Kategorie: Geschichte

“Es lebe die deutsche Republik!”

Der neunte November – ein Datum von Schatten und Licht in der deutschen Geschichte. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat im Bundestag zu einem würdigen Gedenken an die Vorkämpfer der deutschen Demokratie aufgerufen.

“Was war das für ein gewaltiger Umbruch, den Philipp Scheidemann am 9. November 1918 den Menschen auf den Straßen Berlins verkündete, hier an diesem Ort, von einem Fenster des Reichstages aus: der Zusammenbruch des Kaiserreichs, das Ende einer jahrhundertealten monarchischen Ordnung, der Beginn einer demokratischen Zukunft für Deutschland!

Was für ein Ausruf in den letzten Tagen des Weltkrieges! Welche Botschaft für müde, ausgemergelte Männer und Frauen, für ein vom Krieg gezeichnetes Land, für die Städte, Kasernen, Betriebe, in denen Meutereien und Massenstreiks wie ein Lauffeuer um sich griffen, in dieser explosiven Stimmung aus Protest, Hunger, Ungewissheit.

Endlich Frieden, endlich politische Selbstbestimmung und soziale Gerechtigkeit – das war die Verheißung jener Worte. Ein Lichtblick an einem trüben Novembertag!

Die Revolution, so ungeplant und improvisiert sie auch war, steht für eine tief greifende Zäsur in der deutschen Geschichte, für einen Aufbruch in die Moderne.

Viele ihrer Errungenschaften prägen heute unser Land, auch wenn uns das gar nicht mehr bewusst ist. Die Revolution brachte allen deutschen Parlamenten das allgemeine und gleiche Wahlrecht – endlich, zum ersten Mal auch für die Frauen! Sie bahnte den Weg zur Weimarer Nationalversammlung, zu einer republikanischen Verfassung, zur parlamentarischen Demokratie, der ersten in der Geschichte unseres Landes. Auch die Fundamente des modernen Sozialstaats legte diese Revolution: Achtstundentag, Tarifpartnerschaft, Mitbestimmung durch Betriebsräte – all das steht für den sozialen Fortschritt, der damals inmitten der Nachkriegswirren begann. Aber trotz alledem hat die Revolution bis heute kaum Spuren im Gedächtnis unserer Nation hinterlassen.

Der 9. November 1918 ist auf der Landkarte der deutschen Erinnerungsorte zwar verzeichnet, aber er hat nie den Platz gefunden, der ihm zusteht. Er ist ein Stiefkind unserer Demokratiegeschichte – eben auch, weil der 9. November tatsächlich ein ambivalenter Tag ist, weil er für Licht und für Schatten steht, weil wir jene Demokratie, die damals begann, fast nie von ihrem Anfang, sondern meist von ihrem Ende her denken.

Manchmal scheint mir, als sei jene Zeitenwende auf ewig überschattet vom Scheitern der Republik, als sei der 9. November 1918 diskreditiert und entwürdigt durch den 30. Januar 1933. Ja, das Ende der Weimarer Republik führte hinab ins furchtbarste Kapitel der deutschen Geschichte. Aber: Historisch gescheitert ist nicht die Demokratie – historisch gescheitert sind ihre Feinde! Der übersteigerte Nationalismus, die Diktatur, die menschenverachtende Ideologie der Nationalsozialisten haben Europa mit Krieg und abscheulichen Verbrechen überzogen. Sie haben dieses Land politisch und moralisch ruiniert. Zu unser aller Glück erhielt Deutschland eine neue Chance auf Selbstbestimmung in Einheit und Freiheit – und diese Chance ist Wirklichkeit geworden: Sie, die Republik, hat sich historisch behauptet! Das dürfen wir 100 Jahre später für uns festhalten!

Dabei bleibt natürlich richtig: Jene Revolution war vom ersten Tag an auch eine paradoxe, eine widersprüchliche Revolution. Ihre Geschichte lässt sich nicht geradlinig erzählen. Doch welche deutsche Geschichte lässt sich das schon?

Die Widersprüchlichkeit der Revolution zeigte sich bereits am selben 9. November, als Karl Liebknecht, der Führer des Spartakusbundes, ein zweites Mal die Republik ausrief – nur zwei Stunden nach Philipp Scheidemann. Friedrich Ebert wollte zuvörderst Chaos, Bürgerkrieg und ein militärisches Eingreifen der Siegermächte verhindern; er war getrieben von dem Wunsch, den Menschen Arbeit und Brot zu geben. Der Rat der Volksbeauftragten sah seine Handlungsspielräume eng begrenzt in diesen ungewissen Monaten, im Strudel radikalerer Kräfte von rechts wie von links.

Und doch hätten die Volksbeauftragten wohl mehr Veränderung wagen müssen, als sie aus ihrer damaligen Sicht für verantwortbar hielten. Zu viele geschworene Gegner der jungen Republik behielten ihre Ämter in Militär, Justiz und Verwaltung. Wahr ist allerdings: Gegen den Versuch der radikalen Linken, die Wahlen zur Nationalversammlung mit Gewalt zu verhindern, mussten die Volksbeauftragten um Friedrich Ebert sich zur Wehr setzen. Aber es gab keinerlei Rechtfertigung dafür, der Brutalität nationalistischer Freikorps faktisch freie Hand zu lassen. Viele wurden damals ermordet, unter ihnen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Auch der Opfer jener Tage wollen wir heute gedenken.

Ja, diese Revolution war auch eine Revolution mit Irrwegen und enttäuschten Hoffnungen. Aber es bleibt das große Verdienst der gemäßigten Arbeiterbewegung, dass sie – in einem Klima der Gewalt, inmitten von Not und Hunger – den Kompromiss mit den gemäßigten Kräften des Bürgertums suchten, dass sie der parlamentarischen Demokratie den Vorrang gaben!

