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Wermelskirchen unterm Hakenkreuz: Ein Friedhofsspaziergang

Am kommenden Sonntag, dem einunddreißigsten Januar, führt der Stadtspaziergang unter Leitung des Journalisten und Stadthistorikers Armin Himmelrath über den Stadtfriedhof zu Gräbern von Personen, die während der Zeit des Nationalsozialismus wichtig waren. Die Runde führt vorbei an den Ruhestätten von Opfern und Tätern, von Mitläufern und Menschen, die Widerstand geleistet haben. Gräber von Persönlichkeiten aus dieser Zeit erzählen vom Leben dieser Menschen. Anlaß für diesen Stadtspaziergang ist der nationale Gedenktag zur Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz. Die Stadtspaziergänger treffen sich am kommenden Sonntag am Haupteingang des Stadtfriedhofs um halb Zwölf an der Berliner Straße. Armin Himmelrath ist Vorstandsmitglied des Vereins Bergische Zeitgeschichte. Ausrichter des Stadtspaziergangs ist die Volkshochschule Bergisch Land.

Boelongan. In Erinnerung an Kurt und Cläre Wohl

Heute findet um sechzehn Uhr in der Kirche in Hünger ein bemerkenswertes Konzert statt: Der Kölner Künstler Hartmut Zänder, Großneffe von Kurt und Cläre Wohl, wird mit seiner Band indonesische Musik, Schattenspiele und Bilder zeigen. Sie erinnern an die Lebens- und Leidensgeschichte deBoelungan_1s jüdischen Arztes Kurt Wohl, der Neunzehnhundertvierzig vor den Nationalsozialisten aus Wermelskirchen fliehen musste, und seiner damaligen Verlobten und späteren Frau Cläre. Sie lebten bis in die späten 50er Jahre in Indonesien im Exil und kehrten dann nach Wermelskirchen zurück, wo sie eine Wohnung in der Dürholt’schen Villa an der Dabringhauser Straße bezogen. Schon die Premiere von Boelongan im Kölner Rautenstrauch Joest Museum am siebten November war ein voller Erfolg. Alle Kartenanfragen mußten in der letzten Woche abgewiesen werden. Der Eintritt ist frei. Es wird um Spenden gebeten.

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Der Wermelskirchener Journalist Armin Himmelrath wird einführend kurz das Leben von Kurt und Cläre Wohl vorstellen. Der jüdische Arzt Kurt Wohl hat sich nach seinem Studium in Freiburg und Breslau in Wermelskirchen niedergelassen und hier seine Praxis betrieben. Bis ihn die Nazis zwangen, Deutschland zu verlassen. Neunzehnhundertneununddreißig emigriert er zu seinem Sohn in Java, der dort für eine Remscheider Firma tätig ist. Ein Jahr später werden beide von den Holländern als Deutsche interniert. Mehr heute um sechzehn Uhr in der Kirche in Hünger.

