Tollhaus

Die „Baracke“, so der nichts beschönigende Name für das SPD-Hauptquartier zu Bonner Zeiten, mutiert derzeit zum Tollhaus. Tollhaus. Bei Wikipedia erfährt man, daß Tollhaus ein spezialisiertes Krankenhaus zur Behandlung psychischer Störungen sei. Von Persönlichkeitsstörungen, Psychosen oder Störungen des Sozialverhaltens. All dies und mehr könne in einem Tollhaus behandelt werden. Der Volksmund verwendet meist das Nomen „Irrenhaus“. Ein Haus, in dem es drunter und drüber geht, in dem der eine nicht weiß, was der andere macht, denkt, beabsichtigt oder mag, ein Haus, in dem jeder jederzeit alles sagen kann und sei es auch das Gegenteil vom dem, was eben noch galt, ein Haus, dessen Insassen mit denen außerhalb des Hauses kaum mehr eine gemeinsame Erfahrung teilen und schon gar keine gemeinsame Sprache pflegen. Ein Tollhaus eben. Martin will Minister werden, obwohl er das zunächst kategorisch ausschloß. Sigmar will Minister bleiben, obwohl er öffentlich immer wieder die Floskel bemüht hat, in der Demokratie würden Ämter nur auf Zeit vergeben. Die Seeheimer zerren an allen Strippen, die man nur greifen kann. Ein Tollhaus. In einer Partei versammeln sich Menschen, um gemeinsame oder gleichgerichtete Interessen durchzusetzen, um das Land, das Gemeinwesen zu gestalten. Und die Verantwortlichen kommunizieren dies öffentlich auf eine Weise, daß möglichst viele Menschen diese Ideen teilen und politisch aktiv werden. Politik ist, so gesehen, Kommunikationskompetenz. Und diese Fähigkeit ist der gegenwärtigen Führung der SPD, quer durch alle Lager und Gruppen, offenbar vollständig und seit längerem schon abhanden gekommen. Ein Desaster. Im Tollhaus.

“Wurschtel”

Da wird mir ganz übel. Den Kurz kann ich wirklich nur bedauern, dass er sich mit dem Strache und seiner ganzen Gesellschaft ins Bett legen musste. Das ist ein schlimmes Malheur. Seid bitte froh, dass ihr die Merkel habt. Die Alternative ist schrecklich.

Lotte Tobisch im Interview mit Martin Zips, Wiener Opernball. “Der Lugner is’ a Wurschtel”, in: Süddeutsche Zeitung vom sechsten Februar Neunzehnhundertachtzehn

 

Nutellatag

Ein Tag, den die Welt nicht braucht. Nein, nicht der fünfte Februar. Den braucht die ganze Welt. Und ohne diesen Fünften wäre der Februar ja noch kürzer. Nein, was die Welt nicht braucht, außer vielleicht dem Ferrero-Konzern, ist der heutige „Welt-Nutella-Tag“. Vor elf Jahren, Zweitausendundsieben, wurde der Welttag von Sara Rosso, einem echten Nutella-Fan, ausgerufen. Die Amerikanerin aß in Italien erstmalig die dunkle und festbreiige Schokoladen-Nougat-Industriezutaten-Masse und kam hernach von dem süß-mächtigen Brotaufstrich nicht mehr los. Sie sammelte in der Folge über siebenhundert Rezepte, die alle Nutella als Zutat aufweisen. Nach anfänglichen Irritationen unterstützt mittlerweile auch der Nutellakonzern Ferrero diesen Tag. Ach ja: In Frankreich hat ein Gericht Eltern verboten, ihr Kind Nutella zu nennen. Gottlob.

Inbrunst

Gestern Abend. Der fünfundsechzigste Geburtstag eines ganz alten Freundes. Eine Geschlossene Gesellschaft in Ehren Ergrauter in einer Kölschen Eckkneipe mit Geschichte. Aber auch ein Fest wie damals, als wir noch mit blonden, brünetten oder schwarzen, jedenfalls langen Haaren unterwegs waren. Ein schönes Fest. Zu vorgerückter Stunde wurde gesungen. Lauthals. Wie damals. Wie oft bei solchen Gelegenheiten. Viele der Gäste hatten immerhin gemeinsam oder zur gleichen Zeit studiert und viele verbindet langjährige politische Arbeit. Das Liedgut? Schlager, Kölsch und Revolutionsromantik. Griechischer Wein gleichwertig neben der Partisanenhymne Bella Ciao, Yesterday neben Arsch huh – Zäng ussenander. Dazu noch Bläck Fööss-Evergreens, Katrin oder In unserem Veedel. Gesungen? Geschmettert. Mit Inbrunst. Es sollte vielleicht mehr solcher Feste geben.

Hinterwäldler

Migration ist ja nun mal ein Thema, bleibt ein Thema und wird es wohl auch immer sein. Und eine pointierte Reflexion zu diesem Thema tut gerade in den jetzigen Zeiten Not. So lange von rechter Seite die multikulturelle Gesellschaft als Ursache aller Probleme dargestellt wird, was faktisch ja einfach falsch ist. Aber diejenigen, die sich davon bedroht fühlen, eine Minderheit, werden jetzt noch mal laut. Das ist quasi das letzte Aufbäumen der Hinterwäldler. (…) Ich glaube vielmehr, dass die die Vorboten einer guten Zeit sind. Wir erleben zwar Rechte auf dem Vormarsch, aber das ist für mich nur das letzte Aufbäumen. Der letzte Kampf um die letzten Privilegien. Denn die Tage der Alleinherrschaft des mittelalten weißen Mannes sind gezählt. Es sitzen deutlich mehr am Tisch. Und die wollen auch das Menü mitbestimmen.

Fatih Çevikkollu, Gags gegen den Schrecken, Interview mit Sven Schlickowey, Bergischer Bote

(Beitragsfoto Fatih Çevikkollu: © Raimond Spekking / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons))

Mutationen

Arthur Wagner ist mutiert. Vom Rußlanddeutschen zum Deutschen. So berichtet Spiegel Online. Mehr noch: Einst CDU-Mitglied mutierte er hernach zur AfD, zum Mitglied im Landesvorstand Brandenburg, zum stellvertretenden Vorsitzenden des Kreisverbandes Havelland. Mehr noch: Arthur Wagner war bei den “Christen in der AfD” und kritisierte in einem Video im Sommer Zweitausendsiebzehn die “Öffnung” der Grenzen während der Flüchtlingskrise: Deutschland „mutiere” in ein anderes Land. Doch der Mutationen kein Ende: Jetzt ist Arthur Wagner zum Islam konvertiert. Und nun? “Religion ist Privatsache. Wir stehen zur Religionsfreiheit des Grundgesetzes“. So der Parteisprecher der AfD, die den schärfsten Anti-Islam-Kurs fährt: “Der Islam gehört nicht zu Deutschland.“ So die Mutationspartei unablässig. Grotesk.

“Ein Idiot umgeben von Clowns”

Das einprägsamste Bild stammt aus einem Bericht der “New York Times” (…). Da wurde Trump schon in den ersten Wochen seiner Präsidentschaft als alter Mann im Bademantel beschrieben, der nachts orientierungslos durchs Weiße Haus streift. Wolff zitiert die Mail eines Regierungsmitglieds, in der Trump und seine Entourage so beschrieben werden: “Ein Idiot umgeben von Clowns.”

Jakob Augstein, Skandalbuch “Fire and Fury”. Das Weiße Irrenhaus, in: Spiegel Online