Loyalität, Stil und Anstand

Prof. Dr. Matthias Zimmer, Politikwissenschaftler und Bundestagsabgeordneter der CDU, hat einen offenen Brief an Erika Steinbach geschrieben und diesen am Samstag auf Facebook veröffentlicht. Hier einige Ausschnitte aus dem Schreiben an, für und über seine ehemalige Kollegin Erika Steinbach:

Offener Brief an Erika Steinbach

Liebe Erika Steinbach,

über die Medien hast Du uns wissen lassen, dass Du sowohl die CDU als auch die Fraktion verlässt. Damit ist ein langer, durchaus wechselseitiger Entfremdungsprozess an das vielleicht unvermeidliche Ende gekommen.

(…)

Du beklagst, die Politik der Kanzlerin breche Recht. Wir sind beide keine Juristen und deshalb auf die Expertise Dritter angewiesen. Das ist gerade in juristischen Fragen mitunter problematisch. Der Bundesminister des Inneren hat wiederholt in der Fraktion die Rechtsauffassung der Bundesregierung dargelegt, die der Deinen völlig entgegen steht. Diese Rechtsauffassung der Bundesregierung wird offenbar von namhaften Juristen geteilt.

(…)

Fleisch vom Fleische der CDU nennst Du die AfD. Dem kann nur ein groteskes Missverständnis entweder über das Programm der CDU oder der AfD zugrunde liegen. Die CDU war immer die Europa-Partei, die AfD will dieses großartige Friedenswerk zerstören. Für die CDU waren und sind die transatlantischen Beziehungen ein Markenkern, die AfD fühlt sich sehr viel stärker zu Putins Russland hingezogen. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Nichts von dem, für das die AfD steht, war oder ist Markenkern der CDU. Weder in der inhaltlichen Substanz noch im Stil der politischen Auseinandersetzung.

Dann sprichst Du über das Konservative. Für mich ist Konservativsein zunächst eine Haltung: Sie beinhaltet die Beachtung von Maß und Mitte, den Vorrang der Erfahrung über die Ideologie. Sie ist für mich aber auch mit der Betonung bestimmter Tugenden verbunden, die einmal leichtfertig als „Sekundärtugenden“ disqualifiziert worden sind. Dazu gehören Loyalität, aber auch Stil und Anstand.

(…)

Jetzt, gewissermaßen nach dem Ladenschluss Deiner politischen Karriere, jene Partei unter Absingen schmutziger Lieder zu verlassen, der Du diese ganze Karriere verdankst; der Kanzlerin Rechtsbruch zu unterstellen, die Dich sehr häufig in Deiner Arbeit als Präsidentin des Bundes der Vertriebenen und auch in der Fraktion unterstützt hat und ohne deren Hilfe auch das Zentrum gegen Vertreibungen nicht zu einem solch guten Ende gekommen wäre – all das kann ich persönlich nur schlecht mit meinen Vorstellungen von Loyalität, Stil und Anstand, auch nicht mit meinem Bild des Konservativen in Einklang bringen. Dankbarkeit, ich weiß es, ist keine politische Kategorie. Aber musstest Du uns das so deutlich vor Augen führen?

Nein, mit meinem positiv besetzten Bild eines Konservativen haben weder Deine Positionen noch Dein Verhalten etwas gemeinsam. Es bleibt doch ein ziemliches Geschmäckle, das auf Dein politisches Wirken rückwirkend einen dunklen Schatten wirft. Ich hoffe, dass Du mit Deinen neuen politischen Freunden der AfD, die Deinen Austritt aus der CDU hymnisch feiern, jene kongenialen politischen Partner findest, die Du bei der Union so schmerzlich vermisst hast. Nur eines will ich Dir auf die Reise mitgeben: Manchmal gibt es aus Syrakus keine Rückfahrkarte.
Mit freundlichem Gruß

Matthias Zimmer

 

