Schlagwort: Westdeutsche Zeitung

Musik, Küsse, Leben, Champagner und Freude

„Freunde in aller Welt, danke für Eure Gebete für Paris, aber wir brauchen nicht mehr Religion. Wir glauben an Musik! Küsse! Leben! Champagner und Freude!“

Einer der Zeichner von Charlie Hebdo, zitiert von Ulli Tückmantel in seinem Kommentar: Was jetzt zählt: Einigkeit und Recht und Freiheit, Westdeutsche Zeitung vom sechzehnten November Zweitausendundfünfzehn

Schamlosigkeit auf direktem Weg in den Schwachsinn

Wenn sich 17 500 Menschen in der Dresdner Dunkelheit hinter einem offenkundigen Gewohnheitskriminellen zusammenrotten, um ausländerfeindliche Parolen zu brüllen, volksverhetzende Reden zu schwingen und pauschal alles zu beschimpfen, was ihnen nicht in den rechtsgewirkten Kram passt, dann hat das nicht viel mit Friedlichkeit und Gewaltfreiheit, aber vor allem nichts mit Anstand zu tun. Dazu auch noch Weihnachtslieder zu grölen, ist eher ein Meilenstein der Geschmacklosigkeit. Vieles, was da in der Mitte und im Umfeld der immer schrilleren Pegida-Demonstrationen zu hören und zu sehen ist, belegt einmal mehr die These Sigmund Freuds, dass Schamlosigkeit auf direktem Weg in den Schwachsinn führt.

Ulli Tückmantel, Kommentar: Pegida – wer “ernst nehmen”sagt, muß es auch tun, in der Westdeutschen Zeitung vom dreiundzwanzigsten Dezember Zweitausdundvierzehn

Stimme erheben

Wir denken, wir leben in einer Demokratie, die haben wir in der Schublade und die kann uns keiner mehr wegnehmen. Aber so ist es nicht. Seine Rechte muss man sich jeden Tag neu erarbeiten. Demokratie ist kein Geschenk, das man auf Dauer bekommt. Wenn man mitentscheiden will, in welche Richtung eine Gesellschaft geht, dann muss man dafür seine Stimme erheben. Das kann durchaus unangenehm sein. Doch wenn man schweigt, übernehmen andere das Ruder. Die Macht liegt auf der Straße und jeder kann sie sich greifen. Eine Demokratie muss ihren Wert lebendig werden lassen.

Schauspieler Edgar Selge in einem Interview der Westdeutschen Zeitung

Das Finanzgenie und der Qualitätsjournalismus

In meiner Zeitung – Wermelskirchener General-Anzeiger, so heißt die lokale Ausgabe der Westdeutschen Zeitung – lese ich gerade auf der zweiten Seite das “Portrait des Tages: Der Gewinner”. Portraitiert wird der zweiundfünfzigjährige John Paulson, der als Hedgefondsmanager im vergangenen Jahr einen “persönlichen Profit” von fünf Milliarden Dollar gemacht habe. Im Jahr 2007, so schreibt die Redaktion weiter, habe das “Hedgefondsgenie” Paulson bereits 3, 7 Milliarden eingestrichen, als er mit Finanzwetten gegen den US-Hypothekenmarkt angetreten sei, “während andere ins Verderben gerissen wurden”. “Trotzdem scheint es dem (im Original, W.H.) Börsenguru auch zu berühren, dass er Profit aus dem Elend anderer macht. Er spendete 15 Millionen Dollar für die Gründung einer gemeinnützigen Einrichtung. Sie soll Familien helfen, die ruiniert sind.” Nichts sonst von der Redaktion. Keine Wertung, kein Kommentar, keine Einordnung. Stattdessen die Qualifizierung als “Genie”, als “Guru”. Das nenne ich Qualitätsjournalismus. Da erzockt ein Börsenprofi in kaum drei Jahren 8,7 Milliarden Dollar. Nach dem Umrechnungskurs von heute sind das 6.395.370.000 Euro. Umgerechnet aufs Jahr sind das 2.130 Millionen Euro, wobei wir jetzt das Kleingeld der ersten sechs  Stellen links vom Komma, also die Hunderttausender, mal völlig außer acht lassen. Sie brauchen, sollten Sie etwa einhunderttausend Euro im Jahr verdienen, mehr als zwanzigtausend Jahre, um das Jahreseinkommen dieses “Börsengurus” zu erzielen. Allein diese Relation hätte die Redaktion zu einem Kommentar nötigen müssen. Die Millionenspende an eine gemeinnützige Einrichtung, von der Redaktion versöhnlich ans Ende des Portraits gesetzt, ist mithin kaum mehr als ein billiges, ein unanständiges, ein unmoralisches Trostpflästerchen, armseligste Kosmetik. Der billigste Taschenrechner, zur Not eine Überschlagsrechnung im Kopf, hätte die Redaktion zu einem ähnlichen Ergebnis führen müssen. John Paulson mag erfolgreich sein, ein Genie ist er nicht, auch nicht jemand, der positiv in einem Portrait gewürdigt werden sollte. Er steht bestenfalls für die üblen Verwerfungen, die den gemeinen Kapitalismus derzeit kennzeichnen. John Paulson ist ein Gewinner, wir alle, das Gemeinwesen sind die Verlierer.

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