos. Es sortiert nicht die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen, es entzieht sich jener skalierenden Musterung, nach der “legitime” von “illegitimen”, “nützliche” von “schädlichen” Ankömmlingen geschieden und bei Bedarf dämonisiert und entwertet werden. Es versteht vielmehr Verletzbarkeit als condition humaine: ob es nun politische Verfolgung oder religiöse Vertreibung, sexuelle Misshandlung oder ökonomische Verelendung war, die Menschen zur Flucht gedrängt hat. Nicht die Quantität derer, die hierher fliehen, ist historisch zu nennen, sondern die Qualität der Zuwendung derer, die sie anerkennen. (…) Diese beeindruckende Bewegung aus zivilem Engagement ist keineswegs nur privat. Sondern sie ist in ihrer Selbstermächtigung auch politischer als manche Regierung, die ihre angebliche Ohnmacht in der Flüchtlingskrise nur vortäuscht.

Eine beeindruckende Kolumne von Carolin Emcke in der Süddeutschen Zeitung. Macht. Nicht die Quantität der Flüchtlinge ist historisch, sondern die Qualität der Zuwendung. Unbedingt vollständig nachlesen!

Was tun mit dem “Pack”?

Wer gewalttätig wird, volksverhetzende Parolen ruft, ist ein Fall für die Polizei und den Staatsanwalt. Aber was ist mit den anderen? Es gibt nur ein Mittel: Sie sozial und gesellschaftlich zu ächten. Im Sportverein, am Stammtisch, am Arbeitsplatz, überall dort, wo sie den Mund aufmachen. Sie müssen wieder Angst bekommen, sich zu artikulieren, weil sie dann ausgegrenzt, isoliert werden. Jede kleine Bemerkung, jeder “Negerwitz”, jede ausländerfeindliche Äußerung, jeder dumpfe Satz muss sofort als solcher gebrandmarkt und verurteilt werden. Auch im Gespräch im kleinen, im privaten Kreis. Es reicht nicht, nur peinlich berührt wegzuschauen. Solange, bis die Dumpfmenschen, oder zumindest die meisten davon, wieder schweigen. Wenn es leider schon so ist, dann ist es immer noch besser, bis zu 15 Prozent schweigende Dumpfmenschen unter sich zu haben, als solche, die sich artikulieren. Es ist besser, sie beißen zu Hause vor Wut ins Handtuch, als dass sie öffentlich vor Asylantenunterkünften krakeelen.

Michael Spreng, konservativer Publizist und ehedem Wahlkampfberater von Edmund Stoiber in seinem Blog Sprengsatz.