Steinbach

Im September Zweitausendundzehn haben wir hier aus dem Blog von Michael Spreng zitiert, aus dem Sprengsatz. Schon vor mehr als sechs Jahren also hat man aus der Feder eines konservativen Publizisten lesen können, daß Erika Steinbach nicht konservativ ist, sondern reaktionär. Weiter schrieb Spreng seinerzeit: “Sie lässt all die Tugenden vermissen, die einen wirklich Konservativen ausmachen: Haltung, Wahrhaftigkeit, Anstand, Stil, gutes Benehmen. (…) Konservativ hat etwas mit Haltung zu tun, mit Prinzipienfestigkeit, mit Mut. Konservativ ist man nicht, indem man es behauptet, sondern indem man es im besten Sinne vorlebt. Dazu gehören die klassischen Sekundärtugenden: Standfestigkeit, Treue, Berechenbarkeit, Verlässlichkeit.” Und nun ist Erika Steinbach aus der CDU ausgetreten. Mit Getöse. Daß diese Frau, auch noch Menschenrechtssprecherin der CDU-Bundestagsfraktion, die CDU aus eigenen Stücken verlässt und nicht schon vor Jahren von ihr ausgeschlossen wurde, sagt mehr über die Partei aus als über Frau Steinbach.

Tag des deutschen Apfels

Eva hatte einen, seinerzeit, im Paradies. Ob es allerdings ein deutscher Apfel war, der da vom Baum der Erkenntnis gepflückt worden war, das läßt sich heute nicht mehr mit Bestimmtheit sagen. Jedenfalls wird heute der deutsche Apfel gefeiert. Also, nicht irgendein Apfel, nicht mal Apple, der deutsche Apfel wird gepriesen. Heute. Erst seit Zweitausendzehn zelebriert man das deutsche Vorzeigeobst. Ins Leben gerufen von der Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse e.V.. Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen. Was es nicht alles gibt. Im Fokus des heutigen Feiertages stehen der Sortenreichtum und die Qualität einheimischer Äpfel. So einfach wie zu Evas Zeiten ist das heute nicht mehr mit dem Apfel. Nicht pflücken, essen, vertrieben werden. Man muß wägen, wählen, beraten, vergleichen, zur Not muß man lesen, sich fortbilden, schlau machen. Tag des deutschen Apfels. Evas simple Tat, pflücken, essen und maulen, hat den Apfel geadelt, als Frucht schlechthin. Heute symbolisieren Apfel und Apfelbaum die Themenbereiche Sexualität, Fruchtbarkeit und Leben, Erkenntnis und Entscheidung sowie Reichtum. Na toll. Laßt uns feiern. Den deutschen Apfel.

Vom Tweedsakko, dem doppelten Lottchen und der Taubernuß

“Er redet teilweise wie Herr Gauland von der AfD. Der einzige Unterschied besteht darin, dass er statt eines abgewetzten Tweed-Sakkos einen überteuerten Maßanzug trägt.” Er, damit war in der Polemik des CDU-Generalsekretärs, Peter Tauber, in der Bild am Sonntag, Christian Lindner gemeint, der Vorsitzende, Chefdenker, Alleinunterhalter und Lautsprecher der FDP. FDP? Ja. Freie Demokratische Partei. Einst eine liberale Partei, seit den fünfziger Jahren an fast jeder Bundesregierung mit wechselnden großen Partnern beteiligt, dann aber, bei der letzten Bundestagswahl, von den Wählern abgewählt, aus dem Bundestag abberufen worden. “Der Grund, warum die FDP damals aus dem Bundestag geflogen ist,” so General Tauber weiter, “war nicht die CDU, sondern sie (die FDP, W.H.) selbst. Und mit seinem selbstherrlichen Auftreten tut Herr Lindner gerade alles dafür, dass sie es wieder nicht schafft. Dann wäre die FDP erledigt.” So das ganze Zitat des Sekretärs. Und wenn man mal von dem eher unmodischen Bekleidungsvergleich absieht, scheint mir der Generalsekretär nicht so ganz falsch zu liegen. Christian Lindner ist gewiß nicht phrasenfrei. Und Populismus kann er auch. Für seine Bewertung bekommt Tauber nun Haue von allen Seiten. Aus der FDP wird ihm “Taubernuß” nachgerufen und einzelne CDU-Größen distanzieren sich vorsichtig von ihrem Generalsekretär. Der zweite AfD-Vergleich, mit dem Peter Tauber im gleichen Zusammenhang aufwartete, der wird indes keineswegs in Frage gestellt oder kritisiert. Sarah Wagenknecht, die Spitzenfrau der Partei Die Linke und AfD-Chefin Frauke Petry seien “das doppelte Lottchen des Populismus in Deutschland”, die Linkspartei generell “eine rote AfD”. Kein Aufschrei, keine Kritik, kein öffentliches Wort, kein Wutschnauben bei jenen, die im Falle der FDP noch kaum zu bändigen waren. Wie gehabt in unserem Land: doppelte politische Moral. Im Westen nichts Neues.