Geschichte in Geschichten

Geschichte lebt. Sie ist geronnene Vergangenheit. Aber sie kann zum Leben erweckt werden, wenn sie spannend erzählt, wenn sie in Geschichten vermittelt wird. Wenn sie sinnlich ist, wenn man sich die Menschen in der Zeit vorstellen kann, sie anschauen, wenn man ihre Orte aufsuchen kann, ihre Häuser, Schulen oder Straßen, wenn sie buchstäblich begreifbar und begehbar gemacht wird. Ein Stadtspaziergang unter der Leitung des Journalisten und Wermelskirchenkenners, Armin Himmelrath, am vergangenen Sonntag aus Anlaß des neunten Novembers war eine solche nachgerade lustvolle Geschichtsentdeckung. Trotz des schwierigen Themas. Wermelskirchen unterm Hakenkreuz, hieß das Ganze. Ein Stadtspaziergang rund um die Kattwinkelsche Fabrik mit einem besonderem Schwerpunkt auf dem Alltag und dem Leben von Kindern und Jugendlichen im Nationalsozialismus. Anderthalb Stunden feiner Geschichtsunterricht. Ein Spaziergang, während dessen man dem Leben von Gertrud, Ingeborg oder Christine näherkam. IMG_3114Eine Ortsbegehung, während der man etwas über die Reichsjugendflagge erfahren konnte und warum sie vor der Dörpfeldschule hing. Und auf den sadistischen Lehrer Scheier traf. Und auf ukrainische Mädchen, die hier als Zwangsarbeiterinnen schuften mußten. Und um ihre Jugend betrogen wurden. Eine Stadtwanderung, auf der man Stolpersteine besichtigen konnte, das alte Rathaus, das längst nicht mehr besteht und Parkplätzen weichen mußte, und das Gefängnis der Kleinstadt. Kinder spazierten mit und Jugendliche, Erwachsene ohnehin. Armin Himmelrath ist ein wahrer Quell spannender und anrührender Geschichten, die soviel über unsere Heimatstadt und ihre Geschichte erzählen. IMG_3110Mit Hilfe historischer Fotos oder anderer Dokumente, Zeugnisse, Freischwimmerausweise, Presseartikel tauchte man ein in den Alltag vor sechzig,  siebzig Jahren. Ein gelungenes Unternehmen, für das der Volkshochschule Bergisch Land sowie dem Stadtführer höchstes Lob gebührt. Eine Unternehmung, die laut nach Fortsetzung ruft.

Heute: Wermelskirchen unterm Hakenkreuz

Wermelskirchen unterm Hakenkreuz. Unter diesem Titel veranstaltet die Volkshochschule Bergisch Land heute einen Stadtspaziergang für Familien mit Kindern. Das besondere Augenmerk liegt auf der NS-Zeit mit besonderem Blick auf Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus. Treffpunkt ist der Lehrerparkplatz am Gymnasium, Stockhauser Str., Wermelskirchen, um halb Drei. Der Journalist und Wermelskirchenkenner, Armin Himmelrath, leitet den Stadtspaziergang.

Post

Ein paar Worte aus einem Brief: “Das Wetter ist wundervoll. Richtig Sommer. Glühender Sonnenschein, dazwischen erfrischende Gewitter. Schon seit ca. 14 Tagen. Dazwischen war es auch schon wieder mal kälter und nass, wird aber jetzt wohl schön bleiben. – Pfingsten wird bei uns ‘gefeiert’.” Schreibt  Heinz an Elly. “Im übrigen gefällt es mir hier sehr gut, wir sind am Atlantischen Ocean in einem Dorf neben La Rochelle, waren in Nantes, Orleans, Besancon etc. etc.. (…) In Pessé, nahe Orleans, hatte ich eine schöne, große, schlanke Französin, doch leider kamen wir von dort zu schnell weg.” Berichtet Horst seinem Vater Helmut. Urlaubsgrüße? Ferienliebschaften? Nein: Soldatenbriefe. Feldpost. Banales aus dem Soldatenalltag. “Na bitte. Änne, was sagte ich Dir? Dem Jungen geht es blendend!” Selbstbetrug in Briefen, geschrieben an die Lieben in der Heimat. Und, seltener, bittere Anklage: “Dieser verdammte Scheiss-Krieg. Was weiß man noch vom richtigen Leben. Das ganze Material der Erde wird eingesetzt um sich gegenseitig zu morden. Findet sich denn niemand der diesem Einhalt gebietet?” Oder: “Ich kann so richtig keinen Anfang finden. Was soll man schreiben? Daß die ganze Welt verrückt geworden ist? Erlebt man das alles wirklich, oder ist alles nur ein Böser Traum?” Das Böse ist kein Traum. Das Böse ist die Wirklichkeit des Soldaten. Siebzig Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hat die Volkshochschule einen ganztägigen Theaterworkshop unter der Leitung von Bardia Rousta veranstaltet und eine szenische Lesung aus Feldpostbriefen aufgeführt. Eine Veranstaltung im Rahmen der Reihe: “Der Krieg ist aus!” Vom Bösen und Banalen des Soldatenlebens, von der Hoffnung auf den Sieg bis zu Wut und Verzweiflung über Elend und Verbrechen der Deutschen und des Faschismus. “Was soll ich Euch jetzt eigentlich schreiben? Wie es uns geht zu schreiben, heißt immer wieder an die Greuel der Zeit erinnert zu werden. Außerdem will ich Euch nicht immer damit beschweren.” Ein vorzügliches Projekt, das Marjanne Meeuwsen von der Volkshochschule Bergisch Land in Zusammenarbeit mit Armin Himmelrath vom Verein Bergische Zeitgeschichte organisiert hatte. Ein Projekt unter der Leitung des in Wermelskirchen bekannten Regisseurs Bardia  Rousta. Rousta und die Teilnehmer ließen Texte lebendig werden, die einem nach über siebzig Jahren noch Gänsehaut machen, die verstören, aufklären, ärgern, staunen lassen. Zu Bildern von Feldpostbriefen, zu Fotografien aus dem Wermelskirchen der dreißiger und vierziger Jahre, zu Postkarten und persönlichen Fotos der Soldaten. Eine Revue, die aufklärt und beunruhigt. Eine perfekte Show. Fast perfekt. Wenn sie denn mehr Besucher und Interessierte gefunden hätte. Sonntags Abend. Gegen die Sportschau. Schade. Ein Gedicht, aus einem Feldpostbrief von der Ostfront. “Weihnachten fällt aus! / Josef ist bei der Wehrmacht. / Maria ist beim Roten Kreuz. / Die Weisen aus dem Morgenlande haben keine Einreisegenehmigung bekommen. / Der Stern von Betlehem darf wegen Verdunkelung nicht mehr scheinen. / Das Kind ist wegen Fliegeralarm evakuiert worden. / Die Krippe befindet sich bei der NSV. / Heu und Stroh hat die Wehrmacht beschlagnahmt. / Im Stall liegt die Flack. / Die Hirten sind vom Militär eingezogen und die Engel an die Front kommandiert. / Wegen dem Esel allein lohnt es sich nicht.”

