Tag: 26. September 2015

Gerede über Gerede

Kann man Talkshows im Fernsehen besser beschreiben als mit diesen Worten von Katharina Riehl in der Süddeutschen Zeitung von heute: Gerede über Gerede?

Konnotationen eines Plakattextes

Fast alle Menschen wissen, daß man mit vermeintlich positiven Formulierungen etwas Negatives über Menschen ausdrücken kann. Er hat sich stets bemüht. Sich Mühe geben, sich anstrengen, das scheint positiv zu sein. Steht ein solcher Satz jedoch in einem Arbeitgeberzeugnis, sollten alle Alarmlampen leuchten, weil nicht mehr gesagt wird, als daß der betreffende Mensch es nicht gebracht hat. Trotz allen Bemühens war er nicht in der Lage, die gesetzten Ziele zu erreichen. Nicht ausreichend war seine Leistung, mangelhaft. Dieser Gedanke an die Doppelbödigkeit von Sprache und Texten geht mir nicht aus dem Kopf, solange ich an Plakaten vorbeilaufen muß, auf denen einem Bürgermeisterkandidaten attestiert wird, er sei fleißig, bodenständig und beliebt. Fleißig. Mal ganz ehrlich: Man kann zu so manchem Politiker stehen, wie man will. Den Fleiß wird man indes kaum jemandem absprechen können. Die übergroße Mehrzahl aller Politiker auf allen Ebenen absolviert ein ungeheures Pensum an Arbeit. Fleiß ist nachgerade eine Grundeigenschaft, über die ein Politiker verfügen muß. Ohne Fleiß wird man nicht Politiker. Nirgendwo. Was also muß die Parteifreunde und Unterstützer des Bürgermeisterkandidaten dazu bewogen haben, den Fleiß des Kandidaten noch einmal besonders herauszustellen? Bodenständigkeit. Er ist nicht abgehoben, soll das signalisieren. Er ist kein Überflieger, normal geblieben. Er ist heimisch, verankert. Heißt bodenständig aber nicht auch, daß sein Horizont nicht sehr weit reicht? Nicht weiter, als die Scholle, auf der er lebt? Daß er keine Visionen pflegt, kein Intellektueller ist, nicht kompliziert denkt, einfach ist, simpel, schlicht, also bodenständig? Konnotationen sind die Nebenbedeutungen. Bodenständig meint eben auch: urwüchsig, rustikal, ungeschliffen, ungalant oder dörflich. Um nicht alle Nebenbedeutungen aufzuzeigen, die sich mit nur wenigen Mausklicks im Netz finden lassen. Was nur kann die Freunde des Bürgermeisterkandidaten dazu gebracht haben, die Bodenständigkeit des Kandidaten so zu betonen? Bürgernah. Auch solch ein Wort. Wer würde eigentlich einen bürgerfernen Kandidaten aufstellen und bewerben? Jemanden, der unfreundlich ist, unsympathisch, der Bürger und Wähler abstößt? Ein Politiker, der Bürgermeister werden will, muß auf jeden Fall die Fähigkeit haben, sich auf Menschen zubewegen zu können, mit ihnen ins Gespräch kommen zu können, eine Sprache zu führen, die die Menschen verstehen. Eine Grundvoraussetzung für ein Politikerdasein. Kurzum: Alle Eigenschaften, die auf dem Wahlplakat hervorgehoben werden, sind sozusagen die Mindestausstattung eines Politikers, der als Bürgermeister fungieren möchte. All diese Eigenschaften sind nichts Besonderes, eher das Grundgerüst, über das alle verfügen müssen, die sich Politik auf ihre Fahne geschrieben haben. Man kann dieses Plakat gewiss nicht dem Kandidaten anlasten. Der hat in diesen Tagen weiß Gott genug zu tun. Aber seinen Parteifreunden und Unterstützern muß man attestieren, daß es sich um eine doppelbödige Werbung handelt. Im Umkreis von CDU und WNK muß es doch Menschen geben, die sich ein Gefühl für Sprache und ihre Wirkung bewahrt haben und Kenntnis von Semantik besitzen.