Dieses Parlament ist keine Selbstverständlichkeit 

Der 9. November 1918 ist ein Meilenstein der deutschen Demokratiegeschichte. Er steht für die Geburt der Republik in Deutschland. Er steht für den Durchbruch der parlamentarischen Demokratie. Und deshalb verdient er einen herausragenden Platz in der Erinnerungskultur unseres Landes! Denn wer heute glaubt, unsere Demokratie sei doch mittlerweile eine Selbstverständlichkeit, und dieses Parlament ein Alltagsgegenstand, ganz wie ein altes Möbelstück, der schaue auf jene Tage! Nein, dieses Parlament ist keine Selbstverständlichkeit und erst recht keine Nebensache! Es ist eine historische Errungenschaft, und für diese Errungenschaft, für dieses Erbe müssen wir streiten, zuallererst in diesem Haus!

In der Weimarer Republik hat der 9. November nie die symbolische Kraft eines Gründungsmythos gewinnen können. Selbst entschiedene Republikaner mochten sich nicht aus vollem Herzen zu einer Revolution bekennen, deren Sonne so “getrübt” aufgegangen war, wie Theodor Wolff an ihrem ersten Jahrestag im Berliner Tageblatt schrieb. Statt Einheit zu stiften, verschärfte die Erinnerung an den 9. November sogar die ideologische Spaltung der Gesellschaft: Für Teile der radikalen Linken stand das Datum für den vermeintlichen Verrat an der Arbeiterklasse, für die Republikfeinde von rechts für ihre Lüge vom “Dolchstoß”, für den angeblichen Verrat an den Frontkämpfern. Es war kein Zufall, dass Adolf Hitler ausgerechnet am 9. November 1923 in München den ersten Anlauf zum Sturz der Republik unternahm, jenes “undeutschen Systems”, dessen Repräsentanten die völkische Rechte mit mörderischem Hass überzog.

Es war insbesondere die Flagge der Republik, auf die es ihre Feinde abgesehen hatten und die sie immer wieder in den Schmutz zogen: Schwarz-Rot-Gold, die Farben der deutschen Freiheitsbewegung seit dem Hambacher Fest von 1832. Das allein ist Grund genug, den 9. November 1918 aus dem geschichtspolitischen Abseits zu holen! Wer heute Menschenrechte und Demokratie verächtlich macht, wer alten nationalistischen Hass wieder anfacht, der hat gewiss kein historisches Recht auf Schwarz-Rot-Gold. Den Verächtern der Freiheit dürfen wir diese Farben niemals überlassen! Sondern lassen Sie uns stolz sein auf die Traditionslinien, für die sie stehen: Schwarz-Rot-Gold, das sind Demokratie und Recht und Freiheit!

Die schweren Lasten der Zeitgenossen 

Die Revolution von 1918/19 war ein Aufbruch in die Demokratie, in ein politisches Experiment mit offenem Ausgang. Heute wissen wir, welch schwere Lasten die Zeitgenossen zu schultern hatten, die damals in Reich und Ländern die Demokratie erprobten.

Der verlorene Krieg und sein blutiges Erbe der Gewalt, die Folgen des Versailler Vertrages, die Wirbelstürme von Wirtschaftskrise und Inflation, von Hunger und Massenelend – all das belastete die Weimarer Republik und überforderte sie bisweilen auch.

Und es war vor allem die lange Tradition antiliberalen Denkens, die die politische Kultur der Republik vergiftete: Intellektuelle wie Carl Schmitt zogen gegen den Interessenpluralismus der “modernen Massengesellschaft” zu Felde und schmähten die “taktischen Kompromisse und Koalitionen” einer so genannten politischen “Klasse”. Auch Vertreter der radikalen Linken geißelten Parlamente und Regierungen als Herrschaftsinstrumente der “bürgerlichen Klasse”.

Wenn wir uns diese Anfechtungen heute vor Augen führen, dann wird uns bewusst, wie beeindruckend die Leistung derjenigen war, die damals politische Verantwortung schulterten: die eine demokratische Verfassung auf den Weg brachten, das Justiz- und Bildungssystem modernisierten, für Wohnungsbau und Arbeitslosenversicherung sorgten, die Kunst und Wissenschaft erblühen ließen und die – in all diesen Jahren – zerbrechliche Koalitionen durch innen- wie außenpolitische Krisenstürme steuerten: Reichskanzler und -minister wie Hermann Müller, Gustav Stresemann oder Matthias Erzberger, Abgeordnete wie Marianne Weber und Helene Weber, Ernst Heilmann, Marie-Elisabeth Lüders oder Marie Juchacz. Zu viele von ihnen sind heute vergessen!

Verhöhnt von den Feinden der Demokratie 

Auch in Justiz und Verwaltung stützten überzeugte Demokraten den Verfassungsstaat.

Staatsrechtslehrer wie Hugo Preuß, der Vater der Weimarer Reichsverfassung, Gerhard Anschütz, Richard Thoma, Hermann Heller oder Hans Kelsen entwickelten Ideen, die noch heute inspirieren. Wissenschaftler wie der Nationalökonom Moritz Julius Bonn oder der Theologe Ernst Troeltsch brachten liberales Denken voran. Viele, die sich für die Republik engagierten, wurden von den Feinden der Demokratie verhöhnt, verfemt und angegriffen.

Führende Politiker wie Erzberger und Walter Rathenau fielen rechtsextremen, meist antisemitisch motivierten Morden zum Opfer.

Lassen Sie uns nicht länger behaupten, dass die Weimarer Republik eine Demokratie ohne Demokraten war! Diese mutigen Frauen und Männer standen viel zu lange im Schatten der Geschichte vom Scheitern der Weimarer Demokratie. Ich finde, wir schulden ihnen Respekt, Hochachtung und Dankbarkeit!

