Kategorie: Fundsachen

Durchjammern

Die Rechten von heute aber jammern durch. Ob im Kulturbetrieb, im Bundestag oder in den Medien. Ununterbrochen beschweren sie sich über die „linke Meinungsdiktatur“ und mediale „Gesinnungskorridore“. Sie schreiben Bücher und Zeitungen mit Texten voll, in denen sie behaupten, eine Meinung wie ihre könne man in Deutschland nicht publizieren; sie setzen sich auf Bühnen und Podien und sagen: „Das, was ich gerne sagen würde, darf man ja öffentlich nicht sagen.“ Und dann sagen sie es.

Hartmut El Kurdi, Die Wahrheit. Rechtes Gejammer, in: Tageszeitung vom achtundzwanzigsten März Zweitausendundachtzehn

“Mülleimer der Geschichte”

“Wenn das volle Ausmaß Ihrer Käuflichkeit, moralischen Verderbtheit und politischen Korrumpierung bekannt wird, werden Sie als Demagoge in Schande Ihren rechtmäßigen Platz im Mülleimer der Geschichte einnehmen.”

John Brennan, ehemaliger Direktor des US-Auslandsgeheimdienstes CIA zum amerikanischen Präsidenten Donald Trump laut Focus-Online.

“Sei gut zu Dir selbst!”

Zum Goldenen Einhorn in Aachen. Vor einigen Monaten. Mit meinem Freund Lothar. Nach eigenem Bekunden „älteste überlieferte Gastronomie“ in der Kaiserstadt. An der Wand des gediegenen Gasthofes Illustrationen und Fotos aus der Geschichte des seit Dreizehnhundertneunundvierzig am Markt Dreiunddreißig befindlichen Hauses, von Gästen, prominenten und unerkannten, von Ereignissen, meist vergessenen. Und neben mir, im schlicht-braunen Holzrahmen, ein wenig fleckig: Desiderata, Aus der alten St. Pauls-Kirche Baltimore von 1692.

Gehe ruhig und gelassen durch Lärm und Hast, und sei des Friedens eingedenk, den die Stille bergen kann.

Stehe soweit ohne Selbstaufgabe möglichst in freundlicher Beziehung zu allen Menschen. Äußere Deine Wahrheit ruhig und klar und höre anderen zu, auch den Geistlosen und Unwissenden. Auch sie haben ihre Geschichte.

Meide laute und agressive Menschen. Sie sind eine Qual für den Geist.

Wenn Du Dich mit anderen vergleichst, könntest Du bitter werden und Dir wichtig vorkommen. Immer wird es jemanden geben, größer oder geringer als Du.

Freue Dich Deiner eigenen Leistungen, wie auch Deiner Pläne. Bleibe weiter an Deiner eigenen Laufbahn interessiert, wie bescheiden sie auch immer sein mag. Sie ist echter Besitz im wechselnden Glück der Zeiten. In Deinen geschäftlichen Angelegenheiten laß Vorsicht walten, denn die Welt ist voller Betrug. Aber dieses soll Dich nicht blind machen gegen gleichermaßen vorhandene Rechtschaffenheit. Viele Menschen ringen um hohe Ideale, und überall ist das Leben voller Heldentum.

Sei Du selbst! Vor allen Dingen heuchle keine Zuneigung! Noch sei zynisch, was die Liebe betrifft. Auch im Angesicht aller Dürre und Enttäuschungen ist sie doch immerwährend, wie das Gras.

Ertrage freundlich und gelassen den Ratschluss der Jahre! Gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf! Stärke die Kraft des Geistes, damit sie Dich in plötzlich hereinbrechendem Unglück schütze. Aber beunruhige Dich nicht mit Einbildungen. Viele Befürchtungen sind die Folge von Erschöpfung und Einsamkeit. Bei einem heilsamen Maß an Selbstdisziplin sei gut zu Dir selbst!

Du bist ein Kind des Universums, nicht weniger als die Bäume und die Sterne. Du hast ein Recht hier zu sein, ob es Dir nun bewußt ist oder nicht; zweifellos entfaltet sich das Universum wie vorgesehen.

Darum lebe in Frieden mit Gott, was für eine Vorstellung Du auch immer von ihm hast. Was immer Dein Mühen und Sinnen ist, in der lärmenden Wirrnis des Lebens erhalte Dir den Frieden mit Deiner Seele!

