Kategorie: Sonstiges

Zweitausendundachtzehn

Wie liest man allenthalben? Das Jahr neigt sich seinem Ende zu. In der Tat. In nur wenigen Tagen, in fünfen, um genau zu sein, schreiben wir das Jahr Zweitausendundneunzehn. Dann wird das alte Jahr ausgedient haben. Der eine oder andere Rückblick noch, hier und dort eine Würdigung, ein paar Listen von Menschen, die das Jahr nicht überlebt haben, das war’s dann. Dann gilt Neunzehn statt Achtzehn. Für mich auch. Natürlich. Neues Jahr, neues Glück. Meine persönliche Bilanz am Ende des zur Neige gehenden Jahres fällt eher beschattet aus, düster, negativ, zwiespältig. Nein, nicht Trump, Orban oder Merkel, nicht das Siechtum der SPD, nicht der Erste FC Köln in Liga Zwei, nicht die ganz kleine Koalition, nicht Herr Merz oder Frau Nahles, nicht der Brexit oder gelbe Westen oder Macron, nicht die vergeigte Fußballweltmeisterschaft, all das nicht. Nicht die Politik, groß oder klein, nicht der Sport, nicht Wermelskirchen, nicht das Fernsehen. Ich habe mich allzu oft auf Friedhöfen rumtreiben müssen im ablaufenden Jahr, leiblich und gedanklich. Mein kleiner Bruder ist gestorben, Bernd, knapp dreizehn Monate jünger als ich. Bernd, in der Familie und von Freunden Berni gerufen, wurde nur sechsundsechzig Jahre alt. Wir haben unsere Kindheit zusammen verbracht, wie zwei Brüder ihre Kindheit in diesen Zeiten verleben konnten. Oft einig, oft streitend, fast immer konkurrent. Das alles nicht selten körperlich ausgetragen. Als junge Erwachsene begannen wir, uns auseinanderzuleben. Die Interessen waren und wurden unterschiedlich, sehr unterschiedlich. Ihm war die Weltrevolution zu blöd, mir seine nachpubertären Saufkumpane nicht geheuer. Ich fand die Bundesliga nicht mehr prickelnd, er mißtraute meinen Freunden, die selbst im Schwimmbad einen Band von Marx oder Lenin lasen und unentwegt Unterstreichungen vornahmen, weil das doch was hermachte. Er fand meine Musik bekloppt, ich konnte seinem Geschmack nicht das Geringste abgewinnen. Kurzum, wir haben uns auseinandergelebt. Mehr noch: Später waren wir uns nicht mehr grün. Ich war ihm böse. Er mir. Das hat mit seinem Umgang mit seiner Frau und seinen Kindern zu tun. Viel später dann hat er zum zweiten Mal geheiratet und ist ins Ruhrgebiet gezogen. Lange Jahre, Jahrzehnte haben wir uns so gut wie nicht gesehen oder gesprochen. Ganz selten miteinander telefoniert. Kein Chat, kein Facebook, Funkstille. Und nun ist er vor wenigen Monaten gestorben, dort im Ruhrgebiet. Zur Beerdigung war ich nicht eingeladen. Nein, das Kapitel „Kleiner Bruder“ ist noch nicht abgeschlossen. Ich brauche die Beerdigung nicht, kein