Lernen aus den Irrtümern Weimars 

Das Denken und Handeln der Weimarer Demokraten wirkte über die Erste Republik hinaus. Die Mütter und Väter der Bundesrepublik, von denen viele in der Weimarer Zeit geprägt worden waren, konnten nach 1945 auf deren Kenntnissen aufbauen und aus ihren Irrtümern lernen. In den Worten von Heinrich August Winkler: “Dass Bonn nicht Weimar wurde, verdankt es auch der Tatsache, dass es Weimar gegeben hat.”

Ich will seinen Gedanken auch für unser heutiges Berlin in Anspruch nehmen. Ja, wir leben in Zeiten, in denen die liberale Demokratie wieder unter Druck gerät, in denen ihre Gegner lauter und selbstbewusster werden. Aber wenn bisweilen, in raunenden Tönen, vor “Weimarer Verhältnissen” gewarnt wird, dann weise ich das entschieden zurück. So machen wir unsere Demokratie kleiner und ihre Gegner größer, als sie sind!

Gerade wenn wir uns an die mutigen Frauen und Männer von damals erinnern, wenn wir ihre Erfahrungen als unseren Fundus begreifen, dann habe ich die Hoffnung: Nicht nur unsere Institutionen sind fester und wehrhafter errichtet, sondern vor allem wir als Demokraten können lernen von denen, die vor uns kamen. Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sind unser Erbteil von diesen Müttern und Vätern – lassen Sie es uns selbstbewusst beanspruchen, lassen Sie es uns klug und wachsam pflegen!

9. November – ein Tag der Widersprüche 

Am 9. November erinnern wir Deutsche an beides: an Licht und an Schatten unserer Geschichte. Dieser Tag ist ein Tag der Widersprüche, ein heller und ein dunkler Tag, ein Tag, der uns das abverlangt, was für immer zum Blick auf die deutsche Vergangenheit gehören wird: die Ambivalenz der Erinnerung.

Vor genau 80 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, brannten in Deutschland die Synagogen. Jüdische Geschäfte wurden geplündert und zerstört. Hunderte Frauen und Männer wurden von Nationalsozialisten getötet, begingen Selbstmord oder starben, nachdem sie in Konzentrationslagern misshandelt worden waren. Diese Pogrome – für alle sichtbar! – waren ein Vorbote der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden. Sie stehen für den unvergleichlichen Bruch der Zivilisation, für den Absturz Deutschlands in die Barbarei. Wir gedenken heute der Opfer des Nationalsozialismus, und wir wissen um unsere Verantwortung, die keinen Schlussstrich kennt!

Dieser 9. November stellt uns, verdichtet in einem einzigen Datum, vor die wohl schwierigste und schmerzhafteste Frage der deutschen Geschichte: Wie konnte es sein, dass dasselbe Volk, das am 9. November 1918 den Aufbruch in demokratische Selbstbestimmung wagte; das in den Folgejahren auf so vielen Gebieten menschlichen Strebens Fortschritte feierte; das in seinen Konzertsälen Symphonien lauschte und in seinen Nachtclubs Swing tanzte; dessen Wissenschaftler Nobelpreise gewannen; dessen Arbeiter genossenschaftliche Siedlungen bauten; dessen Künstler Traditionen über den Haufen warfen; dessen Kinofilme die Welt begeisterten – wie konnte es sein, dass dieses selbe Volk innerhalb weniger Jahre in demokratischen Wahlen den Demokratiefeinden zur Mehrheit verhalf; seine europäischen Nachbarn mit Krieg und Vernichtung überzog; wegschaute, wenn nicht gar gaffte und jubelte, wenn daheim in der eigenen Straße jüdische Nachbarn, Homosexuelle, seelisch Kranke aus ihren Häusern gezerrt wurden, abgeführt von den Schergen eines verbrecherischen Regimes – eines Regimes, das jüdische Familien in Viehwagen pferchte und Eltern mit ihren Kindern in Gaskammern schickte?

Dies bleibt die schwierigste und schmerzhafteste Frage der deutschen Geschichte.

Erinnerung muss unser Handeln prägen 

Die Antwort kann kein Historikerkongress uns abnehmen. Keine historische Einordnung kann unser Herz beruhigen. Die Antwort ist überhaupt nicht allein mit Worten zu geben. Sondern wir können sie nur durch unser Handeln geben!

Erinnerung, die pflichtbewusst an Gedenktagen unsere Lippen bewegt, die aber nicht mehr unser Handeln prägt, erstarrt zum Ritual. Schlimmstenfalls führt sie sogar zu Ressentiments, zu Entfremdung zwischen offiziellem Gedenken und dem Lebensalltag, dem Empfinden der Bürgerinnen und Bürger, gerade der jungen Menschen, die sagen: “Was hat das denn mit mir tun?”

Verehrte Abgeordnete, liebe Gäste: In unserem Handeln müssen wir beweisen, dass wir, die Deutschen, wirklich gelernt haben, dass wir wirklich wachsamer geworden sind im Angesicht unserer Geschichte!

Wir müssen handeln, wo auch immer die Würde des Anderen verletzt wird! Wir müssen gegensteuern, wenn eine Sprache des Hasses um sich greift! Wir dürfen nicht zulassen, dass einige wieder von sich behaupten, allein für das “wahre Volk” zu sprechen, und andere ausgrenzen! Wir müssen widersprechen, wenn Gruppen zu Sündenböcken erklärt werden, wenn Menschen einer bestimmten Religion oder Hautfarbe unter Generalverdacht gestellt werden, und wir lassen nicht nach in unserem Kampf gegen den Antisemitismus! Wir müssen verhindern, dass sich die Gruppen immer mehr voreinander verschanzen! Wir müssen uns aufraffen und aufeinander zugehen! Wir müssen dafür sorgen, dass diese Gesellschaft mit sich im Gespräch bleibt!