Trotz all ihrem Schein, der Plackerei und den zerbrochenen Träumen ist die Welt doch wunderschön! Sei vorsichtig und strebe danach glücklich zu sein!!

Desiderata, Aus der alten St. Pauls-Kirche Baltimore von 1692

Modern mutet er an, der Text, aktuell gar. Er entfaltet Wucht. Hat man so geschrieben am Ende des siebzehnten Jahrhunderts? Hat man unterschiedliche Gottesvorstellungen zugelassen, sogar ermutigt? Sollte das irdische Glück der Menschen diesen Stellenwert in einem Kirchenpapier zugeschrieben bekommen haben? Hat man seinerzeit schon vom sich entfaltenden Universum gesprochen? Nein, nein und nein.

Anders als in dem fleckigen Papier unter Glas zu lesen ist, handelt es sich bei der auch als Lebensregel von Baltimore bezeichneten Desiderata (Das Ersehnte) um ein Prosagedicht des deutschstämmigen amerikanischen Rechtsanwalts Max Ehrmann aus dem Jahr Neunzehnhundertsiebenundzwanzig. Sechzehnhundertzweiundneunzig ist das Gründungsjahr der ältesten Kirche in Baltimore, der Saint Paul’s Church.

Wikipedia belehrt, daß das Gedicht sich heute noch häufig finden ließe als Sinnspruch auf Alltagsgegenständen und in Zitatesammlungen. Gleichwohl: Ein Text, der den Satz enthält: “Gib die Dinge der Jugend mit Grazie auf!”, will mit Sorgfalt gelesen werden, einerlei, aus welchem Jahrhundert er stammen mag.

“Wurschtel”

Da wird mir ganz übel. Den Kurz kann ich wirklich nur bedauern, dass er sich mit dem Strache und seiner ganzen Gesellschaft ins Bett legen musste. Das ist ein schlimmes Malheur. Seid bitte froh, dass ihr die Merkel habt. Die Alternative ist schrecklich.

Lotte Tobisch im Interview mit Martin Zips, Wiener Opernball. “Der Lugner is’ a Wurschtel”, in: Süddeutsche Zeitung vom sechsten Februar Neunzehnhundertachtzehn

 

Sportler

Sportler leben nicht länger, sie sterben nur gesünder. Sagt das Netz. Ist dieses Fundstück nun eine eher tröstliche Erkenntnis oder doch eine niederschmetternde Wahrheit? Man weiß es nicht. Gottlob.

Erdbeermund

Literarische Inschrift an einer Häuserwand in Kornelimünster, gefunden bei einem Fahrradausflug mit meinem Freund Lothar. Na klar, Villon, François Villon. Denkste. Paul Zech war es, der die Liebesballade für Yssabeau schrieb, das Mädchen mit dem Erdbeermund. Erschienen ist das Werk in Zechs Büchlein Die lasterhaften Lieder und Balladen des François Villon (Weimar 1931 bzw. München: dtv, 1962 und öfter). Keine Villon-Übertragung. Frei nachgedichtet. Im Stile Villons. Und so gut wie der.

Du… Du… ich bin so wild nach deinem Erdbeermund, ich schrie mir schon die Lungen wund nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht, da blüht ein süßer Zeitvertreib mit deinem Leib die lange Nacht.
Da will ich sein im tiefen Tal.
Dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl.

Im tiefen Erdbeertal, im schwarzen Haar, da schlief ich manchen Sommer lang bei dir und schlief doch nie zu viel.
Komm… Komm… komm her… ich weiß ein schönes Spiel im dunklen Tal, im Muschelgrund…
Ah… ah… ah du… ah du… du ach, ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!
Ah… ah… ah… ah… ah… ah… aah…

Die graue Welt macht keine Freude mehr, ich gab den schönsten Sommer her, und dir hat’s auch kein Glück gebracht;
nicht wahr, hast nur den roten Mund noch aufgespart, für mich, für mich, für mich, so tief im Haar verwahrt…
Ich such ihn schon die lange Nacht im Wintertal, im Aschengrund…
Ich bin so wild nach deinem Erdbeeermund.

Im Wintertal, im schwarzen Erdbeerkraut, da hat der Schnee ein Nest gebaut und fragt nicht, wo die Liebe sei.
Ich hab doch das rote Tier so tief erfahren, als ich bei dir schlief.
Ach, oh wär nur der Winter erst vorebi und wieder grün der Wiesengrund!
Oh du… du oh… du, ich bin so wild nach deinem Erdbeermund! Oh…