Kultur der Achtsamkeit

Bundespräsident Horst Köhler fordert in seiner Weihnachtsansprache eine “Kultur der Achtsamkeit”. Achtsam. Ein Wort, das es in der deutschen Umgangssprache so gut wie nicht mehr gibt. Bestenfalls kennt und verwendet man noch das Gegenteil, unachtsam. Achtsamkeit. Ein Wort, das heutzutage eher in psychologischen und meditativen Zusammenhängen verwendet wird, ein Wort, dessen Verwendung eher in die Richtung innerer Ruhe geht. Achtsamkeit ist mehr, ist Aufmerksamkeit, Sorgfalt, Gelassenheit. Achtsamkeit hat mit Achtung und Wertschätzung zu tun. Achtsamkeit ist Anwesenheit, bedeutet, aufgeschlossen und unvoreingenommen zu sein, genau hinzusehen, nach innen und nach außen, mitzudenken, mitzuentscheiden, mitzuhoffen und mitzuleiden, wo immer gedacht, entschieden, gehofft und gelitten wird. Ich gestehe freimütig, daß ich Köhlers Reden nicht immer sehr gelungen finde. Daß aber der Redenschreiber nun ein so umfassendes und wichtiges Wort wie die Achtsamkeit für die gesellschaftliche Debatte neu belebt und zum Kernbegriff der Köhlerschen Weihnachtsansprache macht – Respekt. Und Dank. Und dann gibt es in der Weihnachtsansprache einen weiteren Begriff, der aufhorchen läßt. Ehrbarkeit. “Achtsam leben, das heißt auch, sich für eine gerechte Ordnung einsetzen, bei uns und in der Welt. (…) Wir haben gerade erlebt, dass Maßlosigkeit bei Finanzakteuren und Mängel bei der staatlichen Aufsicht die Welt in eine tiefe Krise gestürzt haben. Wir brauchen Ehrbarkeit und bessere Regeln in der Finanzwirtschaft. Wir brauchen das Verständnis dafür, dass Geld den Menschen dienen muss und sie nicht beherrschen darf.” Ehrbar. Wir kennen vielleicht noch das Wort vom “ehrbaren Kaufmann”. Wir können es aber mit dem Finanzkapitalismus nicht zusammenbringen. Achtsamkeit. Ehrbarkeit. Die zeichnet jene nicht aus, die sich nicht scheren um den Nächsten, die Solidarität opfern für Eigennutz, die Globalisierung als enthemmtes Wirtschaften gegen die Interessen des Gemeinwesens verstehen. Es wird Zeit für alte Werte.

2 Kommentare

  1. Michael Lichtenberg

    Lieber Wolfgang, lieber Herr Hansel!

    Du hast, Sie haben ja so recht. Alles das, was sie ausführen kann ich nur voll unterschreiben. Achsamkeit und Ehrbarkeit sind Begriffe, die abhandengekommen scheinen.
    Dabei gehören Sie zu den zentralen Begriffen der christlichen (nicht nur dieser) Lehre. Achtsamkeit muss auch gegenüber andersdenkenden gelten. Es ist nicht christlich, Menschen moslemischen Glaubens den Bau eines Gotteshauses zu verweigern, auch nicht mit dem Argument, manche moslemischen Länder gestatteten nicht den Bau von Kirchen. Auch wenn das alte Testament der gemeinsame Ursprung von Judentum, Islam und Christentum ist, gilt seit Jesus Christus nicht mehr die Devise Auge um Auge….
    Ich wünsche allen Menschen eine Rückkehr zu den Begriffen
    Achtsamkeit und Ehrbarkeit durch möglichst viele, und zwar in allen Lebenslagen, denn jeder Mensch hat seinen eigenen Wert und den gilt es uneingeschränkt zu respektieren. Leider gab es eine Zeit, da wurde von den Machthabern entschieden, was lebenswertes Leben ist. Nie wieder!! Und Geld kann man übrigens nicht essen. Also versauen wir nicht unsere Lebensmittel für mehr Profit.
    Noch eine Bemerkung zu den Kindern dieser Welt. Leider wird mit Ihnen vielfach nicht achtsam umgegangen, zuweilen auch kriminell, was besonders furchtbar ist. Kinder sind aber immer noch unser höchstes Gut – was die SinglebankerInnen nicht erkennen können, denn sie machen Geld. Die Kinder sind unsere Zukunft – also pflegen wir sie.
    Ich habe zwei, inzwischen 3 Enkelkinder und 7 Nichten und Neffen – eine gute Zukunft, und auf Zuwachs angelegt.