Und – auch das: Wir müssen wieder kämpfen für den Zusammenhalt in Europa, und wir müssen streiten für eine internationale Ordnung, die angefochten wird – selbst von unseren Partnern. Denn dieser europäischen Einigung und dieser internationalen Zusammenarbeit haben wir es zu verdanken, dass wir Deutschen heute wieder ein Volk sind, das wirtschaftlich und politisch zu Kräften gekommen ist; das in seiner großen Mehrheit weltoffen und europäisch leben will; das von vielen in der Welt geachtet, ja sogar geschätzt wird; das immer noch in seinen Konzertsälen Symphonien lauscht und in seinen Nachtclubs heute vielleicht nicht mehr zu Swing, sondern zu Electrobeats tanzt; dessen Wissenschaftler wieder Nobelpreise gewinnen; dessen Athleten Rekorde brechen; dessen Unternehmen und Universitäten junge Menschen aus der ganzen Welt anziehen, ja, sogar und ganz besonders viele aus Israel!

Dass wir diesem großen Glück durch unser Handeln gerecht werden – das ist der wahre Auftrag dieses Tages. Er richtet sich an jeden Deutschen, weit über Gedenkstunden hinaus. Nehmen wir die Verpflichtung an!

Die Gefahren von gestern sind nicht die Gefahren von heute 

Berlin ist nicht Weimar und wird es nicht werden. Die Gefahren von gestern sind nicht die Gefahren von heute. Wer immer nur vor der Wiederkehr des Gleichen warnt, droht neue Herausforderungen aus den Augen zu verlieren. Aber: Erinnerung kann den Blick schärfen für neue Anfechtungen. Und die gibt es gewiss!

So wenig der Demokratie am 9. November 1918 ihr Scheitern schon vorherbestimmt war, so wenig ist heute, einhundert Jahre später, ihr Gelingen garantiert! Wir beobachten ein wachsendes Unbehagen an der Parteiendemokratie, bis hinein in die Mitte unserer Gesellschaft. Wir erleben, wie manche die Parlamente gar nicht mehr als Orte für politische Lösungen ansehen wollen. Nicht alle diese Menschen sind Gegner der Demokratie – aber sie alle fehlen der Demokratie. Gerade die Geschichte der Weimarer Republik zeigt doch, wie sehr wir Bürgerinnen und Bürger brauchen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, die sich den Mühen demokratischer Politik aussetzen, weil sie an ihren Wert glauben.

Ich wünsche mir, dass heute, an ihrem 100. Geburtstag, möglichst viele Menschen in unserem Land dem Wert der parlamentarischen Demokratie nicht nur nachspüren, sondern dass sie daraus die Kraft schöpfen, den Mut fassen, sich in und für diese Demokratie zu engagieren.

Denn: Mut, den braucht es dafür auch heute!

Aber der Mut des Einzelnen wird nicht genügen. Wir brauchen den verbindenden Moment. Denn wir spüren doch, dass große Fliehkräfte an unserer Gesellschaft zerren, dass die Gräben tiefer werden, nicht nur die ökonomischen, sondern auch kulturelle.

Wir alle haben ein tiefes Bedürfnis nach Heimat, Zusammenhalt, Orientierung. Und dafür spielt der Blick auf die eigene Geschichte eine entscheidende Rolle. Jedes Volk sucht Sinn und Verbundenheit in seiner Geschichte. Warum sollte das für uns Deutsche nicht gelten?

Wir brauchen die Erinnerung. Auch deshalb ist heute ein wichtiger Tag! Der 9. November kann Orientierung geben, ja! – aber keine Eindeutigkeit.

Die Bundesrepublik erklärt sich nicht allein aus dem “Nie wieder!” 

Man kann diese Bundesrepublik nicht begründen ohne die Katastrophe zweier Weltkriege, ohne das Menschheitsverbrechen der Shoah. Sie sind unverrückbarer Teil unserer Identität.

Aber: Die Bundesrepublik erklärt sich auch nicht allein ex negativo, nicht allein aus dem “Nie wieder!” Man kann unser Land nicht begründen ohne die weit verzweigten Wurzeln von Demokratie- und Freiheitsstreben, die es über Jahrhunderte hinweg gegeben hat und aus denen die Bundesrepublik nach 1945 erst wachsen konnte.

Ich weiß, es ist schwer, beides im Herzen zu tragen. Aber wir dürfen es versuchen! Wir können stolz sein auf die Traditionen von Freiheit und Demokratie, ohne den Blick auf den Abgrund der Shoah zu verdrängen. Und: Wir können uns der historischen Verantwortung für den Zivilisationsbruch bewusst sein, ohne uns die Freude über das zu verweigern, was geglückt ist in unserem Land!

Ja: Wir dürfen uns diesem Land anvertrauen – auch wenn beides in ihm steckt. Denn wir nehmen uns beides zu Herzen! Das ist der Kern eines aufgeklärten Patriotismus. Es geht ihm weder um Lorbeerkränze noch um Dornenkronen. Er ist niemals laut und auftrumpfend – er ist ein Patriotismus mit leisen Tönen und mit gemischten Gefühlen.

Manche mögen das eine Schwäche nennen – vermutlich gerade die, die einen neuen, aggressiven Nationalismus schüren. Ich empfinde das genaue Gegenteil. Der Nationalismus vergoldet die eigene Vergangenheit, er suhlt sich im Triumph über andere. Der Nationalismus, auch der neue, beschwört eine heile alte Welt, die es so nie gegeben hat.

Mehr Zuversicht wagen 

Ein demokratischer Patriotismus aber ist kein wohliges Ruhekissen, sondern ein beständiger Ansporn, für alle, die nicht sagen: “Die beste Zeit liegt hinter uns”, sondern die sagen: “Wir wollen und wir können die Zukunft besser machen!” Das ist die Zuversicht von Demokraten!

