Kategorie: Literatur

Hotzenplotz kehrt zurück

Hotzenplotz, gewiß der bekannteste Räuber in Deutschlands Kinderzimmern, wird wohl bald mit neuen Abenteuern samt Pfefferpistole zurückkehren. Vier Jahre nach dem Tod seines Erfinders Otfried Preußler wurde Zweitausendundsiebzehn in dessen Nachlass eine bisher unbekannte Geschichte des unrasierten Räubers entdeckt. Das Theater Düsseldorf hat sich die Rechte der Uraufführung gesichert. Bei dem Fund aus dem Nachlass handelt es sich um ein Theaterstück, in dessen Mittelpunkt erneut der Räuber Hotzenplotz aber auch Kasperl, Seppel, die Großmutter, der Wachtmeister Alois Dimpfelmoser und der Zauberer Petrosilius Zwackelmann stehen. Wir sind gespannt.

Klassenclown

Meine eigene Karriere als Klassenclown ist, zugegeben, sehr, sehr lange her. Und mitunter erinnere ich mich nur mühsam. Sicher aber weiß ich, daß ich die dunkle, in unserem Falle grüne Tafel, nicht hätte mit dem Gesicht des Glücks übermalen können. Mir fehlten alle zeichnerischen Fähigkeiten für ein regenbogenfarben strahlendes Gesicht des Glücks. Gottlob aber ergaben sich ja vielfältige Möglichkeiten, die Fähigkeiten als Klassenclown zu proben und zu entfalten. Wie komme ich jetzt auf den Klassenclown? Heute wird weltweit der Internationale Kindertag begangen. Lediglich in Deutschland und in Österreich feiern wir den Weltkindertag am zwanzigsten September. Sei‘s drum. Jacques Prévert, der trotz mißratener Schulkarriere als leidenschaftlicher Schwänzer zum großen französischen Dichter avancierte, hat sich in seiner literarischen Kunst deutlich gegen die Zurichtung der Kinder in der Schule ausgesprochen. Beispielsweise hat er auch über den Schulversager geschrieben, in dem er die “Gefangennahme” des kindlichen Geistes in der Schule kritisiert, in der das Kind seiner individuellen Kraft beraubt werde. Und was für ein Szenario: die gescheitelten Köpfe der Musterschüler, der Lehrer mit dem lauernden Blick, Fragen als Salven, Problemkugelhagel.

Der Klassenclown

(nach Le cancre; aus: Paroles, 1946)

Unter ihm

die gescheitelten Köpfe

der Musterschüler,

vor ihm

der lauernde Blick

des Lehrers.

Die Salven der Fragen

prasseln auf ihn ein,

er taumelt

im Kugelhagel der Probleme,

die nicht die seinen sind.

Plötzlich aber

lacht sich der helle Wahnsinn

durch sein verdüstertes Gesicht.

Er greift nach dem Schwamm

und wischt es einfach weg,

das Labyrinth aus Zahlen und Fakten,

aus Daten und Begriffen,

aus Phrasen und Formeln,

und übermalt

unter dem Gejohle der Klassenmanege

regenbogenfarben

die dunkle Tafel des Unglücks

mit dem strahlenden Gesicht des Glücks.

“Sei gut zu Dir selbst!”

Zum Goldenen Einhorn in Aachen. Vor einigen Monaten. Mit meinem Freund Lothar. Nach eigenem Bekunden „älteste überlieferte Gastronomie“ in der Kaiserstadt. An der Wand des gediegenen Gasthofes Illustrationen und Fotos aus der Geschichte des seit Dreizehnhundertneunundvierzig am Markt Dreiunddreißig befindlichen Hauses, von Gästen, prominenten und unerkannten, von Ereignissen, meist vergessenen. Und neben mir, im schlicht-braunen Holzrahmen, ein wenig fleckig: Desiderata, Aus der alten St. Pauls-Kirche Baltimore von 1692.

Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast, und sei des Friedens eingedenk, den die Stille bergen kann.

Stehe soweit ohne Selbstaufgabe möglichst in freundlicher Beziehung zu allen Menschen. Äußere Deine Wahrheit ruhig und klar und höre anderen zu, auch den Geistlosen und Unwissenden. Auch sie haben ihre Geschichte.