Das Theater der Schifflers

Eine Internetseite über kuriose Feiertage belehrt mich, daß heute der Welttag des Theaters begangen wird. Seit Neunzehnhundertzweiundsechzig bereits gibt es diesen Feiertag. Und aus Finnland (Wer hat’s erfunden?) soll die Idee stammen. Die stummen Nordeuropäer haben ja sogar den heißblütigsten aller Tänze okkupiert, den Tango. Also, warum sollen sie den Theatertag nicht erfunden haben. Mir geht es aber am Welttag des Theaters nicht um die Kunstformen Tanz und Theater. Mir geht es um die Kunstform Lichtspiel und ihren Ort. Um das Lichtspieltheater in Wermelskirchen. Das Film-Eck. Wer kennt es nicht? Fast alle Dellmänner und Zugereisten waren schon einmal dort. Ein Kultort. Ein Ort mit Geschichte. Ein Ort voller Geschichten.  Und diese Geschichte und Geschichten kann man sich jetzt in einem Film ansehen, einem Gespräch mit Klaus Schiffler, dem Betreiber. Das Video “Das Film Eck Wermelskirchen – Ein Generationenkino überlebt…” ist eine Pretiose, ein Kleinod. Ein Kleinod über ein Kleinod. Geschaffen von Thomas Ehl und Armin Himmelrath“Das Film Eck der Familie Schiffler ist eines der letzten schönen und gemütlichen Kinos im Bergischen Land. (…) Eine solche Kulturstätte kann nur überleben, wenn sie trotz Internet sowie unzähliger TV Sender ein Publikum findet. Aber vielleicht ist ja, neben dem besonderen Ambiente, auch die geschmackvolle Filmauswahl der Schifflers das Geheimnis, warum dieses Kino seit vielen Jahren so beliebt ist. Ganz nebenbei: Bei 5 Euro pro Person kann sich hier noch eine ganze Familie den Eintritt leisten…. Das aktuelle Programm finden Sie unter: film-eck.de.” So heißt es in der Beschreibung des VideosDer Film von Ehl und Himmelrath macht Lust auf das Kino, nein: unser Kino. Und unser Kino macht Lust auf die Geschichten der Filmemacher. Danke.