Zuversicht haben die Frauen und Männer bewiesen, die uns auf dem langen Weg zu Einigkeit und Recht und Freiheit in unserem Land vorangegangen sind. Die Vorkämpfer zur Zeit der Französischen Revolution, in der sehr kurzlebigen Mainzer Republik etwa, und im liberalen Vormärz, während der Revolution von 1848 und in der Frankfurter Paulskirche, deren Geist nicht nur die Weimarer Verfassung durchzieht, sondern auch unsere heutige!

Und wenn wir genau hinschauen, dann entdecken wir noch frühere Anfänge von Selbstbestimmung und Gewaltenteilung. Anfänge, die bis ins Mittelalter zurückreichen, zum Stolz der Freien Reichs- oder Hansestädte etwa, zu den Freiheitsforderungen der deutschen Bauern, oder zur alten Reichsverfassung, von der sich sogar amerikanische Verfassungsväter inspirieren ließen.

Wir erinnern an diejenigen, die im Kaiserreich und in der Weimarer Republik, im Exil und im Widerstand gegen den Nationalsozialismus für Freiheit und Demokratie kämpften und von denen nicht wenige ihr Leben ließen. 

Und vor allem denken wir heute an die Frauen und Männer, die im Herbst 1989 auf die Straßen strömten – in Leipzig, Dresden, Plauen und Chemnitz, in Berlin, Potsdam, Halle und Magdeburg, in Arnstadt, Rostock und Schwerin. Sie haben den Weg zur Wiedervereinigung unseres Landes bereitet. Ohne ihre Friedliche Revolution, ohne ihren Mut und Freiheitswillen hätte es ihn nicht gegeben: den Fall der Mauer. Jenen glücklichsten 9. November in unserer Geschichte! Auch daran erinnern wir heute in Dankbarkeit!

Erinnert an die Väter und Mütter unserer Demokratie 

All diese Frauen und Männer haben nach und nach errungen, wovon die Deutschen lange Zeit nur träumen konnten: ein freies, vereintes, demokratisches Deutschland. Zu viele von ihnen sind heute vergessen. Ich wünsche mir, dass wir mehr Aufmerksamkeit, mehr Herzblut und, ja, gern auch mehr finanzielle Mittel den Orten und den Protagonisten unserer Demokratiegeschichte widmen! Für das Selbstverständnis unserer Republik sollten wir mehr investieren als nur in die Grablege von Königen oder die Schlösser von Fürsten!

Wir alle, die wir uns zur Demokratie bekennen, die Millionen, die sich Tag um Tag für dieses Land engagieren, stehen in dieser Tradition! Sie zeigen durch tägliches Beispiel: Ein demokratischer Patriotismus ist keine Abstraktion und keine Kopfgeburt. Das Engagement dieser Bürgerinnen und Bürger entspringt doch nicht allein aus kühlem Verstand, sondern bei den allermeisten aus tiefstem Herzen! Also: Trauen wir uns doch! Trauen wir uns, die Hoffnung, die republikanische Leidenschaft jener Novembertage auch in unserer Zeit zu zeigen. Trauen wir uns, den Anspruch zu erneuern: Es lebe die deutsche Republik! Es lebe unsere Demokratie!”

Klassenclown

Meine eigene Karriere als Klassenclown ist, zugegeben, sehr, sehr lange her. Und mitunter erinnere ich mich nur mühsam. Sicher aber weiß ich, daß ich die dunkle, in unserem Falle grüne Tafel, nicht hätte mit dem Gesicht des Glücks übermalen können. Mir fehlten alle zeichnerischen Fähigkeiten für ein regenbogenfarben strahlendes Gesicht des Glücks. Gottlob aber ergaben sich ja vielfältige Möglichkeiten, die Fähigkeiten als Klassenclown zu proben und zu entfalten. Wie komme ich jetzt auf den Klassenclown? Heute wird weltweit der Internationale Kindertag begangen. Lediglich in Deutschland und in Österreich feiern wir den Weltkindertag am zwanzigsten September. Sei‘s drum. Jacques Prévert, der trotz mißratener Schulkarriere als leidenschaftlicher Schwänzer zum großen französischen Dichter avancierte, hat sich in seiner literarischen Kunst deutlich gegen die Zurichtung der Kinder in der Schule ausgesprochen. Beispielsweise hat er auch über den Schulversager geschrieben, in dem er die “Gefangennahme” des kindlichen Geistes in der Schule kritisiert, in der das Kind seiner individuellen Kraft beraubt werde. Und was für ein Szenario: die gescheitelten Köpfe der Musterschüler, der Lehrer mit dem lauernden Blick, Fragen als Salven, Problemkugelhagel.

Der Klassenclown

(nach Le cancre; aus: Paroles, 1946)

Unter ihm

die gescheitelten Köpfe

der Musterschüler,

vor ihm

der lauernde Blick

des Lehrers.

Die Salven der Fragen

prasseln auf ihn ein,

er taumelt

im Kugelhagel der Probleme,

die nicht die seinen sind.

Plötzlich aber

lacht sich der helle Wahnsinn

durch sein verdüstertes Gesicht.

Er greift nach dem Schwamm

und wischt es einfach weg,

das Labyrinth aus Zahlen und Fakten,

aus Daten und Begriffen,

aus Phrasen und Formeln,

und übermalt

unter dem Gejohle der Klassenmanege

regenbogenfarben

die dunkle Tafel des Unglücks

mit dem strahlenden Gesicht des Glücks.