Meide laute und agressive Menschen. Sie sind eine Qual für den Geist.

Wenn Du Dich mit anderen vergleichst, könntest Du bitter werden und Dir wichtig vorkommen. Immer wird es jemanden geben, größer oder geringer als Du.

Freue Dich Deiner eigenen Leistungen, wie auch Deiner Pläne. Bleibe weiter an Deiner eigenen Laufbahn interessiert, wie bescheiden sie auch immer sein mag. Sie ist echter Besitz im wechselnden Glück der Zeiten. In Deinen geschäftlichen Angelegenheiten laß Vorsicht walten, denn die Welt ist voller Betrug. Aber dieses soll Dich nicht blind machen gegen gleichermaßen vorhandene Rechtschaffenheit. Viele Menschen ringen um hohe Ideale, und überall ist das Leben voller Heldentum.

Sei Du selbst! Vor allen Dingen heuchle keine Zuneigung! Noch sei zynisch, was die Liebe betrifft. Auch im Angesicht aller Dürre und Enttäuschungen ist sie doch immerwährend, wie das Gras.

Ertrage freundlich und gelassen den Ratschluss der Jahre! Gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf! Stärke die Kraft des Geistes, damit sie Dich in plötzlich hereinbrechendem Unglück schütze. Aber beunruhige Dich nicht mit Einbildungen. Viele Befürchtungen sind die Folge von Erschöpfung und Einsamkeit. Bei einem heilsamen Maß an Selbstdisziplin sei gut zu Dir selbst!

Du bist ein Kind des Universums, nicht weniger als die Bäume und die Sterne. Du hast ein Recht hier zu sein, ob es Dir nun bewußt ist oder nicht; zweifellos entfaltet sich das Universum wie vorgesehen.

Darum lebe in Frieden mit Gott, was für eine Vorstellung Du auch immer von ihm hast. Was immer Dein Mühen und Sinnen ist, in der lärmenden Wirrnis des Lebens erhalte Dir den Frieden mit Deiner Seele!

Trotz all ihrem Schein, der Plackerei und den zerbrochenen Träumen ist die Welt doch wunderschön! Sei vorsichtig und strebe danach glücklich zu sein!!

Desiderata, Aus der alten St. Pauls-Kirche Baltimore von 1692

Modern mutet er an, der Text, aktuell gar. Er entfaltet Wucht. Hat man so geschrieben am Ende des siebzehnten Jahrhunderts? Hat man unterschiedliche Gottesvorstellungen zugelassen, sogar ermutigt? Sollte das irdische Glück der Menschen diesen Stellenwert in einem Kirchenpapier zugeschrieben bekommen haben? Hat man seinerzeit schon vom sich entfaltenden Universum gesprochen? Nein, nein und nein.

Anders als in dem fleckigen Papier unter Glas zu lesen ist, handelt es sich bei der auch als Lebensregel von Baltimore bezeichneten Desiderata (Das Ersehnte) um ein Prosagedicht des deutschstämmigen amerikanischen Rechtsanwalts Max Ehrmann aus dem Jahr Neunzehnhundertsiebenundzwanzig. Sechzehnhundertzweiundneunzig ist das Gründungsjahr der ältesten Kirche in Baltimore, der Saint Paul’s Church.

Wikipedia belehrt, daß das Gedicht sich heute noch häufig finden ließe als Sinnspruch auf Alltagsgegenständen und in Zitatesammlungen. Gleichwohl: Ein Text, der den Satz enthält: “Gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf!”, will mit Sorgfalt gelesen werden, einerlei, aus welchem Jahrhundert er stammen mag.

Erdbeermund

Literarische Inschrift an einer Häuserwand in Kornelimünster, gefunden bei einem Fahrradausflug mit meinem Freund Lothar. Na klar, Villon, François Villon. Denkste. Paul Zech war es, der die Liebesballade für Yssabeau schrieb, das Mädchen mit dem Erdbeermund. Erschienen ist das Werk in Zechs Büchlein Die lasterhaften Lieder und Balladen des François Villon (Weimar 1931 bzw. München: dtv, 1962 und öfter). Keine Villon-Übertragung. Frei nachgedichtet. Im Stile Villons. Und so gut wie der.

