Monat: Juli 2011

Das Buch des Freiherrn

Guttenberg schreibt ein Buch, melden die Gazetten. Jener Guttenberg, dem die Universität Bayreuth Vorsatz beim Diebstahl geistigen Eigentums im Zusammenhang mit der Erstellung seiner Doktorarbeit bescheinigt hat. Nun schreibt er wieder. Eigenhändig. In Connecticut, wo die unermeßlich reiche Familie bereits ein Haus gekauft hat. Vermutlich ein angemessen großes Haus mit vielen Zimmern. Ob da nicht noch Platz wäre für Frau Koch-Mehrin, Herrn Chatzimarkakis, Frau Mathiopoulos, Herrn Althusmann und die anderen bürgerlichen Schwindler?

Fragen stellen, Zweifel äußern, Widerspruch wagen

Klaus Bresser war zwischen1988 bis 2000 Chefredakteur des Zweiten Deutschen Fernsehens in Mainz. Im Tagesspiegel setzt sich der bald Fünfundsiebzigjährige mit der Glaubwürdigkeit von Politik und Medien auseinander, angestoßen durch den Medienskandal in Großbritannien um den Verleger Rupert Murdoch. Hier ein Ausschnitt.

Nach Umfragen glauben 80 Prozent der Deutschen der Bundesregierung nicht, dass sie die jetzt diskutierten Steuersenkungen auch durchsetzen wird. Als die schwarz-gelbe Koalition den Atomausstieg beschloss, saß das Misstrauen noch tiefer. Deutlich mehr als die Hälfte der Befragten führte den Kurswechsel nicht auf höhere Einsicht, sondern auf die Sorge vor weiteren Wahlniederlagen zurück. Wenn es sich ums Geld dreht, traut eine große Mehrheit den Regierungen in Europa nicht mehr zu, die Euro-Krise bewältigen zu können. Die Politik hat ein Glaubwürdigkeitsproblem wie kaum je zuvor. Die sinkende Wahlbeteiligung ist dafür das eindeutige Indiz. Eine zunehmende Anzahl von Bürgern vertraut den Parteien nicht mehr, will deshalb auch nichts mehr von ihnen wissen.

Welche Rolle spielen die Medien in einer solchen Situation? Können sie etwas tun gegen die wachsende Skepsis in der Bevölkerung? Wir brauchen gewiss keinen Journalismus, der den Politikern mit Zuspruch oder gar Propaganda zu Hilfe eilt. Das würde die eigene Glaubwürdigkeit zunichtemachen.

Wir brauchen ganz im Gegenteil einen Journalismus, der Abstand hält zu den Mächtigen, jene professionelle Distanz wahrt, die Kritik erst möglich macht. Auf kritischen Journalismus kommt es an, auf einen Journalismus, der Fragen stellt, Zweifel äußert und Widerspruch wagt. Damit sich nicht weiter ausbreitet, was die Folge von mangelnder Information und Diskussion, fehlender Kritik und Kontroverse ist: Desinteresse, Vertrauensverlust, Abkehr von der Politik.

Schafft der Journalismus das? Journalisten haben das Richtige vom Falschen, die Spreu vom Weizen zu trennen. Sie sind nicht verpflichtet, den Leuten das zu geben, was ihnen schmeckt. Sie haben zu berichten, was wesentlich, nützlich, im Wortsinn lebenswichtig ist. Sie haben Auskunft darüber zu geben, was passiert in Politik, Kultur, Sport und gerade auch in der Wirtschaft, was also mit den Preisen, den Steuern, den Renten geschieht. Journalismus muss nicht jeder Sensation hinterherhecheln, nicht den Schwachsinn, Schwall und Schrott verbreiten, an den wir uns im Fernsehen und in der Boulevard-Presse zu gewöhnen scheinen.

Die Jagd nach Auflagen und Quoten hat zu einer großen Anzahl von flachen, ja geradezu dämlichen Medienangeboten geführt. Die Gefahr wächst, dass die zunehmende Banalisierung der Massenmedien Wirkungen zeitigt und große Teile des Publikums heruntermanipuliert zu einer stumpfen und dumpfen, an den öffentlichen Dingen uninteressierten Menge.

Können die Medien diese Entwicklung bremsen, womöglich aufhalten? Die rasante Ausbreitung des Internets hat die Zeitungsauflagen und Anzeigenerlöse vieler lokaler und regionaler Blätter und auch die Werbeeinnahmen mancher Sender schrumpfen lassen. Verleger und Senderchefs sparen. Weniger Geld bedeutet aber weniger Zeit für die Recherche, weniger Sorgfalt und Gründlichkeit. Dabei sollte im immer hektischeren Medienbetrieb Entschleunigung das Ziel sein. Genauigkeit muss vor Schnelligkeit gehen. Qualität braucht Zeit. Es muss Medien geben, die sich auf die existenziellen Fragen dieser Welt konzentrieren: Wie leben wir in einer globalen Gesellschaft? Wie reagieren wir auf Hunger und Elend, Unfreiheit und Unterdrückung in Teilen der Erde? Wie sichern wir die überall bedrohten natürlichen Lebensgrundlagen? Wer garantiert uns Wachstum und Wohlstand, wenn die Alten immer mehr werden und die Jungen, die für sie aufkommen müssen, immer weniger?