    Frohe Weihnacht!

  2. Franz Hansel

    Kultur der offenen Worte

    Ich bin einer dieser Blog-Leser, die bisher nie als Blog-Schreiber aktiv geworden sind. Jetzt ist die Zeit reif. Warum auch immer. Nein, eigentlich kenne ich den Grund. Es sind Wolfgang Horns Gedanken zur „Kultur der Achtsamkeit“.

    Ich habe sie gelesen, nachdem Ruhe einkehrte – nachdem die Aufregungen, die Freuden, die vielen Facetten des „heiligen Abends“ ihre erschöpfenden Konsequenzen nach sich zogen: drei tolle Kinder und eine großartige Ehefrau schlafen dem 1. Weihnachtsfeiertag entgegen.

    Da las ich dann diese Zeilen:
    „Achtsamkeit hat mit Achtung und Wertschätzung zu tun. Achtsamkeit ist Anwesenheit, bedeutet, aufgeschlossen und unvoreingenommen zu sein, genau hinzusehen, nach innen und nach außen, mitzudenken, mitzuentscheiden, mitzuhoffen und mitzuleiden, wo immer gedacht, entschieden, gehofft und gelitten wird.“

    Das Ganze bezieht sich auf die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten, die Wolfgang Horn dazu bewegten, mit offenen Worten mal wieder zum Nachdenken anzuregen.

    Und er hat ja so Recht – genauso wie der Redenschreiber des Bundespräsidenten, der diesen „altmodischen“ Begriff zu einem Zentrum der Köhlerschen Ansprache machte.

    „Achtsamkeit“ ist ein Wort, dass nicht nur in der Sprache viel zu selten genutzt wird. Achtsamkeit wird auch viel zu selten gelebt. Denn achtsam zu sein, ist anstrengend. Es fordert Hinhören, Hinsehen, Interesse für`s Gegenüber, auch für denjenigen, der vielleicht gerade nicht präsent, aber einem dennoch wichtig ist. Achtsamkeit ist ein Wert – hoffentlich kein vom Aussterben bedrohter. Denn ihn zu leben, ist für eine soziale Gesellschaft von überlebenswichtiger Bedeutung.

    Wer achtsam ist, hat Augen und Ohren auf. Wer Augen und Ohren auf hat, kriegt mit, erlebt, fühlt mit – und denkt. Denkt im Kontext. Warum, weshalb, wieso? Erst wer sich diese Fragen stellt, kann in Krisenzeiten, bei kleinen und großen Problemen weiterhelfen, mit Rat und Tat zur Seite stehen. Und ist es nicht genau das, was wir uns wünschen? Menschen, die sich für uns interessieren, uns zuhören, unsere Gedanken, Sorgen und Freuden ernst nehmen, so wie wir unser Gegenüber hoffentlich ernst nehmen?

    Und jetzt mal Hand auf`s Herz? Wer hat sie – diese Menschen, die achtsam sind, von denen man weiß, dass sie auf einen selbst, wenn auch nur ein Stück weit acht geben? Die nicht in jeder Situation sich selbst, ihr eigenes Glück oder Unglück sehen? Menschen, die in der Lage sind, zu reflektieren, ihre eigenen Nöte mal für ein paar Minuten auszublenden, weil sie einem Kollegen, Bekannten oder Freund gegenüber achtsam sein wollen!?

    Es sind nicht viele, denen ich persönlich für ihre Achtsamkeit danke. Aber es gibt sie. Einem von ihnen will ich speziell in diesem Blog dafür danken. Er wird schon wissen, dass er gemeint ist.

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