Neunzehnhundertsiebenundsechzig

Ich selber hätte nicht daran gedacht. Wie auch? Nach fünfzig Jahren. Ich war ja erst sechzehn. Neunzehnhundertsiebenundsechzig. Und Schüler. Mitglied der “Aktion kritischer Schüler”. Am Stadtgymnasium in Porz, heute eingemeindet nach Köln. “Iskra” hieß die Schülerzeitung. Der Funke. Wie die revolutionäre Zeitung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei Russlands, die Anfang des letzten Jahrhunderts drei Jahre lang unter Federführung Lenins erschien. Kein Wunder also, daß ich mich in dieser Zeit entschied, Mitglied in der Gewerkschaft zu werden. Wenn die Schülerzeitung schon einen derartigen Namen bekommt. Das war ja mehr Programm als nur Name. Gewerkschaftsmitglied. Auch als Schüler. Und so traf es dann die IG Chemie. Warum auch immer. Jedenfalls bin ich seither Mitglied der deutschen Gewerkschaftsbewegung. Nach der Schule bei der Gewerkschaft der Eisenbahner Deutschlands, als Student und Medienwissenschaftler bei der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, hernach, als Journalist und Produzent, als Mitglied der Industriegewerkschaft Medien – Druck und Papier, Publizistik und Kunst (IG Medien). Heute ist das Ver.di. Die vereinte Dienstleistungsgewerkschaft. Der öffentliche Dienst, die Journalisten und Publizisten, die Lehrer, kommunale Angestellte und Beamte, der Handel, Verkehr, Informationstechnologie oder Telekommunikation. Alles und noch mehr: Ver.di. Und Ver.di hat auch an das Jahr Neunzehnhundertsiebenundsechzig gedacht und meinen seinerzeitigen Eintritt in die Gewerkschaft. Vor ein paar Tagen ging mir eine Urkunde zu und eine Ehrennadel für die fünfzigjährige Mitgliedschaft in der Gewerkschaft. Gestern dann fand die Jubilarenehrung in der Wuppertaler VillaMedia statt. Ein würdevoller Rahmen. Für die Gewerkschaftsmitgliedschaft zwischen fünfundzwanzig und 70 Jahren. Ja, siebzig und fünfundsechzig Jahre. Eingetreten Neunzehnhundersiebenundvierzig oder Neunzehnhundertzweiundfünfzig. Das gibt es. Und das wird zu Recht gefeiert. Ich persönlich habe allen Grund, der Gewerkschaftsbewegung dankbar zu sein. Denn schließlich hat mich die Stiftung Mitbestimmung während meines Studiums gefördert. Ohne diese Förderung wäre seinerzeit ein Studium des Arbeiterkindes Wolfgang Horn kaum denkbar gewesen.

Neuntausend

So, die Neuntausend sind Geschichte. Seit heute Mittag in Burscheid. Ab sofort arbeite ich am zehntausendsten Kilometer auf dem Rad. Immerhin. Seit Juli Zweitausendundfünfzehn. Immer wieder, immer weiter, wie der große Sportphilosoph Oliver Kahn einst meinte.

Erdbeermund

Literarische Inschrift an einer Häuserwand in Kornelimünster, gefunden bei einem Fahrradausflug mit meinem Freund Lothar. Na klar, Villon, François Villon. Denkste. Paul Zech war es, der die Liebesballade für Yssabeau schrieb, das Mädchen mit dem Erdbeermund. Erschienen ist das Werk in Zechs Büchlein Die lasterhaften Lieder und Balladen des François Villon (Weimar 1931 bzw. München: dtv, 1962 und öfter). Keine Villon-Übertragung. Frei nachgedichtet. Im Stile Villons. Und so gut wie der.

Du… Du… ich bin so wild nach deinem Erdbeermund, ich schrie mir schon die Lungen wund nach deinem weißen Leib, du Weib.
Im Klee, da hat der Mai ein Bett gemacht, da blüht ein süßer Zeitvertreib mit deinem Leib die lange Nacht.
Da will ich sein im tiefen Tal.
Dein Nachtgebet und auch dein Sterngemahl.

Im tiefen Erdbeertal, im schwarzen Haar, da schlief ich manchen Sommer lang bei dir und schlief doch nie zu viel.
Komm… Komm… komm her… ich weiß ein schönes Spiel im dunklen Tal, im Muschelgrund…
Ah… ah… ah du… ah du… du ach, ich bin so wild nach deinem Erdbeermund!
Ah… ah… ah… ah… ah… ah… aah…

Die graue Welt macht keine Freude mehr, ich gab den schönsten Sommer her, und dir hat’s auch kein Glück gebracht;
nicht wahr, hast nur den roten Mund noch aufgespart, für mich, für mich, für mich, so tief im Haar verwahrt…
Ich such ihn schon die lange Nacht im Wintertal, im Aschengrund…
Ich bin so wild nach deinem Erdbeeermund.

Im Wintertal, im schwarzen Erdbeerkraut, da hat der Schnee ein Nest gebaut und fragt nicht, wo die Liebe sei.
Ich hab doch das rote Tier so tief erfahren, als ich bei dir schlief.
Ach, oh wär nur der Winter erst vorebi und wieder grün der Wiesengrund!
Oh du… du oh… du, ich bin so wild nach deinem Erdbeermund! Oh…

Demokratie ohne überzeugte Demokraten

Die Schreckgespenster Schönhuber und Schill sind an uns vorbeigeflogen, ohne dass die etablierte Politik auch nur irgendeine Lehre daraus gezogen hätte. Populisten wählen einfache Wahrheiten, einfache Sätze und – ganz wichtig – es gibt immer einen Schuldigen. Das sind erst die Ausländer. Und wenn die alle weg sind, sind es die Andersgläubigen. Und wenn die weg sind, sind es die Christen. Und wenn die weg sind… Populismus kann nur in einem „wir hier – die dort“ funktionieren, über ab- und ausgrenzen. Auch die CSU funktioniert in einer Art demokratie-affinen Variante so und spielt mit dem „wir hier in Bayern“ häufig hart am Wind. (Man wird doch noch mal „Neger“ sagen dürfen.)

Ansgar Mayer, Demokratie ohne überzeugte Demokraten.„Bonn ist nicht Weimar“. Und Berlin nicht Bonn, in: Carta vom zweiundzwanzigsten September Zweitausenundsiebzehn