Obszön

An Frank Spellman werden sich gewiß nur wenige erinnern und man muß ihn heute auch nicht nicht mehr kennen. Ich war noch jung, so um die siebzehn, achtzehn Jahre alt, als ich von ihm erfuhr. Zu jener Zeit war er als Francis Joseph Kardinal Spellman Erzbischof von New York und Militärerzbischof der USA. Der “glühende Meinungsführer der Rechten und Konservativen”, so Wikipedia, war einst Unterstützer von McCarthy und dessen unamerikanischen Umtrieben. Spellman – und das machte seine vorübergehende und eher traurige Bekanntheit hierzulande aus – segnete die Waffen, die im Krieg gegen Vietnam eingesetzt wurden. Vorbei, Geschichte, erledigt. Nein. Heute ist in Focus-Online zu lesen, daß wieder Waffen gesegnet werden. Nur wenige Tage nach dem Massaker in Florida ließ es sich die Kirche “World Peace and Unification Sanctuary” nicht nehmen, das bei dem Amoklauf verwendete Gewehr AR-Fünfzehn als “eisernen Stab” aus der “Offenbarung des Johannes” zu preisen und das Recht auf Waffenbesitz als “von Gott direkt gegeben” zu würdigen. Ich erspare mir und allen Lesern die Bilder von Gewehren im Gottesdienst und Kronen von Gemeindemitgliedern, die aus Patronenhülsen gefertigt sind. Das ist obszön.

Neunzehnhundertsiebenundsechzig

Ich selber hätte nicht daran gedacht. Wie auch? Nach fünfzig Jahren. Ich war ja erst sechzehn. Neunzehnhundertsiebenundsechzig. Und Schüler. Mitglied der “Aktion kritischer Schüler”. Am Stadtgymnasium in Porz, heute eingemeindet nach Köln. “Iskra” hieß die Schülerzeitung. Der Funke. Wie die revolutionäre Zeitung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, die Anfang des letzten Jahrhunderts drei Jahre lang unter Federführung Lenins erschien. Kein Wunder also, daß ich mich in dieser Zeit entschied, Mitglied in der Gewerkschaft zu werden. Wenn die Schülerzeitung schon einen derartigen Namen bekommt. Das war ja mehr Programm als nur Name. Gewerkschaftsmitglied. Auch als Schüler. Und so traf es dann die IG Chemie. Warum auch immer. Jedenfalls bin ich seither Mitglied der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Nach der Schule bei der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands, als Student und Medienwissenschaftler bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, hernach, als Journalist und Produzent, als Mitglied der Industriegewerkschaft Medien – Druck und Papier, Publizistik und Kunst (IG Medien). Heute ist das Ver.di. Die vereinte Dienstleistungsgewerkschaft. Der öffentliche Dienst, die Journalisten und Publizisten, die Lehrer, kommunale Angestellte und Beamte, der Handel, Verkehr, Informationstechnologie oder Telekommunikation. Alles und noch mehr: Ver.di. Und Ver.di hat auch an das Jahr Neunzehnhundertsiebenundsechzig gedacht und meinen seinerzeitigen Eintritt in die Gewerkschaft. Vor ein paar Tagen ging mir eine Urkunde zu und eine Ehrennadel für die fünfzigjährige Mitgliedschaft in der Gewerkschaft. Gestern dann fand die Jubilarenehrung in der Wuppertaler VillaMedia statt. Ein würdevoller Rahmen. Für die Gewerkschaftsmitgliedschaft zwischen fünfundzwanzig und 70 Jahren. Ja, siebzig und fünfundsechzig Jahre. Eingetreten Neunzehnhundersiebenundvierzig oder Neunzehnhundertzweiundfünfzig. Das gibt es. Und das wird zu Recht gefeiert. Ich persönlich habe allen Grund, der Gewerkschaftsbewegung dankbar zu sein. Denn schließlich hat mich die Stiftung Mitbestimmung während meines Studiums gefördert. Ohne diese Förderung wäre seinerzeit ein Studium des Arbeiterkindes Wolfgang Horn kaum denkbar gewesen.

Jojo

Frank Hermes hat mich heute mit seiner Facebookbemerkung, das sei der beste Text von BAP, wieder auf die Spur dieses uralten Songs gebracht. Danke, Frank.

Hier der Text, in Kölsch und drunter in Deutsch …

Jojo

Ich weiß ni’ mieh, wo, nur noch, wie se do jing,
Die verbiesterte Ahl met däm Hungk ahn der Ling,
Zom Krüppel jemästet wie ’n Karikatur,
’Ne Jojo, dä belle kann ahn ener Schnur,
Die die ahl Frau nit losslööt, op jar keine Fall,
Ihr läuf keiner mieh fott wie die andere all:
Wie dä Mann, wo ihr nur ’n Schachtel Feldposs vun blevv,
Die se usswendig kann, ävver trotzdäm ophevv.
Enn Sütterlin steht do, wie schön se ens wohr,
Vüür allem ihr Naas un ihr pechschwazze Hoor –
Wie die vun dä Zijeunerin övverm Koppengk,
Op däm Ölbild, dat ihr ens ihr Dochter jeschenk.
Die, die jetz joot verhieroot enn Rüsselsheim lääv,
Met zwei Enkel, un jed Johr zom Mutterdaach schriev.
Wie der Sohn, der sich Johr un Daach ni’ mieh jemeld –
Nur dat Dier, sons kei Minsch hätt die Ahl op der Welt.

Oder dä, dä em Ahnzoch, su lang ich nur weiß,
Naax „Beim Büb“ ahn der Thek steht un unnohbar deit,
Dä nur sprich, wenn er sich jet ze drinke bestellt,
Och dä hatt sich dat all nit esu vüürjestellt,
Als e’ domohls aktiv enn der ahle KP,
Noch beseelt vun dä Machbarkeit singer Idee,
Der vun Freede, Gleichheit un Freiheit, jekämpf hätt,
Jebraat hätt ihm dat nix, nur die Zick em KZ.
Donoh Strafbataillon ahn der vorderste Front,
Wo e’ övverjelaufe un doch nit verschont,
’Ne sechs Johr lange Winter, Sibirien dann,
Enn ’nem Bleibergwerk – Jott sei Dank nit ahn de Wand.
Dä hätt nie widder Fooß jepack, selden jelaach,
Sick e’ zosinn moht, wie’t nohm Kreech jing övver Naach:
Schnell ’t Parteibooch jewähßelt, wat nit ens ärsch schwer,
Die ahl Nazis, nit er, wohren lang widder wer.