Für solche Themen wird es ein Publikum geben. Ein Publikum, das interessiert bleibt an der Wahrheit. Ein Publikum, dem wichtig ist, was für alle wichtig ist. Das umfassend und zuverlässig informiert werden möchte. Das die einfachsten Regeln des Anstands, der Achtung von Privatheit und Menschenwürde gewahrt wissen will.

 

Fernsehen macht aus Menschen Idioten

“Eigentlich ist es meiner Meinung nach unmöglich, Kultur und Fernsehen zusammenzubringen. Beides sind Gegensätze. Fernsehen macht aus Menschen Idioten. Deshalb bin ich eigentlich für die Abschaffung des Fernsehens. Alles im TV wird vulgärer, nur Arte widersetzt sich dem. Deshalb mag ich den Sender.” (Oliviero Toscani, Fotograf, in der Süddeutschen.)

Mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Humanität

“Amidst all this tragedy, I am proud to live in a country that has managed to hold its head up high at a critical time. I have been impressed by the dignity, compassion and resolve I have met. We are a small country, but a proud people. We are still shocked by what has happened, but we will never give up our values. Our response is more democracy, more openness, and more humanity.”  (Jens Stoltenberg, norwegischer Ministerpräsident)

Lärmverschmutzung

“Es gibt kein Schweigen mehr, keine Ruhe, nirgends. Die Luftverschmutzung ist der Lärmverschmutzung gewichen. Musik im Supermarkt, Musik im Café, Musik auf Restauranttoiletten. Köche im Fernsehen reden mehr und schneller als Otto Waalkes in seiner quasseligsten Zeit. Schweigende Fußball-Reporter, die einfach mal Spiel und Stadionkulisse wirken lassen? Die nicht sagen „Einwurf Garefrekes“, weil doch jeder Zuschauer im Fernsehen sehen kann, dass Garefrekes einen Einwurf macht? Warum, zum Teufel, musste beim Spiel der Deutschen gegen Frankreich der ZDFler Norbert Galeske bei einem Eckball hysterisch krähen, nun müsse aber rasch die Viererkette sortiert werden, wo es doch bei Eckbällen keine Kette gibt, weder eine Viererkette noch eine Dreierkette? Weil er reden muss, zwanghaft getrieben, alle Reporter im Fernsehen plaudern und labern und emotionalisieren unablässig, atemlos, pausenlos.” Aus einem Kommentar von Norbert Thomma im Tagesspiegel.

Die Ausreden der Plagiatoren

„Als Doktorand kann man nicht so blöd sein, dass man nicht weiß, wie richtig zitiert wird.” Dieses harsche Urteil fällte gestern laut Frankfurter Allgemeine Zeitung der Münchener Rechtswissenschaftler Volker Rieble über den niedersächsischen Kultusminister und Präsidenten der Kultusministerkonferenz, Bernd Althusman, nein, noch: Dr. Bernd Althusmann (CDU). Althusmann dagegen beteuert, an deutschen Universitäten seien unterschiedliche Zitierweisen üblich und er habe Flüchtigkeitsfehler begangen. Mit einer ähnlich dreisten Ausrede versucht auch der Europaabgeordnete der FDP, Jorgo Chatzimarkakis, seine Doktorarbeit gegen Plagiatsvorwürfe zu verteidigen. Für Volker Rieble eine „Standardausrede“. „Ein wörtliches Zitat muss gekennzeichnet werden, sei es durch Einrückung oder durch Anführungszeichen. Das ist nicht verhandelbar und das ist in der Atomphysik genauso wie bei Soziologen.“ Die Plagiatoren werden nicht einfallsreicher, ihre Ausreden schon.

Wettlauf mit der Zeit

Gestern hat der Rat der österreichischen Stadt Braunau am Inn Adolf Hitler die Ehrenbürgerwürde offiziell aberkannt. Einstimmig. Nur sechsundsechzig Jahre nach der Selbstentleibung des in Braunau geborenen Führers der Nationalsozialisten. “Den Wettlauf mit der Zeit verlieren am häufigsten Politiker.” (Siegfried Wache, 59, Buchautor)

Geniale Terminplanung der SPD in Wermelskirchen

Es gibt sie noch, die örtliche SPD. Jedenfalls hat sie mich eingeladen zu einer Mitgliederversammlung. Löblich. Nach Monaten mal wieder Gelegenheit zur politischen Diskussion. Auch um die Politik in Düsseldorf soll es gehen. Sehr gut. Bietet doch das nachgerade erbärmliche Taktieren der SPD-Fraktionsspitze bzw. der parlamentarischen Geschäftsführerin neulich in der Debatte um die West LB Anlaß genug, über den demokratischen Umgang im Parlament und die Bedeutung von Absprachen nachzudenken und zu diskutieren, vor allem, wenn sich Rot-Grün als “Koalition der Einladung” versteht. Nur: Welcher Teufel hat denn eigentlich den Wermelskirchener Ortsvereinsvorstand geritten, diese Mitgliederversammlung auf den kommenden Mittwoch zu terminieren? Dann nämlich finden zwei Halbfinalspiele der Frauenfußball-WM statt. Die Volksnähe von Volksparteien zeigt sich unter anderem daran, ob bei der Festlegung von Terminen auch der Rahmenterminkalender des Deutschen Fußball-Bundes zu Hilfe genommen wird.