Politische Verantwortung

Neunzehnhundertdreiundneunzig, nach einem mißratenen Versuch der Strafverfolgungsbehörden, RAF-Terroristen in Bad Kleinen festzunehmen, übernahm der seinerzeitige Innenminister, Rudolf Seiters (CDU), die politische Verantwortung und trat zurück. Für das gemeinsame Terrorabwehrzentrum in Berlin mit Vertretern unter anderem der Generalbundesanwaltschaft, des Bundeskriminalamtes sowie des Bundesamtes für Verfassungsschutz ist der Bundesinnenminister verantwortlich. Dieses Zentrum hatte den späteren Attentäter von Berlin, Anis Amri, samt seiner vierzehn verschiedenen Identitäten über lange Zeit beobachtet, hatte den Sozialbetrug Amris auf dem Schirm, den Versuch, sich Waffen zu verschaffen, und die IS-Kontakte des Tunesiers. Wer ist nun politisch dafür verantwortlich, daß man keine Haftgründe finden konnte, um den Mann erst einmal festzusetzen? Wer übernimmt für dieses Staatsversagen die politische Verantwortung?

Hut auf Maurerkelle

Wohin hängt die Fachfrau, die Hutmacherin, die ihren Beruf in der Hut- und Modemetropole Paris gelernt und ausgeübt hat, ihre Hüte? Na, klar: auf die Maurerkelle, natürlich. Zu besichtigen bei der Modistenmeisterin Susanne Bollmann in der Hindenburgstraße sechsundzwanzig in Remscheid. Der Handgriff der Kelle steht im perfekten Winkel ab vom Kellenblech, wie gemacht für Hüte. Pfiffig, oder? Darauf muß man erst einmal kommen.
Mein neuer Hut hatte dort gehangen, auf der jetzt leeren Kelle. Und seither ziert er mich. Ich brauche dringend noch eine Maurerkelle. Nachtrag: Meine Freundin Martina, Rheinländerin durch und durch, belehrt mich, das Werkzeug nenne man “en Truffel”, jedenfalls op Kölsch. Stimmt. Und der gebogene S-Hals sei perfekt für den Schal. Isch broch noch en Truffel.

 

 

»Das Christentum ist nicht postfaktisch«

Bischof Felix Genn wird für seine Predigt an Silvester in Münsters Sankt-Lamberti-Kirche und der in der Predigt enthaltenen Äußerungen zum Islam und zur Islamisierung im Internet massiv beschimpft. Vor allem auf rechtspopulistischen Portalen hagelt es Beleidigungen und Herabwürdigungen. Eine wirkliche Auseinandersetzung, so der Bischof in seiner Predigt, begnüge sich nicht damit, die andere Seite immer zu diskreditieren, zu verteufeln, als unfähig darzustellen. Abschottung führe nicht weiter. Wir veröffentlichen hier die Predigt von Bischof Felix Genn zum Jahresschluss Zweitausendsechzehn im Wortlaut:

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,

alle Jahre hören wir in der Weihnachtszeit diesen wunderbaren Text aus dem Anfang des Johannes-Evangeliums. Auch heute, am Ende des bürgerlichen Jahres, werden wir auf den Anfang verwiesen, den Anfang von allem, was ist, was geschaffen worden ist, auch an den Anfang unseres Lebens und unseres Christ-seins. Aus diesem Anfang, den Gott gesetzt hat, und der in der Menschwerdung Seines Wortes, Seines Sohnes Jesus Christus, eine neue Dimension bekommen hat, leben wir.
Wir Christen glauben und bekennen, dass Er die Mitte des Ganzen ist, die Mitte von allem, dass in Ihm nicht nur alles erschaffen wurde, sondern dass in Ihm das Böse besiegt ist, wir also aus der Kraft Seines Anfangs in die Lage versetzt worden sind, nicht dem Raum zu geben, was zum Tode führt, sondern uns den Lebenskräften auszusetzen, die aus Seinem Erbarmen und aus Seiner Liebe kommen.
»Ein Jahr voller Wirrungen und Irrungen«

Liebe Schwestern und Brüder, das alles gilt auch für das Ende des Jahres 2016 und den Beginn des neuen Jahres 2017. Welch ein Jahr geht zu Ende, ein Jahr voller Wirrungen und Irrungen, so hat mir jemand in seinem Weihnachtsbrief geschrieben, und andere betonten, dass wir in einer Zeit leben, in der unsere Welt zunehmend aus den Fugen zu geraten scheint. Auch hier erinnere ich an die Gräueltat von Berlin. Vielleicht können Sie weitere Zeugnisse dieser Art dem hinzufügen. Ja, welch ein Jahr geht zu Ende!
Das Wort des Psalmisten, das uns helfen könnte, im Rückblick auf die letzten Monate zu sagen: »Du krönst das Jahr mit deiner Güte, deinen Spuren folgt Überfluss« (Ps 65, 12) kommt uns wohl schwer über die Lippen, selbst, wenn wir im Blick auf unser eigenes Leben für vieles zu danken haben.
Wo war Gott in all dem Elend?

Können wir angesichts des unsäglichen Elends, das wir in unserer Welt erleben, davon sprechen, dass Gott mit Seiner Güte und mit Seinem Überfluss an Gnade und Erbarmen präsent war? Rücken nicht die Bilder zerstörter Städte, der Schlacht um Aleppo, die verhärteten Gesichter von Präsidenten in Russland und Syrien, die zur Machtsicherung auch die Zivilbevölkerung nicht schonen, Bilder von Terror und Gewalt und vieles mehr, stärker in den Vordergrund als das Bild von der Krönung eines Jahres mit Güte?
Und: Die Angst geht doch um, nicht so sehr die Angst, dass auch der Krieg bei uns ausbricht, wohl aber die Angst vor Terror und Gewalt in unserem Land und in unseren Straßen. Die Angst treibt Menschen in Misstrauen gegenüber Fremden, die in unser Land gekommen sind, eine Angst, gepaart mit Sorge, dass das von uns mühsam Angesparte und Erworbene zerstört werden könnte, dass viel zu viel Rücksicht genommen wird auf solche, die zunächst einmal zum Bruttosozialprodukt nichts beigetragen haben, aber davon zehren dürfen.
Gegen eine Politik mit der Angst

Mit dieser Sorge kann man Politik treiben, liebe Schwestern und Brüder, und sie wird das Wahljahr 2017 bestimmen. Trotz des großen Engagements unzähliger Frauen und Männer, die in unseren Gemeinden als Ehrenamtliche sich auf vielfältige Weise um die Integration von Flüchtlingen und Asylsuchenden kümmern, gibt es ebenso starke Tendenzen – auch in unseren Gemeinden –, geprägt von der Angst vor Überfremdung, vor allem durch den Islam. Manche sehen schon in der Stadt Münster eine Zukunft, in der die Lamberti-Kirche zur Moschee umgewandelt ist.
Der Wahlkampf in Amerika hat uns exemplarisch gezeigt, wie in einer komplexen Welt einfache Parolen mehr Gewinn einstreichen als die notwendige geistige Auseinandersetzung. Eine wirkliche Auseinandersetzung begnügt sich nicht damit, die andere Seite immer zu diskreditieren, zu verteufeln, als unfähig darzustellen. Ohne die Mühe der Differenzierung und ohne die Anstrengung des Begriffs können, liebe Schwestern und Brüder, die massiven Probleme unserer Welt nicht gelöst werden. Bloße Gefühle reichen nicht aus. Der Ruf allein nach Werten, zu denen die Kirche auch ein Wort zu sagen hat, greift meines Erachtens zu kurz, wenn sie nicht mit Verstand und Herz begründet werden können.
Abschottung führt nicht weiter