“Antoinette“, die bürjerlich Erika heiß
Un jed Naach Eck Maternus- un Mainzerstrooß steht,
Bess zwei, drei – vill Freier kumme nit mieh,
Dat verletz se, ’t dunn nit nur ihr Krampfodre wieh.
Jeht off stundelang hin un her, waat, dat wer hällt
Für ’ne Quickie öm Röcksetz, se bruuch halt dat Jeld.
Wenn och ni’ mieh für Freddy, dä och leev sinn kunnt,
Dat dä fott ess, obwohl e’ su ärsch op ihr stund!
Hä, dä Big Spender, un Heini, dä Doof,
Un Lisa, die Mösch, domohls leef et su joot:
Enn Champanger jebaad un met Nerz affjedrüsch,
Hück Naach hällt bloß de Schmier, övverhührt, dat se lüsch.
Nä, kei Metleid vun dänne, nit vun su ’n Pänz,
Der ihr Mutter se sinn künnt, nä wirklich, em Ähnz!
Dann ald leever dä Neid, dä se fröher jespürt,
Övver däm stund se drövver, dä hätt nie jestührt,
Dä hätt echt nie jestührt.

Jojo

Ich weiß nicht mehr, wo, nur noch, wie sie da ging,
Die verbiesterte Alte mit dem Hund an der Leine,
Zum Krüppel gemästet wie eine Karikatur,
Ein Jojo, der bellen kann an einer Schnur,
Die die alte Frau nicht loslässt, auf gar keinen Fall,
Ihr läuft keiner mehr fort, nicht wie die anderen alle:
Wie der Mann, von dem ihr nur eine Schachtel Feldpost bleibt,
Die sie auswendig kann, aber trotzdem aufhebt.
In Sütterlin steht da, wie schön sie mal war,
Vor allem die Nase und das pechschwarze Haar –
Wie das der Zigeunerin überm Kopfende,
Auf dem Ölbild, das ihre Tochter mal geschenkt.
Die, die jetzt gut verheiratet in Rüsselsheim lebt,
Mit zwei Enkeln, und jedes Jahr zum Muttertag schreibt.
Wie der Sohn, von dem sie seit Jahr und Tag nichts mehr gehört –
Nur das Tier, keinen Menschen hat die Alte auf der Welt.

Oder der, der im Anzug, so lang ich nur weiß,
Nachts „Beim Büb“ am Tresen steht und sich unnahbar gibt,
Der nur spricht, wenn er sich was zu trinken bestellt,
Auch der hat sich das alles nicht so vorgestellt,
Als er damals aktiv in der alten KP,
Noch beseelt von der Machbarkeit seiner Idee,
Für Frieden, Gleichheit und Freiheit gekämpft hat,
Gebracht hat ihm das nichts, nur die Zeit im KZ.
Danach Strafbataillon an der vordersten Front,
Wo er übergelaufen und doch nicht verschont,
Ein sechs Jahre langer Winter, Sibirien dann,
In einem Bleibergwerk – Gott sei Dank nicht an der Wand.
Der hat nie wieder Fuß gefasst, selten gelacht,
Seit er zusehen musste, wie’s nach dem Krieg ging über Nacht:
Schnell das Parteibuch gewechselt, was nicht mal sehr schwer,
Die alten Nazis, nicht er, waren längst wieder wer.

“Antoinette“, die bürgerlich Erika heißt
Und jede Nacht Ecke Maternus- und Mainzerstraße steht,
Bis zwei, drei – viele Freier kommen nicht mehr,
Das verletzt sie, dann tun nicht nur die Krampfadern weh.
Geht oft stundenlang hin und her, hofft, dass wer hält
Für den Quickie auf dem Rücksitz, sie braucht halt das Geld.
Wenn auch nicht mehr für Freddy, der auch lieb sein konnte,
Dass der weg ist, obwohl er so sehr auf sie stand!
Er, der Big Spender, und Heini, der Depp,
Und Lisa, der Spatz, damals lief es so gut:
In Champanger gebadet und mit Nerz abgetrocknet,
Nur die Bullen halten noch, überhören, dass sie lügt.
Nein, kein Mitleid von denen, nicht von den Jungs,
Deren Mutter sie sein könnte, nein wirklich, im Ernst!
Dann schon lieber den Neid, den sie früher gespürt,
Über dem stand sie drüber, der hat nie gestört,
Der hat echt nie gestört.
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Sugarman

Christoph Schulte sei Dank, dem Drittel von Sundown Acoustic Trio. Er hat am Freitag Abend im Bistro der Kattwinkelschen Fabrik als Anmoderation für das Stück “Sugarman” kurz die Geschichte von Sixto Díaz Rodríguez erzählt, einem amerikanischen Folk-Singer-Songwriter. Eine Randnotiz der Musikgeschichte zwar, aber eine Parabel über Ruhm und Vergänglichkeit. Rodríguez, Sohn mexikanischer Einwanderer, verdiente seinen Lebensunterhalt mit Auftritten in Kneipen. In den sechziger Jahren nahm er ein Folk-Album mit selbst geschriebenen Songs auf, Cold Fact. Trotz der positiven Kritiken ein kommerzieller Flop. Nur wenige hundert Alben wurden verkauft. Das war vorläufig das schnelle Ende einer Musikerkarriere. Er arbeitete hernach als Sozialarbeiter, an einer Tankstelle und auf dem Bau. Neunzehnhunderteinundachtzig machte er seinen Bachelor in Philosophie. Er bekam nicht mit, dass sich seine Musik im von der Apartheid geprägten Südafrika sehr verbreitete und er dort als legendenumwobener Superstar galt. Seine Alben waren als Kassetten-Kopien nach Afrika gelangt und seine Texte wurden insbesondere von Jugendlichen als Protestlieder interpretiert. Für sie war Rodriguez ein Star wie Jimi Hendrix oder Bob Dylan. Sein Werdegang und die Suche nach ihm ist Gegenstand des Zweitausendzwölf erschienenen Dokumentarfilms Searching for Sugar Man. Der Film wurde bei der Oscar-Verleihung Zweitausenddreizehn als Bester Dokumentarfilm ausgezeichnet.

