Frank Schirrmacher

Bürgerlich war ihm ein wichtiges Wort – vielleicht das wichtigste. Frank Schirrmacher sagte uns während eines Gesprächs in seinem Büro bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, das Bürgerliche sei eine Haltung, die Respekt allen gegenüber bekundet und die allen eine Teilhabe ermöglicht. Eine, die allen zuhört, die Impulse aufgreift, die sich nicht verschließt: Schirrmacher hat mit dieser Tugend sehr viel bewegt. Er wollte ein Bürger sein und wünschte, dass diese Bürgerlichkeit sich nicht mehr reimt auf Wörter wie knöchern, spießig, verstaubt, abwehrend oder soldatisch. „Wer einen Bürgerlichen sieht, muss wollen, dass es immer mehr gibt, die den Aufstieg schaffen – dass es also immer mehr Bürger gibt.“ Schöner, härter hätte es ein Sozialdemokrat auch nicht formulieren können: Das Bürgerliche als Zivilisationsform des Anstands und der politischen Einmischung obendrein. (…) Frank Schirrmacher war der aufmerksamste Geist. Sprach man mit ihm, per SMS, Tweet oder Mail, wünschte man, ein wenig neidisch: Ach, wären doch klassische Linke ein wenig eher wie er. Ein Unruhiger, ein Freibeuter, ein Intellektueller in einem Sinne, wie er kursorisch-gründlicher nicht zu denken ist. Er schien, als würde er alles, was ihm in den Blick gerät, aufsaugen. Ein Leben im Zustand der Dauerwachheit, der Disziplin, der Neugier. Er sagte, ein Leben ohne intellektuelle Auseinandersetzung sei ihm ein tristes, er stürbe lieber, als dass er keinen Disput im Kopf trage. (…) Ein Journalist, der Nachrichten schätzte, aber lieber, mit ihnen im Kopf, Witterung aufzunehmen suchte mit dem, was die kommenden Gefahren oder Möglichkeiten sind: Ein Liberaler im besten Sinne, aber kein Linker. Und ein Europäer, der Nationalistisches verachtete.

Nicht nur die Tageszeitung trauert.

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