Denn nur das ist menschenwürdig, was zugleich vernünftig und vom Herzen her anzunehmen ist. Und nur so gelingt uns die Auseinandersetzung mit allen fremden Kulturen, mit anderen Religionen und geistigen Strömungen. Sich dagegen abzuschotten, führt nicht weiter, weil in einer offenen Gesellschaft, in der die Freiheit für jeden Einzelnen als hohes Gut zu leben ist, und in einer globalisierten Welt die Vermischung von Kulturen und Religionen nicht aufzuhalten ist.
Ich möchte dazu ein Beispiel nennen. Oft werden die Begriffe Asyl, Einwanderung und subsidiärer Schutz als Äquivalent benutzt. Wie wichtig wäre jedoch eine Unterscheidung! So werden viele Menschen, die vor Mord und Totschlag flüchten, leicht diffamiert nach all dem, was sie schon erlebt haben.
Vernunft statt Gefühlsduselei

Liebe Schwestern und Brüder, in diese Situation stellt sich das Wort vom Anfang, das uns heute im Evangelium begegnet, als die beste Lösung dar, weil dieser Anfang im Wort gesehen wird, und das bedeutet in einer vernünftigen Gestalt, dem Geist gemäßen Struktur. Das Christentum hat sich von Anfang an als Religion des Logos, des Wortes, der Vernunft verstanden.
Am Anfang war nicht das Chaos, keine Gefühlsduselei, kein Gemisch von Phantasie, willkürlichen Affekten, sondern das Wort, freilich ein Wort, das aus Gnade und Wahrheit besteht, ein Wort, das der Tiefe der Liebe Gottes entstammt. Und nur hier finden wir den Grund für Werte, für die geistigen Zusammenhänge, die dem Leben dienen und es nicht zerstören.
»Christen waren immer Friedensstifter«

Dieses Wort hat sich als so mächtig erwiesen, dass es in seiner Liebe fähig war, sich uns zuzugesellen, nicht nur indem es sich für die Ohren vernehmbar machte, sondern ansichtig wurde, eben Fleisch, wie der Johannes-Prolog ausdrücklich sagt. Im Angesicht Jesu wird dieses Wort vom Anfang ansichtig, zeigt sich, dass Gott allem, was Er geschaffen hat, die Krone Seiner Güte aufsetzt, dass der, der Seinen Spuren folgt, erfahren darf, welch Überfluss von Erbarmen ihm zufließt.
Das haben Christinnen und Christen durch die Jahrhunderte gespürt und gemerkt, von daher ihre Zeit gestaltet, ihr Leben geprägt. Deshalb konnten sie in der Gesellschaft, in der sie lebten, die Auseinandersetzung mit anderen Denkströmungen ebenso wagen wie das Engagement für Frieden und Gerechtigkeit, die Sorge um die Armen und Hilfslosen, die Schwachen und Kranken. Deshalb waren Christen immer Friedensstifter.
Dies lässt sich in Kürze zusammenfassend so formulieren: Das Christentum, die Liebe und die Welt sind nicht postfaktisch. Wir leben aus Taten der Liebe, aus Hingabe, aus dem Faktum, dass Gott uns und die Welt gewollt hat, ja, noch immer will. Postfaktisch ist das Chaos und die Willkür, die Liebe ist Tat, sie ist das Faktum überhaupt.
Friedenstreffen 2017 in Münster und Osnabrück

