Die kleine Raupe Nimmersatt und die atemberaubende Schönheit der Stadtentwicklung in Wermelskirchen

Frida hat Geburtstag. Ein Jahr wird sie nun alt und mitunter hören wir sie durch die Küchenwand kreischen. Vermutlich, weil sie Spaß an Wasser und am Planschen hat. Denn neben unserer Küche ist das Badezimmer der Familie von Frida. Für den Kindergeburtstag müssen wir als Nachbarn natürlich ein Geschenk haben. Gesagt, getan. So habe ich heute Mittag in der schönen Buchhandlung am Markt das Kinderbuch von der kleinen Raupe Nimmersatt erstanden,  das vor mehr als drei Jahrzehnten schon unseren Sohn erfreuen konnte. Mehr als neunundzwanzig Millionen Exemplare dieser Schöpfung des amerikanischen Kinderbuchautors Eric Carle sind seit seinem Erscheinen im Jahr neunzehnhundertneunundsechzig bereits verkauft worden. Ein Renner also. Dieser neu geschaffene Platz am Markt in Wermelskirchen, der mit der Buchhandlung, ist dagegen kein Renner. Im Gegenteil. Eine stadtplanerische Ödnis. Diesen Markt-Platz, neu geschaffen, nachdem man das einzig Historische, nämlich “das Büdchen”, an dem Generationen von Schülern Süßkram und Limonaden gekauft hatten und Erwachsene Zigaretten und Zeitungen erstehen konnten, abgerissen und ins Museum nach Lindlar hat verfrachten lassen, diesen Platz also sieht man ja zumeist aus dem Auto, schnell, im Vorbeifahren. Dann sieht er womöglich sogar noch irgendwie putzig aus. Zwei, drei, vier Geschäfte, ein Restaurant, ein abgedeckter Brunnen, ein paar Mäuerchen auf der schiefen Fläche, das signalisiert “Piazza”, einen Stadtplatz, eine Fläche zum Flanieren, zum Verweilen, ein Ort für Gespräche vielleicht, für die Lektüre der Zeitung, für den Genuß eines Cappuccinos oder eines Glases Wein. Wie gesagt: Im Vorbeifahren, wenn man nicht so genau hinschauen kann. Zurück zur Raupe Nimmersatt. Die schöne Buchhandlung hat alles, was das Herz des Bücherfreundes erfreuen kann. Es gibt nur keinen Parkplatz auf dem Markt. Oder neben dem Platz. Oder in direkter Nähe des Ladens. Der Marktplatz verweigert sich dem Markt. Markt ist ein Ort des Handels, des Austauschs. Der Markt in Wermelskirchen ist kein Markt. Kein Ort des Handelns. Wenn die Kundschaft nicht in die Geschäfte kommen kann, wird Handel kaum stattfinden. Dennoch in der Buchhandlung angekommen, schaut man auf diesen neu “gestalteten” Marktplatz. Sozusagen von hinten. Weil vorn die Straße ist. Man schaut von unten nach oben. Der Platz hat eben Gefälle. Der Markt ist menschenleer. Klar. Was soll man dort auch? Verweilen? Auf den halbrund (warum eigentlich?) gemauerten Mäuerchen sitzen? Die Mäuerchen, die den Platz ruinieren. Auf dem Platz am Markt in Wermelskirchen hat man keinen Platz mehr. Dort sind Treppen, kleine Mauern, ein abgedeckter Brunnen. Keine Bänke, kein Strauch, kein Baum. Leblos. Öde. Künstlich. Was habe ich mir seinerzeit von den Großmeistern der Stadtentwicklung, den Rehses und Bornholds von der WNK alles anhören müssen, wie der Markt zum neuen Zentrum der kleinen Stadt werde, wie man das Alte durch das Neue und seine moderne Gestaltung ersetzen müsse. Bullshit. Der Platz ist sowas von tot. Ein Blick  aus den Schaufenstern der Buchhandlung belegt: Unbelebt. Die Obere Remscheider Straße hört am Café Wild auf. Gut fürs Café. Schlecht für den Markt. Stadtplanung ist eine Kunst. In Wermelskirchen ist sie eine Frage der Macht. Ganz aktuell zu besichtigen bei den Bemühungen der stadtplanerischen Oberkünstler von der WNK, gegen die Mehrheit im Rat einen Supersupersuperlebensmittelmarkt auf der Industriebrache an der Dellmannstraße anzusiedeln und damit die Wermelskirchener Innenstadt komplett in die Ödnis zu verwandeln, wie sie das am Markt bereits geschafft haben. Polternde Lautstärke, Kraftmeierei, Unterschriftensammlungen, Machtgehabe ersetzen Verständnis und Gefühl für die Ästhetik einer Stadt nicht. Für die Lebbarkeit einer Kommune. Für ihre Geschichte. Für die urbane Soziologie. Für die Alltagsbedürfnisse ihrer Menschen. Für die Vision eines Gemeinwesens. Im Gegenteil. Wer immer mehr gesichtslose Bauten statt der gewachsenen Architektur zuläßt in der Stadt, wer Plätze baut, die keinem Menschen dienen, wer die Ästhetik einer Stadt nicht begreift, weil sie lediglich ökonomisiert betrachtet wird, nur in den Kategorien Investitionen und Investoren, der sollte alles Mögliche veranstalten, nur auf jeden Fall die Finger von der Stadtplanung lassen.

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