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Eine gute Lektion

Holocaust-Gedenktag ist heute. Der Tag ist willkürlich gewählt, paßt aber sehr gut. Denn am siebenundzwanzigsten Januar Neunzehnhundertfünfundvierzig haben sowjetische Soldaten, hat die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz befreit. Seit Zweitausendundfünf ist der siebenundzwanzigste Januar von den Vereinten Nationen zum Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust erhoben worden. Hierzulande ist er bereits seit Neunzehnhundertsechsundneunzig der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Und aus Anlaß eben dieses Gedenktages fand gestern eine Stadtführung statt. Volkshochschule und Geschichtsverein hatten den Journalisten Armin Himmelrath mit dieser Stadtführung betraut. Und um das Ergebnis vorwegzunehmen: Es war eine denkwürdige Führung, die den Teilnehmern einen anderen Blick auf die Heimatstadt bot, mit Geschichte konfrontierte, mit Überleben im Nationalsozialismus, mit Sterben, mit Deportation, mit politischem Verbrechen, mit Inhaftierung, mit Solidarität und Nächstenliebe, hier, wo man heutzutage einkauft, arbeitet, sich vergnügt und erholt, auf freundliche Menschen trifft, aber nicht an die Vergangenheit denkt. Hier, wo Straßen und Häuser Verkehrswege sind und Wohnungen, nicht aber Stätten des Leids, der Denunziation, der Folter. Es schärft den Blick, gezeigt zu bekommen, wo einst der Wermelskirchener Statthalter der NSDAP wohnte und allsonntaglich die Spitzel aus den Kirchen der Stadt zum Rapport empfing. Und daß zwei Häuser weiter ein Drucker lebte, der mehrfach in Lagern eingesperrt wurde und noch vor Kriegsende in einem solchen Lager starb. Es macht betroffen, von Armin Himmelrath erzählt zu bekommen, daß Frau und Tochter eben dieses Wermelskirchener Bürgers von der Frau des Nazichefs daran gehindert worden waren, im Luftschutzbunker Schutz zu finden vor alliiertem Bombardement. Weil es sich ja um die Angehörigen eines Volksfeindes handelte. Oder die Geschichte von ukrainischen Zwangsarbeiterinnen zu hören, die, Kinder noch, dreizehn- bis fünfzehnjährig, in der Kattwinkelschen Fabrik für die Männer schuften mußten, die im Krieg waren, an der Front, vielleicht auch im Lager. Und die mit körperlicher Schinderei, mehr als zehn Stunden am Tag, sechs Tage in der Woche, soviel verdienten, daß sie sich einmal im Jahr eine Straßenbahnkarte nach Radevormwald leisten konnten, wo eine zweite Gruppe ukrainischer Mädchen ihr Leben in Fronarbeit für den nationalsozialistischen Staat, als Zwangsarbeit für deutsche Firmen und Unternehmen führen mußte. Wo sind in der Heimatstadt Stolpersteine, jene Gedenksteine des Kölner Künstlers Günter Demnig, die an Menschen erinnern sollen, die während der Zeit des Nationalsozialismus, verfolgt, kujoniert, inhaftiert, deportiert oder ermordet worden sind? Wo stand das Rathaus, in dem in jener unseligen Zeit Menschen, Bürger dieser Stadt inhaftiert worden waren? Wo das Gefängnis, in dem auch Menschen ermordet worden sind? Wie haben die Lehrer an den Schulen, die hier noch stehen, die Schüler, die Jugend der Stadt indoktriniert, auf den Krieg vorbereitet, auf das Opfer des Lebens? Eine zwei Stunden währende, ungeheuer spannende Zeitreise in die Vergangenheit der Stadt. Ein großes Ereignis, eine denkwürdige Lektion. Und mit etwa fünfzig Zeitreisenden auch eine angemessene Teilnehmerzahl. Die wünsche ich den Stadtführern immer, wenn sie mit ihren Vorträgen und Führungen den Wermelskirchenern ihre Heimat näherbringen.