Liebe Schwestern und Brüder, wir leben hier in der Stadt des Westfälischen Friedens. Hier und in Osnabrück wurde nach einem unsäglichen Krieg von 30 Jahren und mühseligen Verhandlungen Friede geschlossen. Das Ereignis der Reformation, das unsere evangelischen Schwestern und Brüder im nächsten Jahr in besonderer Weise bedenken, hat nicht nur das Bemühen um eine innere Erneuerung aus dem Geist des Evangeliums geprägt, sondern auch zu einer tiefen Spaltung und Zerrissenheit der Christenheit beigetragen.
Deshalb gehört zu diesem Reformationsgedenken auch die Erinnerung an diese dunklen Seiten ebenso wie an das, was sich im Westfälischen Frieden ereignet hat. Ich bin deshalb sehr dankbar, dass im neuen Jahr 2017 vom 10. bis 12. September das Internationale Friedenstreffen in Münster und in Osnabrück stattfinden wird.
Die Initiative von Sant’ Egidio

Eine italienische Laienbewegung, die sich nach ihrem Ursprungsort, der Kirche des heiligen Ägidius, Sant’Egidio nennt, hat die Initiative des heiligen Papstes Johannes Pauls II. aus dem Jahr 1986 aufgegriffen, mit der er eine Reihe von interreligiösen Friedenstreffen begonnen hatte. Jahr für Jahr lädt diese Gemeinschaft, zusammen mit den jeweiligen Ortsbischöfen, zu einer solchen interreligiösen Friedensbegegnung ein. Dieses Mal wird es bei uns sein.
Ich wünsche mir sehr, dass in einer Zeit von Irrungen, Kriegen und Terror, von Angst, die Gewalt hervorbringt, aus dieser Begegnung mit Menschen aller Religionen und Konfessionen ein starkes Zeichen des Friedens ausgeht, das dann auch weitergehen wird in die Feier des Katholikentages 2018 hier in unserer Stadt.
Jesus als das stärkste Argument

Ja, liebe Schwestern und Brüder, wir Christinnen und Christen haben eine Kraft, die aus dem Wort, das in Jesus Fleisch geworden ist, tragfähige Fundamente für ein friedliches Zusammenleben in einer Gesellschaft bietet. Deshalb brauchen wir gar keine Angst vor einer Islamisierung zu haben – weshalb? Wir glauben an das Wort Gottes, das in Jesus sogar in die Macht des Todes hineingegangen ist, sie überwunden und ewiges Leben ermöglicht hat. Vor wem sollten wir eigentlich Angst haben? Haben wir in diesem Jesus nicht das stärkste Argument in der Hand? Liegen nicht in Ihm »alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis verborgen« (vgl. Kol 1, 3)?
»Heiligung des Sonntags«

Und hier, liebe Schwestern und Brüder, bringe ich bewusst die Bedeutung des Sonntags ins Spiel, um die in unserer Stadt in diesem Jahr gestritten wurde. Er ist nämlich der Tag, der, wie Papst Johannes Paul II. einmal gesagt hat, »eine Zusammenfassung des christlichen Lebens und die Voraussetzung, es richtig zu leben ist«. Dabei geht es mehr als um die Frage, wie die Arbeit an diesem Tag einzuordnen ist, oder ob Läden offen oder geschlossen bleiben, es geht vielmehr darum, dass uns Christen an diesem Tag durch Ruhe und Unterbrechung der Hektik des Alltags die Möglichkeit gegeben ist, uns zu nähren durch die Teilnahme an der Eucharistie, indem wir das Wort Gottes und das eucharistische Brot empfangen.
So wird der Sonntag nicht nur frei, sondern geheiligt – ja, ich möchte dieses Wort »Heiligung des Sonntags« bewusst verwenden, weil es mehr ausdrückt als alle notwendigen, auch mit dem Sonntag verbundenen sozialen Zwecke. Nur so kann der Sonntag, um es mit Johannes Paul zu sagen, »zur Seele der anderen Tage werden«.
»Wir haben mehr zu bieten«