 

Die Ironie der Missionarsstellung: Von der A-tergo-Zeit zum Face-to-Face-Liebesspiel

Das Wort Missionarsstellung enthält eine unberechtigte Ironie. Die christlichen Prediger haben fremden Völkern nicht nur das Evangelium gebracht, sondern auch die Idee, dass der Begegnungs-Charakter von Sexualität ernst genommen werden muss. Wie in Paris, also auch im Busch. Kurzum, der Übergang von der A-tergo-Zeit zum personalisierten Face-to-face-Liebesspiel darf unter keinen Umständen ins Lächerliche gezogen werden.

Der Philosoph Peter Sloterdijk im Interview mit S. Michaelsen, D. Pfeifer und V. SchröderGuter Sex braucht Freiheit. Die erotische Revolution sollte das gesellschaftliche Bewusstsein erweitern. Heute herrschen zwischen Frauen und Männern aber oft Misstrauen und Unsicherheit, in: Süddeutsche Zeitung vom siebzehnten September Zweitausendundsechzehn

Todestal der Vergangenheit

Der israelische Staatspräsident Shimon Peres verstarb am achtundzwanzigsten September Zweitausendundsechzehn im Alter von dreiundneunzig Jahren. Am siebenundzwanzigsten Januar Zweitausendundzehn sprach er anläßlich der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus im Deutschen Bundestag. Man sei sich in Deutschland wie in Israel “der Finsternis, die im Todestal der Vergangenheit herrschte”, bewusst – auch angesichts der “gemeinsamen, klaren Entscheidung, unseren Blick nach vorne zu richten – zum Horizont der Hoffnung und in eine bessere Welt”.

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Putsch, Streich, Coup

Von einem Militärputsch ist meist nicht die Rede, wenn der Verschwörung zum militärischen Widerstand und des Umsturzversuches des zwanzigsten Juli gedacht wird. Jenes gescheiterten Attentats von Claus Schenk Graf von Stauffenberg und anderen Militärs sowie einigen wenigen Zivilpersonen auf den gewählten Kanzler Hitler, heute vor zweiundsiebzig Jahren. Und doch war es eben dies, ein Militärputsch, ein Staatsstreich, ein Coup d’État. Das machen auch die Worte von Stauffenberg deutlich: „Es ist Zeit, daß jetzt etwas getan wird. Derjenige allerdings, der etwas zu tun wagt, muß sich bewußt sein, daß er wohl als Verräter in die deutsche Geschichte eingehen wird. Unterläßt er jedoch die Tat, dann wäre er ein Verräter vor seinem Gewissen.“ Die Verschwörer, überwiegend Berufssoldaten, meist aristokratischer Herkunft und konservativer Gesinnung, zahlten mit ihrem Leben, Familien und Verwandte wurden geächtet, verfolgt, inhaftiert. Erst nach und nach machten Argwohn und Distanz den Attentätern gegenüber im sich entwickelnden Nachkriegsdeutschland Platz für Respekt und Bewunderung für die Widerständler, für den Mut, für ihre Überzeugungen ihr Leben aufs Spiel zu setzen. Ein gescheiterter Militärputsch spielt in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland also eine erhebliche Rolle für die Identifikation der Bürger mit dem Land und seiner Geschichte. Der Widerstand, der Kampf gegen die Tyrannei, gleich ob von Sozialdemokraten und Kommunisten, von Christen oder Berufssoldaten, von Juden oder Studenten getragen, von Einzelgängern oder Kriegsgefangenen, von Kaufleuten oder Künstlern, der Widerstand gegen den Nationalsozialismus, der Mut Einzelner und der von Gruppen, aktiv gegen das faschistische Regime zu kämpfen, trug die Kraft der Versöhnung mit der Geschichte in sich. Heute sind sich die Beobachter einig: Der versuchte Militärputsch in der Türkei war ein Akt gegen eine gewählte Regierung. Und mithin undemokratisch. Aber auf den Militärputsch folgte der Staatsstreich. Durch die gewählte Regierung. Wenn Soldaten, Richter, Staatsanwälte, Beamte, Lehrer, Professoren oder Journalisten ohne ein Gesetz, ohne einen Richterspruch inhaftiert und kujoniert werden, entlassen, wenn Journalisten, Verlage, Zeitungen und Rundfunkanstalten an wahrheitsgetreuer Information gehindert, Sendelizenzen aufgehoben, Redaktionsräume zugesperrt werden, das alles ohne Gesetz und Gerichtsverfahren, dann ist das nicht weniger und mehr als ein Staatsstreich nach dem und unter dem Vorwand des Militärputsch(es).  Mitunter wird ein feinsinniger Unterschied darin gesehen, daß bei einem Putsch, vor allem einem Militärputsch der gewaltsame Sturz der Regierung von außen versucht wird, während an einem Staatsstreich einige oder mehrere Mitglieder der aktuellen Regierung beteiligt sind. Im konkreten Fall ein Präsident und ein Ministerpräsident. Ein feinsinniger Unterschied.