Grab, keinen Kranz und keine Karte, um mich mit dem kleinen Bruder in mir zu befassen. Trotz des Zwistes, der gravierend war, ist es mir offenbar noch nicht gelungen, meinen kleinen Bruder abzustreifen. Ich trauere um ihn. Ich denke an ihn. Er erinnert mich an die gemeinsame Kindheit, an die Eltern, an längst vergangene Zeiten von Jugend und Wildheit. Ich bin nun der Letzte aus dieser kleinen Familie. Weil Berni viel zu früh gestorben ist. Er hätte gewiß noch schöne Jahre verdient gehabt. Ich vermisse ihn. Anfang November ist dann meine Schwiegermutter im gesegneten Alter von achtundachtzig Jahren gestorben. Sie kränkelte ganz am Ende ihres Lebens ein wenig, blickte allerdings zufrieden zurück in die Zeit mit Ihrem Mann, auf ihr Berufsleben, ihre Familie, die Jugend und Kindheit. Sie habe ein schönes Leben gehabt, hat sie mir in ihren letzten Tagen deutlich gesagt. Von Sterben war eigentlich noch nicht die Rede. Bis vor einem Jahr hat sie uns noch regelmäßig in Wermelskirchen besucht, mit dem eigenen Auto aus Köln kommend. Ich hätte gerne noch ein wenig Zeit mit ihr zugebracht, ihr den Altenberger Dom gezeigt, den sie unbedingt noch einmal besuchen wollte. Wir hatten uns vorgenommen, noch ein Eis miteinander zu essen. Eine Zigarette wollte sie noch rauchen, draußen auf der Terrasse. Pläne. Und dann ist, kurz nach meiner Schwiegermutter, mein Onkel Max gestorben. Vierundachtzig Jahre alt. Einst ein Kerl wie ein Baum. Glasbläser. Ein Pimmock, wie die Kölner zu sagen pflegen, ein Fremder, zugereist aus dem Osten. Von meiner immer freundlichen Tante, die sich mit sechzehn in diesen jungen Kerl verliebt hatte, nach und nach in einen waschechten Rheinländer verwandelt. Einen, der mit zum Karnevalszug ging, erst in Westhoven, einem Stadtteil im Norden von Porz, dann am Bottermaat, der Porzer Karnevalshochburg. Heute alles zum Stadtgebiet Kölns gehörend. Ein Kölner von Gemüt, der seine Herkunft aus Danzig nie verleugnete, immer freundlich, immer zugewandt. Niemals laut. Niemals böse. Niemals falsch. Ein Muster, diese Ehe von Tante und Onkel, ein Paradebeispiel für das kleine Glück. Ich habe eine Grabrede für ihn gehalten, weil meine Tante mich darum gebeten hatte. Eine Erfahrung, die ich so bald nicht wieder machen möchte. Drei Todesfälle, wie es sachlich-bürokratisch heißt, zwei Beerdigungen, drei mal Kummer, drei mal Trauer, drei mal Ausnahme. Zudem war ich in der ersten Jahreshälfte zwei mal kurz hintereinander im hiesigen Krankenhaus, im Frühjahr und im Frühsommer, beide Male mit dem Notarzt dorthin verfrachtet. Kein gutes Jahr geht zu Ende. Ich setze auf das Jahr Zweitausendundneunzehn.