Hier empfangen wir die Kraft, nicht nur formal von Werten zu sprechen, sondern sie inhaltlich zu füllen, weil wir den Auferstandenen feiern, den, der von Anfang an war und uns von Gott Kunde gebracht hat, die Kunde nämlich, dass unser Leben wesentlich Geschenk ist, dass – und hier zitiere ich noch einmal Johannes Paul – »die Zeit, die vom Auferstandenen und vom Herrn der Geschichte bewohnt wird, nicht der Sarg unserer Illusionen, sondern die Wege einer stets neuen Zukunft ist, die Gelegenheit, die uns gegeben wird, um die flüchtigen Augenblicke dieses Lebens in Samen der Ewigkeit umzuwandeln«.
Mit Aufmerksamkeit habe ich eine kritische Stellungnahme in einer deutschen Tageszeitung gelesen, in der es um die so genannten »stillen Feiertage« ging. Diese Worte haben mich aufmerken lassen: »Wenn die Christenheit sich schon den einfachen Sonntag nur noch verkaufsoffen denken kann, sollte sie von »stillen Feiertagen« schweigen«. Nein, liebe Schwestern und Brüder, da haben wir mehr zu bieten.
Sehnsucht nach einem Wort

Wir brauchen nicht in Sorge in das neue Jahr zu schauen, weil wir uns auf diesem Fundament befinden. Es ist das Fundament, dass aller menschlicher Anfang eingegründet ist in den Anfang, mit dem uns Gott schon immer voraus ist. Es ist ein Anfang, der nicht einmal von der Erbärmlichkeit alles Bösen verdunkelt werden kann, weil das Erbarmen der Liebe Gottes stärker ist.
Wie tief die Sehnsucht nach einem Wort ist, das nährt und heilt, hat der Priesterdichter Andreas Knapp in kurzen Worten ausgedrückt A. Knapp, Höher als der Himmel – Göttliche Gedichte, Würzburg 3. Auflage 2015, 28):
»im gedroschenen stroh
des leeren geredes
kein körnchen wahrheit mehr
täglich wächst der hunger
dass ein wort geboren werde
nahrhaft wie ein weizenkorn«
Und dann hören wir: »Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt, und wir haben seine Herrlichkeit gesehen, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit« (Joh 1, 14a). Ja: Das Wort ist geboren, nahrhaft wie ein Weizenkorn, voll Gnade und Wahrheit; denn das ist die Wahrheit, dass Gott uns mit Seiner Gnade nicht verlässt, sondern in ihr alles bereithält, was uns von innen her stark macht, alle irrationalen Ängste zu überwinden und ihnen mit der Kraft Seines Geistes zu widerstehen.
Auseinandersetzung und Umkehr

Ich möchte Sie einladen, sich vor dieser Auseinandersetzung nicht zu scheuen, sich freilich allerdings auch der eigenen Umkehr auszusetzen, die die Begegnung mit diesem Wort immer wieder mit sich bringt.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, auch im Namen meiner Mitbrüder im bischöflichen Dienst und im Domkapitel, ein gutes, auch für Sie persönlich ein gesundes und glückseliges Jahr, ein Jahr aber vor allem voll Hoffnung und Vertrauen, ein Jahr, in dem das innere Licht stärker ist als alles äußere Dunkel. Amen.
Bischof Felix Genn

Von Bambis, Knöllchen und Terroristen …

Woran kann man erkennen, daß das Jahr Zweitausendundsiebzehn ein Wahljahr mit Landtags- und Bundestagswahl ist? An Christian Lindner. Christian Lindner? Ja, Christian Lindner. Er ist die FDP, ihr Vorsitzender, ihr Sprachrohr, ihr Vordenker, ihr Parteiphilosoph, ihr Thinktank, ihr Hauptredner, ihr Plakatmotiv, ihr Sprüchelieferant, ihr Publizist, ihr Model und nunmehr gar ihr Rundumpopulist. In der Bildzeitung läßt er dummen Populistensprech mit seinem Konterfei schmücken: “Wer mal einen Kilometer zu schnell Auto fährt, bekommt sofort sein Knöllchen zugestellt. Auf der anderen Seite kann ein Terrorist im Visier der Sicherheitsbehörden mit gefälschter Identität Sozialleistungen ergaunern, sich bewaffnen und Menschen umbringen.” Der bekennende Porschefan hat sich verfahren, nein: verflogen, mal wieder. Nein, in unserem Land bekommt man kein Knöllchen, wenn man mal einen Kilometer zu schnell fährt. Ja, man sollte eins erhalten, wenn man als Spitzenpolitiker bei populistischer Verdummung erwischt wird.