Ständchen statt Hymne

Heute wäre Geburtstag. Wäre. Geburtstag der DDR. Der Fünfundsechzigste. Wenn da nicht der Mauerfall gewesen wäre und seine Folgen. Vor fünfundzwanzig Jahren. Eine alte Freundin, eine aus Kindertagen, feiert diesen siebten Oktober immer noch. In Gera. Eher als den Dritten, den Einheitstag. Das Fremdeln ist noch nicht vorüber. Das Fremdeln mit dem jeweils anderen Teil Deutschlands. Von der DDR ist so gar nichts oder nur sehr wenig geblieben nach der Einheit. Dabei hätte es weiß Gott gute Gründe gegeben, beispielsweise die Kinderhymne von Bertold Brecht zur Nationalhymne zu machen, wie es viele gefordert haben in jenen Tagen vor der Vereinigung. Die Anspielungen auf das Deutschlandlied sind nicht zu übersehen. Vom Politikwissenschaftler Iring Fetscher stammt die schöne Wertung, daß es “wohl keine Hymne (gebe, W.H.), die die Liebe zum eigenen Land so schön, so rational, so kritisch begründet, und keine, die mit so versöhnlichen Zeilen endet.“ Ich hätte gerne eine so unpathetische Hymne für mein vereintes Vaterland. Nehmen wir die Kinderhymne also wenigstens als Geburtstagsständchen für die gewesene DDR.

Anmut sparet nicht noch Mühe
Leidenschaft nicht noch Verstand
Daß ein gutes Deutschland blühe
Wie ein andres gutes Land.

Daß die Völker nicht erbleichen
Wie vor einer Räuberin
Sondern ihre Hände reichen
Uns wie andern Völkern hin.

Und nicht über und nicht unter
Andern Völkern wolln wir sein
Von der See bis zu den Alpen
Von der Oder bis zum Rhein.

Und weil wir dies Land verbessern
Lieben und beschirmen wir’s
Und am Liebsten mag’s uns scheinen
So wie andern Völkern ihrs.

Kommentar verfassen

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.