Tag des Apfelkuchens

Heute ist der Tag des Apfelkuchens. Niemand weiß, warum. Niemand kennt den Ausrufer. Niemand den Anlaß. Lediglich, daß dieser Feiertag aus den USA zu uns herübergeschwappt ist, ist bekannt.

Damit aber nicht genug. Heute wird zudem der Tag der Tulpen begangen, der World Cocktail Day sowie der Tag des Fruchtcocktails. Der Tag des Apfelstrudels hingegen, der Apple Strudel Day, wird am siebzehnten Juni begangen, der des Kirschkuchens am zwanzigsten Februar, der des Käsekuchens am dreißigsten Juli.

Zurück zum Apfelkuchen. Der gilt als Inbegriff der US-amerikanischen Kultur. Schlimm genug. „As american as apple pie“. Der Riemchen-Apfelkuchen. Seit dem neunzehnten Jahrhundert entwickelte sich der Apple Pie zum Symbol des amerikanischen Wohlstands und Nationalstolzes, in der Zeit des Zweiten Weltkriegs im Slogan gipfelnd: „For Mom and apple pie!“ als Standardbegründung amerikanischer Soldaten für Ihre Teilnahme am Krieg.

Hierzulande kennt die Apfelkuchenbackkultur Varianten. Mal Hefe-, mal Rühr-, mal Mürbeteig. Immerhin.

Nutellatag

Ein Tag, den die Welt nicht braucht. Nein, nicht der fünfte Februar. Den braucht die ganze Welt. Und ohne diesen Fünften wäre der Februar ja noch kürzer. Nein, was die Welt nicht braucht, außer vielleicht dem Ferrero-Konzern, ist der heutige „Welt-Nutella-Tag“. Vor elf Jahren, Zweitausendundsieben, wurde der Welttag von Sara Rosso, einem echten Nutella-Fan, ausgerufen. Die Amerikanerin aß in Italien erstmalig die dunkle und festbreiige Schokoladen-Nougat-Industriezutaten-Masse und kam hernach von dem süß-mächtigen Brotaufstrich nicht mehr los. Sie sammelte in der Folge über siebenhundert Rezepte, die alle Nutella als Zutat aufweisen. Nach anfänglichen Irritationen unterstützt mittlerweile auch der Nutellakonzern Ferrero diesen Tag. Ach ja: In Frankreich hat ein Gericht Eltern verboten, ihr Kind Nutella zu nennen. Gottlob.

Inbrunst

Gestern Abend. Der fünfundsechzigste Geburtstag eines ganz alten Freundes. Eine Geschlossene Gesellschaft in Ehren Ergrauter in einer Kölschen Eckkneipe mit Geschichte. Aber auch ein Fest wie damals, als wir noch mit blonden, brünetten oder schwarzen, jedenfalls langen Haaren unterwegs waren. Ein schönes Fest. Zu vorgerückter Stunde wurde gesungen. Lauthals. Wie damals. Wie oft bei solchen Gelegenheiten. Viele der Gäste hatten immerhin gemeinsam oder zur gleichen Zeit studiert und viele verbindet langjährige politische Arbeit. Das Liedgut? Schlager, Kölsch und Revolutionsromantik. Griechischer Wein gleichwertig neben der Partisanenhymne Bella Ciao, Yesterday neben Arsch huh – Zäng ussenander. Dazu noch Bläck Fööss-Evergreens, Katrin oder In unserem Veedel. Gesungen? Geschmettert. Mit Inbrunst. Es sollte vielleicht mehr solcher Feste geben.

Zweitausendachtzehn

Ein Freund und ehemaliger Kollege hat heute in Facebook geschrieben, daß ein namentlich nicht genannter Freund von ihm vegan lebe und bei jedem Wetter mit dem Fahrrad fahre. Aber an Silvester schicke er mit kindlicher Freude gerne ein paar Raketen gen Himmel. Arne, mein Freund, fragt nun, ob der klimatische Fußabdruck nun größer als der derjenigen sei, die hier mit großer Geste ihre “Böllerabstinenz” öffentlich machten und alle “Knalltüten” zu rücksichtslosen Idioten erklärten? „So wichtig und richtig ein nachhaltiger Lebensstil ist, so überflüssig ist jedweder volkspädagogische Impetus mit dem dieser herausposaunt wird. ‚Jeck loss jeck elans‘ sagen wir hier in Köln, was so viel bedeutet, dass jeder nach seiner Facon leben kann, so lange es ein gewisses Maß an Rücksichtnahme auf der einen und ein gewisses Maß an gelassener Geschmeidigkeit auf der anderen Seite gibt. Für 2018 wünsche ich mir mehr Toleranz und weniger evangelikale Besserwisserei. Vielleicht ist es ja auch mal ein guter Vorsatz, die eigenen Laster bewusst zu genießen, der Unvernunft ihren Raum zu geben und die Laster des Gegenübers milde wegzulächeln. In diesem Sinne wünsche ich allen hier ein frohes und ein sinnliches neues Jahr!“ Dem schließe ich mich ohne jeden Vorbehalt an. Toleranz, Rücksichtnahme und Geschmeidigkeit, Unvernunft, Laster und Lächeln können das neue Jahr nur besser machen. Ich wünsche allen Freunden und Bekannten ein frohes Jahr Zweitausendundachtzehn. Danke, Arne, für die Vorlage.