Du… Du… ich bin so wild nach deinem Erdbeermund, ich schrie mir schon die Lungen wund nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht, da blüht ein süßer Zeitvertreib mit deinem Leib die lange Nacht.
Da will ich sein im tiefen Tal.
Dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl.

Im tiefen Erdbeertal, im schwarzen Haar, da schlief ich manchen Sommer lang bei dir und schlief doch nie zu viel.
Komm… Komm… komm her… ich weiß ein schönes Spiel im dunklen Tal, im Muschelgrund…
Ah… ah… ah du… ah du… du ach, ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!
Ah… ah… ah… ah… ah… ah… aah…

Die graue Welt macht keine Freude mehr, ich gab den schönsten Sommer her, und dir hat’s auch kein Glück gebracht;
nicht wahr, hast nur den roten Mund noch aufgespart, für mich, für mich, für mich, so tief im Haar verwahrt…
Ich such ihn schon die lange Nacht im Wintertal, im Aschengrund…
Ich bin so wild nach deinem Erdbeeermund.

Im Wintertal, im schwarzen Erdbeerkraut, da hat der Schnee ein Nest gebaut und fragt nicht, wo die Liebe sei.
Ich hab doch das rote Tier so tief erfahren, als ich bei dir schlief.
Ach, oh wär nur der Winter erst vorebi und wieder grün der Wiesengrund!
Oh du… du oh… du, ich bin so wild nach deinem Erdbeermund! Oh…

sei wachsam, sing nicht

Hans Magnus Enzensberger:

ins lesebuch für die oberstufe

lies keine oden, mein sohn, lies die fahrpläne:
sie sind genauer. roll die seekarten auf,
eh es zu spät ist. sei wachsam, sing nicht.
der tag kommt, wo sie wieder listen ans tor
schlagen und malen den neinsagern auf die brust
zinken. lern unerkannt gehn, lern mehr als ich:
das viertel wechseln, den paß, das gesicht.
versteh dich auf den kleinen verrat,
die tägliche schmutzige rettung. nützlich
sind die enzykliken zum feueranzünden,
die manifeste: butter einzuwickeln und salz
für die wehrlosen. wut und geduld sind nötig,
in die lungen der macht zu blasen
den feinen tödlichen staub, gemahlen
von denen, die viel gelernt haben,
die genau sind, von dir.

Franz-Josef Petermann, mein ehemaliger Deutsch- und Englischlehrer, später, während meines Studiums, Freund und Mentor, hat mich, noch in der Mittelstufe des Gymnasiums, mit diesem Neunzehnhundertsiebenundfünfzig erschienen Gedicht von Hans Magnus Enzensberger bekannt gemacht. Ich bin ihm dankbar.

Demokratiegefährder

Als Demokratiegefährder sieht Hans Herbert von Arnim immer nur den Parteifunktionär, aber nicht dessen Pendants, wie etwa den vaterlandslosen, moralfreien Manager, den Geiz-ist-geil-Charakter und den Alles-sofort-Konsumbürger, der statt sich politisch zu informieren, geschweige denn sich in einer Partei, einem Verein oder der Kirche zu engagieren, lieber vor dem Computer hockt und zwischen seinen Bestellungen bei Amazon und Zalando mit argumentationsschwachen, aber meinungsstarken Beleidigungen in den sozialen Medien herumkoffert. Gerade angesichts dieser vielen anderen Probleme, mit denen sich Politiker, Gerichte, Medien, die Polizei und der Staat täglich herumschlagen müssen, ist es fast ein Wunder, wie gut alles – noch? – funktioniert unter dieser schlimmen Parteienherrschaft.

Es ist trotzdem gut, dass Hans Herbert von Arnim dieses Buch geschrieben hat. Bücher wie dieses befeuern die notwendige Dauer-Diskussion über die Fehler und Schwächen unserer Demokratie und können so dazu beitragen, dass sie besser oder zumindest nicht schlechter wird.

Christian Nürnberger, Parteienkritik. Deren Deutschland, in: Süddeutsache Zeitung vom zwanzigsten März Zweitausensiebzehn. Eine Rezension von Hans Herbert von Arnim: Die Hebel der Macht und wer sie bedient – Parteienherrschaft statt Volkssouveränität. Heyne-Verlag München Zweitausenundsiebzehn, vierhundertachtundvierzig Seiten,