Wurst statt Diesel

Volkswagen verkaufte Zweitausendundfünfzehn mehr Currywürste als Autos. Genau genommen gut sieben Millionen Currywürste, aber „nur“ knapp sechs Millionen Fahrzeuge. Die Wurst wird seit Neunzehnhundertdreiundsiebzig vertrieben und sollte ursprünglich nur in den VW-eigenen Werkskantinen angeboten werden. Mittlerweile verkauft der Automobilkonzern Würste in elf Länder.

Neunzehnhundertsiebenundsechzig

Ich selber hätte nicht daran gedacht. Wie auch? Nach fünfzig Jahren. Ich war ja erst sechzehn. Neunzehnhundertsiebenundsechzig. Und Schüler. Mitglied der “Aktion kritischer Schüler”. Am Stadtgymnasium in Porz, heute eingemeindet nach Köln. “Iskra” hieß die Schülerzeitung. Der Funke. Wie die revolutionäre Zeitung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, die Anfang des letzten Jahrhunderts drei Jahre lang unter Federführung Lenins erschien. Kein Wunder also, daß ich mich in dieser Zeit entschied, Mitglied in der Gewerkschaft zu werden. Wenn die Schülerzeitung schon einen derartigen Namen bekommt. Das war ja mehr Programm als nur Name. Gewerkschaftsmitglied. Auch als Schüler. Und so traf es dann die IG Chemie. Warum auch immer. Jedenfalls bin ich seither Mitglied der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Nach der Schule bei der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands, als Student und Medienwissenschaftler bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, hernach, als Journalist und Produzent, als Mitglied der Industriegewerkschaft Medien – Druck und Papier, Publizistik und Kunst (IG Medien). Heute ist das Ver.di. Die vereinte Dienstleistungsgewerkschaft. Der öffentliche Dienst, die Journalisten und Publizisten, die Lehrer, kommunale Angestellte und Beamte, der Handel, Verkehr, Informationstechnologie oder Telekommunikation. Alles und noch mehr: Ver.di. Und Ver.di hat auch an das Jahr Neunzehnhundertsiebenundsechzig gedacht und meinen seinerzeitigen Eintritt in die Gewerkschaft. Vor ein paar Tagen ging mir eine Urkunde zu und eine Ehrennadel für die fünfzigjährige Mitgliedschaft in der Gewerkschaft. Gestern dann fand die Jubilarenehrung in der Wuppertaler VillaMedia statt. Ein würdevoller Rahmen. Für die Gewerkschaftsmitgliedschaft zwischen fünfundzwanzig und 70 Jahren. Ja, siebzig und fünfundsechzig Jahre. Eingetreten Neunzehnhundersiebenundvierzig oder Neunzehnhundertzweiundfünfzig. Das gibt es. Und das wird zu Recht gefeiert. Ich persönlich habe allen Grund, der Gewerkschaftsbewegung dankbar zu sein. Denn schließlich hat mich die Stiftung Mitbestimmung während meines Studiums gefördert. Ohne diese Förderung wäre seinerzeit ein Studium des Arbeiterkindes Wolfgang Horn kaum denkbar gewesen.

Ansturm

Wie die Dinge heute in der Welt liegen, haben wir es ja auch mit dem Ansturm des vermeintlich Simplen auf das in Wahrheit Vertrackte zu tun, mit den Attacken der Plattheit auf das Nachdenkliche, und mit dem Feuer der Wut, das alles Schwierige niederbrennen soll.

Axel Hacke, Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen, Seite Vierundzwanzig, München Zweitausendsiebzehn, (Verlag Antje Kunstmann)